Sichtweise #75: Gut gemeint, aber…

Zuweilen bewirkt man mit gut gemeinten Maßnahmen das glatte Gegenteil des Gewollten. Hier ein paar kontraproduktive Versuche, Chancengleichheit zu schaffen in der Sichtweise eines Sozialwissenschaftlers im Auftrag der Evangelischen Kirche.


Mayert, A. (2017). Poor working families und die Reproduktion sozialer Ungleichheit. Forum Erwachsenenbildung 3 (50), 27–31.


Meritokratisches Prinzip und Chancengleichheit

Mayert hat das „meritokratische Prinzip“ vor Augen, demgemäß jeder Mensch mit seiner eigenen Leistung bestimmt, was er im Leben erreicht. Er macht dazu einige interessante Feststellungen.

Paradoxie der Verbindung von Chancengerechtigkeit mit Bildungswettbewerb: Es muss Verlierer geben

Weil in einem nach Leistung selektierenden Bildungssystem die Zahl hochwertiger Bildungszertifikate notwendigerweise begrenzt sein muss, gilt allerdings auch – und das ist die ‚Paradoxie der Verbindung von Chancengerechtigkeit mit Bildungswettbewerb‘: Es muss in diesem System auch Verlierer geben. Verlierer, die fortan mit dem Stigma leben, ihre Chance nicht wahrgenommen und ihren niedrigen sozialen Status ‚verdient‘ zu haben. Gesamtgesellschaftlich führt Chancengerechtigkeit, selbst wenn sie tatsächlich verwirklicht wäre, nicht zu Teilhabegerechtigkeit, sie bestimmt nur darüber, wer in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft, die fortlaufend variierend bestimmte Fähigkeiten der Arbeitskraftanbieter stärker oder schwächer honoriert, nach oben kommt oder zu den Habenichtsen gehört. (Mayert 2017, S. 27)

Penner auf Parkbank
Es muss Verlierer geben, und sie glauben auch noch, dass das so richtig ist. Quelle: Pixabay

Gerade die Verlierer glauben, dass das meritokratische Ideal bereits verwirklicht wurde

Es macht allerdings stutzig, dass das meritokratische Ideal in der Bevölkerung nicht nur breite Unterstützung genießt, sondern Umfrageergebnisse nahelegen, dass eine knappe Mehrheit der Bevölkerung es im Großen und Ganzen als bereits verwirklicht ansieht. 52,9% der Deutschen sind der Meinung, dass gesellschaftliche Rangunterschiede widerspiegeln, was aus Chancen gemacht wurde. Und es sind keineswegs hauptsächlich sozial privilegierte Bürger, die diese Meinung vertreten. Ganz im Gegenteil, der Hypothese vertaner Chancen als Ursache gesellschaftlicher Rangunterschiede stimmen gerade jene zu, die sich auf den unteren sozialen Rängen befinden: Bei Geringqualifizierten, Armutsgefährdeten, Arbeitslosen und Angehörigen der Arbeiterschicht finden sich Zustimmungswerte von 60 % und mehr. (Mayert 2017, S. 27)

Diese Beobachtung zeigt, dass der Soziologe Pierre Bourdieu selbst mit dieser stark zugespitzten Aussage Recht behalten hat:

Von unten bis ganz nach oben funktioniert das Schulsystem, als bestände seine Funktion nicht darin, auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Maß, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu überzeugen, dass sie selbst für ihre Eliminierung verantwortlich sind.

Pierre Bourdieu

Von Chancengleichheit kann nicht die Rede sein

Leider kann im deutschen Bildungssystem, wie noch zu zeigen sein wird, von Chancengleichheit nicht die Rede sein. Die Auswirkungen eines verzerrten Bildungswettbewerbs allerdings sind gravierend, denn welchen Rang jemand in diesem Wettstreit einnimmt, hat, wie Marc Szydlik aufzählt, „enormen Einfluss auf Einkommen, Beruf, Prestige, Karriere, Arbeitsplatzsicherheit, Beschäftigungsbedingungen, Übereinstimmung von Ausbildung und Arbeitsplatz, Vermögen, Rentenhöhe, Partnerwahl, Gesundheit und Lebensdauer. Bildung ist damit eine zentrale Dimension sozialer Stratifikation.“ (Mayert 2017, S. 27)

Bildung ist eine zentrale Dimension sozialer Stratifikation.

