Fail #50: Den Volkssturm mobilisieren

Sie kennen den Ausdruck „Volkssturm“? Wikipedia erläutert ihn als „eine deutsche militärische Formation in der Endphase des Zweiten Weltkrieges“, in der alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 aktiviert wurden. „gemeinsam.Brücken.bauen“ – so heißt das Konzept, in genau dieser Aufmerksamkeit heischenden und bürokratisch bemühten Interpunktion, das leider mit dem Volkssturm einige Parallelen hat.

Das bayerische Kultusministerium möchte mit diesem Förderkonzept erreichen, dass durch Corona bedingte Lernlücken geschlossen werden – auch und gerade in den Sommerferien! Wenn man genauer hinsieht, dann wird deutlich, dass auch schöne Worte nicht die Teufel vertreiben können, die sich im Detail verstecken.

Wo ist die Parallele?

Die Probleme werden schon gleich auf der KM-Website sichtbar: Neben schönen Worten und einer ansprechenden Grafik findet sich da die Überschrift „Zur Vermittlungsbörse“. Ein Klick auf den Link öffnet eine neue Seite mit der großen Überschrift „Vermittlungsbörse für Aushilfsnehmer (Vertretungs- und Team-Lehrkräfte) sowie Unterstützungskräfte“.

Aushilfen und Unterstützungskräfte? Wer soll das denn sein? Weitere Links führen zu dieser Aufzählung (Hervorhebungen im Original):

  • Personen mit abgeschlossenem Lehramtsstudium (1. und 2. Staatsprüfung) aller Schularten, die nicht im staatlichen Schuldienst stehen oder bereits pensioniert sind.
  • Aktuelle und ehemalige reguläre Vertretungs- bzw. Team-Lehrkräfte
  • Personen mit einem anderen abgeschlossenen Hochschulstudium (Master, Magister, Diplom, auch Bachelor; sonstige Staatsexamina)
  • Lehramtsstudierende aller Schularten können den finanziellen vergüteten Einsatz als Unterstützungskraft zu einem Teil auf ein Pflichtpraktikum anrechnen lassen.
  • Studierende aller Fächer
  • Personen mit Erfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit wie zum Beispiel Betreuerinnen und Betreuer im Ganztag bzw. der Erwachsenenbildung (z. B. Dozenten der Volkshochschulen)

Die Altersspanne reicht hier also von unter Umständen noch nicht 20-jährigen Student*innen bis hin zu über 65-jährigen Personen im Ruhestand mit allen möglichen Vor-Bildungen, Hauptsache irgendwas mit Kindern und Jugendlichen. Das also sind die Vergleichspunkte für die historisch natürlich wesentlich tragischer liegende Parallele, die von mir – diese Aussage muss ich zum Schutz gegen Missverständnisse hier treffen – natürlich überhaupt nicht verharmlost werden soll!

Zentralbild II.Weltkrieg 1939-1945 Männer eines Volkssturmbattaillons in Frankfurt (Oder) haben eine Verteidigungsstellung am Fluss besetzt. 12.2.1945 Scherl Bilderdienst, Fotograf: Pincornelly

Die letzten Reserven aktivieren

Sollte die Problematik noch nicht deutlich geworden sein: Die durch die Pandemie und die Schulschließungen verursachten Lernlücken sollen durch ehemalige Profis und Amateure geschlossen werden. Damit verbinde ich nicht eine Abwertung der Personen, die sich dankenswerter Weise für diese Aufgabe zur Verfügung stellen, sondern eine Kritik an der Tatsache, dass hier die schiere Verzweiflung eines Kultusministeriums sichtbar wird, das es seit Jahren nicht schafft, Lehrkräfte in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu stellen. Die Suppe, die der Freie Wähler Piazolo derzeit auslöffeln muss, hat ihm allerdings die CSU eingebrockt, die vor ihm Jahrzehnte lang das Kultusministerium besetzt hatte. Es werden nun also die letzten Reserven mobilisiert um Lernlücken zu füllen.

Die Aktivität des Kultusministeriums – bzw. der bayerischen Staatsregierung – beschränkt sich darauf, das Förderprogramm zu publizieren und die Gelder dafür zur Verfügung zu stellen. Die Rekrutierung und Aktivierung des – Verzeihung – Volkssturms wird an die Schulleitungen vor Ort delegiert. Also wir, die wir schon das ganze Schuljahr über an Wochenenden und während der Ferien auf Stand-by geschaltet waren, die kurzfristigen Verlautbarungen für Kollegium und Elternschaft übersetzen und ständig neue Stundenpläne erstellen, mit Maskenverweigerern, Testverweigerern und generell Unzufriedenen kommunizieren mussten, wir sollen uns jetzt auch auf die Suche machen nach dem Personal, das die Sommerschule halten könnte. Das geht laut Aussage unseres Schulamtsdirektors so weit, dass wir auch Zeitungsannoncen aufgeben sollten, wenn wir auf andere Weise niemand finden!

