Fail #43: Fehler zeugen neue Fehler

Der Lehrermangel in bayerischen Grundschulen scheint sich zu einer unendlichen Geschichte zu entwickeln, Ende nicht absehbar. Dabei zeigt sich: Alte Fehler erzeugen neue. Der neue Kultusminister muss den Kopf hinhalten für das, was andere verbockt haben. Allerdings hat er daran auch seinen Anteil. Wir steigen ein inmitten der Coronawirren.

Die letzten Fehler

Das Problem ist nicht neu: Den bayerischen Grundschulen fehlen Lehrer:innen. Die Kultusbürokratie hat einige Lösungsversuche unternommen, die insgesamt mit zweifelhaften Erfolgsaussichten (nicht) gesegnet sind. Ein Teil der Lösung sollte beispielsweise sein, dass man die noch nicht lange ausgeschiedenen Pensionär:innen in einem persönlichen Anschreiben an ihre verdienstvollen pädagogischen Kompetenzen erinnert und sie fragt, ob sie nicht vielleicht noch ein paar Wochenstunden unterrichten würden.

Hand hält einen Brief

Ein fataler Brief kam da einigen Pensionist:innen ins Haus geflattert.

Das Fatale an diesem Brief ist, dass er viele Kolleg:innen mitten in der Coronazeit erreicht hat. In dieser Zeit gilt, dass über 60-jährige Lehrkräfte nicht in die Schule kommen sollen, weil für sie ein hohes Krankheitsrisiko besteht! Da hat irgendein/e Verantwortliche/r in der Kultusbürokratie nicht aufgepasst (also gepennt) und viele Pensionist:innen heftig vor den Kopf gestoßen! Eine meiner Kolleginnen nahm das Schreiben kopfschüttelnd zur Kenntnis. Aber es gab auch andere, die massiv protestiert haben: die GEW Bayern reagierte „fassungslos“ und manche ehemalige Lehrerin oder Schulleiterin machte ihrem Ärger in einem Antwortbrief Luft:

„Und dann kriege ich diesen Brief, ob ich nicht wieder in die Schule will. Ich war wirklich außer mir!“

Für die hier fehlende Sensibilität haben sich Kultusbürokrat:innen ein „mangelhaft“ verdient, aber politisch muss natürlich der KM Piazolo den Kopf hinhalten. Wie kam es eigentlich zu dieser Situation?

Die Fehler der Vergangenheit

Es sollte doch möglich sein, bayerische Geburtenzahlen auf sechs Jahre hochzurechnen und einen Migrationssaldo zu addieren, um zu wissen, wie viele Kinder mittelfristig in den Grundschulen sitzen würden. Dagegen muss man dann die Anzahl der älteren Lehrerkräfte rechnen können, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in den Ruhestand eintreten werden.

Kultusminister Piazolo ist erst seit November 2018 im Amt. Die Unfähigkeit, mit Zahlen richtig umzugehen, kann man ihm nicht zurechnen. Dafür sind seine Vorgängerinnen und Vorgänger verantwortlich zu machen, die es verdient haben, hier namentlich genannt zu werden – ich zähle mal nur die auf, denen ich gedient habe:

  • Bernd Sibler (CSU) März – November 2018 (Unterricht und Kultus)
  • Dr. Ludwig Spaenle (CSU) 2013 – 2018 (Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst)
  • Dr. Ludwig Spaenle (CSU) 2008 – 2013 (Unterricht und Kultus)
  • Siegfried Schneider (CSU) 2005 – 2008 (Unterricht und Kultus)
  • Monika Hohlmeier (CSU) 1998 – 2005 (Unterricht und Kultus)

Um es mal kurz zu überschlagen: Damit eine junge Lehrerin im Jahr 2020 für den Grundschuldienst komplett ausgebildet einsteigen kann, muss sie 2018 das erste Staatsexamen gemacht und ihre Seminarzeit begonnen haben. Studienbeginn hätte bei grob gerechnet 8 Semestern (Mindeststudienzeit sind 6 Semester) im Jahr 2014 sein müssen. Wenn man sagt ein solider Personalsockel von professionellen Lehrerinnen baut sich erst im Lauf von zehn Jahren Praxis auf, dann sind wir im Jahr 2004. Warum ist da nicht stärker für das Lehramt an Grundschulen geworben worden? Oder von der anderen Seite her gefragt: Warum haben sich so wenige Abiturient:innen für dieses Lehramt entschieden?

Die Fehler im System

Gleichzeitig ist es ja so, dass die eben angesprochenen Abiturient:innen sich schon für ein Lehramtsstudium entschieden haben; allerdings für das gymnasiale. Mit der Folge, dass es dort seit Jahren einen beständigen Überhang an Lehrkräften gibt, die man – bestens ausgebildet wie sie sind – an die Wirtschaft oder andere Bundesländer verliert oder in die Arbeitslosigkeit schickt. (Siehe auch hier.)

Warum wollen denn zu viele junge Leute ins Lehramt Gymnasium und zu wenige in die Grundschule? Die Antwort ist einigermaßen offensichtlich und doppelt: Prestige + Kohle.

