Fail #49: Die KMK hat es noch nicht begriffen

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat am 15.10.2020 eine „Ländervereinbarung über die gemeinsame Grundstruktur des Schulwesens und die gesamtstaatliche Verantwortung der Länder in zentralen bildungspolitischen Fragen“ beschlossen. Klar kann so ein Dokument nicht alles abdecken, was für die Bildung wichtig ist. Aber in meinen Augen fehlt da etwas Wesentliches.

Aufgeblasen

Ohne große Worte geht es natürlich nicht:

Dr. Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und rheinland-pfälzische Bildungsministerin: „Heute ist ein historischer Tag für die Bildung in Deutschland. Die KMK hat mit der Ländervereinbarung und mit der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission wegweisende Entscheidungen getroffen, die weit über den heutigen Tag hinauswirken und den Bildungsstandort Deutschland nachhaltig stärken werden.“

„Wegweisend“, „weit über den heutigen Tag hinaus“, „nachhaltig“ – man muss die übliche politische Begriffsinflation nicht überbewerten, aber an einem bestimmten Punkt muss ich einhaken.

Stefanie Hubig
Stefanie Hubig (SPD), Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz, KMK-Präsidentin 2020. Quelle: Deutsches Ärzteblatt

Bildungs- und Erziehungsziele

Die führen wir uns mal in ihrer Gänze zu Gemüte:

(2) Ungeachtet regionaler Akzentsetzungen und einer historisch gewachsenen Betonung einzelner Aspekte hat sich über die Ländergrenzen hinweg ein übergreifendes Verständnis von Bildungs- und Erziehungszielen ausgebildet. Danach sollen Schülerinnen und Schüler an allen Schulen

a) Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten erlernen und dabei die jeweils notwendigen Kompetenzen erwerben,

b) zu Freude am Lernen und Leistungsbereitschaft angeregt werden,

c) zu selbständigem kritischem Urteil, zu eigenverantwortlichem Handeln und schöpferischer Tätigkeit befähigt werden, um im Sinne der Teilhabe zukünftig Aufgaben im sozialen Umfeld, in beruflichen Zusammenhängen und in der Gesellschaft aktiv wahrnehmen zu können,

d) zur Anerkennung von Freiheit und Demokratie geführt werden und dabei die Bereitschaft zu sozialem Handeln und zu politischer Verantwortungsübernahme entwickeln,

e) zur Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte erzogen werden,

f) zur Toleranz gegenüber anderen Meinungen, Auffassungen und Lebensweisen angeleitet werden, eine auf die Förderung des Friedens in Europa und der Welt und auf Völkerverständigung gerichtete Einstellung ausprägen und sich in ihrem Handeln an ethischen sowie religiösen und kulturellen Werten orientieren,

g) ermutigt werden, an europäischen und internationalen Austauschund Kooperationsprogrammen zur Erweiterung ihrer sprachlichen, interkulturellen sowie persönlichen Kompetenzen teilzunehmen,

h) die Bereitschaft entwickeln, Verantwortung zum Schutz der Umwelt zu zeigen und nachhaltig zu praktizieren. (Kultusministerkonferenz, S. 10)

Gerade mit diesem letzten Punkt gerät die KMK ins Schlingern.

Sie haben ihre eigene Vorstellung von Verantwortung für die Zukunft. Quelle: fridaysforfuture.de

Schulstreiks für Klima unterstützen oder bestrafen?

Die KMK als Ganzes hat sich tatsächlich noch zu keinem offiziellen Statement entschließen können. Die Wochenzeitung „Die Welt“ beschreibt das Dilemma zwischen der bürokratischen Forderung auf die Schulpflicht beharren zu müssen und der üblichen politischen Vermeidung von unpopulären Aussagen in diesem Artikel recht deutlich.

Also: Wie geht die KMK mit den von ihr aufgestellten Zielen „selbstständiges kritisches Urteil“, „eigenverantwortliches Handeln“ und „Verantwortung zum Schutz der Umwelt“ um. Kommt da noch was Konkretes?

