Faktencheck #64: Self Fulfilling Prophecy

„Damit wirst du dir schwer tun!“ Wenn wir Lehrer das zu einem Schüler sagen, wird er tatsächlich Probleme haben. „Das trau ich dir zu!“ Diese Aussage wäre eine gute Grundlage für einen Erfolg. Wir Pädagog:innen haben viele bewusste und unbewusste Erwartungen in Bezug auf die Schülerleistungen. Wir sollten uns zumindest bewusst machen, dass wir a) auch uneingestandene Erwartungen haben, die b) bis zu einem Drittel aller Fälle daneben liegen, c) unser Feedbackverhalten bestimmen und d) die Schüler:innen dazu bringen, sich unseren Erwartungen gemäß zu entwickeln.


Gentrup, S., Lorenz, G., Kristen, C. & Kogan, I. (2020). Self-fulfilling prophecies in the classroom: Teacher expectations, teacher feedback and student achievement. Learning and Instruction 66, 101296. doi:10.1016/j.learninstruc.2019.101296


Dieser Aufsatz, der die aktuelle Forschungslage sehr gut zusammenfasst, berichtet die Ergebnisse einer Studie an deutschen Erstklässler:innen und Lehrer:innen. Er ist in englischer Sprache publiziert worden – das scheint ein höheres Renommee zu haben -, wird aber von mir auf Deutsch zitiert. Wie immer lass ich mir dabei von DeepL helfen, für mich einer der besten freien Online-Übersetzer. Die Seitenangaben entsprechen nicht der Originalveröffentlichung.

Studienanlage

Diese Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen den Erwartungen der Lehrer und dem Lernen der Schüler und stützte sich dabei auf Längsschnittdaten von 64 Klassen und 1026 Erstklässlern in Deutschland. Darüber hinaus untersuchten wir auf der Grundlage einer Teilstichprobe von 19 Klassen mit 354 Schülern die vermittelnde Rolle von drei Merkmalen des Lehrerfeedbacks, die in videogespeicherten Schulstunden bewertet wurden.

Unrealistische Erwartungen und ihre Folgen

Die Ergebnisse zeigten, dass die Erwartungen der Lehrer bis zu einem gewissen Grad ungenau waren, d.h. sie stimmten nicht ganz mit den aktuellen Leistungen, allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und Motivationen der Schüler überein. Darüber hinaus sagte diese Ungenauigkeit der Lehrererwartungen die Jahresendergebnisse der Schüler signifikant voraus, wenn man die vorherigen Leistungen, die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, die Motivation und die Hintergrundmerkmale der Schüler berücksichtigte. Insbesondere hatten unangemessen hohe Lehrererwartungen größere Leistungen im Lesen und in der Mathematik zur Folge, während unangemessen niedrige Lehrererwartungen geringere Leistungen nur im Lesen erzeugten. Darüber hinaus variierte das Lehrerfeedback signifikant mit den ungenauen Lehrererwartungen… (Gentrup et al. 2020, S. 1)

Lehrererwartungen erwiesen sich zu etwa 1/3 als falsch

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit bestehenden Erkenntnissen, die darauf hinweisen, dass die Erwartungen der Lehrer teilweise ungenau sind (Forschungsfrage 1). Das heißt, in Übereinstimmung mit Hypothese 1 unterscheiden sich die Lehrererwartungen von den tatsächlichen Schülerleistungen, den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und der Motivation. Die gemeinsame Varianz zwischen Schülermerkmalen und Lehrererwartungen im deutschen Sprachraum und in der Mathematik betrug ca. 35%, was den Schätzungen in den vorliegenden Metaanalysen entspricht (Hoge & Coladarci, 1989; Südkamp et al., 2012).

Die Verfasser weisen darauf hin, dass dieser Wert von ihrer Kalibrierung abhing. Es wäre auch ein anderer Toleranzbereich denkbar, der zum Ergebnis hätte, dass man nur 40% der Lehrererwartungen als „genau“ bezeichnen könnte! (Gentrup et al. 2020, S. 13)

Das Feedback für Hocherwartungsschüler

Schüler:innen, von denen man viel erwartet, behandelt man im Unterricht anders als andere. Sie erhalten zu ihrem Verhalten und ihren Leistungen mehr positives Feedback. In der Studie liest sich das so:

