Argumente #28: Reformversuche und ideologische Barrieren in Deutschland

M. Demmer. Foto: Hochschulrat Siegen

„1920 – 2020, Schulreform in Deutschland – Eine (un)endliche Geschichte?!“. So hat Marianne Demmer ihre Betrachtung von 100 Jahren Schulpolitik in Deutschland genannt. Demmer war von 1997 bis 2013 Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und von 2005 bis 2013 deren stellvertretende Vorsitzende. Sie ist Mitglied des Hochschulrats der Universität Siegen.

Der Band wird herausgegeben vom Bündnis „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“, bestehend aus der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dem Grundschulverband (GSV), der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule“ (GGG), der Aktion Humane Schule (AHS) und der Politik gegen Aussonderung (PGA).

Hier zitiere ich die Pressemeldung zur Veröffentlichung des Reformbandes mit Datum vom 18.05.2021:

Blinde Flecken der Corona-Politik: Schule muss inklusiv werden

Bündnis „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“ veröffentlicht Broschüre zu 100 Jahre Schulreform

Frankfurt a.M. – Das Bündnis „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“ macht sich für einen Kurswechsel in der Politik stark und mahnt die inklusive Schule für alle Kinder an. „Die Corona-Schulpolitik ist kurzsichtig, betriebs- und geschichtsblind. Die Probleme, die den Umgang mit der Pandemie erschweren, lassen sich weit in die deutsche Vergangenheit zurückverfolgen“, sagte Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mit Blick auf die Veröffentlichung einer Broschüre zu 100 Jahren Schulreform in Deutschland. „In der Corona-Krise haben wir die Erfahrung gemacht, dass Schulen, die das selbstständige und inklusive Lernen der Schülerinnen und Schüler fördern und Vielfalt wertschätzen, besser für die Herausforderungen der Pandemie gerüstet waren. Das zeigen auch die aktuellen Preisträger-Schulen des Deutschen Schulpreises.“

Die Broschüre des Bündnisses mache deutlich, dass das Schulsystem der Zukunft – vor allem angesichts der Pandemie-Erfahrungen – gerechter, inklusiver und demokratischer werden muss. „Über Fragen des Gesundheitsschutzes, der Digitalisierung oder des Aufholens von ‚Lernrückständen‘ hinaus müssen die Kultusministerien endlich auch die selektiven und benachteiligenden Strukturen und Routinen abbauen, um das Schulsystem krisenfest und gerechter zu machen“, betonte Hoffmann.

Broschüre von Marianne Demmer
Schulreform in Deutschland. Eine (un)endliche Geschichte?!

Die Veröffentlichung „1920 – 2020. Schulreform in Deutschland – Eine (un)endliche Geschichte?!“, die Marianne Demmer, ehemaliges langjähriges GEW-Vorstandsmitglied, im Rahmen der Schriftenreihe des Bündnisses verfasst hat, zeigt aus historischer Perspektive die Gründe für die „steckengebliebene“ Schulreform in Deutschland auf. Reichsschulkonferenz und die Schulkompromisse der Weimarer Republik jährten sich 2020 zum 100. Mal.

„100 Jahre sind Anlass genug, innezuhalten und endlich Konsequenzen zu ziehen. Die Probleme und Argumente gegen ein gerechteres Schulsystem und inklusivere Strukturen ähneln sich leider bis heute“, betonte Dieter Zielinski, Vorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule – Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens (GGG). „Unsere Broschüre zeigt, wie tief das gegliederte Schulsystem mit dem zusätzlichen Sonderschulsystem noch im ständischen Denken des vorletzten Jahrhunderts verankert ist“, sagte Zielinski. „Die Gesamt- und Gemeinschaftsschulen sind weiterhin die Stiefkinder der deutschen Schulpolitik, obwohl sie nachweislich alle Lernenden gut fördern und es am ehesten schaffen, den Lernerfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln“, stellte er fest.

Das gegliederte Schulsystem ist noch tief im ständischen Denken des vorletzten Jahrhunderts verankert.

