Welche ist die bessere Antwort auf die PISA-Ergebnisse: Das konzeptionelle „Mehr desselben“ durch die Kultusministerien oder die Graswurzelkonzepte, die ich kürzlich beschrieben habe? Was ist, wenn das konsequente Weiterdenken der Unterrichtsentwicklung dahin führt, den Unterricht abzuwickeln zugunsten einer anderen Schulkultur? Ich hatte vor kurzem das große Glück, eine andere Art von Schule und ihren Leiter kennenzulernen. Sie ist nicht nur menschlicher, sondern auch – oder vermutlich gerade deshalb – erfolgreicher als andere Schulen.
Insgesamt haben die ersten Abiturienten bei uns mit durchschnittlich 1,7 abgeschlossen. Der Landesdurchschnitt war 2,17. Und das, obwohl die Hälfte der Abiturienten in Klasse 5 überhaupt keine Gymnasialempfehlung sondern eine Hauptschul- oder Realschulempfehlung hatte.
Stefan Ruppaner
Die Rede ist von einer Schule (Schuleingang bis Abitur), die den üblichen Unterricht abgeschafft hat: Keine 45-Minuten Einheiten mehr mit jahrgangsgleicher Schülerschaft, in einem regelmäßig zu kleinen Klassenzimmer zur körperlichen Bewegungslosigkeit verpflichtet, die den gleichen „Stoff“ in der gleichen Zeit durchzudenken hat, auch wenn die einen das schon längst kapiert haben, was man den anderen noch genauer erklären müsste, von einer Lehrkraft dirigiert, die sich im besten Fall nach Kräften oder über ihre Kräfte hinaus bemüht, möglichst vielen Einzelnen gerecht zu werden, deren persönliche Hintergründe sie – wenn überhaupt – nur sporadisch kennt und über deren weiteres Bildungsschicksal sie dann mit einer Note zu bestimmen hat.
Die Rede ist von einer inklusiven Schule des längeren gemeinsamen Lernens, die völlig zurecht 2019 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Lesen Sie hier mal das Portrait und die Laudatio.
Überzeugende Rituale und Verabredungen ersetzen an dieser Schule viele Mauern und Klassenstundenpläne. Weitgehend selbstbestimmt wechseln die Kinder und Jugendlichen von individueller Arbeit im Lernatelier zu lebhaftem Austausch auf dem Marktplatz, von medial gestützter Gruppeninstruktion zu persönlichen Beratungsgesprächen und forschendem Lernen an besonderen Orten. Die Gemeinde nimmt großen Anteil an der Entwicklung ihrer Schule und unterstützt, wo immer es ihr möglich ist.
Innerhalb weniger Jahre ist in Wutöschingen ein öffentlich wahrnehmbarer Lernraum entstanden, in dem sich ausgezeichnet beobachten lässt, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihrem gemeinsamen Lernen auf die Spur kommen und sich dabei ohne Angst auf eine ungewisse Zukunft einlassen.
Diese Worte aus der Laudatio geben eine gute Vororientierung für das, was einen erwartet, wenn man mal durch den Haupteingang tritt und seine Straßenschuhe gegen die hier verbindlichen Hausschuhe ausgetauscht hat. Lassen wir uns mal von Galileo (ProSieben) führen:
Dazu gäbe es viel zu sagen und zu schreiben. Aber jetzt soll der Schulleiter selbst zu Wort kommen und sein Konzept erläutern:
Das Konzept
Ich hoffe, es wird langsam deutlich, dass hier keine verträumten Spätsiebziger am Werk sind (Idealisten oder gar Ideologen), die ihrem Weltbild folgen und den Schüler:innen ihr Verständnis von Freiheit aufzwingen, sondern Menschen (Pädagog:innen, Sekretärinnen, Bürgermeister, Eltern, Ruheständler:innen…), die ein normales oder gesundes Empfinden dafür haben, was Kindern und Jugendlichen gut tut und ihnen bei ihrem jeweils ganz eigenen Lernen entgegenkommt.
Es ist keine allzu steile These, wenn ich sage, dass das ziemlich genau eine der Schulen ist, die sich John Hattie vorstellt. Das hatte ich hier beschrieben.
Es scheint tatsächlich zu gelingen, den Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen, dass sie in dieser Schule nicht die mehr oder weniger interessanten Unterrichtsstunden von Lehrprofis wahlweise über sich ergehen lassen müssen oder für sich zu nutzen haben, sondern dass sie es sind, die für ihr eigenes Lernen verantwortlich sind.
Die Räume kommen ihnen dabei entgegen. Sie sind nicht nur zweckdienlich, sondern auch angenehm und gemütlich ausgestattet.
Die Räume
Es gibt den Marktplatz zum kommunikativen Lernen…

… wo man sich auch zu zweit oder zu dritt gut in gemütlichen Nischen zusammensetzen kann…

… die Lernateliers, in denen jede:r „Lernpartner:in“ (so heißen die Schülerinnen und Schüler hier), seinen / ihren eigenen Arbeitsplatz hat und in denen nur geflüstert wird…


… den Coworking space in der Sekundarstufe II (ja, das ist eine Schule!)…

… Coaching-Räume für Einzelgespräche von Schüler:innen (genauer: Lernpartner:innen) mit ihren Coaches