Marc Szydlik

Schuldzuweisung: arbeitslos weil gering qualifiziert?

Die oft vorgebrachte Schuldzuweisung an von Veränderungsprozessen negativ betroffene Arbeitnehmer, sie hätten im Bildungswettbewerb nicht genug geleistet, dürfte gegenüber (Nicht-)Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation weit schwerer anzubringen sein als gegenüber Geringqualifizierten. (Mayert 2017, S. 28)

Gering Qualifizierte werden von besser Qualifizierten verdrängt

Für die absoluten Bildungsverlierer – diejenigen ohne Berufsabschluss – bleiben in Folge dieser Entwicklungen immer weniger Beschäftigungsmöglichkeiten übrig. Grund dafür ist aber nicht, dass die lausigen Jobs weniger geworden sind, vielmehr werden Geringqualifizierte von besser Qualifizierten aus ihnen verdrängt. (Mayert 2017, S. 28)

Chancenausgleich im vorschulischen Bereich?

Krippen und Kindergärten hätten das Potenzial, ungleiche Herkunftsvorausetzungen („kulturelles Kapital“ nach Bourdieu) auszugleichen. Aber dieser Aufgabe werden sie nicht gerecht.

Papa lernt mit Tochter
Nicht jede/r hat Eltern, die sich kümmern können. Quelle: Pixabay

Ausgleich der primären Herkunftseffekte in vorschulischen Einrichtungen

Es ist allgemein bekannt, dass es gleiche Bildungschancen von Beginn an nicht geben kann, wenn sich die familiären Bildungsumwelten, in die Kinder hineingeboren werden, stark unterscheiden. Nicht nur die unterschiedlich vorhandenen finanziellen Mittel, sondern auch der Bildungshintergrund der Eltern und nicht zuletzt das soziale Umfeld prägen Kinder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten. Weil diese ‚primären Herkunftseffekte‘ existieren, sind kompensatorische Effekte des formalen Bildungssystems so wichtig. Das formale Bildungssystem sollte nicht nur so ausgestaltet sein, die anfängliche Chancenungleichheit nicht weiter zu verstärken, im Idealfall sollte es sie so weit wie möglich ausgleichen. Es ist ein grundsätzlich richtiger Gedanke, diese Ausgleichsfunktion so früh wie möglich im System der institutionellen Bildung zu verankern. Der forcierte Ausbau von Kindertagesstätten und Kindergärten ist daher im Prinzip ein gutes Instrument, die Bildungschancen von Kindern anzugleichen. (Mayert 2017, S. 28)

Aber: Unterschiedliche Beteiligungsquoten erhöhen die Ungleichheit der Bildungschancen schon im Kindergarten

Erstens sollte die Inanspruchnahme unabhängig vom familiären Hintergrund sein. Das ist aber vor allem bei den Kindertagesstätten nicht der Fall. Zwischen 2012 und 2015 hat die Beteiligungsquote von Kindern, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss besitzen, von 19 % auf 16 % abgenommen, während die Beteiligungsquoten bei Eltern mit mittlerem Bildungsabschluss von 23 auf 27 % und bei Eltern mit akademischen Abschluss von 31 auf 38 % gestiegen sind. Die Gründe für diese Differenzen, die nicht nur in der unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung der Eltern, sondern auch in der für einkommensarme Familien deutlich höheren relativen Kostenbelastung der Betreuungsangebote und der geringeren Kompatibilität prekärer Beschäftigung mit den Betreuungszeiten liegen, sind für sich allein interessant, brisant ist aber in unserem Zusammenhang vor allem, dass bereits die unterschiedlichen Beteiligungsquoten die Ungleichheit von Bildungschancen erhöhen, statt sie zu senken. (Mayert 2017, S. 29)