„Noch immer werden Kinder in Deutschland zu früh selektiert“, kommentierte Edgar Bohn, Vorsitzender des Grundschulverbands, die Veröffentlichung. Deutschland hinke in Sachen Schulstruktur und Schulorganisation weiter anderen Ländern hinterher, in denen die Kinder viel länger gemeinsam lernen, ergänzte der Grundschul-Experte. „Das setzt die Grundschule, die vergleichsweise gut mit Vielfalt umgeht, unnötig unter Druck. Es kann nicht sein, dass bereits zehnjährigen Kindern signalisiert wird, welche Berufe für sie in Frage kommen. Zu den ‚blinden Flecken‘ der Corona-Politik gehört die Vererbung von Bildungsprivilegien und Bildungsarmut. Damit muss endlich Schluss sein“, so Bohn.

Aus Sicht des Bündnisses „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“ hätten die Kultusministerinnen und -minister mit ihrer „Ländervereinbarung“ vom Oktober vergangenen Jahres und ihrem Pandemie-Fokus auf Übergänge, Abschlüsse und Leistungen ein weiteres Mal signalisiert, dass sie die selektiven und benachteiligenden Strukturen im Schulwesen nicht in Frage stellen.

Angebot an die Vertreterinnen und Vertreter der Medien:
Gerne vermitteln wir Ihnen ein Interview mit der Autorin der Broschüre, Marianne Demmer. Bitte wenden Sie sich hierzu an den GEW-Pressesprecher Ulf Rödde.
Auf Anfrage an Frau Bühler (edda.buehler@gew.de) senden wir Ihnen gerne ein kostenloses Exemplar der Veröffentlichung „1920 – 2020. Schulreform in Deutschland – Eine (un)endliche Geschichte?!“.

Info:

Marianne Demmer: 1920 – 2020. Schulreform in Deutschland – Eine (un)endliche Geschichte?! Schriftenreihe „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“ Nr. 7, Mai 2021.
Der Band aus der Schriftenreihe des Bündnisses „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“ sucht Antworten auf die Frage, warum es in Deutschland so schwierig ist, Schulstruktur und -organisation zu vereinfachen sowie lernfreundlich, inklusiv und effektiv auszugestalten. Die Autorin, Marianne Demmer, legt Parallelen von reformpädagogischen Ansätzen und Widerständen damals und heute anhand von Zahlen, Daten, Fakten und Dokumenten offen. Sie zeichnet nach, welche Funktion Konstrukte wie Begabung und Leistung für die Schulstruktur haben und wie die Themen Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit bis heute „Stachel“ der Schulpolitik in Deutschland geblieben sind. So werden Meilensteine verständlich, an denen „große“ Schulreformen weniger gelungen als gescheitert sind und warum Deutschland – auch im internationalen Vergleich – in entscheidenden Fragen noch viel Spielraum nach oben hat.

Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit bis heute „Stachel“ der Schulpolitik in Deutschland

Zur Autorin: Marianne Demmer war von 1997 bis 2013 Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und von 2005 bis 2013 deren stellvertretende Vorsitzende. Demmer ist Lehrerin. Sie sagt von sich: „Ich bin eine typische Bildungsreserve: weiblich, vom Lande und erste Akademikerin in der Familie.“


Das Bündnis „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“ besteht aus folgenden Organisationen: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Aktion Humane Schule (AHS), Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG) – Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens, Grundschulverband (GSV), NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“ sowie Politik gegen Aussonderung – Koalition für Integration und Inklusion (PogA)

Kontakt:

Ulf Rödde – GEW-Pressesprecher: 069 / 789 73-114, ulf.roedde@gew.de
Ilka Hoffmann – GEW-Vorstandsmitglied Schule: 0171 / 180 95 74, ilka.hoffmann@gew.de
Dieter Zielinski – GGG-Vorsitzender: 0431 / 18402; 01520 / 81 28 456, dieterzielinski@ggg-web.de
Edgar Bohn – GSV-Vorsitzender: 0151 / 67 20 28 35, edgar.bohn@grundschulverband.de

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