Prestige

Das Ansehen von Gymnasiallehrer:innen in der Gesellschaft und in der Lehrerschaft ist generell höher als das von Grundschulleuten. Warum? Weil sie wissenschaftlicher studiert haben (manchmal auch länger) und schwierigere Sachen unterrichten können. Und weil der Glaube vorherrscht, mit kleinen Kindern Schule machen, das könne doch wohl so ungefähr jeder. Wir haben es mit einem in der Gesellschaft tief verwurzelten Irrtum zu tun: Die Wissenschaftlichkeit des höheren Lehramtes sei doch wohl wertvoller oder wichtiger für die Ausbildung unseres Nachwuchses als die pädagogische Kompetenz des Grundschullehramts. An dieser vielfach unbewussten Annahme habe ich erhebliche Zweifel; will jetzt aber nicht näher darauf eingehen, um zum zweiten Punkt zu kommen:

Daran hängt doch einiges.

Kohle

Oder sachlicher: Besoldung. Die im Prestige-Absatz angesprochenen Gründe haben dazu geführt, dass Lehrer:innen im Gymnasium mindestens eine Gehaltsstufe höher eingruppiert sind als die in der Grundschule. Und weniger Stunden unterrichten müssen. Und bessere Aufstiegsmöglichkeiten haben. Es ist also eine sehr vernünftige Überlegung, lieber Gymnasiallehrerin zu werden als Grundschullehrerin.

Gegensteuern?

Diese Mechanismen sind seit Jahrzehnten bekannt. Sie bestimmen die Entscheidungen der jungen Leute, und da hätte man – hätten also die verantwortlichen Kultusminister – gegensteuern können oder sogar müssen. Dass sie das nicht getan haben, mag damit zusammenhängen, dass sie (wie Sibler) selbst Gymnasiallehrer waren oder als ehemalige Gymnasiasten selbst das Prestige ihres Lehrkörpers aufgesogen haben oder (nicht zuletzt) immer wussten, dass ihnen der bayerische Philologenverband an die Gurgel geht, wenn sie vom Prestige oder Sold etwas wegzunehmen gedacht hätten oder die Grundschulleute auf ein höheres Schild hätten heben wollen.

Mit diesen Überlegungen sind wir aber nicht am Ende der Fehlerkette angelangt. Es gibt noch einen Fehler in der Struktur, der sich im allgemeinen Versagen auswirkt.

Der Webfehler in der Struktur

Fast ebenso lange wie die fünf verschiedenen Lehrämter (Grundschule – Hauptschule – Realschule – Gymnasium – Sonderschule) mit ihren zu Quasi-Naturgesetzen geronnenen Privilegien und Besoldungen gibt es die Vorschläge einer flexibleren Lehrerbildung, so dass eine ausgebildete Lehrkraft nicht immer nur in dieser einen Schulart eingesetzt werden kann, sondern auch in mehreren. Wäre es wirklich ein Problem, einen Hauptschullehrer, der eine M10 nachweislich zu guten Abschlüssen führen kann, auch im Gymnasium bis zur 10. Klasse einzusetzen? Und umgekehrt? Für viele (oben) geht da eine Sirene mit Warnlicht an und plärrt: „Sakrileg!“. Währenddessen gehen tatsächlich etliche Realschul- und Gymnasiallehrer:innen in die so genannte „Zweitqualifikation“ und ziehen eine Beschäftigung in Grund- und Mittelschule (so heißt die Hauptschule in Bayern ja jetzt) der Arbeitslosigkeit vor. Um es deutlich zu machen: Sie nehmen zusätzliche Mühe auf sich, um mehr zu arbeiten und weniger zu verdienen. Wie krank ist das denn? Also nicht von den Kolleg:innen, sondern von der Struktur.

Fäden verknüpfen

Um die Zusammenhänge zu verdeutlichen, verknüpfen wir jetzt ein paar Fäden: Ich habe oben nicht umsonst die Parteizugehörigkeit der Kultusminister(innen) festgehalten. Es sollte deutlich werden, dass in Bayern „schon immer“ die CSU die Kultusminister stellte. Und diese Partei hat sich ideologisch so festgefahren auf das gegliederte Schulsystem, dass sie es überhaupt nicht mehr denken kann, Lehrer anders als auf die Schularten auszubilden. Hier noch mal als Beispiel die (un)schöne Geschichte des ehemaligen Kultusministers Hans Maier, der 1976 den flexiblen oder „Stufenlehrer“ als „Trojanisches Pferd“ gegen das gegliederte Schulwesen desavouiert um die Gemeinschaftsschule in Bayern zu verhindern. Das Versagen, also der aktuelle Lehrermangel, hat Geschichte.

Und nun nehmen wir den Faden zum Anfang wieder auf, zu unserem Kultusminister Piazolo. Angesichts der dargestellten Zusammenhänge erscheint er als ein Opfer der geschichtlichen Fehlentscheidungen seiner Vorgänger:innen. Aber wenn man sich sein erstes Statement als Kultusminister anschaut, erkennt man seinen Anteil am Problem:

„Als langjähriger Bildungspolitiker freue ich mich über die verantwortungsvolle Aufgabe als Kultusminister, das differenzierte bayerische Schulwesen in die Zukunft zu begleiten – und zwar gemeinsam mit allen, die aktiv das Schulleben gestalten!“

Das „differenziert“ hat er bewusst gleich an den Anfang seiner neuen Tätigkeit gestellt. Damit ist klar, dass von ihm nicht zu erwarten ist, er könnte außerhalb der Box denken, die das gegliederte Schulwesen darstellt. Damit ist eine flexible Lehrerbildung nicht möglich, weil wieder nur für eine bestimmte Schulart studiert werden kann, weil Prestige, Privilegien und Besoldung nicht angetastet werden dürfen. Damit vertritt er klar das Denken, das ihn in seine verzwickte Situation hineinmanövriert hat und solche unsäglichen Briefe bewirkt. Er findet keinen Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmöglichkeit.

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