Fail #74: Zu Stolz für Flexibilisierung

Wer hat denn dieses gymnasiale Durcheinander verbrochen?

Der Preis für das angestiftete Chaos geht an Edmund Stoiber, damals Ministerpräsident in Bayern, der kraft selbstbestimmter Kompetenzkompetenz durchsetzte, dass die Gymnasiast:innen doch bitteschön bereits nach acht Jahren aus dieser hochangesehenen Schulform entlassen würden, damit sie ein Jahr früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Solches wurde von der Bayerischen Staatsregierung, also der CSU, im Jahr 2004 beschlossen und erlassen.

Die Wirtschaftsidealisten in der Bayerischen Staatspartei wunderten sich nicht schlecht, als die Kritik an dieser Lernzeitverkürzung sich nicht nur hie und da erhob, sondern immer lauter wurde und auch von Menschen vorgebracht wurde, die sie einigermaßen fürchteten – nein, nicht von Lehrer:innen oder Schüler:innen, denn beide hatten ja schließlich nur das zu tun, was man ihnen gebot; was sie fürchteten waren die Eltern. Sind ja schließlich Wähler. Die Kritik an der neuen Struktur war zwar auch eine Folge der pädagogischen Vernunft, aber diese fürchteten die Verantwortlichen nicht.

Die Forderung nach einer Rückkehr zum G9 wurde immer lauter, der Widerstand gegen die misslungene Strukturveränderung wuchs zu einer Welle. Allein ein tapferes Häuflein wehrte sich jahrelang nach Kräften gegen den gesunden Menschenverstand: die bayerneigene CSU-Fraktion im Landtag. Bis sie sich dann doch im Jahr 2017 der Rückkehr zur Zukunft, also zum alten Gymnasium, nicht mehr in den Weg stellen wollte.

Jetzt sind wir endlich da angelangt, wo wir schon einmal waren: Der erste Jahrgang, der das Abitur wieder nach 9 Schuljahren ablegen darf, sind die Schülerinnen und Schüler des Schuljahres 2025/26.

Kein Anlass für eine neue Strukturdebatte?

Man kann die Kultusministerin schon verstehen: Jetzt, da die Scherben der misslungenen und verschleppten Strukturreform endlich zusammengekehrt sind, kommt die Frau Fleischmann ums Eck und will schon wieder an die Struktur – können die denn keine Ruhe geben?!

Wer so denkt, hat nicht viel nachgedacht. Es gibt eine bundesweite Strukturdebatte, die von der pädagogischen Vernunft angetrieben wird und fragt, ob man denn bestimmte Probleme, die an allen Gymnasien auftreten, nicht strukturell packen könnte.

Die blöden Sitzenbleiber-Regeln zum Beispiel:

Es ist einigermaßen unintelligent, einen Schüler, der wegen ungenügender Leistungen in zwei Fächern nicht vorrücken darf, das ganze Schuljahr wiederholen zu lassen, auch wenn er in den anderen Fächern gute oder sogar sehr gute Leistungen hatte. Die Erfahrung zeigt, dass er in neue Turbulenzen kommt, weil ihn die Wiederholung des bereits Gekonnten so langweilt, dass er geistig aussteigt.

Symbolbild. KI Imagen 4

Das Bayerische Biertisch-Theorem besagt zwar: „Des hod no nia ned gschad!“ (Deutsch: Das hat noch nie nicht geschadet). Aber soweit ich erkennen kann, wurde es bisher durch umfangreiche Studien nicht unbedingt bestätigt. Ein neuseeländischer Preuße namens John Hattie behauptet sogar, es würde nicht nur nicht nützen, sondern auch noch schaden. Kraft seiner Analysen von 10 Metastudien (= 339 Einzelstudien) liegt die Wirksamkeit dieses Wiederholens einer kompletten Jahrgangsstufe bei -0.24. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass man mit plus 0.40 im Durchschnitt liegt und alles unter Null das Lernen so weit abkühlt, dass es kontraproduktiv wird. Aber wer sagt es dem bayerischen Kultusmysterium?

Die unvermeidbare Gleichmacherei zum Beispiel:

„Unterricht für die Mittelköpfe“ ist das Rezept für überforderte Lehrkräfte, die wissen, dass ihr Fortschreiten im Stoff für die Schwachen zu rasch und die Starken zu langsam erfolgt. Die eine Gruppe ist unterfordert, die andere überfordert, in der Mitte passt es. Dieses fortschrittliche pädagogische Konzept stammt von Christian Trapp ( (1745–1818), ist also gut abgehangen.

Ich will das nicht weiter vertiefen. sondern ins Konstruktive kippen und auf die Überlegungen zu einer neuen Struktur hinweisen.

Die Initiative für ein zukunftsfähiges Abitur

Diese Initiative befasst sich schwerpunktmäßig mit der Weiterentwicklung der gymnasialen Oberstufe, zuweilen auch „Abitur im eigenen Takt“ genannt. Vereinfacht gesagt, geht es um die Möglichkeit, die Oberstufe in der üblichen Zeit zu durchlaufen oder beschleunigt, wenn sich Lernende sonst langweilen, oder verlangsamt, wenn es sonst nicht funktioniert – neudeutsch auf einem „drei-Wege-Entwicklungspfad“.

Das hört sich doch jetzt gar nicht so böse an, oder? Hallo Bayern?!! Eine im KM mitarbeitende Person könnte beispielsweise ein Buch dazu lesen oder sich mal die Potsdamer Erklärung für ein zukunftsfähiges Abitur ansehen. Da gibt es dann auch weitere Gründe für eine Flexibilisierung erst des Denkens und dann des Handelns.

Diese Potsdamer Erklärung wird übrigens von einer Menge von Organisationen getragen, nicht zuletzt auch von Schüler:innen und Eltern. Die hier zum Beispiel (klick mich für größere Schrift):

Was will der BLLV?

Um es kurz zu machen: eine flexible Mittelstufe. Die Gründe, die dafür sprechen, wurden oben schon teilweise angesprochen und können entweder in diesem Artikel der Süddeutschen Zeitung oder in dieser Pressemeldung nachgelesen werden. Wer gern dabei gewesen wäre, kann es auch auf YouTube anschauen.

Screenshot YouTube

Dem BLLV, der ja in der Tat auch gymnasiale Expert:innen an Bord hat, geht es um eine Flexibilisierung der Mittelstufe, unter Umständen bereits ab Jahrgangsstufe 7. Dazu werden neben „Fachmodulen“ (das sind die üblichen Unterrichtsstunden) auch „Plus- und Projektmodule“ (für stärkere Schüler:innen), „Fördermodule“ (für die anderen) und „Brückenmodule“ (um den Anschluss zu halten) nicht nur vorgeschlagen, sondern anhand von Beispielschulkarrieren auch konkret beschrieben und durchgerechnet. Es funktioniert! Und das bei einem erträglichen Innovationsaufwand.

Wer dieses Modell mal ernsthaft studiert hat, müsste eigentlich erkennen, dass es so viel für sich hat, dass eine Kritik daran sich sehr gut überlegen müsste, was außer dem o. g. Biertischtheorem noch dagegen spräche. Eine Äußerung wie…

Das G 9 stoße auf „breite Akzeptanz“ bei Personal und den Familien. „Es ist ein gutes System und daher besteht auch nicht der geringste Anlass für eine erneute Strukturdebatte.“

Kultusministerin Anna Stolz

… zeugt von einer gewissen Innovationsmüdigkeit. Von ideologischer Voreingenommenheit will ich gar nicht sprechen, denn dazu müsste man den Vorschlag erst mal gelesen und verdaut haben.

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