Faktencheck #86: Jungs sind die neuen Loser

„Noten sind abhängig von…?“, war die Forschungsfrage von Michael Bayer (Otto-Friedrich Universität Bamberg), Sabine Zinn (DIW Berlin) und Christin Rüdiger (Humboldt Universität Berlin). Hier ein Überblick über ihren Studie und die Ergebnisse.

Bayer, M., Zinn, S. & Rüdiger, C. (2021). Grading in Secondary Schools in Germany – The Impact of Social Origin and Gender. International Journal of Educational Research Open 2-2, 100101. doi:10.1016/j.ijedro.2021.100101

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Ausgangsfragen

Die Autor:innen beschreiben das gesamte Forschungsfeld der Notengebung. Sie stellen die alleinige oder vorwiegende Abhängigkeit der Notengebung von der Schülerleistung (Anstrengungsbereitschaft, Selbstdisziplin usw.) in Frage. Stattdessen greifen sie auf Raymond Boudon und Pierre Bourdieu zurück: Boudon hat das Konzept der Herkunftseffekte in die pädagogische und soziologische Forschung eingebracht, Bourdieu die Überlegungen zum sozialen Kapital und Habitus.

Kann es also sein, dass bei der Notenvergabe durch die Lehrer:innen weniger die Leistungsaspekte entscheidend sind und dass sich andere Überlegungen heimlich in das Urteil einschleichen? Konkreter:

Spielt es eine Rolle, ob eine Lehrkraft einen Jungen oder ein Mädchen beurteilt?

Spielt es eine Rolle, ob ein Kind Migrationshintergrund hat?

Spielt es eine Rolle, aus welcher sozio-ökonomischen Klasse ein Kind kommt?

Untersuchungsgegenstand

Die Verfasser:innen haben sich die Daten des IQB-Bildungstrends von 2015 vorgenommen. Auf der Grundlage von 36 542 Schülerarbeiten in Deutsch und 1575 Lehrerkorrekturen der Rechtschreibung sind sie zu folgenden Ergebnissen gelangt.

Ergebnisse

Deutschnoten sind wenig abhängig von der Rechtschreibung.

Our findings show that grades in German, a subject of major significance for the reproduction of inequality, are dependent on domain-specific competency (in our analyses: in orthography) only to a limited extent and that student (background) attributes less directly linked to performance also contribute to explaining grades. This finding can also be derived theoretically from Bourdieu’s thinking on social reproduction.

Jungs sind die neuen Loser

Our study confirms the diagnosis that boys are the new losers in education, not only in terms of competency development and distribution, but also in relation to grading practice.

Junge vor Brückengeländer
Sorry, aber Lehrer sind so! Bild von Momentmal auf Pixabay

Die akademische Mittelklasse wird bevorzugt

That is, we conjecture that the German education system gives students from certain milieus (namely, the academic middle class) advantages over other student groups, as manifested in and through teachers’ perceptions and evaluations of them.

Die Ungerechtigkeiten sind unabhängig von Differenzierung und Standardisierung

We achieve this by showing that beyond the differences between educational systems in terms of their differentiation and standardization, (in Germany) there are educational system effects that systematically favor certain groups of students. Therefore, offsetting the inequality-causing effects of tracking structures through further standardization, as suggested by Bol et al. (2014) , is very unlikely to be successful in our view.

Lehrer:innen sind geprägt durch ihren Bildungsweg, ihre Erwartungen und ihre Stereotypen

Common attitudes and perceptions shared by members of the teaching workforce can be identified, if only because of the mere fact that teachers have followed very similar educational pathways which lead them to have similar expectations of students across all school types and to hold similar education-related stereotypes ( Helsper 2018 ).

Fazit

Werden diese Untersuchungsergebnisse dazu beitragen, …

… dass Lehrer:innen sich beim Benoten genauer selbst beobachten? Vielleicht; und auch nur dann, wenn ihnen solche Probleme bewusst würden.

… dass Bildungswegentscheidungen weniger auf Noten gegründet werden? Nicht in Bayern.

Sind das alles neue Erkenntnisse?

Ähem…

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Faktencheck #60: Lehrerglaube beeinflusst Schülerkönnen

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