Sichtweisen #36: „Hype“ um Individualisierung?

Selbstgesteuertes Lernen als herausforderndes Bildungsziel – ein zweiter Blick auf John Hatties Vortrag zu «Visible Learning in the context of personalized Learning»

Urania Berlin – Oktober 2025

Von Wolfgang Beywl und Roland Grüttner

In News4teachers hieß es «Hattie rechnet mit dem Individualisierungs-Hype in der Bildung ab, basierend auf Hatties «Warnung vor falsch verstandener Individualisierung» in der deutschsprachlichen Umschrift seines Vortrages im Deutschen Schulportal.  Dort gibt es neun Kommentare, die sich um die Verantwortung der Lehrkräfte und die der Lernenden drehen, und um die Fähigkeit von Schülern, das eigene Lernen zu steuern. Bei den über 200 Kommentaren auf news4teachers gibt es viel differenzierte durch eigene reflektierte Lehrerfahrung fundierte (teilweise) Zustimmung zu Hatties Thesen. Doch gibt es auch Missverständnisse, etwa, dass sich Hattie pauschal gegen selbstgesteuertes Lernen ausspräche. Das Gegenteil ist der Fall!

John Hattie spricht in Berlin über ein Thema, das an ihn herangetragen worden ist, was er zu Beginn anmerkt. Er entwickelt in diesem Vortrag erst eine Position. Dies merkt man auch daran, dass er sehr viele Punkte anspricht, manche recht kurz, und dass nicht immer klar ist, wie die verschiedenen Argumente zusammenpassen. In zwei seiner neuesten Bücher befasst er sich gemeinsam mit Co-Verfassenden vertieft mit mehreren der in der Rede nur kurz und oberflächlich angesprochenen Aspekte: «Illustrierter Leitfaden; Lehren und Lernen sichtbar machen» sowie «Every child deserves a special education».

Dieser Beitrag basiert auf Hatties englischsprachigem Originaltext gemäß der Aufzeichnung auf YouTube. Er stellt für die Diskussion wichtige Ausschnitte überwiegend in chronologischer Folge vor. Er will zur produktiven Nutzung von Hatties Überlegungen beitragen.

1        Customized Learning

1.1      Contra learning styles

Zunächst wird individualisiertes Lernen von den learning styles abgetrennt, von denen Hattie nun zum wiederholten Mal bestätigt, dass sie ein Irrweg sind und nicht den Punkt ins Auge fassen, auf den es ankommt. Hier ein Beitrag zu diesem und anderen Lernmythen.

1.2      Was ist customized learning?

Anschließend stellt er dar, was er mit customized learning meint. Es geht ihm nicht um Individualisierung im Sinne von Eins-zu-eins-Lernen, und auch nicht darum, dass die Schüler immer zu ihrem Lernen befragt werden, sondern um das Wissen, wann welches Lernsetting, welche Methode und welcher Grad von Mit-/Selbststeuerung seitens der Lernenden passt:

I want to introduce the notion of customized learning because I want to get away from the notion that it’s one-on-one. I want to get to the notion that our job is to teach students to work alone and work in groups and there’s a lot of skill in working with groups that need to be taught.
I want to talk about structured tailoring because I want to make the argument there’s a right time for student voice, there’s a wrong time, there’s a right time for certain teaching methods, there’s a wrong time, there’s a right time for certain learning strategies and a wrong time, and our job is to teach that the other beauty of the notion of customized learning it can be about a group of students not just an individual students learn dramatically from each other for good or bad, and our job is to teach them to learn from others in a good way.
So I have this notion of customized learning that’s context based that’s based on progressions on curriculum that’s based on teacher driven adaptation and teacher driven gradual release of responsibility to teach the students how to become their own teachers. And that includes customized learning aspects when it’s personalized and individualized and in the group setting.

1.3      Differenzierung ist nicht allein Gruppierung

Weiter befasst er sich mit Differenzierung, missverstanden als Gruppierung: It’s probably one of the most misunderstood notions in in the business.

