Fail #60: Studiert und trotzdem nichts kapiert!

Dieses Prädikat hat sich der Philologenverband Baden-Württemberg mit seiner unsachlichen Kritik am Schulversuch „Lernförderliche Leistungsrückmeldung in der Grundschule“ redlich verdient. Hier ein paar Gründe für mein Urteil.

Nicht belegte Behauptung

„Der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) reagiert mit Kopfschütteln auf die neueste Pirouette in der baden-württembergischen Schulpolitik: die geplante Neuauflage des schon vor fünf Jahren gescheiterten Schulversuchs „Grundschule ohne Noten“, der ab dem kommenden Schuljahr an 39 Grundschulen erneut durchgeführt werden soll.“ (Website)

Richtig ist: Der Schulversuch „Grundschule ohne Noten“ in Baden-Württemberg war 2017 von der damaligen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) eingestellt worden – zum Unwillen der beteiligten Schulen. (Quelle)

Richtig ist weiterhin: Ohne Evaluation plant das Kultusministerium den Schulversuch ‚Grundschule ohne Noten‘ zu beenden. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen… Seit 2013/14 läuft der Schulversuch ‚Grundschule ohne Noten‘ an zehn Versuchsschulen. Das Kultusministerium will diesen Schulversuch nun beenden. Eine bei der Einführung explizit vorgesehene Evaluation soll aber nicht durchgeführt werden. (Quelle)

Diagnose: Die Meldung des PhV ist eine Mischung aus Ideologie und Arroganz, denn mit verächtlichen Worten („neueste Pirouette“) wird das Ergebnis eines Schulversuchs („gescheitert“) einfach behauptet ohne irgendeinen Beleg zu liefern.

Keine Noten heißt: keine Leistung

„Kinder und Jugendliche wollen sich vergleichen und suchen Herausforderungen“, erklärt der PhV-Landesvorsitzende Ralf Scholl. „Von daher ist die Idee, sie vor allen Schwierigkeiten und Hindernissen zu bewahren und daher auf Noten zu verzichten, schon vom Ansatz her verfehlt.

Außerdem hat Schule einen Erziehungsauftrag: Im Rahmen der Schule müssen die Kinder auch lernen, dass Anforderungen von außen an sie gestellt werden, und dass sie sich anstrengen müssen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.“

Es ist immer dieselbe dusselige Gleichsetzung von Notenbefürwortern: Wer Leistung will, muss Noten geben. Da nutzt es auch nicht, wenn das KM BW diesen Einwand vorwegnimmt:

Wie wird die Leistung der Kinder erhoben?

„Die Leistung wird wie bisher auch in unterschiedlichen Formen erhoben. Beispielsweise in Form von Lernstandskontrollen, Präsentationen, Unterrichtsbeobachtungen, Lerntagebüchern oder Portfolios etc. Die verschiedenen Formen der Leistungserhebung geben der Lehrkraft Aufschluss, welche angestrebten Kompetenzen von den Kindern bereits erlangt wurden. Von den Schülerinnen und Schülern wird beim Schulversuch also auch weiterhin Leistung gefordert und es gibt die gleichen Leistungsanforderungen wie an Grundschulen, die nicht am Schulversuch teilnehmen.“ (Quelle)

„Es gibt weiterhin Leistungsanforderungen an die Kinder. Lediglich die Art und Weise der Rückmeldungen ändert sich. Eine lernförderliche Leistungsrückmeldung hat vor allem lernförderliches Potential. Sie beinhaltet neben der Rückmeldung zum bisherigen Lernprozess (feedback) einen Blick auf die Perspektive für den weiteren individuellen Lernprozess (feedforward).

Grundlage hierfür sind regelmäßige Lernstandsdiagnosen, bei denen die Kinder zeigen, wie weit sie beim Erreichen der angestrebten Kompetenzen fortgeschritten sind.

