Initiative #66: Die Neue Sekundarschule für Baden-Württemberg

Nein, das ist keine Geheimwissenschaft, schon gar keine Ideologie und auch nicht neu, sondern der Weg, den die Entwicklung einfach genommen hat und weiter nimmt: das 2-Säulen-Modell.

Schon im Jahr 2007 hat der Aktionsrat Bildung – ein von der bayerischen (!) Wirtschaft (!) getragenes Expertengremium – den verkorksten Übertritt nach der 4. Jahrgangsstufe mit deutlichen Worten kritisiert und empfohlen, ein zweigliedriges Schulsystem ins Auge zu fassen. Diese Rufe blieben unerhört, jedenfalls in Bayern.

Bremen hat dann 2009 auf ein zweigliedriges Schulsystem umgestellt und wurde darin von Bildungsexperten bestätigt.

Dem folgte kurz darauf als erstes Flächenland Saarland, ebenfalls noch im Jahr 2009, was von Prof. Valentin Merkelbach hier beschrieben und weiter verfolgt wurde.

Einen deutlichen Wandel zur Zweigliedrigkeit sah und unterstrich Kai Maaz, Direktor am DIPF in einem Aufsatz 2017.

Neues Konzept für Baden-Würrtemberg

Jetzt, im Juni 2014, hat diesen Faden ein weiteres Expertengremium aufgenommen. Dessen Konzept für Baden-Württemberg werde ich im folgenden auszugsweise vorstellen. Hier der Download der offen zugängliche Quelle:


Neue Sekundarschule in Baden-Württemberg. Begründung, Ausgestaltung und Einführung. Ein Vorschlag zur Neugestaltung der Schul­struktur im Kontext der derzeitigen Diskussion um die Einführung des G9, Stuttgart.


Es handelt sich hierbei in der Regel um Zitate aus dem Text, abgeschlossen durch den Seitenhinweis. Die Überschriften sind von mir, und meine Kommentierungen dazu habe ich fett gekennzeichnet.

Anlass und Absicht des Konzeptes

Die Wiedereinführung des G9 in Baden-Württemberg führt zu einem Run auf das Gymnasium. Durch die Möglichkeit des Elternwahlrechtes kommen zu viele Schüler:innen auf die begehrte Schulart, die im Lauf der Jahre wieder aussortiert werden (müssen?). Diesem Effekt will die Expertengruppe entgegentreten, indem sie dem Gymnasium eine zweite Schulart zur Seite stellt, mit der ebenfalls alle Abschlüsse erreicht werden können, auch von Spätentwicklern.

„Liebe Leserinnen, ausgelöst durch eine Unterschrifteninitiative und den damit verbundenen Antrag einer Bürgerinitiative zur Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums (G9) ist die Debatte zur Schulstruktur in Baden-Württemberg in Bewegung geraten. Eine Arbeitsgruppe von Expertinnen aus den Bildungswissenschaften, der Schulpraxis verschiedener Schularten sowie der Bildungsadministration und der Schulträgerschaft hat die Diskussion aufgegriffen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen gemeinsamen Entwurf für eine Neue Sekundarschule – neben dem Gymnasium – zu entwickeln, der den Problematiken im Zusammenhang hinsichtlich der Wiedereinführung des G9 mit konstruktiven Vorschlägen zu begegnen sucht:

Die in diesem Papier dargestellte Konzeption einer Neuen Sekundarschule soll die bisherige Gliederung der Sekundarstufe (in Hauptschulen, Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen) vereinfachen, mit dem Ziel, bestmögliche Bildungschancen für alle Schülerinnen zu eröffnen. Darüber hinaus werden – angesichts eines komplexen Übergangsprozesses – Überlegungen zur schrittweisen Implementierung der Neuen Sekundarschule skizziert.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 3)

Puzzeln, bis die richtige Struktur gefunden ist. Bild von Senjin Pojskić auf Pixabay


Anknüpfung und Neuausrichtung

„Vor dem Hintergrund der ausgewiesenen Problemlagen werden die bisherigen Sekundarschularten Hauptschule, Werkrealschule, Realschule und Gemeinschaftsschule in einer Neuen Sekundarschule zusammengeführt. Sie bildet neben dem Gymnasium die zweite Säule der Schulstruktur und vereinigt die Stärken und spezifischen Profilmerkmale der bisherigen Schularten, zu denen beispielsweise hohe Qualitätsstandards im fachlichen Lernen, die Berufsvorbereitung und die enge Kooperation mit der Wirtschaft oder Coaching gehören.

