Sichtweisen #30: PISA nervt!

„Die Ergebnisse der PISA-Studie

… stellten für Deutschland eine große Enttäuschung dar: Auf allen getesteten Gebieten lagen die Leistungen der deutschen Schüler, die an der Studie teilnahmen, weit unter dem Durchschnitt der anderen OECD-Länder. Hat das deutsche Bildungssystem versagt?

Maßnahmen Bayern

Wir konzentrieren uns in Bayern daher zunächst auf die Felder, in denen der Handlungsbedarf offensichtlich ist.
1. Wir müssen Maßnahmen zum besseren Ausgleich sozialer Benachteiligungen ergreifen.
2. Wir müssen neue Konzepte zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund entwickeln.
3. Wir müssen generell viel mehr Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der Lesekompetenz richten.
4. Wir müssen den Unterricht verändern.
5. Wir müssen unser Konzept zur externen Evaluation ausbauen.
6. Wir müssen die Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus verstärken.

Eine geistige Wende

Eine geistige Wende ist im Hinblick auf den Wandel der Wertorientierungen dringend notwendig. Die stärkere Betonung von Selbstentfaltungswerten darf so genannte »Sekundärtugenden« wie Disziplin, Gehorsam, Pflichterfüllung, Fleiß oder Bescheidenheit nicht völlig verdrängen.

Keine Anstrengungsbereitschaft

Die massive, speziell auf Jugendliche ausgerichtete Werbe- und Freizeitindustrie trägt zur Ungeduld bei der Erfüllung von Wünschen bei (ich muss das, was ich will, sofort haben) und untergräbt damit die Bereitschaft, sich auf mühseliges Arbeiten an schwierigen Gegenständen einzulassen, deren Nutzung nicht unmittelbar deutlich wird.

Eingliederung

Umso stärker müssen wir an der Eingliederung durch Sprache arbeiten und an der Vermittlung der demokratischen Werte und die daraus abgeleiteten Rechtsnormen, auf die auch ausländische Mitbürger verpflichtet werden müssen. Die dazu notwendigen Fördermaßnahmen durch Bildung und Erziehung haben umso mehr Erfolg, je früher sie beginnen.“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Der Clou: Das sind nicht die Worte der Kultusministerin Stolz als Reaktion auf den letzten PISA-Test, sondern der Kultusministerin Hohlmeier auf den allerersten PISA-Durchlauf vor über 20 Jahren! Da steht´s zum Nachlesen:


Hohlmeier, Monika / Prenzel, Manfred / Schleicher, Andreas / Lüdeke, Reinar / Stange, Eva-Maria. (2002). PISA-Studie: Hat das deutsche Bildungssystem versagt? ifo Schnelldienst 55 (2).


Die Ähnlichkeiten mit dem aktuellen Konzept von KM Stolz sind nicht zu übersehen, wie diese Synopse zeigt.

Mehr als 20 Jahre

… sind vergangen, mehrere PISA-Tests sind gelaufen, Hunderte von alarmistischen Überschriften sind in den Zeitungen abgedruckt und auf Webseiten veröffentlicht worden, Tausende von Diskussionen sind geführt worden, Zehntausende von Stunden wurde gehirnt für wissenschaftliche Studien und Konzepte  – nur damit wir feststellen, wir sind keinen Schritt weitergekommen?!

Warum diskutiert aktuell ganz Bayern landauf, landab und in Fernsehsendungen über den neuen Konzeptkatalog der Kultusministerin und besonders über die Fächerverschiebungen, die unser Ministerpräsident kraft seines (wohl dem Amt innewohnenden) Sachverstands einfach mal so beschlossen hat? Ist es das wert? No way, weil man befürchten muss, dass wir in 20 Jahren wieder dieselbe Diskussion führen werden!

Was stimmt denn da nicht?

Ich habe da keine einfache Antwort, sondern nur ein paar Ideen zu den Feldern auf denen man sie suchen könnte.

Liegt´s an den PISA-Tests selber?

Sind sie etwa so angelegt, dass sie sich selbst auch in Zukunft notwendig machen? Ein selbsterhaltendes System also, das mit immer wieder negativen Ergebnissen zeigt, dass „etwas geschehen muss“, dass also u.a. auch weiter getestet werden muss? Klingt ein bisschen verschwörerisch, ich weiß. Aber man bedenke, wie viele Personen und Institutionen inzwischen von der gesamten PISA-Testindustrie leben, Wissenschaftler:innen, Verlage, Nachhilfeläden usw. Dieses und andere Probleme beackert das Buch von Thomas Jahnke und Wolfram Meyerhöfer.

Liegt´s an den Lehrer:innen?