Problematische Zusammensetzung der Kitas

Wofür man zweitens sorgen müsste, ist, dass sich die Betreuungs- und Bildungsqualität in Kitas und Kindergärten nicht deutlich unterscheidet. Leider ist auch dies nicht der Fall. Die Qualität des Bildungsangebots der Kindertagesstätten unterscheidet sich zum Beispiel danach, welche soziale Zusammensetzung in den Kitas vorzufinden ist und hier gibt es erhebliche Unterschiede. Kinder aus ökonomisch benachteiligten Haushalten finden sich wohnlagenbedingt zumeist in Kitas wieder, die von Kindern mit ähnlichem sozialem Hintergrund besucht werden, während Kinder aus sozial privilegierten Hausalten häufiger jene Kitas in Anspruch nehmen, die nicht nur hochwertigere Bildungsinhalte vermitteln, sondern deren sozioökonomische Komposition auch ein anderes Bildungsumfeld garantiert. (Mayert 2017, S. 29)

Absicht und entgegengesetzt Wirkung der Kitas

Was zu gleicheren Bildungschancen führen könnte, hat im tatsächlichen Bildungsgeschehen die gegenteilige Auswirkung: Kinder von Eltern mit hohem sozialem Status profitieren vom Ausbau der Kindertagesstätten und Kindergärten, während Kinder mit geringerem Sozialstatus entweder überhaupt nicht an den erweiterten Bildungsangeboten teilnehmen können oder dies in einer sozialen Zusammensetzung tun, die einer Angleichung der Bildungschancen eher im Weg steht. (Mayert 2017, S. 29)

Verstärkung der Segregation in der Grundschule

Auch die Arbeit in den Grundschulen könnte so angelegt sein, dass die primären Herkunftseffekte in einer Weise ausgeglichen werden, dass die einen gefördert werden ohne die anderen zu vernachlässigen. Aber auch hier haben gut gemeinte Entscheidungen das Gegenteil bewirkt.

Im Grundschulbereich zeigen sich in der Praxis starke Segregationsprozesse

Im Grundschulbereich zeigen sich jedoch in der Praxis ebenso starke soziale Segregationsprozesse wie im vorschulischen Bereich und mittlerweile existieren Studien, die das Ausmaß der Segregation erkennen lassen. (Mayert 2017, S. 29–30)

drei Wege
Die Schule als Segregationsverstärker? Quelle: Pixabay

Zunehmende sozialräumliche Segregation

Eine in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Pilotstudie zeigt die gewaltigen Unterschiede in der sozialen Komposition der Schüler am Beispiel der Stadt Mülheim an der Ruhr. Der Anteil von Schülern an Mülheimer Grundschulen, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstatus aufweisen, variiert beispielsweise je nach Schule zwischen 1,8 und 50,6%. Eine Ursache für diesen Unterschied ist naheliegenderweise die sozialräumliche Segregation, die in den deutschen Großstädten seit langem hoch ist und weiter zunimmt. (Mayert 2017, S. 30)

Freie Schulwahl treibt die soziale Segregation noch voran, statt sie zu verringern

Die zweite Ursache lässt sich in Nordrhein-Westfalen besonders gut beobachten, weil hier zum Schuljahr 2008/2009 verbindliche Grundschulbezirke aufgelöst wurden beziehungsweise die freie Schulwahl im Grundschulbereich eingeführt wurde. Ziel dieser Maßnahme war eigentlich, die Effekte der sozialräumlichen Segregation abzumildern, doch erreicht hat man das Gegenteil: Zwar nahm der Anteil an Schülern zu, der eine Schule außerhalb des zuvor zuständigen Grundschulbezirks in Anspruch nimmt – von 10 auf 25 %, doch von der Wahlmöglichkeit machten überwiegend Eltern mit einem mittleren sozialen Status Gebrauch, die ihre Kinder auf Schulen mit einem geringen Anteil an Schülern aus Problemlagen schickten, während sozial privilegierte Eltern aufgrund ihres Wohnortvorteils ohnehin keinen Grund für die Wahl einer anderen Schule hatten. Eltern mit einem niedrigen sozialen Status meldeten ihre Kinder hingegen zumeist auf der wohnortnächsten Schule an – zum Teil, weil sie von der Option der Schulwahl nichts wussten, zum Teil, weil sie ihre Kinder keinem Wettbewerb mit sozial privilegierten Schülern aussetzen wollten und zum Teil ganz einfach deshalb, weil der Besuch der nächstgelegenen Schule kostengünstiger ist. Im Ergebnis hat hier die freie Schulwahl die soziale Segregation noch deutlich verschärft. (Mayert 2017, S. 30)

