Fail #45: Leistungsprämie falsch platziert

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie Ihnen bereits bekannt, erhalten „ausgewählte“ Lehrkräfte eine sog „Covid19-Prämie“ in Höhe von 500 €. Im Text der Regierung heißt es:

„Dabei sollen vorrangig Lehrkräfte, die sich während der Corona-Pandemie insbesondere in der Umsetzung der Digitalisierung und beim Digitalunterricht besonders engagiert haben, ebenfalls mit einer Leistungsprämie in Höhe von 500 € bedacht werden. Aber auch andere hervorragende Leistungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sind honorierungsfähig, wie z.B. die engagierte Umsetzung von Hygienekonzepten u.a.. […].“

So lautete diese Woche das Schreiben des Schulamts an die Schulleitungen, in dem wir aufgefordert wurden, bis zu drei Lehrkräfte zu nennen, die für diese Leistungsprämie in Frage kämen. An dieser Prämie ist vieles, wenn nicht alles falsch.

Vor Ort: Wen auswählen?

Wenn wir uns vom Kleinen ins Große bewegen: Ich bin als Schulleiter in einem doppelten Dilemma: Einerseits soll ich selbst bedacht werden, obwohl ich in der Relation auch nicht mehr geleistet habe als meine Kolleginnen und Kollegen. Andererseits soll ich drei aus über 30 Lehrer*innen auswählen, von denen viele da, wo sie eingesetzt sind, hervorragende Arbeit geleistet haben.

Dieses ärgerliche Dilemma habe ich genau so meinen Kolleg*innen beschrieben und unter anderem diese Antwort erhalten:

Hallo Chef, danke, dass mir jemand aus der Seele spricht!

Ich will gar nicht die Prämie für Schulleiter kritisieren, denn die finde ich absolut gerechtfertigt. Aber was ist mit den Konrektoren? Und wie bitte soll man beurteilen, welche 14000 Lehrer sich besonders engagiert haben? Ich glaube, dass jeder sein Möglichstes getan hat, aber jeder auf seine Weise. War es besser, dass einer versucht hat, eine Plattform für Konferenzen für die Schule auf die Beine zu stellen oder derjenige, der stundenlang und über Wochen versucht hat, alle Schüler zu erreichen, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, bei Problemen weiterzuhelfen und Stoff erklärt hat? Oder doch diejenige, die Wochenpläne und Lösungen geschickt hat, von den Eltern Material abgeholt und kontrolliert wieder ausgegeben hat?

Ich finde das so nicht in Ordnung. Mir persönlich wäre lieber, wenn sie auf diese Prämie verzichtet hätten. Denn was bewirkt sie denn? Im schlimmsten Fall nur böses Blut. Und Anreiz ist das ja nun wirklich nicht.

Es tut mir leid, aber ich habe mich da gestern schon so drüber aufgeregt, dass ich meinem Ärger jetzt auch mal Luft machen musste. Ich weiß, du bist da der falsche Ansprechpartner, aber ich fand deine Mail so wohltuend in diesem ganzen Chaos. DANKE!

Viele haben Gleiches geleistet, einer wird belohnt? Quelle: pixabay.

Personalmotivation: Tätschel, tätschel

Motivation durch Geld hat ihre eigene Problematik und gehört ganz sicher in die Mottenkiste der Unternehmenspsychologie. Abgesehen davon, dass die Kollegin Recht hat, wenn sie darauf hinweist, dass solche Belohnungen geeignet sind, böses Blut zu verursachen: So gibt man einem Pferd ein Zuckerl, das brav gesprungen ist. Aber diese Prämie wurde unter völliger Missachtung der strukturellen Probleme der Schulen ausgeschüttet!

Um nur die Grund- und Mittelschulen in Bayern zu nennen: Seit Jahren leiden wir darunter, dass es zu wenige von uns gibt. Das hängt auch damit zusammen, dass sich Abiturienten – wenn sie denn ans Lehramt denken – lieber für die wesentlich besser dotierten Lehrämter an Gymnasien oder Realschulen entscheiden: Weniger Pflichtstunden bei besserer Besoldung und höherer gesellschaftlicher Achtung sind drei starke Argumente. Und anstatt das Lehramt an Grundschulen in diesen Aspekten wenigsten etwas aufzuwerten, kam vor einem halben Jahr die Entscheidung, dass die Grundschullehrerinnen (für zunächst drei Jahre) noch eine Stunde mehr arbeiten sollen!

Die bessere Verwendung des Geldes wäre also gewesen, die Strukturen zu schaffen, die gewährleisten, dass wir auch in Zukunft noch genügend Grundschul-, Mittelschul- und Fachlehrkräfte haben. Aber hier wurde entweder zu kurz gedacht oder reine Symbolpolitik betrieben oder beides.

Brav gemacht, alter Knabe! Quelle: pixabay.

In der Krise dem, der hat, noch geben

Lehrer*innen in Bayern haben ein sicheres Auskommen, einen Beruf, der unter keiner Wirtschaftskrise leiden muss und ein ansehnliches Kontinent an freier Zeit. Katja Auer von der Süddeutschen Zeitung legte ihren Finger in diese Wunde und schrieb, sich dabei nur auf die Schulleiter beziehend:

Ein Schulleiter, verbeamtet in der Regel, mit einem soliden Einkommen, muss sich zurzeit zumindest keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Das ist anders als bei den schon genannten Künstlern, bei den Solo-Selbständigen, denen, die in der Gastronomie beschäftigt sind. Nicht einmal Kurzarbeit muss er fürchten, wie die Arbeiter in den Fabriken, denen mangels Export die Aufträge weggebrochen sind. Ja, Schulleiter habe derzeit möglicherweise mehr Stress als sonst. Weil sie – im Idealfall – organisieren, wie der Unterricht in Corona-Zeiten möglichst gut und sicher abläuft.

Aber haben den nicht auch Zugschaffner, die sich durch überfüllte Züge drängen müssen? Polizisten, die auf Demonstrationen von Maskenverweigerern bedrängt werden? Kassiererinnen, Erzieherinnen, Busfahrer? Sie alle arbeiten unter erschwerten Bedingungen, Ansteckungsgefahr inklusive. Vom Pflegepersonal in Heimen und Krankenhäusern gar nicht zu reden, auch wenn die immerhin eine Prämie bekommen haben. Die Pandemie fordert vielen Menschen Opfer ab und es wird wohl nicht gelingen, die Last gerecht zu verteilen. Aber eine solche Entscheidung konterkariert sogar den Versuch.

Katja Auer weist zurecht darauf hin, dass sie damit keine Neiddebatte anzettelt, sondern nur einem durch die Prämie ausgelösten gesellschaftliche Unverständnis Luft geben will. Auch in dieser Hinsicht richtet die Prämie mehr böses Blut an als sie Gutes tut.

Was tun?

Ich habe die folgenden Zeilen an mein Kollegium geschrieben:

Wie also umgehen mit dieser Fragwürdigkeit an Motivation?

Ich werde drei von euch vorschlagen, damit das Geld auch bei „guten Leuten“ ankommt. Damit meine ich aber die meisten von euch.

Mir fallen für meine Prämie etliche Verwendungsmöglichkeiten ein, in die ich das Geld investieren werde. Vielleicht kann ich mich mit den mehr oder weniger zufällig herausgegriffenen „Preisträgern“ dabei absprechen:

So sei es denn. Mal sehen, wie es weitergeht.

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