Symbolbild Schulleiter immer im Dienst
In diesem Schuljahr wie ein Notarzt ständig im Dienst und auf Abruf: Schulleiter. (Symbolfoto. Quelle: unsplash)

Sollte das alles sich bewerkstelligen lassen, wir finden halbwegs geeignete Personen, und die Eltern bringen ihr Kind während der Sommerferien ins Schulhaus (kein Schülertransport!), dann haben wir Schulleiter auch selbstverständlich die Aufsicht über das Geschehen, tragen also die Verantwortung. Und damit der „Unterricht“ während der Sommerferien einigermaßen Hand und Fuß hat, muss ich natürlich von meinen Kolleginnen und Kollegen erwarten, dass sie für die zu beschulenden Kinder etwas vorbereiten: präzise Hinweise auf die zu füllenden Lücken und am besten auch ein paar Buchseiten, Internetlinks oder Arbeitsblätter, mit denen die Sommerlehrkräfte dann arbeiten können.

Was sagen die Verbände?

Der Bayerische Schulleitungsverband findet das Ganze ebenso witzlos wie ich und formuliert in einem Newsletter:

Das Förderkonzept gemeinsam.Brücken.bauen stellt Schulleitungen vor nahezu unlösbare Herausforderungen. Insbesondere die Personalakquise, die Einstellung und dazu die Qualifizierung des Personals im vorgegebenen Zeitrahmen ist unmöglich. Ginge es nach dem KM hätten alle Schulen bereits mit Phase I begonnen.
Einmal mehr offenbaren die Verantwortlichen des Kultusministeriums ihre Praxisferne und die fehlende Kenntnis über die tatsächliche Situation an den Schulen. Lehrermangel wird verschwiegen, gleichzeitig erhalten Schulleitungen den Auftrag externes Personal ohne fachliche Qualifikation zu suchen. Die bildungspolitischen Versäumnisse der letzten Jahre werden geleugnet, stattdessen wird in der Öffentlichkeit suggeriert, die Politik „habe alles im Griff“.

Der Philologenverband BW reagiert ebenfalls auf die Lernlücken-Problematik, macht allerdings alternative Vorschläge, die ich gern unterschreibe (Hervorhebungen im Original):

1. Pädagogisch ausgebildete, fachlich kompetente Lehrkräfte machen den besten Unterricht. Deswegen muss die laufende Einstellung aufgestockt werden, damit die Lernlücken bestmöglich aufgearbeitet werden können.

3. Es muss damit begonnen werden, die Klassengrößen schrittweise, Jahr für Jahr, abzusenken, um den Lehrkräften die Zeit zu geben, die sie brauchen, um die Schüler zu unterstützen und zu fördern.

4. Die Schulleitungen haben in der Corona-Zeit organisatorisch fast Übermenschliches geleistet; sie mussten häufig neue, meist kurzfristige Regelungen binnen maximal drei Tagen umsetzen und waren zu ständigen Umplanungen gezwungen. Deshalb muss zwingend die sofortige Entlastung der Schulleitungen (Schulleitungsprogramm 2. Tranche) erfolgen, …

5. Um die durch die Isolation während Corona verloren gegangene Zeit für die Persönlichkeitsbildung nachzuholen und das soziale Lernen zu fördern, sollte in der Unter- und Mittelstufe jeweils eine Klassenlehrerstunde in der Stundentafel verankert werden.

Ceterum censeo

Um das für den Bereich Grund- und Mittelschulen in Bayern Nötige noch einmal festzuhalten:

Die Grundschullehrerinnen (in der Regel sind es Frauen) haben von allen Schularten die höchste Unterrichtsverpflichtung und die geringste Bezahlung. Diese Umstände wurden gerade in diesem besonders herausfordernden Schuljahr durch ein verpflichtenden Arbeitszeitkonto und andere Maßnahmen noch weiter erschwert. Ist es da ein Wunder, dass es einen immer größeren Lehrerinnenmangel an Grundschulen gibt?

GS-Lehrerin mit Fragezeichen
Woher nehmen, wenn sie alle ans Gymnasium wollen: Grundschullehrerinnen? (Symbolbild. Quelle: pixabay)

Also: Diesen Beruf attraktiver machen, indem er zum Beispiel genauso besoldet wird wie an Realschulen, Gymnasien, Sonderschulen und Berufsschulen.

Seit Jahrzehnten beobachten wir in Bayern den Schweinezyklus: Mal sind es zu viele neu ausgebildete Lehrkräfte an Realschulen und Gymnasien, mal sind es zu wenige. An den Grund- und Mittelschulen sind es seit vielen Jahren zu wenige (siehe das letzte Hauptschullehrerexemplar).

Also: Einführung des Lehramts als Stufenlehrer. Ein/e Stufenlehrer/in studiert Primarstufe, Sekundarstufe I oder Sekundarstufe II und kann damit in jeder Schulart eingesetzt werden.

Für die nicht im Kultusdeutsch geschulten LeserInnen:

Primarstufe = Jgst. 1 bis 4 an Grundschulen; mit entsprechenden Schwerpunkten im Studium auch an Sonderschulen/Förderzentren

Sekundarstufe I = Jgst 5 bis 10 an Mittel-, Real- und Sonderschulen und Gymnasien (mit Schwerpunktsetzung im Studium auf Jgst. 5 bis 7 oder 8 bis 10)

Sekundarstufe II = Jgst 11 bis 13 an Gymnasien, Fachoberschulen, Berufsschulen und Berufsoberschulen

Es könnte so einfach sein, wenn nicht so viele Ideologien und Traditionen im Weg stehen würden, besonders in Bayern!

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