Faktencheck #88: Krankheit Lehrermangel und Therapieansätze

Unser Schulsystem leidet unter Lehrermangel – nicht nur derzeit, sondern über die Jahrzehnte immer wieder. Das deutet auf eine Systemkrankheit, die gründlich untersucht werden sollte, ehe dann geeignete Therapien vorgeschlagen werden. Im Folgenden beschreibe ich kurz den aktuellen Zustand anhand von Schlaglichtern und zitiere dann aus einem Aufsatz von Klaus Klemm, der einige Punkte gut bündelt.

Aktuelle Lage (Juni 2022)

Simone Fleischmann. Foto BLLV

Simone Fleischmann, die Präsidentin des BLLV sagte gestern:

„Das Schulbarometer bestätigt schwarz auf weiß, was wir in der Praxis täglich erleben: Lehrkräfte sind durch die Strapazen, bei ständigem Lehrermangel unter Corona-Bedingungen hochwertige Bildung vorhalten zu wollen, zunehmend ausgelaugt – und jetzt haben sie auch noch die Integration von Kindern und Jugendlichen mit teils großen Nöten und Sorgen zu stemmen.“

Sie verweist dabei auf eine Untersuchung des Deutschen Schulbarometers (eine Initiative der Robert-Bosch-Stiftung), die bundesweit ungefähr 1000 Lehrkräfte aus allen Schularten befragte und u.a. gefährlich hohe Zahlen für empfundene Belastungen ergab:

92 Prozent der Lehrkräfte sagen, dass ihr Kollegium aktuell sehr hoch oder hoch belastet ist. 84 Prozent der Lehrkräfte geben ihre eigene Arbeitsbelastung mit (sehr) hoch an. Grundschullehrkräfte haben bei beiden Belastungserleben einen überdurchschnittlichen Wert…

Im Durchschnitt gibt deutlich mehr als die Hälfte der Lehrkräfte an, dass sie täglich oder häufig an körperlicher Erschöpfung (62 Prozent) leiden. Etwa die Hälfte der Lehrkräfte nennt als weitere Beschwerden mentale Erschöpfung (46 Prozent)…

Die körperlichen Beschwerden steigen mit der Höhe der Unterrichtsstunden tendenziell an. Lehrkräfte, die aktuell mit ihrem Beruf sehr/eher unzufrieden sind, erreichen überall weit überdurchschnittliche Werte.

Udo Beckmann. Foto Friedhelm Windmueller

Ebenfalls gestern brachte Udo Beckmann, der Vorsitzenden des Bundesverbandes Bildung und Erziehung (VBE), den systembedingten Mangel und die Belastungen der Lehrkräfte auf den Punkt:

„Das, was wir an Schule nicht erst seit gestern erleben, ist ein sich selbst verstärkender Teufelskreis. Personalmangel und immer neue Aufgaben führen zu zusätzlichen Belastungen bei den Lehrkräften, die im System sind. Höhere Krankenstände sind zwangsläufig die Folge. Das erhöht wiederum die Arbeitsbelastung der verbleibenden Fachkräfte und gefährdet deren Gesundheit zusätzlich.“

Die Krankheit und ihre Symptome ist damit einigermaßen klar umrissen, ihre inneren Wurzeln sind angedeutet; schauen wir nun, was Klaus Klemm dazu zu sagen hat.

Klaus Klemm: Zum Mangel an Grundschullehrkräften


Klemm, K. (2022). Zum Mangel an Grundschullehrkräften. In I. Mammes & C. Rotter (Hrsg.), Professionalisierung von Grundschullehrkräften. Kontext, Bedingungen und Herausforderungen (S. 304–314). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.


Klemm knüpft an die von Georg Picht 1964 veröffentlichte Arbeit „Die deutsche Bildungskatastrophe“ an und die Reaktionen, die darauf erfolgen. Seine Vorschläge 1 bis 6 sind als kurzfristige Maßnahmen gedacht, der siebte als längerfristig wirksame.

