Faktencheck #94: Nix mit der Ex?!

Der Bayerische Elternverband fordert die Abschaffung der „Ex“, also der unangekündigten Leistungserhebung. Er stützt sich dabei auf eine Untersuchung der Professoren Haag (Universität Bayreuth) und Götz (Universität Wien) zur Wirkung der Ankündigung von Leistungstests in Schulen.


Bieleke M, Schwarzkopf JM, Götz T, Haag L (2022) The agonizing effects of uncertainty: Effects of announced vs. unannounced performance assessments on emotions and achievement. PLOS ONE 17(8): e0272443. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0272443


Hier zunächst ein Blick auf die Studienergebnisse, dann die Stimme der Kritik. Die Studie wurde in Englisch publiziert, hier zitiere ich mithilfe der Übersetzung von DeepL

Studienergebnisse

Weniger Ängste durch angekündigte Leistungskontrollen

„Mit dieser Studie können die Hypothesen bestätigt werden, dass es bei angekündigten Leistungskontrollen weniger Ängste gibt und mehr Freude machen als unangekündigte. Außerdem senkt die Angst die Leistung und die Freude steigert die Leistung. […] Strategien zur Leistungsbeurteilung, die auf Matthäus 25,13 („Seid wachsam, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“) basieren, scheinen daher nicht ratsam.“

Extrinsische Motivation

„Nur die zwei Wochen vor der unangekündigten Leistungsbeurteilung erlebte Angst wirkte sich positiv auf die Leistung aus. Dieses Ergebnis weist auf die ambivalenten Auswirkungen von Angst auf die Leistung hin […]. Im Hinblick auf die Vorbereitung auf Leistungskontrollen kann sie die extrinsische Motivation und damit den Umfang der Vorbereitung erhöhen, was durchaus zu einer höheren Leistung führen kann. In der eigentlichen Prüfungssituation wirkt sich Angst jedoch leistungsmindernd aus, vor allem weil sie kognitive Ressourcen verbraucht (z. B. sich Sorgen machen).“

Freude und Leistung

„Bemerkenswert ist auch, dass die Leistung stärker mit Freude als mit Angst verbunden war, was auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheinen mag. Diese Beobachtung spiegelt jedoch wahrscheinlich wider, dass der Zusammenhang zwischen Leistung und Freude eindeutig ist (ein höheres Maß an Freude ist eindeutig mit einer besseren Leistung verbunden), während der Zusammenhang zwischen Leistung und Angst ambivalent und daher schwächer ist: Während Angst die Leistung durch extrinsische Motivation fördern kann, kann sie auch die Leistung behindern, indem sie Sorgen und Ängste hervorruft. Diese Ambivalenz sollte zu einem vergleichsweise schwachen Zusammenhang zwischen Leistung und Angst führen.“

Exen werden sich ohnehin bald erübrigen

„Damit die Schule ihre Selektionsfunktion erfüllen kann, sind unangekündigte Leistungskontrollen nicht notwendig. Die Selektion kann durch klar terminierte und kommunizierte Tests erfolgen. Und mit der weiteren Etablierung alternativer Formen der Leistungsbeurteilung, die im Rahmen einer neuen Lernkultur entwickelt wurden, wird sich das Problem irgendwann ganz erübrigen: Bewertungsformate wie Lernberichte, Portfolioarbeit, Diskussionen, kooperativ gestellte Aufgaben und Selbsteinschätzungen der Schülerinnen und Schüler ermöglichen eine andere zeitliche Rahmung als eine zu einem festen Zeitpunkt stattfindende Leistungsbewertung.“

Süddeutsche Zeitung vom 09.12.22

Die SZ hat sich nach guter Recherche-Manier umgehört und folgende ergänzende Statements eingeholt:

Bayerischer Elternverband

Elternverbandschef Martin Löwe verweist auf die Schulordnungen und auf die Erfahrungen vieler Schülergenerationen mit Stegreifaufgaben als Machtinstrument:

