Wirklich „die Schüler:innen“? Darf man das behaupten? Ja, wenn der (bayerische) Landesschülerrat als Repräsentant aller Schüler:innen aller Schularten in Bayern zusammensitzt und diesen Beschluss offiziell fasst. Die Einzelheiten:
Das Vorwort
Dalton, stellvertretender Landesschülersprecher, sagte in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks (am 24.04.24, ab Minute 42:10):

Also wir vom Landesschülerrat und auch ich persönlich kann nur sagen, dass die Aufteilung der Schüler nach der 4. Klasse überhaupt keinen Sinn macht… Deswegen fordern wir vom Landesschülerrat auch konkret, dass die Grundschule auf fünf oder sechs Klassen erweitert wird. So haben die Schüler mehr Zeit sich zu entwickeln, und dann wissen die auch, auf welche Schule sie gehen müssen.
Dalton
Im unmittelbaren Anschluss danach sagte Martina Borgendale von der GEW, dass ihr Verband für die Gemeinschaftsschule steht, und zwar nicht als alleinige, sondern als Alternative neben den bestehenden Schularten. Rechts neben ihr sitzt übrigens Christine Lindner vom Bündnis Gemeinschaftsschule in Bayern.
Der anschließende Beitrag einer Vertreterin der Nachbarschaftshilfe rät, nach Finnland zu blicken, wo die Schüler „bis zur 8. Klasse“ zusammen bleiben würden.
Ab Minute 46:20 ergreift auch Basel, der stellvertretende Landesschülersprecher für die Förderschulen, das Wort.
Ich halte es auch nicht für sinnvoll, die Schüler nach der 4. Klasse zu trennen. Ich spreche auch aus eigener Erfahrung: Die Schüler leiden unter sehr hohem Leistungsdruck…
Basel
Dann noch einmal Dalton, der anzeigt, wie die gesellschaftliche Spaltung in der Übertrittsproblematik und im strikt gegliederten Schulsystem angelegt ist:
Also, ich muss zugeben, ich war auf allen Schularten, und ich hab auf dem Gymnasium live erlebt, wie gesagt wird: Ey, die Mittelschüler die taugen nichts…
Dalton
Die Landesschülerkonferenz

Am 08.07.2024 traf sich die Landesschülerkonferenz in München. In der Vorbereitung darauf hatte ein Landesschülersprecher, Zaradacht Gimo, Kontakt mit Vertretern des Bündnisses Gemeinschaftsschule und um Informationen gebeten, um seine Kolleg:innen der Landesschülerkonferenz faktengestützt ihre Ideen diskutieren zu lassen. Ein angefragter Referent wurde vonseiten des Kultusministeriums abgelehnt:
Das Kultusministerium, welches die Konferenz finanziert, ist nicht daran interessiert, dass wir einen Referenten haben, der sich „so dezidiert gegen das aktuelle Schulsystem äußert“.
Zaradacht
Das Thema blieb trotzdem auf der Tagesordnung. Hier auf Instagram kann man Bilder von diesem Treffen sehen und den Beschreibungen folgen. Da heißt es gleich zu Beginn:
Nach den Begrüßungen fing der stv. LSSP Zaradacht Gimo mit einer Rede an, in der er den zuletzt gestellten Antrag der LSK zu einem späteren Übertritt der bayerischen Grundschüler:innen analysiert und die Argumente des Kultusministeriums entkräftigt hat.
Die Formulierung „die Argumente des Kultusministeriums entkräftigt hat“ lässt mich schmunzeln.
Dann findet sich hier noch der Link mit den Beschlüssen, die ich hier alle zitiere – dieses Dokument enthält, wie man sieht, noch andere heiße Eisen:
Beschlusslage der Landesschülerkonferenz 2023/2024
Präambel
Die Landesschülerkonferenz steht für eine offene, pluralistische und demokratische Gesellschaft, in der niemand benachteiligt wird.
1. Wahlrecht ab 16:
Die Landesschülerkonferenz spricht sich grundsätzlich für ein Wahlrecht ab 16 Jahren für alle Wahlen in Deutschland aus.
2. Kostenloser ÖPNV für alle Schüler:innen:
Die Landesschülerkonferenz fordert die Möglichkeit der kostenlosen Nutzung des gesamten ÖPNVs in Bayern für alle bayerische Schüler:innen.
3. Freie Sprache statt Genderverbot:
Die Landesschülerkonferenz spricht sich für freie Sprache an bayerischen Schulen aus und positioniert sich somit gegen ein Genderverbot in Schriftform.
4. Späterer Übertritt in die weiterführenden Schulen:
Die Landesschülerkonferenz fordert den Übertritt der bayerischen Schüler:innen von der Grundschule auf die weiterführende Schule, im Sinne der Bildungsgerechtigkeit, von der 4. Klasse auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.
5. Gemeinschaftsschulen
Die Landesschülerkonferenz fordert im Sinne der Bildungsgerechtigkeit, die Einführung von Gemeinschaftsschulen, zusätzlich zum dreigliedrigen Schulsystem.
6. Bundesweite Schüler:innenvernetzung:
Die Landesschülerkonferenz spricht sich grundsätzlich für eine bundesweite Vernetzung von Schüler:innenvertretungen zum Austausch aus. In welcher rechtlichen Form ist hierbei irrelevant.
7. Gelebte Erinnerungskultur:
Die Landesschülerkonferenz spricht sich für eine gelebte Erinnerungskultur an bayerischen Schulen aus. Diese soll auch mindestens einen Besuch in einer KZ-Gedenkstätte in einer weiterführenden Klasse beinhalten.
8. Unangekündigte Leistungsnachweise:
Die Landesschülerkonferenz spricht sich für die grundsätzliche Abschaffung von unangekündigten Leistungsnachweisen aus. Dies beinhaltet Abfragen und Stegreifaufgaben, nicht allerdings Mitarbeitsnoten.
Die Reaktion aus dem bayerischen Kultusministerium
Diese liegt bisher nicht vor. Man darf davon ausgehen, dass die Reaktion das wiederholen wird, was seit Jahrzehnten dazu gesagt wird. Der Landeschülerrat hatte nämlich schon im vorhergehenden Schuljahr ein längeres gemeinsames Lernen gefordert. Die ablehnende Antwort des KM enthielt ein paar sachliche Fehler. Ich hab diese mal in diesem Papier richtiggestellt.