Folgen von Pichts Vorhersage einer „Bildungskatastrophe“

Bei den jungen Leuten kam diese Botschaft an: Während 1965 lediglich 17.100 Lehramtsprüfungen gezählt wurden, schlossen zehn Jahre später (1975) 40.400 Lehramtsstudierende ihr Studium erfolgreich ab (BMBF 1987, 184). Dies geschah genau in dem Jahr, in dem die Geburtenzahlen von den bereits erwähnten 1,1 Mio. in 1965 auf 1975 nur noch 0,6 Mio. zurückgegangen waren (Statistisches Bundesamt 2016, 3): Bildungsexpansion traf ‚Pillenknick‘. Diese Geschichte lässt sich fortschreiben: Auf Grund dieses Geburtenrückgangs zeichneten sich für die achtziger Jahre sinkende Schülerzahlen und damit verbunden ein Lehrkräfteüberschuss ab. Die Länder reagierten darauf schon zu Beginn der achtziger Jahre: 1981 gab es für gut 28.000 Absolventen eines Lehramtsstudiums nur noch gut 20.000 Plätze im Vorbereitungsdienst – mit weiter fallender Tendenz (KMK 2000,9). Dies führte zu einem abrupten Einbruch der Zahl der Anfänger und Anfängerinnen eines Lehramtsstudiums: 1975 wurden noch gut 40.000 gezählt, 1985 dagegen nur noch gut 11.000 (BMBF 1990, 152). (Klemm 2022, S. 304–305)

Bildungsexpansion traf Pillenknick

Klaus Klemm

Typischer Schweinezyklus

Abschätzungen zum künftigen Lehrkräftebedarf werden in einem demographischen Kontext erstellt. Das Volumen der Lehrkräfteausbildung orientiert sich daran und führt – zeitlich versetzt – zu einem Lehrkräfteangebot, das nur nachfragegerecht ist, wenn sich die demographischen Annahmen als einigermaßen zutreffend erweisen. Wenn sich die demographischen Annahmen aber als falsch, z. B. als deutlich überhöht herausstellen, entsteht je nach Ausbildungsdauer von Studium und Vorbereitungsdienst zeitlich versetzt ein Überangebot, das bei ausgebildeten Lehrkräften zu Arbeitslosigkeit führt. Das wiederum veranlasst junge studienberechtigte Schulabsolventinnen dazu, sich mit Blick auf den aktuellen Arbeitsmarkt prozyklisch zu verhalten und kein Lehramtsstudium aufzunehmen, was dann wiederum zeitlich versetzt zu Mangelsituationen führen kann – usw.! (Klemm 2022, S. 305)

Eigene Grafik

Vorschlag 1: Ruhestand freiwilig hinausschieben

Heraufsetzung des Eintrittsalters in den Ruhestand auf freiwilliger Basis: Deutschlandweit waren im Schuljahr 2019/20 insgesamt 24,1 Prozent der Lehrkräfte der Grundschulen 55 Jahre oder älter (Statistisches Bundesamt 2020). Sie werden in den kommenden 10 Jahren aus dem Schuldienst ausscheiden. Wenn man den jährlich altersbedingt den Schuldienst Verlassenden durch eine Erhöhung der Höchstbeträge für den Hinzuverdienst als Pensionär oder Pensionärin das Verbleiben im Schuldienst attraktiver gestaltet, spricht man ein beachtliches Reservoir, aus dem zusätzliche Unterrichtszeit gewonnen werden kann, an. (Klemm 2022, S. 310)

Persönliche Anmerkungen

(1) In Bayern wird das Ruhestandsalter sukzessive hinaufgesetzt und ist in keinster Weise freiwillig. Meines ist 65 Jahre + 10 Monate, das meiner jüngeren Frau, ebenfalls Lehrerin, liegt dann bei 67 Jahren + x. Für KollegInnen, die täglich ihr Bestes geben, ist das keine besonders motivierende Aussicht und folglich kontraproduktiv, deshalb hat Klemm Recht, wenn er es als freiwillige Maßnahme vorschlägt.