… und (nicht im Bild): Input-Räume, kleine Boxen für Einzelgespräche oder Partnerarbeiten, und was das Pädagogenherz sonst noch begehrt – und bekommt, wenn man einen Gemeinderat und Bürgermeister hat, die genau so eine Schule wollen und über ausreichend Baugrund verfügen können.
Kompetenzraster
Die Schülerinnen und Schüler werden mit ihrer Freiheit natürlich nicht allein und orientierungslos gelassen, sondern es gibt ein umfangreiches und detailliert ausgearbeitetes Lernangebot, das anhand von Kompetenzrastern organisiert und formuliert ist. Hier ein Beispiel aus Mathematik 7 (übrigens redet man hier nicht mehr von „Jahrgangsstufe 7“, sondern von „Phase 7“, weil ja die Lernenden diese Phasen nicht nach ihrem Alter, sondern in ihrem eigenen Tempo durchschreiten):
Dann wird jeder Themenbereich genauer ausformuliert, hier zum Beispiel die Prozentrechnung in Phase 7:
Dies führt schließlich zu den „Arbeitspaketen“, in denen die Lernziele mit den passenden Materialien angeboten werden.
Diese Materialien lagen in den Anfangsjahren in Ordnern vorwiegend als Arbeitsblätter vor. Sie wurden nach und nach ersetzt durch ein Materialnetzwerk online (DiLer), in denen nun auch Bilder, Lernvideos und Apps einbezogen werden, so dass alles noch viel anschaulicher dargeboten werden kann.
Wie man auf dem Bild anhand der Flaggen erkennen kann, gibt es dieses Netzwerk nicht nur in deutscher Sprache, sondern in allen Muttersprachen der Lernpartner:innen.
Hinzu kommt, dass auf dieser Plattform auch das Lernen jedes/jeder Einzelnen dokumentiert wird: Der gesamte Lernprozess wird sichtbar und durch Anmerkungen der Coaches ergänzt – eine wichtige Orientierung für alle anderen beteiligen Coaches und – in relevanten Ausschnitten – auch für die Eltern.
Fazit und Ausblick
Um es kurz zu machen: Ich bin immer noch schockiert, wie gut die Schule sein kann, von der ich immer geträumt habe! Und ich wünsche ihr viele, viele Nachahmer!
Womit wir bereits bei der Zukunft sind:
Die Alemannenschule befindet sich am Rand des Baden-Württemberger Universums. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass sie – obwohl Schulpreisträger – in diesem Bundesland nicht so recht „in die Fläche kommt“? Wer kann so etwas nicht wollen? Dass es räumliche Unterschiede gibt (wer hat schon soviel Platz zum Bauen) kann sein. Aber die Barrieren liegen wohl eher in den Köpfen.
Das Materialnetzwerk wird jetzt schon in Teilen frei angeboten und ständig erweitert. Man kann sich mit einer sehr preisgünstigen Lizenzzahlung in DiLer einkaufen und es für die eigene Schule nutzen. Im Hintergrund steht eine gemeinnützige Genossenschaft, die auch Schulungen anbietet – warum machen so wenige davon Gebrauch??
Es bleibt ein Rätsel.
Vielleicht stimmt doch der alte Spruch: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“.
Nachbemerkung zu Bayern
Wie einleitend schon angemerkt, gibt es auch in diesem dem differenzierten Dünkel ergebenen Bundesland wenigstens an den Graswurzeln eine Bewegung, die in einer der Alemannenschule ähnlichen Richtung verläuft.
Es gibt inzwischen für die Stadt München ein Konzept, das sich in entscheidenden Teilen an Wutöschingen anlehnt. Die Aussichten, dass es vom Kultusministerium genehmigt wird, sind derzeit gering.
Es gibt Gruppierungen, die sich unverdrossen und tatkräftig für eine solche Schule einsetzen, zum Beispiel das Bündnis Gemeinschaftsschule in Bayern, der Bayerische Elternverband oder das Forum Bildungspolitik.
Aber Bayern wird es auch noch lernen.













4 comments On Sichtweisen #32: Unterricht entwickeln? Unterricht abwickeln!
Danke für die schnelle Einführung in die Alemannenschule. Nach wie vor beeindruckend. M.E. ist die Raumgestaltung Ausdruck und Grundlage der vermehrt auf Selbststeuerung und Individualisierung setzenden Lernprozesse. Die Frage ist: Welche Schule mit dem seit dem 19. Jhd. anhaltenden Raumkonzept (leider wird meist immer noch so gebaut, kein Mensch versteht es) kommt wenigstens ein Stück ran an das, was wir in der Alemannenschule bewundern dürfen? Erste Idee: https://www.lernensichtbarmachen.ch/primarschule-zehntenhof-wettingen/
Pingback: Sichtweisen #31: Das PISA-Rätsel und die Graswurzel-Antwort - Pädagokick ()
Pingback: Sichtweisen #37: "Lehrer hört die Signale!" - Pädagokick ()
Pingback: Sichtweisen #31 (neu): Das PISA-Rätsel und die Graswurzel-Antwort - Pädagokick ()