Die Ungenauigkeit der Erwartungshaltung der Lehrer war auch signifikant mit zwei Dimensionen des Lehrerfeedbacks verbunden (Forschungsfrage 2). In Übereinstimmung mit den Hypothesen 2a und 2b erhielten Schüler, denen man mit höheren Erwartungen begegnete, im Vergleich zu Klassenkameraden mit ähnlicher Leistung, für die die Lehrkräfte niedrigere Erwartungen hatten, mehr Leistungsfeedback als Verhaltensfeedback und etwas mehr positives Leistungsfeedback als negatives Leistungsfeedback. Dieses Ergebnis unterstützt im Allgemeinen die Annahme, dass Lehrer ihre Erwartungen durch unterschiedliche Feedback-Praktiken kommunizieren. (Gentrup et al. 2020, S. 13)

So werden Erwartungen zu sich selbst erfüllenden Profezeiungen

Die Ergebnisse weisen ferner darauf hin, dass die Erwartungen der Lehrer zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen können (Forschungsfrage 3). Abhängigkeiten der späteren Schülerleistungen von anfänglicher unzutreffenden Lehrererwartungen wurden für die Bereiche Mathematik und Deutsch gefunden, aber der Regressionskoeffizient war im Sprachbereich größer (…). Dementsprechend fanden wir im Sprachbereich positive und negative Erwartungseffekte bei den Lehrern, während wir im Mathematikbereich nur positive Erwartungseffekte beobachteten. (Gentrup et al. 2020, S. 13)

Kleine Effekte können sich zu Ungerechtigkeiten summieren

Nach den Richtlinien für die Erforschung der Effektgröße bei der Untersuchung individueller Unterschiede auf der Grundlage von 708 Meta-Analysen waren die Effekte klein bis mittel (Gignac & Szodorai, 2016). Allerdings scheint es notwendig, den kurzen Zeitraum von einem Schuljahr zu berücksichtigen, der in der empirischen Studie erfasst wurde. Die Erwartungseffekte der Lehrer könnten sich über längere Zeiträume akkumulieren und verstärken (Rubie-Davies et al., 2014). Da sich zudem herausgestellt hat, dass die Erwartungen der Lehrer systematisch in Richtung verschiedener Schülergruppen verzerrt sind (basierend auf dem sozioökonomischen Hintergrund der Schüler, dem Herkunftsland, dem Geschlecht oder dem Behindertenstatus; z.B. Lorenz et al., 2016; Shifrer, 2016), könnten die beobachteten Erwartungseffekte zu Bildungsungleichheiten beitragen. (Gentrup et al. 2020, S. 13)

Die Verfasser ziehen aus ihren Ergebnis eine Folgerung, die uns nicht überraschen sollte:

Habe hohe Erwartungen und gebe entsprechendes Feedback!

Auf der Grundlage unserer Ergebnisse sollten Lehrerausbildungen, die sich auf formatives, qualitativ hochwertiges Feedback konzentrieren, Lehrer in die Lage versetzen, allen ihren Schülern unterstützendes Feedback zu geben, unabhängig davon, welche Leistung sie von diesen Schülern wahrnehmen oder erwarten. […]

Darüber hinaus unterstützen unsere Ergebnisse die Idee, dass Schüler am besten lernen, wenn die Anforderungen der Lehrer etwas höher sind als die tatsächlichen Fähigkeiten der Schüler. Diese Erkenntnis impliziert, dass hohe Erwartungen für alle Schülerinnen und Schüler von Vorteil sein könnten. Daher scheint es lohnend, die Lehrer nicht nur über Erwartungseffekte im Allgemeinen, sondern auch über die positiven Auswirkungen hoher Erwartungen im Besonderen zu informieren. Darüber hinaus könnten die Lehrer ermutigt werden, hohe Erwartungen für alle ihre Schüler zu haben. Dies ist besonders wichtig, da die Erwartungseffekte der Lehrer meist unbewusste Prozesse widerspiegeln. […]

Eine zentrale Herausforderung bei der Umsetzung hoher Erwartungen für alle Schülerinnen und Schüler könnte jedoch darin bestehen, Einseitigkeiten zu reduzieren, die mit dem Geschlecht, dem familiären Hintergrund und den Förderbedarfen der Schülerinnen und Schüler zusammenhängen, da aktuelle Forschungsergebnisse auf gruppenspezifische Verzerrungen in den Erwartungen der Lehrerinnen und Lehrer hinweisen (z.B. Hurwitz et al., 2007; Lorenz et al., 2016). Dieser Ansatz beinhaltet Wissen über Stereotypen und Strategien zur Reduzierung ihres Einflusses bei der Erwartungsbildung. (Gentrup et al. 2020, S. 14)

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