Bei der Umgestaltung knüpft die Neue Sekundarschule an diese Stärken der Vorgängerschulen an, die zusätzlich durch weitere innovative Merkmale, die aus den oben genannten Forschungsbefunden und Erkenntnissen aus nationalen und internationalen Entwicklungen resultieren, ergänzt werden.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 27)

Wichtige Eckpunkte der Neuen Sekundarschule

Verbindliche Ganztagsschule

Mit dem Begriff des „kulturellen Kapitals“, welches den Kindern bildungsbenachteiligter Familien fehle, knüpft die Expertengruppe an die Einsichten des Soziologen Pierre Bourdieu an, über die hier ausführlich berichtet wurde.

„Die Neue Sekundarschule entwickelt sich zu einer verbindlichen Ganztagsschule mit attraktiven, rhythmisierten Angeboten in Balance von lernbezogenen und freizeitorientierten (musikalische, sportliche, schauspielerische Betätigung etc.) Zielen. Letztere dienen auch bewusst dazu, das fehlende kulturelle Kapital bildungsbenachteiligter Familien zu einem gewissen Grad zu kompensieren (El-Mafaalani, 2020; Graf, 2022).“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 28)

Abschlüsse und Standards

Um als Alternative zum Gymnasium erkannt und anerkannt zu werden, muss die neue Schulart alle Standards anbieten, dementsprechend auch den gymnasialen.

„Die Neue Sekundarschule bietet einen Bildungsgang, der dem Ziel der Ausbildungs- und Berufsvorbereitung verpflichtet ist und den „Ersten Abschluss“ (Hauptschulabschluss) und den Mittleren Abschluss anbietet und damit die Grundlage für weitere Abschlüsse bildet. Das Abitur wird in der Oberstufe an einer Sekundarschule, in gemeinsamen Oberstufen oder in Kooperation mit den beruflichen Gymnasien angeboten. […]

Die Neue Sekundarschule bietet ein breites inhaltliches Angebot in allen Standards (Mindest-, Regel- und Optimalstandards) an und orientiert sich in ihrer Förderlogik an dem durch Diagnostik überprüfbaren Ziel, dass möglichst viele Schülerinnen die Regelstandards in Deutsch und Mathematik erreichen, sodass mit dem Schulabschluss ein gelingender Übergang in nachfolgende Wege gewährleistet ist.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 28)

Multiprofessionelle Teams

Zusammen zum Wohl der Schüler:innen. Bild von Augusto Ordóñez auf Pixabay

Die Zusammensetzung der Schülerschaft der Neuen Sekundarschule ist hochgradig heterogen. Das hat Auswirkungen auf den Unterricht und auf die Kompetenzen der Lehrerschaft. Von daher müssen natürlich multiprofessionelle Teams ermöglicht werden.

„Ihr Kernmerkmal ist gemäß diesem Ziel der kompetente und professionelle Umgang mit Heterogenität. Dieser ermöglicht den Lernenden entsprechend ihren Voraussetzungen strukturierte und differenzierte Angebote. Um der Heterogenität der Schülerschaft zu begegnen, sind multiprofessionell zusammengesetzte Teams konstitutiv für die neue Schulart. (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 28)

Offen auch für gute Schüler:innen

Es versteht sich von selbst, dass das Niveau des Gymnasiums als einer Schulart, die darauf angewiesen ist, gewissermaßen den „Rahm“ der besten Schüler:innen abzuschöpfen, nur dann erreicht werden kann, wenn man auch Kinder und Jugendliche mit guten und hohen Potenzialen gewinnt. Diese finden sich in den gesellschaftlichen Gruppen, die normalerweise beim Übertritt durch das Raster fallen.