Auch im Schulversuch stellt der Bildungsplan die verbindliche Grundlage dar.“ (Quelle)

Ergebnisse des Schulversuchs sind von vorneherein klar

Der Philologenverband maßt sich an, die Ergebnisse nicht nur des abgebrochenen Schulversuchs ohne Evaluation zu kennen, sondern auch die des neuen jetzt schon zu wissen:

„Mit Verbalbeurteilungen, die nach Vorgabe nur positive Formulierungen enthalten dürfen, werden Kinder und Eltern in Scheinsicherheit gewiegt. Das Wohlbefinden der Grundschulkinder und die Zufriedenheit der Eltern wird damit während der Grundschulzeit absehbar steigen. Lernen werden die Kinder aber weniger als gleichaltrige „benotete“ Grundschüler. Das zeigen die Erfahrungen aus dem ersten Schulversuch, der genau aus diesem Grund 2017 abrupt beendet wurde.“

Daraus kann man nur schließen, dass der erste Schulversuch zwar nicht wissenschaftlich, aber doch von Frau Eisenmann (also der CDU) und dem Philologenverband evaluiert wurde – also wissenschaftsfrei, weil man ja eh weiß, dass es ohne Noten nicht geht. Die Akademiker verzichten also auf das, was man doch im Studium gelernt haben sollte, nämlich auf wissenschaftliches Arbeiten und Argumentieren. Aber vielleicht wäre das von einem rein interessengesteuerten Lehrerverband auch zuviel erwartet.

Nichtwissen, Nichtwahrhabenwollen oder eine glatte Lüge

„Wir hoffen, dass die wissenschaftliche Evaluation dann nicht nur das Wohlbefinden der Kinder untersucht, wie 2016 in der WissGem-Studie bei der Evaluation der Gemeinschaftsschule. Die wissenschaftliche Evaluation muss auch den Wissensstand der Kinder objektiv und akribisch untersuchen“, so Ralf Scholl.

Ich muss mich dafür entschuldigen, dass bei mir der Stresspegel mit solchen Behauptungen steigt und dass ich dann auch nicht mehr nüchtern und neutral formulieren kann.

Man muss sich mal vor Augen halten, welche Universitäten an der Evaluation beteiligt waren:

Eberhard Karls Universität Tübingen
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd
Pädagogische Hochschule Freiburg
Pädagogische Hochschule Weingarten
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Herr Philologe nimmt dieser akademischen Kompetenz gegenüber den Mund vielleicht doch etwas voll.

Mir liegt hier eine Kurzfassung der WissGem von 2016 vor, die zeigt, dass eben nicht nur „das Wohlbefinden der Kinder untersucht“, sondern differenziert geforscht wurde. Hier ein paar – und zwar nicht nur positive – Ergebnisse, die andeuten, wie umfangreich die Fragestellungen waren:

Executive Summary: Motivation
Gemeinschaftsschülerinnen und -schüler waren zu beiden Erhebungszeitpunkten intrinsisch motivierter als vergleichbare Schülerinnen und Schüler an Nicht-Gemeinschaftsschulen… Die berichteten Ergebnisse weisen auf die Bedeutung der Unterrichtsqualität für die motivationale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler hin. (S. 7)

Executive Summary: Unterrichtsqualität
Die Ergebnisse zeigen eine hohe Vergleichbarkeit von vorliegender Stichprobe (Unterrichtssequenzen an Gemeinschaftsschulen) und Referenzstichprobe… Auf der Grundlage dieser Beobachtungen, die über einen Bogen mit national und international anerkannten Merkmalen der Unterrichtsqualität erfasst wurden, bestanden keine auffälligen Befunde zur Unterrichtsqualität an den untersuchten Gemeinschaftsschulen. (S. 8)