Wie steht es um die Zukunft?

In welchem Zusammenhang kommen „Zukunft“, „zukünftig“, „Umwelt“, „Klima“ oder „nachhaltig“ vor?

In der Präambel kommt die Zukunft vor:

„Durch die Ausgestaltung und Weiterentwicklung eines modernen Bildungswesens tragen die Länder dazu bei, dass die nachfolgenden Generationen die Herausforderungen der Zukunft und einer sich wandelnden Welt auch im europäischen und internationalen Kontext bestehen können.“

Ansonsten nur noch im Zusammenhang mit dem beruflichen Bildungswesen und mit dem Ausbau von Ganztagsangeboten.

Umwelt kommt einmal vor, nämlich oben im Satz h).

Nachhaltig nur im Zusammenhang mit Ganztagsangeboten und ebenfalls oben im Satz h).

Klima findet keine Erwähnung.

KMK: Kein Auge für den Klimawandel. Quelle: pixabay

Wie ich schon in der Einleitung sagte, kann die KMK in solch einem Dokument nicht alle wichtigen Punkte in gebotener Ausführlichkeit erwähnen. Wenn sie sich jedoch einem Spezialgebiet ausführlicher zuwendet, fällt der Mangel an einem anderen um so stärker auf und ins Gewicht. Hier ist der Überblick aus dem Inhaltsverzeichnis:

  1. Unterabschnitt  – Übergreifende Grundsätze der Bildung und Erziehung
    Art.10 – Bildungs- und Erziehungsziele
    Art.11 – Integration
    Art.12 – Inklusion
    Art.13 – Lebenslanges Lernen
    Art.14 – Lernen in der digitalen Welt

Es werden also die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft in Bezug auf die Integration – gemeint ist damit überraschender Weise der Ausgleich von Herkunftsnachteilen, bzw. die Herstellung von Chancengleichheit -, auf die Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention und das lebenslange Lernen thematisiert. Auch die Herausforderungen der Digitalisierung kommen ausführlich zur Sprache.

Warum fehlt der Klimawandel?

Als Schulleiter ist man gewohnt, die täglichen Aufgaben nach dringend und wichtig zu sortieren: Was weder dringend noch wichtig ist, kommt in den Papierkorb; was nur dringend ist, aber nicht wichtig, wird normalweise delegiert; was wichtig ist, aber nicht dringend, muss geplant werden. Und das Dringende und Wichtige muss sofort angepackt werden.

Kann man daraus schließen, dass der Klimawandel für die Kultusministerkonferenz nicht dringend oder wichtig ist, nachdem sich auch auf der Homepage der KMK unter diesem Stichwort wenig Maßgebliches finden lässt? Vielleicht ist es auch so, dass sich die einzelnen LänderministerInnen an diesem Punkt nicht einigen konnten? Oder dass ihnen das Thema zu heiß ist und sie sich nicht die Finger verbrennen wollen? Jedenfalls ist keine Rede davon, dass das Haus bereits brennt und dass wir in Panik geraten sollten, wie die streitfreudige Greta es formuliert.

Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst der politischen Zurückhaltung – um nicht zu sagen: Unwilligkeit – in Sachen Klimaschutz einen heftigen Rüffel erteilt. So müsste man auch die KMK wachrütteln um endlich Stellung zu beziehen.

Aber es bedarf der ständigen Initiative von Schülerinnen und Schülern, auch einzelnen, damit Aufmerksamkeit geweckt wird und die politischen Entscheider einen offensichtlich notwendigen Tritt in den Allerwertesten erhalten um sich wirklich um die Zukunft zu kümmern.

Sie müssen es richten: die jungen Streikenden. Bild: pixabay

Literaturhinweis

Kultusministerkonferenz (Hrsg.). Ländervereinbarung über die gemeinsame Grundstruktur des Schulwesens und die gesamtstaatliche Verantwortung der Länder in zentralen bildungspolitischen Fragen. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 15.10.2020).

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