Ist es vielleicht so, dass von Anfang an klar war, was sich in den Schulen ändern müsste (siehe Forderungskatalog oben), aber die Schulen sich so widerständig in ihren Unterrichts-Traditionen verfangen haben, dass sie sich nicht verändern oder verbessern wollen?

Oder sind die pädagogischen und methodischen Forderungen im Gefolge von PISA so hoch und so anspruchsvoll, dass die Lehrer:innen diese nicht erfüllen können?

Liegt´s an den Schüler:innen?

Sind sie zu dumm und werden immer dümmer? Sind die anderen (Finnland, Singapur, Kanada…) besser erzogen? besser ausgebildet? besser im Lernen? Ist die Arbeitshaltung unserer 15-Jährigen so mies und wird immer mieser? Sind sie – dank der neuen Medien – zu sehr abgelenkt oder verlernen sie es, sich zu konzentrieren? Aber nein: Das war ja anscheinend vor 20 Jahren auch schon so, und zwar ohne Tiktok, Instagram oder ChatGPT.

Liegt´s an der mangelnden Leistungskultur?

Besonders die knochenharten Lehrer- und Elternverbände der „höheren Schulen“ finden an dieser Stelle Anhalt für ihre Diagnosen mit der Therapie „mehr Leistungskultur!“, dabei Noten mit Leistung verwechselnd und im Grunde ignorant im Hinblick auf all die Faktoren, die Noten beeinflussen und verzerren können.

Liegt´s an den Empfehlungen?

Vielleicht ist ja der methodische Ansatz, sich noch mehr auf die drei Leistungsfelder Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften zu stürzen, genau der falsche Weg? Vielleicht wird dadurch der Unterricht schon in den Grundschulen so sehr verengt und vereinseitigt, dass die Schüler:innen gerade dadurch gehindert werden, sich zu entfalten, ihre Potenziale zu entdecken und zu realisieren?

Auf diesen Aspekt haben erst kürzlich wieder der Fachverband für Kunstpädagogik BDK e.V., sowie die Fachvertretungen Kunst und Werken an Schulen und Hochschulen, der Kunstrat Bayern und der Arbeitskreis der Hochschullehrenden für Kunstpädagogik, der Bayerische Musikrat, der Arbeitskreis der Musikdidaktiker an Bayerischen Musikschulen und Universitäten (AMD) und die Fachvertretungen der Musikverbände in Bayern hingewiesen (Häufung beabsichtigt).

Brauchen wir PISA?

Nicht, wenn wir uns an dem orientieren, was die Bayerische Verfassung will:

Bayerische Verfassung Art. 131

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewußtsein für Natur und Umwelt.
(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.
(4) Die Mädchen und Buben sind außerdem in der Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.

Das heißt in Kürze: Wissen und Können okay, aber doch nicht ausschließlich! Das prüft PISA doch nur, weil es entweder einfacher überprüfbar ist als anderes (was ein bisschen billig wäre) oder weil es „die Wirtschaft so braucht“ (was erstens die Heranwachsenden instrumentalisieren würde und zweitens in dieser Ausschließlichkeit gar nicht stimmt).

Da steht was von Herz, Charakter, Achtung, Verantwortungsbewusstsein, Geist, Liebe – all die Dinge, die in der Erziehung wichtig sind, in den aufgeregten PISA-Debatten jedoch unter den Tisch fallen, bzw. da nur schüchtern hervorgeholt werden und bei den Verantwortungsträger:innen jedenfalls so offensichtlich keine Rolle spielen.

Behauptung

Wir würden an Schulentwicklung nichts, aber auch gar nichts verlieren, wenn wir die PISA-Tests nicht hätten.

Begründung

Jede halbwegs gute Lehrperson kann analysieren, was in ihrem Unterricht oder an ihrer Schule noch nicht so besonders gut läuft und in welche Richtung sie (also die Lehrperson und die Schule) sich weiterentwickeln könnte. Dazu brauchen wir nicht noch mehr Tests, sondern pädagogische Freiräume.

Belege

Außerhalb von PISA haben wir ein sehr breites Feld von wissenschaftlich gut begründeten Hinweisen darauf, was im Unterricht wie wirkt und was man besser machen könnte.

Muss ich wirklich eigens auf die Analysen von John Hattie verweisen, die spätestens seit 2009 („Visible Learning“) eine weltweit positive Wirkung entfalten? Gibt es nicht auch schon seit Jahrzehnten eine klasse deutsche Literatur über Unterrichtsqualität, zum Beispiel Hilbert Meyer? Zeigt nicht der deutsche Schulpreis wie sich Schulen bestens entwickeln können – hat da PISA jemals eine hilfreiche Rolle gespielt?

Ich bleibe dabei: PISA nervt. Und ist nicht so wichtig, wie die aufgescheuchte Diskussion glauben macht!

3 comments On Sichtweisen #30: PISA nervt!

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