(2) Eine Kollegin, die zum 01.08.22 in Ruhestand versetzt wird, würde gern mit wenigen Stunden als Beamtin weiterarbeiten. Leider hat die Kultusverwaltung eine Mindestgrenze von 20 Wochenstunden festgesetzt. Das ist der Kollegin zu viel – sie ist Fachlehrerin und hat oft so große Gruppen, dass die Fachraumgrenzen überschritten werden. Die Alternative, mit wenigen Stunden auf Angestelltenvertrag weiterzuarbeiten, ist ebenfalls nicht attraktiv, weil selbst das Schulamt aufgrund der niedrigen Bezahlung mit dem Kopf schüttelt. Und das alles zu einer Zeit, in der jede Fachlehrerinnenstunde händeringend gesucht wird!

Viel Beanspruchung bei geringer Bezahlung – die Grundschullehrerin. Bild von Engin Akyurt auf Pixabay

Vorschlag 2: TZ freiwillig erhöhen

Heraufsetzung der je Stelle wöchentlich erteilten Unterrichtsstunden auf freiwilliger Basis: In Deutschland unterrichteten im Schuljahr 2018/19 insgesamt 46,7 Prozent aller Grundschullehrkräfte als Teilzeitbeschäftigte (Statistisches Bundessamt 2020). Wenn diesen Lehrkräften angeboten wird, ihre wöchentlich erteilten Unterrichtsstunden auf freiwilliger Basis zu erhöhen und wenn dies entweder mit einer entsprechenden Gehaltserhöhung oder mit der Gutschrift auf ein Arbeitszeitkonto (z. B. mit der Perspektive, dieses Konto für eine Arbeitszeitverkürzung in den letzten Berufsjahren zu nutzen) verbunden ist, kann dies zu einer spürbaren Steigerung des Wochenstundenangebots beitragen. (Klemm 2022, S. 310)

Persönliche Anmerkung

Klaus Klemm hat schon Recht, wenn er hier die Freiwilligkeit betont. In Bayern wurde die Teilzeitmindestgrenze für Grundschullehrkräfte von 21 auf 24 Wochenstunden erhöht, was für viele Kolleginnen die Work-Life-Balance ins Ungleichgewicht bringt.

Vorschlag 3: Familienfreundliche Arbeitsbedingungen

Wenn die Schulträger den Lehrkräften ihrer Grundschulen nach dem Beispiel zahlreicher Betriebe ‚Betriebskrippen‘, ‚Betriebskindergärten‘ oder ‚Betriebsganztagsschulen‘ zusichern würden, könnte die Zahl der Erst­eintritte in den Schuldienst erhöht sowie die der Beurlaubungen verringert werden. Auch ließe sich das Ausmaß der Unterrichtsreduzierung der Teilzeitbeschäftigten auf diesem Weg vermindern. (Klemm 2022, S. 311)

Vorschlag 4: SeiteneinsteigerInnen

Die Seiten- bzw. Quereinsteigerinnen sollten während der Qualifikationsphase mit einem verminderten Wochendeputat beschäftigt werden. Ihnen muss eine erfahrene Lehrkraft als Mentorin bzw. Mentor, die dafür gleichfalls eine Unterrichtsentlastung erhält, zur Seite gestellt werden. Sie sollten in der Zeit ihrer Qualifikation nicht in Eingangsklassen der Grundschulen eingesetzt werden. Besonders wichtig aber ist es, dass diese Gruppe künftiger Lehrkräfte auf die Schulen einigermaßen gleich verteilt werden. (Klemm 2022, S. 311)

Vorschlag 5: Vorgriffsstunden („Arbeitszeitkonto“)

