Sichtweisen #83: Between the devil and the deep blue sea

Odysseus zwischen Skylla und Charybdis*

Oder wie es die in griechischer Mythologie Bewanderten ausrücken würden: „zwischen Skylla und Charybdis“, also zwei Meeresungeheuern, denen man nicht mehr entkommen kann, wenn ein Seefahrer den falschen Kurs eingeschlagen hat. Mir kommt dieses Bild in den Sinn, wenn ich mitverfolge, wie Menschen oder Institutionen – auch solche, die ich sehr schätze – einen Ausweg suchen aus der Sackgasse, in die der Übertritt im ach so guten bayerischen Bildungssystem unvermeidlich führt.

Devil: der Elternwille

Gerade jetzt, in der Zeit der hoffentlich nachlassenden Zwänge der Corona-Pandemie, fordert der größte Lehrerverband BLLV eine relative Freigabe des Elternwillens im Übertritt. „Relativ“ deshalb, weil schon daran gedacht ist, dass die Eltern die beratenden (oder vielleicht doch entscheidenden?) Hinweise der Viertklass-Lehrerinnen beherzigen.

Der BLLV stellt sich mit Recht gegen die Regelung des Kultusministeriums, dass nach wie vor der Notenschnitt im Übertritt gilt: 2,33 berechtigt zum Besuch des Gymnasiums; 2,66 erlaubt den Übertritt auf die Realschule; schlechter bedeutet: Mittelschule. Dieses alle individuellen Nebenumstände und Kontextbedingungen vernachlässigende Beharren auf den Ziffern hinter dem Komma ist schon zu „gesunden“ Zeiten ein schlechter Witz, wie ich hier beschrieben und berichtet habe:

Faktencheck #51: Herkunft ist entscheidender als Leistung

Faktencheck #3: Übertrittsalter

Argumente #25: Die Mauer in den Köpfen

Faktencheck #55: Wie die Eltern das System überlisten

Gast #9: Sortieren nach dem Aschenputtelprinzip und die Folgen

Faktencheck #36: Herkunft entscheidet über Zukunft

Sichtweisen #51: „kindgerecht“ oder mehr als „fragwürdig“?

Gast #14: Tillmann über Selektion und Leistung

Das Festhalten an einem notengesteuerten Übertrittsverfahren ist unter den Bedingungen von Unterrichtsausfall und Distanzunterricht schlicht absurd. Das unterstreicht der BLLV mit Recht. Und schlägt also vor, sich auf die Kompetenzen der Lehrkräfte zu verlassen. Wenn man allerdings die Forschungsliteratur ein wenig überfliegt, dann wird einem ob der Treffsicherheit der Laufbahnempfehlungen himmelangst. Das kann man u.a. hier nachlesen:

Faktencheck #14: Intelligenz und Schulerfolg

Argumente #6: Prezi Übertritt

Faktencheck #58: Leistung betonen, Herkunft belohnen

Faktencheck #38: Fördern oder selektieren?

Faktencheck #39: Wer in der Schule gut sein darf und wer nicht

Faktencheck #60: Lehrerglaube beeinflusst Schülerkönnen

Eltern haben auch bereits die Verfassungsfrage gestellt: Darf denn der Staat über den Bildungsweg meines Kindes bestimmen? Muss das nicht in meiner Verantwortung als Mutter oder Vater liegen?

Ein Verfassungsrechtler bejaht diese Fragen: People #2: Prof. Wolfram Cremer

Ich habe das System mal satirisch aufs Korn genommen und den Eltern vorgeschlagen wie sie es überlisten können: Leitfaden für übertrittswillige Mütter (Archiv)

Ich fürchte, der Teufel behält die Oberhand, wenn der BLLV die Übertrittsentscheidung in die Hand der Eltern legt, weil die einen ein ungeeignetes Kind auf eine zu anspruchsvolle Schule schicken und die anderen ein geeignetes Kind in einer anderen Schule unterfordern. Und weil die Übertrittsempfehlung der Lehrerinnen (es sind nun mal fast ausschließlich Frauen, die in der bayerischen Grundschule unterrichten) auch subjektive Komponenten enthält (sekundäre Herkunftseffekte). Und weil Noten an sich nur ein blasses Abbild – manchmal ein falsches – der Leistungsmöglichkeiten eines Kindes sind.

Einen Ausweg könnte man in der Standardisierung sehen.

Deep blue sea: die Standardisierung

„Standardisierung“ bedeutet hier, dass der Übertritt nicht in den Willen der Eltern gelegt wird und nicht auf die Kompetenz der Lehrerinnen angewiesen ist, sondern den Ergebnissen, objektiver standardisierter Tests unterliegt. Das ist dem Untergang in einer deep blue sea geweiht, weil…

… auch solche Tests nur das abfragen können, was von irgendjemand als wertvoll erachtet wird und das ist erfahrungsgemäß alles andere als die Breite an kindlichen Potenzialen;

… der Hinweis auf „Leistung“ zwar suggeriert, dass dies etwas Objektives sei, aber dabei vergisst, dass jede Schülerleistung bereits eine Geschichte hinter sich hat;

… dies erfahrungsgemäß und zwangsläufig in ein teaching to the test mutiert, so dass der Unterricht in der Grundschule pädagogisch erheblich verarmen müsste – darauf weist auch der Grundschulverband hin.

Die Klippen umschiffen

Muss man also entweder Skylla oder Charybdis in den Rachen fallen und zwischen dem Teufel und der blauen Tiefsee ertrinken? Ja, natürlich – solange man dem selektiven Schulsystem anhängt und folglich einen Übertritt irgendwie regeln (um nicht zu sagen: hinwursteln) muss!

Es gibt da nur eine saubere Lösung:

Kein einheitlicher, alle kindlichen Entwicklungsunterschiede verleugnender und die Potenziale einengender, Zufälligkeiten unterliegender, auf scheinobjektiven Noten basierender und unbedarft von „Leistung“ faselnder, politisch 1920 ausgekartelter Schnitt nach der 4. Klasse, sondern eine ungebrochene Weiterentwicklung dessen, was sich anbahnt, in einer Schule des längeren gemeinsamen Lernens, in der sich später ausdifferenzieren kann, was es an Können und Wollen gibt!

Man könnte diese Systemkrise kopfschüttelnd sich selbst überlassen, wenn nicht so viele Kinder so unnötig darunter leiden würden.


* Von Johann Heinrich Füssli – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=151187

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