Sichtweisen #94: Lehrermangel in Bayern? Ähhh…

Es gibt vom Kultusminister Prof. Dr. Piazolo kein klares Eingeständnis darüber, dass sogar im bayerischen Bildungswunderland heftiger Lehrermangel herrscht. Dem bayerischen Elternverband ist darob mal der Kragen geplatzt und er hat einen offenen Brief ins Kultusministerium geschrieben. Hier ein bisschen Kontext dazu.

Auszüge aus dem Brief des BEV: „Zynismus“!

„Ähnlich wie die Bewertung der bayerischen IQB-Ergebnisse beschönigt auch Ihre PM vom 8. September 2022 die Situation zur Lehrkräfteversorgung, in der von einer „soliden“ Basis die Rede ist. Wir haben unter unseren Mitgliedern eine kurze Befragung mit gut 500 Teilnehmern durchgeführt. Die Ergebnisse sind hier nachzulesen.“

Obzwar nicht repräsentativ, zeigen sie, dass Fächerkürzungen, komplett ausgefallene Stunden ohne Betreuung, Kürzungen der Stundentafeln bzw. der regelmäßigen Unterrichtszeit und Stunden mit bloßer Beschäftigung zum Schulalltag gehören. Dies als „solide“ zu bezeichnen, grenzt an Zynismus.

„Als Bürger erwarten wir von Ihnen eine ungeschönte Wiedergabe auch unbequemer Tatsachen. Sie können uns Wahrheiten zumuten. Beschönigungen dagegen schüren Politikverdrossenheit und Vertrauensverluste in Sie persönlich und – weitaus schlimmer – in den demokratischen Staat. Das können wir nicht gutheißen.“

Umfrage des BEV

Der offene Brief erwähnt eine Umfrage des Bayerischen Elternverbands von Anfang des Schuljahres 2022/23, die eingestandenermaßen nicht als repräsentativ gelten kann, aber dennoch einige Schlaglichter auf die aktuelle Situation in den bayerischen Schulen wirft. Hier das zentrale Ergebnis:

Damit wir uns recht verstehen:

(1) Die Hälfte der Befragten oder Antwortenden hat spontanen Unterrichtsausfall erlebt, bei dem die Kinder für Stunden oder ganze Schultage nach Hause geschickt werden.

(2) Gut 46 Prozent der Eltern kennt Kürzungen der Stundentafel, offensichtlich im Bereich der „weichen“ Unterrichtsfächer Sport, Kunst oder Religion.

(3) Ungefähr 45 Prozent haben es erlebt, dass die Schule statt Unterricht nur bloße Betreuung oder Beaufsichtigung leisten kann.

(4) Etwa ein Viertel der Antworten bezeugt einen regelmäßig verkürzten Schultag.

(5) Und mehr als ein Fünftel kann von spontanen Klassenzusammenlegungen berichten.

Der Bayerische Elternverband möchte nur, dass das Kultusministerium die alltäglichen und teilweise beträchtlichen Probleme einfach mal einräumt.

Ursachen?

Eines muss man klar sagen: Nicht unser Kultusminister Piazolo (Freie Wähler) ist schuld an dem Lehrermangel, sondern die mangelnde Voraussicht seiner CSU-Vorgänger:innen (Ja, da gab es auch eine Frau, nämlich Monika Hohlmeier, die Tochter von Franz-Josef Strauß).

Allerdings konnte nicht alles vorhergesehen werden. Versuchen wir uns das anhand der folgenden Grafik zu verdeutlichen:

In dieser Übersicht versuche ich darzustellen, welche Treiber es für den Personalnotstand gibt.

Was nicht vorhergesehen werden konnte, war die Corona-Pandemie mit den Folgen von häufigeren Erkrankungen auch unter Lehrer:innen und vor allem mit dem sofort eintretenden Unterrichtsverbot für schwangere Lehrerinnen. Dies bedeutete hohe Verluste am qualifizierten Personal.

Ebenfalls nicht vorhergesehen werden konnte der Einmarsch von Putins Soldaten in die Ukraine mit der daran anschließenden Fluchtbewegung, die vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche umfasste. Wer im Schulalter war, unterlag nach einer festgesetzten Frist der Schulpflicht und sollte unterrichtet werden, was natürlich auch wieder Lehrerstunden kostete – in erster Linie in den Grund- und Mittelschulen und in den Berufsschulen Bayerns.

Alle anderen Ursachen, die einen verstärkten Personaldruck verursachten, konnten seit Jahren vorhergesehen werden:

Die Inklusion im Sinne der Behindertenrechtskonvention würde einen erhöhten Bedarf an Regelschulen bedeuten, wenn sie denn im ursprünglichen Sinne umgesetzt werden würde, was nicht nur in Bayern nicht der Fall ist.

