Neusprech #12: „Regionalspezifische Ausbalancierung von angespannten Personallagen“

Die Kategorie „Neusprech“ geht zurück auf das von Georg Orwell in seinem einflussreichen Roman „1984“ beschriebene Newspeak. Die neue Sprache sollte den Menschen ein neues Denken – oder noch besser: Nichtdenken – einpflanzen. Hier werden einige der neuen Begriffe im Buchkontext definiert.

Alternative Ausdrucksweisen: Lehrermangel, akuter. Personalnot.

Das Neusprech wurde allem Anschein nach in einem Schreiben des Kultusministeriums an die bayerischen Bezirksregierungen verwendet. Der Bayerische Lehrerinnen – und Lehrerverband (BLLV) hat darauf ebenso reagiert wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Alle langen sich ans Hirn ob der verschleiernden Sprechweise.

Eine kurze Analyse:

„regionalspezifisch“

Das ist positiv besetzt, denn „spezifisch“ im pädagogischen Bereich klingt immer nach Differenzierung und Individualisierung und dass man dem einzelnen Schüler gerecht wird.

Es wird durch das vorangehende „regional“ zu einer doppelt positiven Begrifflichkeit, denn „regional“ allein heißt ja auch schon, dass man auf die individuellen Bedürfnisse der Regionen Rücksicht nimmt.

Das ist natürlich eine Unterstellung und im Grunde ein Schmarrn, denn wo kein Personal vorhanden ist, kann man auch die regionalspezifischen Anforderungen überhaupt nicht berücksichtigen. Diese Tatsache wird auch durch den nächsten Begriff aufgenommen.

„Ausbalancierung“

Wenn man etwas ausbalancieren will, dann muss man auf der einen Seite etwas wegnehmen um es auf der anderen draufzulegen. Man könnte auch sagen, es geht um knallharten Interessenausgleich. Diese deutliche Sprache würde natürlich wehtun. Außerdem müsste zum Ausbalancieren ja auf irgendeiner Seite Überfluss herrschen, der den Mangel auf der anderen Seite ausgleichen können. Den gibt es natürlich nicht.

Der Begriff „Ausbalancierung“ ist auch schon allein deshalb mit positiven Konnotationen verbunden, weil er Gerechtigkeit und Geschicklichkeit suggeriert, etwas ausbalancieren zu können.

„angespannte Personallagen“

Der Plural ist interessant und kommunikativ sehr geschickt gewählt, denn er legt nahe, dass es hier und da ein paar Brandherde gäbe, die – das gehört zum Bild – man ja wohl locker löschen könnte. Oder auch so: Es gibt ein wohl paar regionale Spannungsherde, aber die kann das gute Management gewiss durch geeignete Maßnahmen entspannen.

Was man durch den Plural vermeidet, ist die Beschreibung der wirklichen Situation: In ganz Bayern gibt es zu wenige Lehrer/innen. Solch eine Aussage würde einen strukturellen Mangel nahelegen, die Verantwortung der obersten Entscheidungsebene zuschreiben (KM, Bayerische Staatsregierung, Koalitionsfraktionen) und Ängste wecken. Das wollen die Verantwortlichen gerade vermeiden (also alles drei: die Mangelfeststellung, die Verantwortung und die Ängste).

Fazit

Das Neusprech beschreibt den akuten Lehrermangel also

  • als kleinräumige Spannungs- und Mangelgebiete
  • ohne Begründungszusammenhang und Verantwortungszuschreibungen,
  • die man mit gutem Management ganz bestimmt ausgleichen kann und wird.

Stimmen

Dem Neusprech setzen Verbände und deren Köpfe das Altsprech und Klarsprech entgegen. Hier nur drei Zitate.

„Staatsversagen“

Für die kleinräumigen Lösungsansätze bedankt sich Simone Fleischmann, die BLLV-Präsidentin, mit diesen Worten:

„Wir sollen es vor Ort ausbalancieren. Das ist die neue politische Gangart. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wir wollten immer die eigenverantwortliche Schule, aber die haben wir jetzt nicht, sondern jetzt müssen wir die Karre aus dem Dreck ziehen vor Ort. Und das ist eigentlich ein Staatsversagen, wenn ich das mal so formulieren darf.“

Simone Fleischmann

„Grundsätzliche Verdrehung der Tatsachen vor Ort“

Ähnlich deutlich formuliert es der Vize-Vorsitzende der GEW in Bayern:

„Dieses Schreiben ist schlicht Beleg dafür, dass es dem Ministerium nicht mehr gelingt, das Bildungssystem angemessen auszustatten. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass der Kultusminister nach den Ferien in der Pressekonferenz verkünden wird, dass es ihm gelungen ist, ein solides Personalkonzept auf die Beine zu stellen, und die flächendeckende Unterrichtsversorgung gewährleistet ist, kann einem nur schlecht werden. Das ist eine grundsätzliche Verdrehung der Tatsachen vor Ort.“ 

Florian Kohl

„Wer in Not ist, muss sich sexy machen“

Und noch ein Zitat. Was wirklich nötig wäre, bringt der Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands (BEV) Martin Löwe auf eine Schmissige Formel:

„Wer so in Not ist, muss sich sexy machen“, so Löwe. „Dass nach wie vor Kräfte an Schulen nur 11-Monatsverträge bekommen, ist ein Skandal. Ein Arbeitgeber, der derart schlechte Bedingungen schafft, braucht sich nicht wundern, wenn sich der Zustrom in Grenzen hält.“

Martin Löwe

Über die Un-Sexyness der bayerischen Maßnahmen hatte ich in diesem Blog schon häufiger berichtet.

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