„In den bayerischen Schulvorschriften ist nirgends vorgeschrieben, dass es unangekündigte Leistungstests geben muss“, sagte Löwe. Zu oft werde eine Ex als Strafe benutzt, um Klassen zu disziplinieren, deshalb müssten diese Tests abgeschafft werden. (SZ)

Bayerisches Kultusministerium

Unangekündigte Tests können pädagogisch sinnvoll sein, heißt es dagegen im Kultusministerium. „Schüler sollen nicht nur für angekündigte Tests fitgemacht werden“, sondern nachhaltig Wissen erwerben. Und jeder Lehrer entscheide, wie er unterrichte. „Zahl, Art und Terminierung der Leistungserhebungen liegen ansonsten im pädagogischen Ermessen der Lehrkräfte“, heißt es dazu in der gymnasialen Schulordnung. (SZ)

Professor Klaus Zierer

Dass Leistungen und Emotionen bei angekündigten Tests besser sind, nennt er „trivial“. Die Aufforderung des Lehrers eine Ex zu schreiben, könne Stress auslösen, das hänge aber davon ab, ob Schüler zuvor aufgepasst oder den Stoff wiederholt haben. Genauso könne eine Ex positive Energie auslösen und Lust, sich zu beweisen.

Auch für Zierer ist Freude als Motor des Lernens „ganz zentral“, aber er sieht unangekündigte Tests auch als wichtiges Feedback für Schüler. Zudem müsse Schule aufs Leben in der Leistungsgesellschaft vorbereiten. Dazu gehört für ihn der Umgang mit Stresssituationen, das spontane Erbringen von Leistung und die Fähigkeiten aus negativen Erfahrungen so zu lernen, dass sie einen positiv voranbringen. (SZ)

Mein Kommentar…

… zum bayerischen Kultusministerium

Wenn die SZ die Aussage richtigen zitiert, dann wird hier ein Zusammenhang hergestellt zwischen einer Ex und ausgerechnet dem nachhaltigen Lernen. Das verstehe ich nicht. Zeigt nicht vielmehr die tägliche Praxis, dass Exen eher zum bulimischen Lernen führen – also sich schnell noch Infos ins Kurzzeitgedächtnis reinziehen um sie dann gleich wieder ausspucken zu können? Was soll da hängenbleiben?

Und ich bin nicht sicher, ob das Zitat die rechtliche Situation korrekt wiedergibt: Kann die Lehrkraft nach GSO § 23 auf die Ex („Stegreifaufgabe“) verzichten?

… zu Professor Klaus Zierer

Immer vorausgesetzt, er wurde richtig zitiert, zeigt sich hier ein interessanter Leistungsbegriff und das Argument wird auch gern gegen eine notenfreie Leistungsbeurteilung ins Feld geführt: Schule müsse schließlich auf das Leben in der Leistungsgesellschaft vorbereiten!

Vorsicht vor dem „Muss“!

Was Schule muss, das steht in der Bayerischen Verfassung Art. 131. Da ist sehr umfassend definiert, zu welchen Bildungs- und Erziehungszielen Schulen führen müssen. Die Aussage, Schule müsse auf das Leben in der Leistungsgesellschaft vorbereiten, ist eine mehrstufige Ableitung, die erst noch begründet werden muss. Sonst steht die Gefahr der bloßen Anpassung an die Leistungsgesellschaft im Raum.

Ich fürchte, Professor Zierer ist hier in die Falle eines verengten Leistungsbegriffes getappt, den er sonst vielleicht gar nicht vertritt. Die notwendige Leistung von Kindern und Jugendlichen ist nicht gleichzusetzen mit der Fähigkeit, Unterrichtsinhalte der letzten beiden Stunden wiedergeben zu können. Wo bitte in der „Leistungsgesellschaft“ wird diese Art von Leistung verlangt? Es könnte schon sein, dass ein zur Willkür neigender Chef seine Untergebenen immer wieder durch unerwartete Anforderungen drangsaliert. Aber das ist ja hoffentlich nicht der Normalfall, auf den wir unsere Schüler:innen vorbereiten wollen! Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Lehrkräfte solch eine Rolle bewusst einnehmen, nur um die Schüler:innen vorzubereiten.