Es gibt wenig robuste Evidenz für große Gewinne und viel Evidenz für lediglich geringe positive Effekte. Das Problem sei die Platzierung in (feste) Gruppen. Von hier aus kommt Hattie wieder auf die entscheidende Rolle von Erwartungen (hohe Effektstärken!) zu sprechen:
Eine Gruppenbildung schreibt sowohl hohe als auch geringe Lehrererwartungen fest, und die in Gruppen einsortierten Schüler nehmen diese auf und taxieren sich selbst entsprechend.

They know they’re getting lesser work. They know that the teacher is trying to make them a learner by giving them tasks they could already do. And they miss out on the rich depth that the other students get. And you can see why grouping is not my favorite activity.

Daraus zieht Hattie in dem Vortrag das Resümee: It’s about different ways in different times, not grouping.

It’s about different ways in different times, not grouping.

John Hattie

2        Weitere Themen mit loser Anbindung ans Hauptthema

Es folgen in seinem Vortrag andere Themen, die für ihn offensichtlich im Zusammenhang mit dem Leitthema stehen, wo wir aber nur einen losen Zusammenhang sehen.

2.1      Employability

Zum Beispiel employability. Diese Befähigung zur späteren verantwortlichen Übernahme beruflicher Tätigkeiten hänge sehr stark mit der Fähigkeit zusammen, im Team zu arbeiten. Und das müsse in den Schulen eingeübt werden. Die High-Stakes-Tests in Deutschland müssten daher über den individuellen Anteil hinaus einen Gruppenanteil enthalten, was nicht der Fall ist. Von daher: You’re not making your students employable!

You’re not making your students employable!

John Hattie über deutsche Schulen

2.2      Teacher Collective Efficacy

Weiter spricht Hattie über die teacher collective efficacy, also die gegenseitige Zuschreibung von Lehrkompetenz, die aus Erfahrungen in der Zusammenarbeit von Lehrkräften entsteht. Diese sei unglaublich wertvoll für Lehr- und Lerneffektivität. Manche Lehrkräfte aber (er selbst bekennt sich zu dieser Schwäche) wollten sich für diese Zusammenarbeit nicht öffnen oder könnten es nicht.

2.3      Transfer

John Hattie erwähnt, dass er mit andern gerade ein Buch über special education schreibt. Hier habe sich gezeigt, dass Transferverständnis sehr wichtig ist und man bereits im Alter von 3 Jahren beginnen müsse, es einzuüben.

That is one of the major aims of education systems that students learn here so they can transfer. And this is where individualization, personalization misses.

Offenbar meint Hattie, dass die verbreiteten Ansätze des individualisierten oder personalisierten Lernens den Fokus nicht genügend auf die Perspektive des Transferverständnisses legen.

2.4      Challenges

Anschließend trägt er vor, dass Lernen herausfordernd zu sein hat, was es oft nicht ist. Dazu kommen müssen oft bis zu sieben Lerngelegenheiten/Wiederholungen, um eine Sache zu lernen, plus Feedback.

2.5      Equity

Nun kommt John Hattie auf equity zu sprechen, worunter wir bei ihm Chancengleichheit in der Bildung verstehen. Da hat er wieder seine Zweifel an Gruppenbildungen oder selektiven Schulsystemen und verfolgt ein klares Gegenkonzept, was unter Bildungsgerechtigkeit zu verstehen ist:

I have a much simpler way of looking at equity and that is every student who doesn’t make at least a year’s growth for a year’s input is not getting a fair deal.

2.6      Überindividualisierung

Anschließend, wieder näher am Hauptthema, kommt Hattie auf den Aspekt der Wahl zu sprechen, anscheinend im Zusammenhang mit der Mitbestimmung jedes einzelnen Schülers, was von ihm wann gelernt werden soll, gleich, wie weit die Fähigkeit zu solcher qualifizierter Mitbestimmung ausgeprägt ist. Das nennt er – wenn es falsch gemacht wird – overindividualization.

Choice is not my favorite topic… We know that when students have choice, they choose what they’re good at. Novices don’t know what novices don’t know. That’s why we have teachers to teach kids that which they didn’t know. I worry about the overindividualized learner for reasons that should be obvious now.