„Die Neue Sekundarschule schließt Angebote für das Erreichen von Optimalstandards von Beginn an ein und ist damit auch attraktiv für Schülerinnen mit Empfehlung für einen mittleren oder einen gymnasialen Bildungsabschluss. Aufgrund dieses Profils vermeidet sie eine soziale Selektivität und hält aufsteigende individuelle Entwicklungsverläufe „im Hause“ offen, was besonders für Kinder und Jugendliche mit Benachteiligungen, Sprachproblemen, Flucht- oder Migrationshintergrund und Entwicklungsverzögerungen wesentlich ist.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 29)

Kooperation mit den gymnasialen und beruflichen Oberstufen

Nur die größten Neuen Sekundarschulen werden in der Lage sein, eine eigene gymnasiale Oberstufe anzubieten. Für alle anderen empfiehlt die Expertengruppe Kooperationen mit den Oberstufen in räumlicher Nähe.

„Die Neue Sekundarschule bietet den Ersten und den Mittleren Abschluss an den jeweiligen Standorten an und bereitet Schülerinnen, die diagnosebasiert dazu in der Lage sind, auf die Hochschulreife vor. Hierfür sind enge Kooperationen mit weiteren Schularten erforderlich, sofern keine eigene Oberstufe vorhanden ist: Die Neue Sekundarschule kooperiert strukturell und lokal eng mit den Gymnasien und den beruflichen Schulen und ermöglicht, wenn die Voraussetzungen vorliegen, Querwechsel in das allgemeinbildende Gymnasium und in die dualen Ausbildungen, die Berufsfachschulen, die Berufskollegs und das berufliche Gymnasium.“ (Autor*innengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 29)

Schematischer Aufbau der Neuen Sekundarschule

Hier erkennt man, wie die neue Schulart in drei Entwicklungsphasen konzipiert ist: Einer Orientierungsstufe folgt eine Stabilisierungsphase, die von einer Profil- und Abschlussphase ergänzt wird.

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Neues Fach „Informatik und KI“

„Während die benannten Fächer auch heute schon den Unterricht im gegliederten Schulwesen prägen, wird ein neues Fach „Informatik und KI“ eingeführt, das die von der Kultusministerkonferenz definierten Kompetenzen (Kultusministerkonferenz, 2016; Kultusministerkonferenz, 2021) in allen Klassenstufen aufgreift und um Inhalte zu KI-basierten Modellen erweitert.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 36)

In den Nebenfächern werden Fachinhalte reduziert

„In den Nebenfächern werden Fachinhalte reduziert, und insbesondere in den Klassenstufen 7 und 8 sollten – wie oben ausgeführt – Freiheiten eingeräumt werden, die den Schulen die Möglichkeit bieten, personale und soziale Kompetenzen anhand von Kooperation, Selbstregulation, Selbstorganisation, Resilienztraining und Well-being aufzugreifen und zu thematisieren.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 36–37)

Frühzeitige Berufsorientierung

Es gilt, ein einseitiges, auf akademischen Erfolg ausgerichtetes Denken von Eltern und Schüler:innen rechtzeitig aufzubrechen und nicht nach dem höchsten Abschluss zu suchen, sondern nach dem, der für das Kind oder den Jugendlichen der passende ist.

„Die Neue Sekundarschule bietet berufs- und arbeitsweltbezogene Angebote bereits ab der 5. Klassenstufe und öffnet den Blick für zukunftsorientierte Tätigkeitsfelder. Sie ist der ganzen Breite der Berufswelt – dem Handwerk, der Industrie, den sozialen wie auch den kaufmännischen Berufen – verpflichtet und greift die sich dort vollziehende digitale Transformation auf. Sie bietet verstärkt eine strukturierte, verbindliche und altersgerechte Berufsorientierung, die den Jugendlichen die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung und anschließender betrieblicher Weiterbildungen aufzeigt.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 37)

Erfolg nur über eine akademische Karriere? Bild von GraphicMama-team auf Pixabay

Praktikumsmöglichkeiten und Kooperationen

„Diese Berufsorientierung bietet flexible Praktikumsmöglichkeiten in unterschiedlichsten Formaten (Block-, Tages- oder Ferienpraktika) an, die an die Stärken der Vorgängerschulen und die bisherige Zusammenarbeit anschließen. Die Neue Sekundarschule kooperiert eng mit betrieblichen und sozialen Einrichtungen in ihrem Umfeld. Strukturierte Konzepte und verbindliche Vereinbarungen zwischen Lehrkräften an der Sekundarschule und den beruflichen Schulen, der Berufsberatung der Arbeitsagenturen, den Kammern, den Informationszentren und allen weiteren Akteuren sind elementar.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 37)

Aus der Struktur in die Autonomie

Was hier mit vorsichtigen Formulierungen zum Ausdruck gebracht wird, ist der Ansatz, den Schüler:innen mehr freies oder selbstorganisiertes Lernen zuzumuten und zuzutrauen. Das ist die Abkehr von der alten grammar of schooling (John Hattie), die auf einer überkommenen reinen Inputstruktur fußt.

