Sichtweisen #92: An der Sprache zeigt sich der Geist

„Hahnebüchen“, „arrogant“, „schier unerträglich“, „Bildungsideologen“, „Gleichmacherei“, „Einheitsschulsysteme“, „Verfall von Qualität“, „ein Vergehen an den Kindern“, „vereinheitlichen“ – mit dieser etwas zugespitzten Begrifflichkeit reagiert die Bundesvorsitzende der „Bundesinitiative Differenziertes Schulwesen“ auf die Idee der Auflösung einer Realschule zugunsten einer Gemeinschaftsschule in Dortmund.

Diese Information entnehme ich einem kurzen Beitrag auf bildungsklick, den ich hier bewusst verlinke, damit sich die Leser:innen dieses Blogs selbst ein Bild vom Kontext machen können.

Blick nach Dortmund

Hier lohnt sich der Blick auf die Entscheider in der Stadt Dortmund, was sagen die denn als Begründung?

 „Wir entsprechen damit dem Elternwillen nach mehr Gesamtschulplätzen“, erklärt Dezernentin für Schule, Jugend und Familie, Monika Nienaber-Willaredt. „In der Gesamtschule können Kinder länger gemeinsam lernen. Außerdem ist es eine Schule, in der der Unterricht im Ganztag stattfindet und es gibt eine gymnasiale Oberstufe, das heißt, hier können die Kinder ihr Abitur machen.“ 

Diesen Punkt kontert die Bundesvorsitzende mit folgenden Worten:

Dass Eltern mit ihren Kindern an die Gemeinschaftsschulen strömen, liegt in Nordrhein-Westfalen in erster Linie an der Tatsache, dass viele Gemeinschaftsschulen ihre Türen zur Anmeldung früher öffnen dürfen als Schulen der reinen Schularten. Welche Möglichkeit einer guten Bildung hätten denn die Eltern sonst, als der Gleichmacherei zu folgen?“, möchte Eder wissen.

Wer hat´s gemerkt? Hier wird eine besondere – und wie ich finde sehr gefährliche – Sprache verwendet, nämlich die von den „reinen“ Schularten! Rein – unrein, ist das der Gegensatz? Er wird zweifellos nahegelegt. Das ist in meinen Augen ein Tiefschlag reinster Güte, der die Bundesvorsitzende als ernstzunehmende Gesprächspartnerin ausschließt. Außerdem lässt sie mit dieser Argumentation die Eltern, die sich für eine Gesamtschule entscheiden, als verführte Konsument:innen erscheinen, die einem unüberlegten Impuls folgen.

Und zwei hab ich noch.

Was läuft in Deutschland?

Die folgende Grafik zeigt, dass und wie die Anzahl der Realschulen in Deutschland zurückgeht. Diese Entwicklung ist es wohl, die eine „Bundesinitiative Differenziertes Schulwesen“ erst entstehen lässt und deren Vorsitzende die aggressive Wortwahl in den Mund legt.

Der blaue und absteigende Ast zeigt die Entwicklung der Realschulen und -schüler:innen zwischen 2000 und 2020; der orangene die der Schulen mit 3 Bildungsgängen und ihrer Schüler:innen. Die Entwicklung ist deutlich und treibt der Bundesvorsitzenden den Angstschweiß auf die Stirn, so dass sie meint, den bildungspolitischen GAU befürchten (oder herbeireden?) zu müssen.

Das Hohelied der Fachlichkeit

Im Zusammenhang mit der Bildung von „Einheitsschulen“ kommen die der Entwicklung hinterherhinkenden Gegner immer wieder auf die Ausbildung von „Einheitslehrern“ zu sprechen. In diesem Fall liest sich das so:

Zudem kämen immer mehr Länder auf die vermeintlich gute Idee, die Lehrerausbildung zu vereinheitlichen, so wie Hamburg es gerade plant. Lehrkräfte, die ohne große Fachlichkeit und Sachwissen auf allen Niveaustufen unterrichten sollen, könnten höchstens als Lückenfüller an Schulen mit Lehrermangel arbeiten. Es brauche jedoch hoch qualifizierte und differenziert ausgebildete Lehrkräfte, so Eder.

Das Hohelied der Fachlichkeit wird immer wieder als Argument gegen die Stufenlehrkraft gesungen und auch von den bayerischen Philologen angestimmt, um sich gegen A13 für die Lehrer:innen der „niedrigen“ (meine Worte) Schularten zu wehren.

Ich kann mich erinnern, dass von seiten der Realschul- und Gymnasiallehrer:innen die famose Hattiestudie immer wieder mal bröckchenweise zitiert wurde. Einen dicken Brocken haben sie dabei immer überlesen oder bewusst ausgelassen. Nämlich die Frage, wie sieht denn die Hattiestudie die Fachlichkeit im Vergleich zu anderen Lehrerattributen?

Da hilft ein Blick auf den aktuellen Stand der wirksamen Effekte, wie ihn diese Liste darstellt.

Ich hab das mal in dieser Grafik veranschaulicht, indem ich auch ein paar Brocken herausgriff:

Da steht die „teacher subject matter knowledge„, also die „Fachlichkeit und Sachwissen“ ziemlich weit unten. Sie trägt nicht einmal viel dazu bei, dass die Schüler:innen einen normalen Lernfortschritt (Effektstärke 0,4, die rote Linie) erzielen.

Andere Lehrereigenschaften oder -haltungen finden sich viel weiter oben, sind also um einiges effektiver für den Lernfortschritt: die expectations, die Erwartungen, die Lehrkräfte an ihre Zöglinge haben (hier schon mal besprochen); die teacher-student relationship; das not-labelling students, zu dem es hier auf dem Blog mehr zu lesen gibt, usw.

Um den Kampfbegriff der Realschullehrerin zu verwenden: „Differenziert“ muss man hier schon mal hinschauen, „differenziert“ muss man als Lehrer:in die Kinder und Jugendlichen in den Klassen sehen und behandeln. „Differenziert“ ist ein Schmuckwort für eine Schulart, das die Lehrer:innen erst in ihrer Praxis erfüllen müssen. Das tun viele, aber leider nicht alle.

Ich äußere jetzt mal einen Verdacht, der sich allerdings zugegebener Maßen auch der Gürtellinie nähert: Es geht dieser Realschulinitiative nicht in erster Linie um die Kinder und Jugendlichen, sondern um den eigenen Status und Bestand.

Ja, und das Beitragsbild ist auch ein bisschen gemein.

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