Gast #44: Exclusion as usual!

Ich hatte gerade erst den Beitrag von Hans Wocken hochgeladen, als mich eine Nachricht von Gerd Möller erreichte: Er findet zahlreiche gut belegte Parallelen in der Inklusionsentwicklung von Bayern und NRW. Mit seiner Erlaubnis veröffentliche ich hier seinen Aufsatz und drucke sein Fazit direkt ab.


Möller, G. (2020). Entwicklung der schulischen Inklusion in den letzten 30 Jahren in NRW, in: SchVw NRW 2020, 276 – 281 (Ausgabe 10)


Von einem »Rückbau« der Förderschulen kann keine Rede sein.

Die ständig steigenden Inklusionsquoten (mit geringerem Anstieg in den letzten Jahren) vermitteln zunächst eine positive Entwicklung des inklusiven Unterrichts. Es bleibt dabei aber außer Acht, dass diese Zunahme von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den allgemeinen Schulen nicht mit dem Rückgang der Schülerzahlen in den Förderschulen einhergeht. Von einem »Rückbau« der Förderschulen kann also keine Rede sein.

Lediglich in der Förderschule Lernen nimmt die Zahl der Schüler stark ab – dementsprechend auch die Zahl der Schulen. In NRW ist aufgrund der Verschärfung der Verordnung über die Mindestgrößen für Förderschulen von 2013 eine Vielzahl von Förderschulen Lernen geschlossen worden. Ab 2017, nach dem Regierungswechsel, wurden die Mindestgrößen wieder aufgeweicht.

Immer mehr Schüler der allgemeinen Schule werden als sonderpädagogisch förderbedürftig diagnostiziert. Auffällig hohe Zuwachszahlen von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf weisen hierbei die Förderschwerpunkte Emotionale und soziale Entwicklung, Sprache und Geistige Entwicklung auf. Beim Förderschwerpunkt Lernen hingegen blieben die Förderquoten in den letzten 30 Jahren annähernd konstant.

Das Gymnasium wird weitgehend aus der Inklusion herausgenommen.

Die Inklusion findet hauptsächlich in den Schulformen des gemeinsamen Lernens statt, mit steigender Tendenz in den letzten Jahren. Das Gymnasium wird weitgehend aus der Inklusion herausgenommen.

Tortendiagramm Möller
Die meist besuchte Schulform der Sekundarstufe I, das Gymnasium, hat sowohl in 2015/16 wie in 2019/20 lediglich einen Anteil von rund 6%.

Die empirischen Daten sprechen eindeutig für einen nahezu vollständigen Separationsstillstand trotz steigender Inklusionsquoten: Exclusion as usual! Die geradezu paradox erscheinenden empirischen Befunde kann man kaum als ein Indiz werten, dass hier der Trend zielstrebig und offensichtlich erfolgreich in Richtung Aufbau eines inklusiven Bildungssystems geht.

Nahezu vollständiger Separationsstillstand


Gerd Möller, ehemaliger Leiter der Gruppe Bildungsforschung im Ministerium für Schule und Weiterbildung in NRW und Mitglied der deutschen Expertengruppe für Mathematik in PISA. 

Weitere Beiträge von Gerd Möller in diesem Blog:

Faktencheck #41: Die Elementstudie revisited

Faktencheck #36: Herkunft entscheidet über Zukunft

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