In kaum einem anderen Industrieland hängen die Bildungschancen so stark von der familiären Herkunft ab wie in Deutschland. Die PISA-Studie belegt es. Und dennoch mehren sich Stimmen, die die soziale Benachteiligung im deutschen Schulsystem für eine Erfindung halten. Höchste Zeit für eine Klarstellung – findet Gerd Möller, der ehemalige Leiter der Gruppe Bildungsforschung im Ministerium für Schule und Weiterbildung in NRW und Mitglied der deutschen Expertengruppe für Mathematik in PISA.
Begriffsklärung und empirische Fakten
Zweifel an der sozialen Benachteiligung im deutschen Schulsystem – den einschlägigen Befunden der Bildungsforschung – kommen vorrangig aus dem Lager der Befürworter*innen eines selektiven, gegliederten Schulsystems. In einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. Mai 2018 spricht Bildungsforscher Rainer Bölling von der „Mär der sozialen Ungerechtigkeit“ im deutschen Schulsystem. Er beruft sich auf die aktuelle PISA-Sonderauswertung aus dem Jahr 2015, die zeigt, dass Deutschland erhebliche Fortschritte im Bereich der Resilienz [Faktencheck #27 und #28] gemacht hat. Gemeint ist hier die Fähigkeit von Schüler*innen, trotz sozialer Nachteile in allen PISA-Testfeldern mindestens die dritte von sechs Kompetenzstufen zu erreichen und damit die Voraussetzung für eine aktive gesellschaftliche Teilhabe und lebenslanges Lernen zu erwerben. Die OECD habe trotz aller Fortschritte bekräftigt, dass der statistische Zusammenhang zwischen Leistung und sozialer Herkunft noch immer sehr ausgeprägt sei, kritisiert Rainer Bölling. Das sei aber gar kein Ergebnis dieser Studie. Zweifellos: Deutschland hat Fortschritte gemacht beim Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Rainer Bölling klammert in seiner Argumentation gegen die vermeintlich tendenziöse Darstellung der OECD aber völlig aus, dass nach wie vor erhebliche soziale Disparitäten im deutschen Schulsystem existieren – auch im Bereich der Resilienz.
Für Bildungsforscher Rainer Dollase ist die Abhängigkeit der Bildungschancen von der familiären Herkunft nicht mehr als eine „vermeintliche“ Ungerechtigkeit, wie sein ironischer, teils zynischer Kommentar auf news4teachers.de belegt. Den Befürworter*innen von mehr Bildungsgerechtigkeit wirft Rainer Dollase hysterische Empörungsfreude über „greisenhafte empirische Befunde“ und einen „niedlichen Gestus von Weltverbesserung“ vor. Ernst zu nehmende Befunde zu den Ursachen von Bildungsungleichheit tut er als Weisheiten der „Stammtische“ ab – während er selbst ganz unverhohlen die Stammtische des Bildungsbürgertums bedient: „Kompensatorische Förderung kann und wird nicht gelingen („Förderillusion“)“, heißt es in seinem Beitrag zum Beispiel. Und an anderer Stelle: „Länger gemeinsam lernen ist keine Lösung. Gemeinsames Lernen ersetzt bloß die Institutionen-Diskriminierung durch schulklasseninterne Diskriminierung.“ Belege für diese Aussagen sucht man vergebens. Wenn es sich auch um einen Kommentar und nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt, so ist es doch erschreckend, in welchem Duktus hier von einem herausragenden Befürworter des selektiven Schulsystems ernsthafte Bemühungen um mehr Bildungsgerechtigkeit verunglimpft werden.
Beide Autoren negieren auf Basis singulärer Befunde oder ideologischer Positionen, dass Bildungsungerechtigkeit im Schulsystem existiert. Völlig offen bleibt zudem, welches Verständnis von Bildungsgerechtigkeit ihren Argumentationen zugrunde liegt. Seriöse Beweisführung sieht anders aus.
Was ist Bildungsgerechtigkeit?
Am Anfang einer differenzierten Auseinandersetzung muss die Frage stehen: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Bildungsgerechtigkeit sprechen? Nach dem Humboldtschen Bildungsideal ist Bildung mehr als die reine Aneignung von Wissen und Kompetenzen und dessen, was sich zum Beispiel mit PISA messen lässt. Individualität und Persönlichkeit sowie die Entwicklung von Talenten spielen eine ebenso große Rolle. Als Bildungsziel wird ein reflektiertes Verhältnis zu sich und zur Welt angestrebt, und (praktische) Fähigkeiten werden ebenso einbezogen wie personale und soziale Kompetenzen.