„Insgesamt ist die pädagogische und die didaktische Gestaltung der Neuen Sekundarschule dem Ziel verpflichtet, dass Schülerinnen sich nicht nur Wissen aneignen, sondern sich vertieft in ko-kreativen Phasen damit auseinandersetzen und authentische Leistungen erbringen. Dies bedingt sowohl instruktive als auch konstruktive Phasen. Während der Arbeitsprozess für jüngere Schülerinnen noch einer umfänglicheren Strukturierung unterliegt, kann eine selbstbestimmte Auswahl von Fragestellungen ab der 7. und 8. Klassenstufe zu einer höheren Motivation führen, weil sie dem zunehmenden Autonomiebestreben junger Menschen entgegenkommt.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 42)

Gestufte Freiheitsgrade

„Die Neue Sekundarschule realisiert einen adaptiven und differenzierten Unterricht. Eigenständiges Lernen wird systematisch und schrittweise auf- und je nach Voraussetzungen der Lernenden zunehmend in unterschiedlichen didaktischen Konzepten ausgebaut. Lehrkräfte wissen um den variierenden, gezielten Unterstützungsbedarf ihrer Schülerinnen und vergeben Freiheitsgrade gemäß ihren Voraussetzungen. Schülerinnen mit Lern-, Verhaltens- oder Lebensproblemen werden unterstützt und gestärkt.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 42)

Unterschiedliche didaktische Konzepte

„Da unterschiedliche didaktische Konzepte prinzipiell für den Umgang mit Heterogenität geeignet sind, werden hier keine bestimmten vorgeschlagen. Wesentlich ist die Erkenntnis, dass nicht das didaktische Konzept an sich, sondern die qualitative Umsetzung und die Passung zu den Voraussetzungen der Lernenden über die Lernerfolge bestimmen (Bohl, 2023; Dumont & Ready, 2023).“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 42)

So vielfältig wie die Schüler:innen muss auch die Unterrichtskultur sein. Bild von Prawny auf Pixabay

Individuelle Unterstützung

„In der Neuen Sekundarschule wird über die Didaktik hinaus in besonderem Maß Wert auf individuelle Unterstützung gelegt. Diese erfordert eine frühzeitige Wahrnehmung nicht erreichter Kompetenzen, eine unterstützende Intervention und deren konzeptionelle Absicherung in der neuen Schulart. Internationale Erfahrungen wie das „Response to Intervention“-Verfahren (RTI) sind dabei hilfreich. Im RTI werden die Basiskompetenzen der Kinder und Jugendlichen insbesondere in Deutsch und Mathematik regelmäßig (digital gestützt) erhoben, um ihnen umgehend eine adaptive Unterstützung geben zu können (zum Beispiel in wöchentlichen Lernbändern), wenn die anvisierten Kompetenzen und Bildungsstandards noch nicht erreicht wurden. Dies dient auch dem Ziel, sozialen und kulturellen Benachteiligungen entgegenzuwirken.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 43)

Sinnvolle Nutzung digitaler Werkzeuge

„Der sinnvolle Einsatz von digitaler Technologie im Unterricht kann Lernprozesse wirksam unterstützen und bereichern. Digitale Werkzeuge und Ressourcen können den Zugang zu Informationen erweitern, personalisiertes Lernen unterstützen und neue Formen der ko-kreativen und ko-konstruktiven Zusammenarbeit ermöglichen. Der Prüfung von Ergebnissen generativer Large Language Models, die Wissen und Kompetenz erfordert, kommt künftig eine akzentuierte Bedeutung zu. Wichtig ist jedoch, dass die Nutzung digitaler Tools pädagogisch und didaktisch sinnvoll ist und geplant erfolgt und dass es ebenso „digitalisierungsfreie“ pädagogische Räume gibt. Hier geht es um andere Kompetenzen wie aufmerksames Lesen, Face-to-Face-Kommunikation, körperliche Bewegung, Naturerleben etc.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 43)