Modell der ‚Vorgriffsstunden‘: Dieses Modell führte zu einer veränderten Verteilung der Lehrerarbeitszeit auf das Arbeitsleben der einzelnen Lehrkraft. In Nordrhein-Westfalen z. B. sah dieses Modell für alle Lehrkräfte der Altersgruppe 35 bis 49 für eine begrenzte Zeit (vorgeschlagen wurde damals eine Phase von sechs Jahren), aber höchstens bis zur Vollendung des 50. Lebensjahres, die wöchentliche Unterrichtsverpflichtung um eine Stunde zu erhöhen. Diese zusätzliche Unterrichtsverpflichtung von über die gesamte Laufzeit bis zu sechs Wochenstunden sollte den Lehrern und Lehrerinnen – beginnend mit dem 55. Lebensjahr – als angesparte Arbeitszeit in wiederum bis zu sechs Jahren zurückgegeben werden. Die Rückerstattung ist damals in Nordrhein-Westfalen auch tatsächlich erfolgt. (Klemm 2022, S. 311–312)

Persönliche Anmerkung

Die von Klemm vorgeschlagene Altersgrenze ist sehr sinnvoll und belastet relativ jüngere Jahrgänge. Bayern ist den anderen Weg gegangen und hat das Arbeitszeitkonto für ältere Jahrgänge verpflichtend eingeführt, so dass sie es ungefähr mit Erreichen der Pensionierungsgrenze wieder ausbezahlt bekommen haben – falls sie so lange im Schuldienst bleiben. Auch diese Maßnahme erscheint eher kontraproduktiv.

Wer will denn noch Grundschullehrerin werden? Bild von prettysleepy1 auf Pixabay

Vorschlag 6: Finanzielles Polster für schuleigene Lösungen

Da zu erwarten ist, dass auch bei Nutzung des gesamten Spektrums der Instrumente an vielen Schulen kein bedarfsdeckendes Unterrichtsangebot bereit gestellt werden kann, sollten die Haushaltsmittel, die dadurch an der einzelnen Schule nicht verausgabt werden, diesen Schulen kapitalisiert zur Verfügung gestellt werden. Dies böte den betroffenen Schulen die haushaltsmäßige Voraussetzung, außerhalb der hier beschriebenen Lösungswege eigene kreative Lösungen zu suchen und umzusetzen. (Klemm 2022, S. 312)

Persönliche Anmerkung

Es ist tatsächlich so, dass wir Schulleitungen über Gelder verfügen können und in begrenztem Ausmaß geeignetes Personal einstellen könnten – wenn wir es denn fänden. Als ob wir sonst nicht bis über die Maßen beschäftigt wären mit Corona, Inklusion, Schulentwicklung, verpflichtenden Projekten und Schulverwaltung sollen wir nun auch noch Personalgewinnung betreiben. Hier verlagert die personalzuständige höchste Ebene hilfloserweise das Problem auf die unterste.

Vorschlag 7: Nachqualifikation GS -> MS

Vor diesem Hintergrund könnte erwogen werden, den Studierenden des Primarstufenlehramtes anzubieten, durch ein zusätzliches Studienmodul die Qualifikation für den Unterricht in den Jahrgangsstufen 5 und 6 des nicht gymnasialen Sekundarbereichs I anzubieten. (Klemm 2022, S. 312)

Persönliche Anmerkung:

Diese Möglichkeit wurde in Bayern bereits eingeführt. Ob und in welchem Maß sie wahrgenommen wird, bleibt fraglich.

Persönliche Ergänzung

Man muss sich bei allen Vorschlägen vor Augen halten, dass es hier um Grundschullehrkräfte geht, die ohnehin die höchste verpflichtende Wochenstundenzahl haben und mit A12 Anfangsgehalt – das sich bei vielen von ihnen nie auf A13 erhöht – relativ schlecht bezahlt werden. Dass diese und die oben als Anmerkung eingefügten Punkte alles andere als attraktiv auf den akademischen Nachwuchs wirken, sollte deutlich sein. Leider lässt sich in Bayern an dieser fragwürdigen Regelung nichts ändern. Das erhöht die Aussicht auf weiteren Lehrkräftemangel im Bereich der Grundschule, was diese Arbeit immer unattraktiver erscheinen lässt, so dass immer weniger junge Menschen in dieser Sparte tätig sein wollen, so dass der LehrerInnenmangel in der Grundschule…

Danke, bayerische Staatsregierung!

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