Executive Summary: Sozialraum
Im Rahmen der Studie zum Sozialraum der Gemeinschaftsschulen (TP 3a, Eltern: N = 2.413; Lehrkräfte: N = 789) erwies sich auf der Ebene der Einzelschule die Haltung des Lehrerkollegiums gegenüber der eigenen Gemeinschaftsschule als wesentlicher Erfolgsfaktor, etwa um leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler zu gewinnen.
Eine intensive interne Kooperation der Lehrkräfte (TP 1 und TP 2), die sich durch gemeinsam entwickelte und umgesetzte Konzepte auszeichnet, konnte als wichtiges Qualitätsmerkmal an den beteiligten Gemeinschaftsschulen identifiziert werden. Dies wird nach Aussagen vieler Lehrkräfte durch eine führungsstarke und strukturierte Schulleitung unterstützt. Wichtig ist dabei der konkrete und verbindliche Bezug zum Unterricht, also eine über Materialaustausch und gegenseitig vorgestellte Ideen hinausgehende Kooperation. (S. 8)

Executive Summary: Umgang mit Heterogenität
Die Studie zum Umgang mit Heterogenität im Unterricht an zehn Gemeinschaftsschulen (TP 1, N = 491 Erhebungen á 40min; N = 266 beobachtete Schülerinnen und Schüler) verdeutlichte, dass die aktive Lernzeit von Lernenden auf unterschiedlichen Leistungsniveaus je nach Unterrichtsform variiert: Lernende auf hohem Leistungsniveau zeigen in fachungebundenen individuellen Lernphasen die höchste aktive Lernzeit, während Lernende auf niedrigerem Leistungsniveau in Inputstunden die höchste aktive Lernzeit haben. Bezogen auf die individuellen Lernphasen weisen Lernende auf niedrigem Leistungsniveau in fachungebundenen individuellen Lernphasen eine höhere aktive Lernzeit als in fachgebundenen individuellen Lernzeiten auf. (S. 8f)

Executive Summary: Lehrkräfte
Im Rahmen der Studie zur pädagogischen Professionalität (TP 1) zeigte sich ein erhöhter Zeitaufwand angesichts vielfältiger Anforderungen (z.B. Schulkonzeption entwickeln, kooperieren, Unterricht entwickeln, Materialien erstellen, individuell beraten). Veränderte und flexible Arbeitszeiten werden daraufhin an vielen Schulen diskutiert.
Im Vergleich zu Lehrkräften an Nicht-Gemeinschaftsschulen sind Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen (TP 2, N = 2.026 Lehrerfragebögen) insgesamt innovationsbereiter, sie kooperieren intensiver und weisen eine positivere Einstellung gegenüber heterogenen Lerngruppen auf. Dies dürfte insgesamt eine günstige Voraussetzung für die Entwicklung und Umsetzung zahlreicher Konzeptionen an Gemeinschaftsschulen sein. (S. 9)

Schulartenvergleich
Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse die hohe Bedeutsamkeit der Unterrichtsqualität für die motivationalaffektive Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Die Qualität der Einzelschule schlägt sich nur insofern nieder, als an guten Schulen auch entwicklungsförderlicherer Unterricht stattfindet. Die Schulart (Gemeinschaftsschule vs. Nicht-Gemeinschaftsschule) ist für die motivational-affektive Entwicklung der Schülerinnen und Schüler nicht relevant. Es lohnt sich demnach, im Rahmen schulischer Entwicklungsprozesse ein besonderes Augenmerk auf eine hohe Qualität von Unterricht zu richten. Bei der Interpretation aller Ergebnisse ist jedoch einschränkend zu berücksichtigen, dass sich Reformeffekte innerhalb eines Zeitraumes von knapp drei Jahren unter Umständen noch gar nicht zeigen konnten. (S. 50)

Mit der Einführung der Gemeinschaftsschule gibt es eine Vielzahl parallel laufender Entwicklungsvorhaben, die Stützungsmaßnahmen erfordern (S. 73).