Leistungshinweise: formativ, durch Peers, Selbstbeurteilung

„Eine wirksame Leistungsbeurteilung und -rückmeldung spielt eine zentrale Rolle in der Lernentwicklung der Schülerinnen, indem sie Lernfortschritte aufzeigt und die Selbstregulation stärkt. Damit dies gelingt, sind formative Rückmeldungen im Lernprozess, die auf spezifische und für die Lernenden erreichbare Ziele ausgerichtet sind, besonders wirksam (Maier, 2014). Transparente Bewertungskriterien (kriteriale Bezugsnorm) sowie die aktive Einbeziehung der Schülerinnen durch Selbstbewertung und Peer-Feedback fördern deren Selbstregulation. (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 44)

In der Orientierungsstufe werden differenzierte Verfahren der Leistungsbeurteilung (Ankreuzverfahren) für Halbjahresinformationen beziehungsweise Zeugnisse durchgeführt, die mit beratenden und perspektivenklärenden Gesprächen für Schülerinnen und Eltern verbunden werden. Auf begründeten Wunsch hin (Schulwechsel) werden in den Kernfächern Noten vergeben. Diese Schwerpunktsetzung ist mit der summativen Leistungsbeurteilung, die ebenfalls notwendig ist, auszutarieren. Es gibt keine Versetzungsentscheidung von Klassenstufe 5 nach 6. Zur formativen Diagnostik in der Orientierungsstufe werden den Schulen (digitale) Tools für die Lehrkräfte bereitgestellt, die ein Screening ermöglichen. Noten können ab Klassenstufe 7 vergeben werden.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 44)

Leistungsrückmeldung im Prozess, nicht erst am Ende. Bild von Boer Technology auf Pixabay

Lernbegleitung, Lernentwicklungsgespräche, Peer-Feedback

„Eine sich über die gesamte Sekundarstufe erstreckende Lernbegleitung, wie sie beispielsweise in Coaching-Konzepten verwirklicht werden kann, wird als sinnvoll angesehen. In diesem Zusammenhang sind auch Lernentwicklungsgespräche (als Gespräche mit Lernenden und Eltern), wie sie derzeit in einem Modellversuch in der Primarstufe schon erprobt werden, denkbar. Auch die aktive Einbeziehung von Schülerinnen in eine dialogische Leistungsbeurteilung, etwa durch Peer-Feedback, ist sinnvoll. (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 44)

Die Neue Sekundarschule ist eine inklusive Schulart

Die Neue Sekundarschule ist eine inklusive Schulart, die es Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ermöglicht, am Regelschulunterricht teilzunehmen. Sie ist auch für jene horizontale Wechsel offen, wenn Veränderungen des Förderbedarfs in der Entwicklung vom Kind zum jungen Erwachsenen einen Wechsel des Förderortes erforderlich erscheinen lassen. (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 51)

Die Frage des Übertritts

Aktuell entscheiden die Eltern über den Schulweg ihres Kindes nach einer Beratung durch die Grundschul-Lehrkräfte. Dies hat eine, wie die Expertengruppe es nennt, „spätere Abwärtsmobilität“ zur Folge und ist deshalb ungenügend.

„Dieses Übertrittsverhalten ist vermutlich auch für die spätere Abwärtsmobilität verantwortlich, die hauptsächlich vom Gymnasium in die Realschule und in die Gemeinschaftsschule erfolgt. Die nicht gymnasialen Schularten der Sekundarstufe sind vielfach von nachfolgenden Korrekturbewegungen betroffen, wie die hohen Abgangszahlen vom Gymnasium nach der Klassenstufe 5 oder in den Klassenstufen 7 und 8 aufzeigen.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 45)

Wiedereinführung der Verbindlichkeit im Übertritt?