Sicher ist: In der Leistungsgesellschaft wird (siehe Einstellungsgespräche) immer wieder Teamfähigkeit verlangt; oder die Fähigkeit, auf unvorhergesehene Entwicklungen flexibel einzugehen – und zwar nach entsprechender Analyse, Recherche und Kommunikation

Nichts davon schult eine Ex!

Professor Zierer hat einen sokratischen Eid für Pädagog:innen formuliert, in dem es u.a. heißt:

Den Kindern gegenüber verpflichte ich mich …

  • für eine wertschätzende, angstfreie und bildungswirksame Atmosphäre und Beziehung zu sorgen.
  • nicht nur Wissen und Können zu vermitteln, sondern alle Bereiche der Persönlichkeit in den Blick zu nehmen und zu fördern,
  • alle Unterrichtsfächer dem Wohl des Kindes und damit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag unterzuordnen,
  • loyal, aber nicht blind gegenüber amtlichen Vorgaben zu sein,
  • alles umzusetzen, was dem Wohl des Kindes dient, und alles zurückzuweisen, was dem Wohl des Kindes zuwiderläuft,

Ich bin nicht sicher, ob das in seiner Erinnerung an die eigene Schulzeit immer so war, dass also auch die Stegreifaufgaben „wertschätzend“, „angstfrei“ und „bildungswirksam“ waren und „alle Bereiche der Persönlichkeit in den Blick zu nehmen und zu fördern“ erlaubten?

… zur Frage, ob sich Exen nicht ohnehin bald erübrigen

Weder das Kultusministerium, noch Herr Professor Zierer haben diesen Aspekt angesprochen, das kann aber auch mit der Wiedergabe durch die SZ zusammenhängen.

Ansonsten ist Herr Professor Zierer nämlich ein Experte, was die formative Evaluation im Sinne John Hatties betrifft. Schließlich hat er dessen Hauptwerke ins Deutsche übersetzt.

Formative Rückmeldungen sind eine für das Lernen sehr wertvolle Strategie und geben den Schüler:innen Hinweise darauf, wo sie stehen und welche nächsten Schritte sie im Hinblick auf ihr Ziel gehen können. Es sind – im Gegensatz zu summativen Evaluationen – keine notenbewehrten Festschreibungen, die sich bis ins nächste Zeugnis hinein auswirken.

Zur Erläuterung von formative assessments greift John Hattie auf seine Erfahrungen als Baseballtrainer zurück: Die von ihm Trainierten haben hunderte von Versuchen und er gibt ihnen nach jedem Versuch gleich eine Rückmeldung zur Haltung des Körpers, zur Neigung des Baseballschlägers usw. Die Spieler können sich selbst gleich korrigieren und auf diese Weise weiterentwickeln.

Ich lese aus der Hattiestudie: Stete Leistungsrückmeldungen – ja. Standardisierte Abschlussarbeiten – auch ja. Aber Exen?

Zukünftige Entwicklung

Ich darf noch mal aus der Studie zitieren, die dem Schreiben des Bayerischen Elternverbands zugrunde liegt:

Und mit der weiteren Etablierung alternativer Formen der Leistungsbeurteilung, die im Rahmen einer neuen Lernkultur entwickelt wurden, wird sich das Problem irgendwann ganz erübrigen.

Das denke ich auch. Eine Arbeitsgruppe des Forum Bildungspolitik ist dabei, ein Positionspapier zur Leistung zu erarbeiten. Ein Kernsatz daraus lautet:

Dem kompetenzorientierten Lehrplan in Bayern muss eine veränderte Leistungsbewertungskultur folgen.

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