Zunehmende tertiäre Herkunftseffekt in der Schullaufbahnempfehlung

Kinder von Eltern mit geringem sozialem Status unterliegen noch einer weiteren Benachteiligung, verursacht – neben den Eltern – auch durch die Lehrerschaft , insbesondere durch deren Schullaufbahnempfehlungen. Studien, die im Rahmen der internationalen Grundschul-Leseuntersuchung IGLU 2011 durchgeführt wurden, zeigen, dass Schullaufbahnempfehlungen stark von leistungsfremden Komponenten geprägt sind und die soziale Herkunft eines Kindes dabei eine hervorgehobene Rolle spielt. So besitzen, bei gleichen kognitiven Fähigkeiten, Kinder von Eltern der „obersten Dienstklasse“ eine 3,41-fach höhere Chance auf eine Gymnasialempfehlung wie Kinder von (Fach-)Arbeitern. Diese leistungsfremde Diskriminierung der Lehrer/innen hat seit der ersten IGLU-Untersuchung (2001) deutlich zugenommen. (Mayert 2017, S. 30)

Zu Beginn der Sekundarstufe sind die Bildungswege vorgezeichnet

Festhalten lässt sich somit, dass auch im Grundschulbereich die von Beginn an bestehenden ungleichen Bildungschancen weiter verstärkt werden. Die besondere Tragik dieses Versagens der Grundschulen liegt darin, dass mit Beginn der Sekundarstufe der Bildungsweg für viele Schüler bereits vorgezeichnet ist. Denn bislang sind insbesondere Aufstiege von der Realschule ins Gymnasium eine Seltenheit (2 % der Schüler), während Abstiege deutlich dominieren (11 % der Schüler). Die seltenen Aufstiege gelingen zudem einmal mehr vor allem Kindern aus privilegierten Elternhäusern: Kinder von Eltern mit Hochschulreife steigen dreimal häufiger auf als ab, während Kinder von Eltern ohne Hochschulreife achtmal häufiger ab- als aufsteigen. Von sozialen Kompensationseffekten ist auch in der Sekundarstufe nichts erkennbar. Daran hat die zunehmende, wenn auch erneut sozial selektive, Inanspruchnahme von Ganztagsschulen nichts geändert. (Mayert 2017, S. 30)

Von sozialen Kompensationseffekten ist auch in der Sekundarstufe nichts erkennbar.

Ausblick: Keine Wende in Sicht

Offensichtlich ist es in Deutschland nicht in Ansätzen verwirklicht und in Abwesenheit grundlegender Bildungsreformen wird sich daran auch wenig ändern. Die Chancen für eine baldige Reform sind gering, wie Falk Scheidig und Tetyana Kloubert in ihrer Analyse bildungspolitischer Inhalte der Wahlprogramme deutscher Parteien zur kommenden Bundestagswahl zeigen.
In seiner derzeitigen Ausgestaltung wird das deutsche Bildungssystem somit auch weiterhin hauptsächlich dem familiären Statuserhalt dienen.
Für die poor working families sind die Folgen ungleicher Bildungschancen alles andere als erfreulich. Sie sind selbst Produkte eines unfairen Bildungssystems und werden auch bei hoher Erwerbsintensität ihrer sozialen Lage kaum entkommen können. Ihren Kindern, die durch das gleiche sozial selektierende Bildungssystem geschickt werden, wird ein sozialer Aufstieg nur dann gelingen, wenn sie weit mehr leisten als Kinder aus privilegierteren Elternhäusern. Das aber wird – oder besser: kann – auch in Zukunft nur Wenigen gelingen.
(Mayert 2017, S. 31)

In seiner derzeitigen Ausgestaltung wird das deutsche Bildungssystem auch weiterhin hauptsächlich dem familiären Statuserhalt dienen

Literatur

Mayert, A. (2017). Poor working families und die Reproduktion sozialer Ungleichheit. Forum Erwachsenenbildung 3 (50), 27–31.

Scheidig, F./Kloubert, T. (2017): Positionen und Perspektiven zu Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen in den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl 2017, in dieser Ausgabe.

Szydlik, M. (2007): Familie und Sozialstruktur. In: Ecarius, J. (Hrsg.): Handbuch Familie. Wiesbaden, S. 83.

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