Während diese Definition des Bildungsbegriffs weitgehend Konsens ist, wird Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Bildung unterschiedlich konnotiert. Die zahlreichen philosophischen Gerechtigkeitskonzepte lassen sich bezogen auf den Bildungsbereich einigermaßen systematisch ordnen, wenn man sie in drei Kategorien einteilt, die auf Prinzipien der Gleichheit (Verteilungsgerechtigkeit), der Menschenwürde (Teilhabegerechtigkeit) und der wechselseitigen Anerkennung (Anerkennungsgerechtigkeit) basieren. Der Begriff der Bildungsgerechtigkeit umfasst nach diesen drei Kategorien teils sich ergänzende, teils konkurrierende Gerechtigkeitsvorstellungen.
Empirische Befunde belegen zwar, dass nach dem PISA-Schock in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen stattgefunden haben: Die Betreuungsquoten im Kita- und Krippenbereich haben sich deutlich verbessert, der Ganztag wurde weiter ausgebaut und immer mehr junge Menschen nehmen ein Studium auf. Doch trotz Bildungsreformen und Bildungsexpansion ist eines der dringlichsten Probleme nach wie vor ungelöst: das Gerechtigkeitsproblem. Auch das belegen die empirischen Befunde, wie deutlich wird, wenn alle drei Gerechtigkeitsperspektiven einbezogen werden.
Verteilungsgerechtigkeit: System verstärkt soziale Disparitäten
Der Bildungserfolg ist in Deutschland stärker als in vielen anderen Ländern nach wie vor vom Bildungsstand und vom Geldbeutel der Eltern abhängig. Beispielsweise erhalten Kinder aus unteren Sozialschichten bei gleicher Leistung mitunter schlechtere Noten als andere oder seltener eine Übergangsempfehlung für einen Bildungsgang zum Abitur. Sie haben erheblich geringere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen oder ein Studium aufzunehmen. Nach wie vor erreichen Schüler*innen aus schwierigen sozialen Lagen und mit Migrationshintergrund niedrigere Bildungsabschlüsse. Das selektive Schulsystem ist weder leistungs- noch begabungsgerecht, wie hohe Leistungsüberlappungen zwischen den Schulformen zeigen. Da es nach wie vor nicht genug gebundene Ganztagsschulen gibt, kommt unser Schulsystem weiterhin nicht ohne privaten Nachhilfeunterricht aus. Kinder aus armen Familien werden dadurch benachteiligt. Soziale Disparitäten werden von der Kita über die Grundschule bis zum Studium oder zur Berufsausbildung nicht nur weitertransportiert, sie verstärken sich sogar von Bildungsstufe zu Bildungsstufe durch differenzielle Entwicklungsmilieus in den verschiedenen Schulformen.
Teilhabegerechtigkeit: Fehlende Ressourcen, unerreichte Mindeststandards
Trotz leichter Verbesserungen erreicht immer noch ein hoher Anteil von Kindern nicht die Mindeststandards, die für eine erfolgreiche Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben notwendig sind. Es gibt nur marginale zusätzliche Ressourcen für Schulen und Kinder aus benachteiligten Familien, die nicht ausreichen, damit alle Kinder die Mindeststandards erreichen. Eine sozialindizierte Ressourcensteuerung anhand eines schulscharfen Sozialindexes ist immer noch nicht in Angriff genommen worden. Stattdessen etabliert die Landesregierung in NRW fragwürdige Talentschulen.
Anerkennungsgerechtigkeit: Selektion und Exklusion sind Alltag
Unser Schulsystem weigert sich weiterhin, Schulstrukturen aus dem vorletzten Jahrhundert infrage zu stellen, und hält an der frühen Selektion nach der Grundschule fest. An den Gelenkstellen des Systems findet so weiterhin sozial gekoppelte Sortierung statt. Klassenwiederholungen und Abschulungen auf niedrigere Schulformen werden weiterhin praktiziert. Die damit verbundenen Verletzungen der Schüler*innen werden in Kauf genommen, obwohl die Wirkung dieser Maßnahmen zweifelhaft ist. Die Inklusion von Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf stagniert und wird durch den Erhalt auch kleiner Förderschulen in NRW sogar zurückgedrängt. Die Frage der Schulstruktur wird als Handlungsfeld schulischer Qualitätssicherung und -weiterentwicklung ausgeklammert. Selbst die „Gemeinsamen Empfehlungen der Kultusministerkonferenz und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung“ von 2008 sparen das Thema aus.
Die Mär von der Mär
Die Brisanz dieser Befunde liegt auf der Hand: Schließlich hat Bildung großen Einfluss auf Lebenschancen – auf den Zugang zum Arbeitsmarkt, auf die Verteilung materieller Ressourcen, auf Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe oder auf die Art und Weise der Lebensführung. Bildungserfolg und soziale Herkunft zu entkoppeln, soziale Selektivität zu verringern und die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems zu erhöhen, bleiben zentrale Herausforderungen für Politik, Administration und Praxis. Die „Mär von der Bildungsungerechtigkeit“ ist eine ideologische Mär.
Gerd Möller
Mitherausgeber der Zeitschrift „Schulverwaltung NRW“ und Mitarbeiter im Schulministerium a. D.
Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. Der Aufsatz wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift nds 10/2018.
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