2.7      Selbstgesteuertes Lernen

Von hier aus kommt Hattie auf die für ihn höchste Form des Lernens zu sprechen. Das sei nicht in erster Linie high achievement, sondern, wenn Schüler ihr eigenes Lernen antreiben (drive their learning). In seinen Büchern spricht er auch von „self-directed“, übersetzt mit „selbstgesteuert“.

Er sagt (anhand der Erfahrungen mit seinen Enkeln), dass Vierjährige das gut könnten, aber Achtjährige es oft verlernten. Und dann betont er: Es geht es nicht um hohe Leistungen, sondern um Fortschritte:

I want this notion that our job is not high achievement. Not every student is going to be Einstein or Madam Curie. But every student can make progress. Every student can make at least a year’s growth. And I put the emphasis on the word at least because some kids have to make two or three years progress. And when you put that as your goal, we can do it.

Ein erstes Fazit:

So, what I want to end on here is this notion of what it is that I want. Like I’m not a great fan of as you’ve heard of personalized individualized. I like the notion of customized because it’s customized to the individual in the group. I particularly like the notion of that our job is to teach students to drive their own learning so that they know their current level of understanding. They know where they’re going and they’re confident to take on this challenge. And that’s a really big one.

3        Zusammenfassung

In den Schlussätzen seines Vortrages spitzt Hattie zu, worum es ihm geht, über das customized learning hinaus, nämlich um die von den Lehrer:innen angeleitete Übernahme von Verantwortung der Schüler:innen für das eigene Lernen:

So my message this evening is that I do think in this business the narrative we use is critical. I’m not a fan of personalized. I’m not a fan of individualized. I like customized.
But more I like this notion that students drive their own learning. I like the notion that teachers are responsible for teaching students to drive their own learning. I want teachers to gradually, sometimes better than gradually, release responsibility to teach the students so that they all make at least a year’s growth for a year’s input. Thank you. 

3 comments On Sichtweisen #36: „Hype“ um Individualisierung?

  • Leider finde ich Hattie, so sehr ich ihn als Wissenschaftler schätze, in diesen Aussagen extrem vage und schwammig. Was soll denn nun genau das „customized learning“ bedeuten? Wie sollen Lehrer im spezifischen Kontext die „richtigen“ Lösungen, oder treffende Einschätzungen finden. Soll ich diagnostisch arbeiten und dann passende Inhalte auswählen? Die Gruppenbildungen im Blick haben und deren Arbeit reflektieren. Wie soll das alles leistbar sein?

    Mein Eindruck ist, dass Hattie in der Komplexität, die sich ihm eröffnet, eigentlich keine praxistauglichen Einschätzungen mehr treffen kann und ich befürchte, wir Lehrer sind nicht in der Lage oder kaum in der Lage, dem einzelnen Schüler in der Form gerecht zu werden, wie Hattie sich das vorstellt. Diese Anforderung ist zu hoch.

    • Berechtigter Einwand. Ich vermute, die von Ihnen bemängelte Vagheit hängt einerseits damit zusammen, dass er im Rahmen eines Vortrags nicht noch praxisnäher argumentieren wollte/konnte, weil er sich dann in Details und damit auch viele seiner Zuhörer verloren hätte. Andererseits war seine Stoßrichtung ja offensichtlich, die von ihm benannten Missverständnisse von Individualisierung und Differenzierung deutlich zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass er das Konzept des customized learnings in späteren Veröffentlichung aufnehmen und weiter klären wird.

    • Ich denke, die Komplexität kommt vor allem daher, dass Hattie hier falsche Auffassungen seiner Aussagen widerlegt, was naturgemäss die Komplexität der Argumentation steigert. Die ursprünglichen Aussagen stammen ja alle aus Wirksamkeitsstudien und somit aus realem Unterricht respektive erfolgreicher pädagogischer Praxis, wo genau eine Sache verändert wurde.
      Wahrscheinlich wäre es effizienter, wenn wir weniger Diskussionen über korrekte und falsche Interpretationen der Befundlage hätten und dafür einfach anschauliche Beispiele, wie die Intervention genau ausgesehen hat, welche die hohen Lerneffekte hatte.

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