Fail #58: Thüringen 2 – Bayern 0

Was den Umgang mit dem Lehrermangel betrifft, so führt Thüringen mit Zwei zu Null gegen Bayern – ein thüringischer Treffer und ein bayerisches Eigentor. Während wir hier die fehlenden Lehrer*innen garantiert nicht dadurch gewinnen werden, dass wir ihre Arbeitsbedingungen erschweren, oder durch vorübergehende Beschäftigung von Offiziersanwärtern akute Lücken schließen, haben die Thüringer reagiert und sich gute Chancen erspielt. Simon Schick, der ausgebildete Gymnasiallehrer, der in diesem Blog bereits berichtete, wie er von bayerischen Schulen verschmäht wurde, schildert uns seinen Schritt über die Grenze.

Das Leiden…

… mit dem Bildungssystem scheint kein Ende zu nehmen, aber zumindest fand ich einen Lichtblick im Freistaat Thüringen, wo man nach ebenfalls total verfehlter, jahrelang völlig verplanter Personal- und Schulpolitik zur Einsicht kam, grundlegend etwas ändern zu müssen.

Die Vorteile liegen auf der Hand (hier nur exemplarisch einige):
– Strukturierung in fünf große Schulämter innerhalb des Bundeslandes, die jegliche Form von Organisation und Verwaltung übernehmen.

– Dadurch kurze Dienstwege, klare sowie schnelle Kommunikation, auch Engagement in Sachen Personalakquise/-rekrutierung.

– Persönliches Interesse des Personals an klaren, fairen Verhältnissen (nicht nur meine, sondern auch fremde Erfahrung!).

– Neu geschaffene Anreize für eine Zusage (A13 für alle, sofortige Verbeamtung, Möglichkeit der Übernahme von 50% des Beitragssatzes in der GKV – ansonsten PKV mit bis zu 70% Beihilfe)
– Kurzum: Es wird Geld in die Hand genommen. Und für einen anständigen, würdigen Umgang mit Lehrpersonal gesorgt.

Ja, es ist sicherlich nicht alles Gold, was glänzt, aber man gibt sich Mühe dabei, neue Lehrer anzuwerben, ordentlich zu behandeln und zu besolden, sowie aus der unrühmlichen Vergangenheit (einst Abschaffung der Verbeamtung von Lehrkräften) zu lernen.

Was ich beim Freistaat Bayern und der Reg. Oberfranken in meiner Ausbildung sowie Anstellung als Lehrer erleben musste, sollte niemand mitmachen. Und doch gibt es Hunderte, ja Tausende, die in ähnlich beschissenen, entschuldigen Sie, ich meinte, „prekären“ Verhältnissen malochen müssen.
In Thüringen finde ich ab dem 01. August meine neue (berufliche) Heimat als verbeamteter Gymnasiallehrer (an einer Gemeinschaftsschule!). Ich freue mich auf diese Tätigkeit, scheint sie doch sehr vielversprechend und abwechslungsreich zu sein.

Ich weine Bayern ehrlich gesagt keine Träne nach, obwohl ich es nach wie vor nicht verstehen kann, dass man seit Jahren quasi keinen einzigen Lehrer mit Latein/Englisch (und einigen anderen Kombinationen) verbeamtet hat. An den hiesigen Gymnasien (Raum Bamberg, Forchheim, Schweinfurt, Coburg…) besteht ein enormer Mangel an Sprachlehrern und dabei besonders an Englischlehrern. Aber auch der Lateinunterricht fällt allenthalben aus. Generell fällt der Unterricht in den Hauptfächern überproportional häufig aus – detaillierte Infos dazu habe ich von 7 Gymnasien. Es herrscht an den meisten Schulen ein enormes Chaos, das niemand wirklich zu beseitigen versucht.

Auf Nachfrage, ob an solchen von hohem Unterrichtsausfall betroffenen Gymnasien ein Lehrer (übergangsweise) gebraucht würde, denn man sei bereit, Unterricht zu erteilen, bekam ich im vergangenen halben Jahr keinerlei Antwort.

Die Einstellungspolitik selbst städtischer Gymnasien ist jedoch an Absurdität kaum zu überbieten.

Die Einstellungspolitik selbst städtischer Gymnasien ist jedoch an Absurdität kaum zu überbieten. So beklagte sich neulich der Direktor des städtischen Gymnasiums Erlangen medienwirksam in der Regionalzeitung darüber, weit und breit keinen einzigen gymnasialen Englischlehrer (und Deutschlehrer) finden zu können, denn der Arbeitsmarkt sei absolut leergefegt – dabei hatte ich mich just einen Monat zuvor ebendort um solch eine ausgeschriebene Stelle beworben, woraufhin mir die Konrektorin – die nebenbei bemerkt demnächst selbst dort „die Segel streicht“ – einfach so wort- und grundlos absagte. So viel zum Lehrermangel an Gymnasien.


Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Glück und Freude an der Schulfront, vielleicht auch ein wenig Zufriedenheit, zumindest solange Sie noch aktiv sein werden.
Allerdings kann man wohl kaum mit den herrschenden Zuständen zufrieden sein, zumal das System (gerade in Bayern) gewiss kollabieren wird. Wie dann langfristig die Bilanz der eigenen Arbeit aussehen soll, ist doch mehr als fraglich.

Seien Sie gegrüßt und leben Sie wohl!

Simon Schick

So attraktiv ist das bayerische Spielfeld aus Sicht vieler Lehrkräfte. Bild von dukha auf Pixabay

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