„Eine mögliche Lösung stellt die Wiedereinführung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung dar. Sie ist aus pädagogischer Sicht mit Problemen verbunden, weil einerseits prognostisch valide Aussagen über die Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder zum Ende der Klassenstufe 4 kaum möglich sind, andererseits der Leistungsdruck auf die Kinder (und deren Eltern) steigt – und ebenso auf die Grundschullehrkräfte.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 46)

Übergangsentscheidungen und deren Hinterbühne

Was spielt sich hinter der Bühne ab? Bild von Gordon Johnson auf Pixabay

„Übergangsentscheidungen werden nicht nur von den formalen Regelungen, sondern auch von der „Hinterbühne“ bestimmt. So können bildungsnahe Eltern bei einer verbindlichen Grundschulempfehlung vorauseilend mehr in Nachhilfe investieren oder Druck auf Lehrkräfte ausüben (Neugebauer, 2010, S. 210). Daher erscheint es überaus ratsam, auch und gerade bei der Wiedereinführung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung auf Nebeneffekte zu achten.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 47)

Auf diese Hinterbühne macht der Leitfaden für übertrittswillige Eltern aufmerksam.

Ein Übertrittsmodell: „2 aus 3“

Ein Vorschlag stellt die sogenannte Regelung „2 aus 3“ dar. Das Modell sieht hier den Elternwillen, die ausgesprochene Empfehlung der Grundschule und einen verbindlichen, standardisierten Test in der Klassenstufe 4 (in den Fächern Deutsch und Mathematik) als Bausteine für die Entscheidung vor, bei der zwei von drei Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um ein Gymnasium besuchen zu können. […]

Die Hinzunahme eines Tests in den Entscheidungsprozess hat Vorteile, aber auch Nachteile und unerwünschte Nebeneffekte. Der Vorteil liegt darin, dass die Entscheidung sozusagen objektiviert und von subjektiven Einschätzungen oder der Fragwürdigkeit der Notengebung unabhängiger wird. Die Nachteile liegen in einem vorauseilenden „Teaching to the Test“, das sich bis in die 3. Grundschulklasse – oder noch früher – ziehen kann. (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 47)

Modifiziertes Verfahren

Der Vorschlag des Expertengremiums sieht so aus:

Im Übertrittsverfahren fließen der Elternwille und die Lehrerempfehlung ein. Sollten beide voneinander abweichen – und nur dann – entscheidet ein standardisiertes Testverfahren.

„Insofern könnte eine sinnvolle Lösung darin bestehen, den Vorschlag „2 aus 3“ so zu verstehen, dass nur im Konfliktfall ein weiterer nachgelagerter Test eingesetzt wird und dann ausschlaggebend wirkt. Dies würde die Nachteile des Testverfahrens ebenso minimieren wie den Gesamtaufwand für das Testverfahren. Wir sehen daher die Möglichkeit eines zusätzlichen Testverfahrens an der Grundschule, das nur dann durchgeführt wird, wenn die Grundschulempfehlung und der Elternwille nicht übereinstimmen.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 48)

Sprachkompetenz nicht überbetonen

Es ist unvermeidlich, dass bei den Leistungsbeurteilungen durch die Grundschullehrkräfte und auch bei „objektiven“ Testverfahren die Sprachfähigkeiten der Schüler:innen einfließen. Dieser besonders Kinder mit Migrationshintergrund benachteiligende Effekt muss immer im Hinterkopf behalten werden.

„Wir plädieren dafür, bei der Neuausrichtung der Grundschulempfehlung die sprachlichen Kompetenzen der Lernenden am Ende der Grundschulzeit nicht zu stark zu gewichten, um Schülerinnen, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen, nicht zu benachteiligen.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 49)

Wechselmöglichkeiten

„International gibt es gute Erfahrungen, Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen, als es derzeit in Deutschland Praxis ist. Nicht immer zeigen sich die in Klassenstufe 4 getroffenen Entscheidungen als dauerhaft tragfähig. Die Wissenschaft hat hier verschiedentlich auf das Problem der prognostischen Validität der Grundschulempfehlung hingewiesen (siehe Abschnitt 7). Die große Zahl der Eltern, die in den ersten Jahren der weiterführenden Schule für ihre Kinder eine Veränderung der Schullaufbahn wünschen, spricht für eine geregelte, einfache und gut organisierte Wechselmöglichkeit. Die Neue Sekundarschule greift dies auf. Kinder können nach der Klassenstufe 6 auf der Basis von Lehrkräfteempfehlung, Elternwunsch und Noten sowohl aus der Sekundarschule in das Gymnasium als auch umgekehrt wechseln.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 51)

