Sichtweisen #63: Lehrermangel in Bayern

Auch das Bildungsmusterland Deutschlands – so jedenfalls das Selbstverständnis – hat nicht so viele Lehrer wie gebraucht werden. Aber halt: War da nicht was mit nicht eingestellten Lehrern? Wie passt das zusammen? Wo ist der Bruch im System?

Was wurde beschlossen?

Der Reihe nach: Letzte Woche hat das Kultusministerium den Lehrer/innen eröffnet, dass sie in Zukunft mehr arbeiten müssen. Allen Lehrer/innen? Nein, vor allem trifft es die Grundschullehrer/innen. Das sind die Maßnahmen:

(1) Erhöhung des Unterrichtsdeputats um eine Stunde auf 29 Wochenstunden. Diese eine Stunde soll fünf Jahre lang einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben und danach wieder zurückgegeben werden.

(2) Erhöhung der Mindestteilzeit von 21 auf 24 Wochenstunden. Schwerbehinderte und gleichgestellte Lehrkräfte sind davon ausgenommen. Bei Teilzeit in Elternzeit bzw. familienpolitischer Teilzeit ändert sich an den bisherigen Regelungen nichts.

(3) Lehrkräfte, Fach- und Förderlehrkräfte können weiterhin jeweils zum Schuljahresende den so genannten Antragsruhestand beantragen. Anträge auf einen Beginn des Antragsruhestands vor Vollendung des 65. Lebensjahres werden künftig allerdings in der Regel nicht mehr genehmigt.

(4) Neue Freistellungsmodelle wie so genannte Sabbatjahre können in den nächsten Jahren – unabhängig von der Dauer – allgemein nicht genehmigt werden. Bereits genehmigte Modelle können jedoch noch umgesetzt werden.

Wo ist das Problem?

Haben die Lehrkräfte vielleicht doch ein Luxusproblem – bei ungefähr 13 Ferienwochen pro Jahr geht es ihnen doch so schlecht nicht?!

Da gibt es so etwas wie ein Gerechtigkeitsproblem, das wiederum mit einem Anerkennungsproblem zusammenhängt.

Ist das gerecht?

Was den Grundschullehrer/innen so stark aufstößt, ist der Vergleich von Besoldung und Unterrichtspflichtzeiten:

Lehrerdienstvergleich

Materialistisch gedacht, ist das Grundschullehramt das unattraktivste. Es wird durch die temporäre Erhöhung der Arbeitszeit und der Mindestteilzeit nicht an Attraktivität gewinnen. Ob dann die 1000 neuen Studienplätze, die neu entstehen sollen, wirklich gebraucht werden, muss sich zeigen.

Außerdem soll es 3000 weitere (halbe) Beförderungen im Grundschulbereich geben, also von A12 auf A 12 plus Zulage, bzw. von A 12+Z auf A 13 (jeweils 264,63 Euro brutto). Bei 27.281 Grundschullehrkräften in Bayern (Voll- oder Teilzeit) trifft das also rund 11 Prozent.

Wie ist das mit der Anerkennung?

Ihr höheres Gehalt – und den dauerhaft herzustellenden Abstand – begründen vor allem die Gymnasiallehrer(verbände) mit der Wissenschaftlichkeit und längeren Dauer ihres Studiums. Da ist was dran – jedenfalls an der Dauer.

Mit der Wissenschaftlichkeit ist es so eine Sache. Die Fachkompetenz schlägt in der Hattiestudie nur mit einer Effektstärke von 0.11 zu Buche. Im Vergleich zur Glaubwürdigkeit einer Lehrkraft (0.90) oder ihrer Fähigkeit, eine gute Beziehung zu den Schülern herzustellen (0.52), ist das herzlich wenig. Kann man darauf diese Unterschiede in Gehalt und Arbeitszeit gründen?

Eigentlich sollte die Hattiestudie gerade dazu verhelfen, den Wert von Beziehung und gutem Unterricht stärker zu würdigen als das im Studium erworbene Fachwissen. Da motzen die GrundschullehrerInnen mit Recht. Und das schon seit Jahren.

Und dann war da noch…

… die Lehrerarbeitslosigkeit. Ja, das gibt es auch in Zeiten des Lehrermangels. Leider werden viele Lehrer/innen für das gymnasiale oder Realschullehramt ausgebildet und dann nicht übernommen, bzw. „abserviert„, wie es dieser Blogeintrag formuliert. In dreieinhalb Jahren leistet es sich Bayern, über 18 000 Lehrer/innen auszubilden und dann ihrer Wege gehen zu lassen. Diese jungen Menschen haben sich vielleicht von den Aussichten auf höheres Gehalt bei niedrigerem Stundenmaß locken lassen.

Und damit schließt sich der Kreis.

Anhang

Hier die Meinung des größten bayerischen Lehrerverbandes BLLV

2 comments On Sichtweisen #63: Lehrermangel in Bayern

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