Selbstständiges Lernen kann schwächere Schüler überfordern (S. 73f).

Vor allem zwei Qualitätsmerkmale an GMS fallen ins Auge: Flexibilität und Kooperation der Lehrkräfte und der schulischen Organisationen (S. 74).


Quelle: Forschungsgruppe Wissenschaftliche Begleitforschung Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg. (2016). Abschlussbericht (Kurzfassung) (Eberhard Karls Universität, Hrsg.), Tübingen.


Ich kann es mir nicht anders erklären: Der Herr Philologe wird zum Herrn Philolügen (Entschuldigung!), weil er die Ergebnisse der Evaluation offensichtlich nicht gelesen oder nicht verstanden hat und sie in einer Weise verkürzt, die mit der Realität nichts am Hut hat.

Aber das war jetzt Gemeinschaftsschule. Kehren wir zurück zur Grundschule.

Die falsche Botschaft wird noch einmal hinaustrompetet

„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nicht weil wir das wollen, sondern weil wir mit unseren Firmen auf dem Weltmarkt in internationalem Wettbewerb stehen. Den Leistungsgedanken aus der Schule zu verbannen, ist daher wirklich keine gute Idee“, erklärt der PhV-Vorsitzende abschließend.

Zum Schluss wird die falsche Folgerung „Leistung braucht Noten“ noch einmal wiederholt, was das Ganze nicht besser macht. Offensichtlich hat der gute Mann trotz aller Noten, die er in der Schule erhalten hatte und trotz seines akademischen Studiums es nicht gelernt, Texte zu lesen oder in ihrem Aussagesinn zu erfassen. Damit beweist er in persona, dass man auch mit (möglicherweise guten) Noten im „Wettbewerb“ ziemlich schwache Leistungen erbringen kann. Aber dafür eine dicke Lippe riskiert.

Evaluation auch beim neuen Schulversuch

Frau Schopper wäre schlecht beraten, wenn sie den neuen Schulversuch ohne gründliche Evaluation durchführen würde.

„Die Evaluation des Schulversuchs wird vom Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) durchgeführt. Die Evaluation erfolgt auf der Grundlage wissenschaftlich erhobener empirischer Daten, um zu prüfen, inwiefern die Zielstellungen erreicht werden. Bei der Durchführung der Evaluation und der Auswertung der Ergebnisse arbeitet das IBBW unabhängig vom Kultusministerium.

Am IBBW sind Bildungswissenschaftlerinnen und Bildungswissenschaftler für die Planung und Durchführung der Evaluationsstudie verantwortlich. Das Studiendesign wurde mit dem Wissenschaftlichen Beirat des KM sowie dem Praxisbeirat des IBBW abgestimmt. Darüber hinaus soll ein externer wissenschaftlicher Beirat aus Bildungswissenschaftlerinnen und Bildungswissenschaftlern unterschiedlicher Expertisen gebildet werden, welcher die Evaluationsstudie begleiten soll.“ (Quelle)

Ehe der Philologenverband in BW weiß, was dabei herauskommt, sollte er diesen dann folgenden Bericht erst mal (gründlich) lesen und verstehen. Dann darf er kritisieren ohne peinlich zu werden.


Hier noch ein paar Beiträge zum Thema Noten:

1 comments On Fail #60: Studiert und trotzdem nichts kapiert!

  • Ich bin der Meinung, dass das Problem noch eine Ebene tiefer liegt. Es sollte den Schulen komplett selbst überlassen werden, wie sie die Kinder auf ein bestimmtes Leistungslevel bringen – mit oder ohne Noten. Es entspricht unserer deutschen Denktradition, dass der Staat in Bildungsfragen jedes Detail vorschreibt. Diese Überregulierung hat das deutsche Schulsystem in diesen beklagenswerten Zustand gebracht. Vielleicht sollte man es einfach mal mit mehr Freiheit und Eigenverantwortung ausprobieren.

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