Einführungsprozess

„Die Neue Sekundarschule soll langfristig, aber in einem zeitlich definierten und klar gegliederten Prozess eingeführt werden. Einer (1) vier­­jährigen Vorbereitungsphase folgt (2) die Einführung der Orientierungsstufe, anschließend (3) die Einführung des Bildungsabschnitts „stabilisieren und Interesse wecken“ sowie (4) die Einführung der Profilierungsstufe mit dem Ersten und dem Mittleren Abschluss. Der Prozess endet (5) mit der Einführung des Transition Year, an das sich die skizzierten Möglichkeiten der Oberstufe (Oberstufe, gemeinsame Oberstufen und berufliche Gymnasien) anschließen.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 55)

Regionale Bildungsplanung

„In diese Prozesse ist die Schulverwaltung einzubinden, um die Neujustierung in der zweiten Säule bestmöglich unterstützen zu können. Erforderlich ist hier eine vom Land koordinierte Schulentwicklungsplanung, die der kleingliedrigen Schulstruktur im Bundesland und den damit verbundenen Problemen (siehe oben) Rechnung trägt. Nach Veränderung der gesetzlichen Regelungen durch den Landtag beauftragt das Kultusministerium die jeweilige Abteilung 7 (Schule und Bildung) der vier Regierungspräsidien beziehungsweise die zuständigen Schulämter mit der Umsetzung. Die Abteilungen 7 eröffnen gemeinsam mit den Land- und Stadtkreisen die regionale Schulentwicklung zur Planung und kooperieren mit den betroffenen Schulen. Die Land- und Stadtkreise bilden dazu Projektgruppen mit den Schulträgern.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 57)

Fragliches Kooperationsverbot beim Übergang

Gute Absicht mit nachteiligen Folgen: Aus Gründen des Datenschutzes dürfen persönliche Einzelheiten, die zu wissen wichtig für die nachfolgenden Lehrkräfte wäre, nicht weitergegeben werden. An dieser Schraube müsste – zum Wohl des Kindes – gedreht werden.

„Die Gestaltung des Übergangs von der Grundschule in die Sekundarschule, an der Schülerinnen verschiedener Grundschulen in einer neuen Klasse zusammenkommen, ist relevant für deren gelingende Leistungsentwicklung. Hier ist zu überprüfen, ob das bestehende Kooperationsverbot hinsichtlich der Weitergabe von wichtigen Diagnosedaten (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, 2013), das teilweise erziehungswissenschaftlichen Forschungsbefunden widerspricht (Porsch, 2018; van Ophuysen, 2018), aufrechterhalten werden soll. Eine gesetzliche Regelung ist notwendig, um einen ­diversitätssensiblen Übergang, der auch den Erfordernissen der Migrationsmehrsprachigkeit entgegenkommt, bestmöglich zu gestalten. Eine Lösung könnte darin bestehen, eine sogenannte Vertrauensstelle einzurichten (siehe Hamburg).“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 61)

Schulautonomie, Personalauswahl

„Empfehlenswert ist es, den Einzelschulen im Implementationsprozess ein hohes Maß an Schulautonomie einzuräumen – kombiniert mit gegebenenfalls variierender intensiver Beratung und Unterstützung. Diese erstreckt sich neben der Umsetzungsfreiheit vor dem Hintergrund der Kontextfaktoren am jeweiligen Standort auch auf die Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln und die Möglichkeit der eigenen Personalauswahl.“ (Autorinnengruppe Neue Sekundarschule 2024, S. 62)

Wie sieht die Schule der Zukunft aus? (c) Alemannenschule Wutöschingen

Abschließende Bemerkung

Nein, dieses Konzept erfindet das Rad nicht neu. Ich darf an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die für bayerische Kommunen vor mehr als zehn Jahren entworfenen Konzepte große Ähnlichkeiten aufweisen (Denkendorf/Kipfenberg).

Neu ist dieses Konzept auch deswegen nicht, weil es in Baden-Württemberg bereits etliche Gemeinschaftsschulen gibt, die zeigen, was daran gut oder sogar sehr gut funktionieren kann, nicht zuletzt die Alemannenschule in Wutöschingen.

Neu ist, dass dieser kompetente Beitrag den vielstimmigen Chor mit kräftiger Stimme verstärkt, der ein Schulsystem mit einer heterogenen zweite Säule neben dem Gymnasium für die beste Lösung hält.

Vielleicht wird er langsam laut genug, um auch in Bayern gehört zu werden?

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