Dass die Globalisierung ebenso stetig Menschen aus ihrer Heimat aufbrechen und zu uns kommen lässt wie der Klimawandel, ist schon seit Jahrzehnten spür- und erwartbar. Davor haben die bayerischen Schulverantwortlichen lange die Augen verschlossen und tun dies leider zu einem Teil noch heute. Die Zeichen stehen politisch immer noch auf Abwehr und dem aus christlicher Sicht unsäglichen – „Schutz der Außengrenzen“, statt auf Anerkennung der Realitäten.

Und mit dem Ganztag hat man ein pädagogisches wertvolles Projekt verfolgt, das – oh Wunder – auch zusätzliches Personal erfordert, wenn man es denn qualitätsvoll gestalten wollte. Die Notreaktion aus dem Hause Piazolo kommt denn auch einer Bankrotterklärung gleich: Statt zwölf werden nur noch neun Lehrer-Wochenstunden für jede gebundene Ganztagsklasse gewährt; die fehlenden Stunden bekommen die Schulen finanziert und sollen sich – ich möchte fast sagen: gefälligst – ihre Lehrkräfte dafür selber suchen!

Ansätze der Linderung

Man muss sich mal ansehen, welche (teils verzweifelt anmutenden) Versuche das Kultusministerium unternimmt um dem Lehrermangel Herr zu werden. Hier zunächst der Überblick, dann die Einzelheiten.

Wir beginnen unten links:

Seiteneinsteiger sind Menschen mit möglichst akademischer und irgendwie einschlägiger Erfahrung, die man im Unterricht nutzen kann. Das ist ein zwiespältiger Ansatz, denn einerseits ist fraglich, welche Unterrichtsqualität damit erzielt wird, andererseits ist es gut, wenn überhaupt ein Mensch vor der Klasse steht (Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV).

Die Erhöhung des Wochenstundenmaßes für Grundschullehrer:innen von 28 auf 29 Stunden (zum Vergleich: Realschul- und Gymnasiallehrräfte haben 24 WStd.) bringt unmittelbar mehr Lehrerstunden ins System wie auch die Erhöhung der Mindesteilzeit – für die gleiche Personengruppe – auf 24 Wochenstunden. Andererseits ist fraglich, welche Folgen diese Maßnahmen für die Motivation derer haben, die im Dienst sind, und vor allem derer, die sich nach dem Abitur überlegen, welches Lehramt sie studieren sollen und ob überhaupt.

Streichungen von Vorkursen, die dem Übergang von Kindergartenkindern in die 1. Klasse vermitteln sollen, Streichungen von Arbeitsgemeinschaften und Differenzierungsstunden – all dies macht den Unterricht in Grundschulen auch nicht gerade attraktiver. Das können nur Notmaßnahmen sein, denn es ist fraglich, ob sie sich nicht längerfristig negativ auf die Gesamtbilanz auswirken werden.

Die Ansage „A 13 für alle Lehrämter“, also auch für Mittel- und Grundschullehrer:innen (genau in dieser Reihenfolge) hat natürlich einen positiven Effekt, denn dafür kämpfen diese Lehrergruppen zusammen mit dem BLLV und der GEW schon seit langem.

Notiz am Rande: Hätten Sie gewusst, dass das eine Forderung ist, die der Kultusminister Piazolo immer wieder erhoben hat? Freilich ohne dabei wirklich mit dem Fuß aufzustampfen. Nun hat ihm sein Ministerpräsident die Show gestohlen und die frohe Botschaft selbst verkündet. Zeitschiene? Erst mal muss die CSU bei den nächsten Landtagswahlen im Oktober 2023 wieder in die Regierung gewählt werden, dann kriegen die Mittelschullehrer:innen A13, dann die Grundschullehrer:innen.

Widerspruch

Der Blitz aus der Wolke: Wie nicht anders zu erwarten, hat der bayerische Philologenverband sofort gegen diese Ankündigung gemeckert. Das will ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, sondern nur eine Bildungspolitikerin der Grünen zitieren, die – selbst Gymnasiallehrerin – mir ihre Antwort an die Philologen gesagt hat: „Wer nimmt euch eigentlich irgendwas weg?“ Darauf der GEWler neben mir trocken: „Status…“.

Es gibt noch einen zweiten Widerspruchsblitz, und zwar gegen eine Reform des Studiums. Das Problem ist doch unter anderem die Tatsache, dass wir in Bayern Lehrkräfte an Realschulen und Gymnasien für zwei Fächer ausbilden, was immer wieder schweinezyklische Mängel auf der einen Seite bei gleichzeitigem Überangebot auf der anderen zur Folge hat.

Wie wäre es, wenn wir Lehrer:innen für Altersstufen ausbildeten anstatt für Schularten? Die GEW und der BLLV haben schon längst Reformen vorgeschlagen. Der damit einhergehende „Verlust an Fachlichkeit“ wurde – Sie wissen schon, von welcher Seite – immer wieder beklagt, hat aber keinen Anhalt an der Wirklichkeit, wie dieser Beitrag anhand der Hattiestudie nachweist.

Zukunft?

Düster.

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