Initiative #69: Ex und hopp!

Statement der BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann zur CSU-Klausursitzung in Kloster Banz

Foto (c) BLLV

Überholter Lernbegriff verhindert zukunftsfähige Bildung

Nach mehr Deutsch und Mathe jetzt Exen-Entscheid und Bewegungspflicht: MP Söder betreibt auf der CSU-Klausur mal wieder Bildungspolitik per Machtwort vorbei an erziehungswissenschaftlichen Fakten und Praxiserfahrungen, kritisiert BLLV-Präsidentin Fleischmann.19.09.2024Von: Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV

„Wir haben es gestern wieder gehört: Die Bildungspolitik in Bayern macht der Ministerpräsident mit Machworten und Schnellschüssen und auf Basis eines veralteten tradierten Bildungs- und Leistungsverständnisses: Die PISA-Ergebnisse sind schlecht? Wir machen mehr Deutsch und Mathe! Wir wollen die Olympischen Spiele nach München holen? Wir brauchen mehr Bewegung und Sport für die Kinder! Die Demokratie ist unter Druck? Wir brauchen eine Verfassungsviertelstunde! Inzwischen kann man auf die Schnellschüsse warten und blickt schon vorab mit Sorge auf Kloster Banz. Was davon alles zu kurz greift, schon längst an den Schulen gemacht wird, oder auf wissenschaftlich fundierter pädagogischer Basis schlicht falsch ist, das interessiert nicht.

Und jetzt sind eben die unangekündigten Leistungsnachweise oder „Exen“ dran. Die Exen sollen bleiben, denn sonst würde sich die „Leistungsdichte verschlechtern“, so MP Söder. Stellt sich zum einen die Frage, was das genau bedeuten soll. Zum anderen stellt sich die Frage, was Exen mit Leistung oder Lernerfolgen zu tun haben? Lehrerinnen und Lehrer haben ausreichend Praxiserfahrung an den Schulen, die sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen genauso deckt wie mit den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler: gar nichts!

Wenn ein Ministerpräsident in Kloster Banz Impulse setzen will für eine zukunftsfähige Bildung und dabei einen völlig überholten Bildungs- und Leistungsbegriff vor sich herträgt, dann kann das nichts werden. Umso schlimmer, wenn er dabei basisdemokratische Bemühungen von Schülerinnen und Schülern, wie in der betreffenden aktuellen Petition der Münchner Schülerin Amelie, schon im Ansatz mit einem Machtwort auszuhebeln versucht. Dann können wir uns auch die ganze Demokratiebildung an unseren Schulen sparen. Für uns ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt verstehen, worum es geht. Wir müssen sie stärken! Und es ist wichtig für uns, dass der richtige dialogische Ansatz der von ihm eigentlich doch hoch gelobten Kultusministerin nicht dauernd per Verordnung, die alle Fakten ignoriert, zunichte gemacht wird.“

<< Simone Fleischmann, BLLV-Präsidentin


Amelie N., Münchner Schülerin und Initiatorin der Petition

Söder bremst Fortschritt aus: Bayerns Schüler*innen leiden unter Prüfungsangst durch unangekündigte Tests

Bildungsexpert*innen warnen: Prüfungsdruck hemmt nachhaltiges Lernen.
Angst und Stress dürfen nicht Teil des Unterrichts sein.

“Herr Söder, es darf nicht länger sein, dass es Schüler*innen gibt, die mit Bauchschmerzen in die Schule gehen, im Unterricht mit ihren Gedanken nur bei der nächsten Abfrage sind und unter Stress und Panik lernen. Das gehört leider immer noch zur traurigen Realität an Bayerns Schulen. Wissen Sie, was es bedeutet, unangekündigt vor der ganzen Klasse abgefragt zu werden? Oft eine demütigende Erfahrung, die viele Schüler*innen mitunter fürs ganze Leben prägt.

Es ist höchste Zeit, eine positive Prüfungskultur an den bayerischen Schulen zu etablieren. Schluss mit Abfragen und Exen! Die Schüler*innen werden es Ihnen danken.”

Amelie N., Münchner Schülerin und Initiatorin der Petition

München, 19.09.2024 – Mit Bedauern und Enttäuschung nehmen wir die ablehnende Haltung von Ministerpräsident Markus Söder zur Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise zur Kenntnis. In seiner jüngsten Stellungnahme betonte er, dass Abfragen und unangekündigte Tests, sogenannte “Exen”, an bayerischen Schulen erhalten bleiben sollen, um die „Leistungsdichte“ im Freistaat zu sichern. Diese Haltung zeugt von einem überholten Leistungsverständnis, das nicht den Herausforderungen einer modernen und kindgerechten Bildung entspricht.

Söders Annahme, dass unangekündigte Tests für mehr Leistung und weniger Bildungsqualität sorgen, ist ein Trugschluss. Eine Studie unter Leitung von Prof. em. Dr. Ludwig Haag (Universität Bayreuth) und Prof. Dr. Thomas Götz (Universität Wien) belegt, dass angekündigte Leistungserhebungen die Fähigkeit der Lernenden zur Selbsteinschätzung und -kontrolle stärken. Sie wirken sich positiv auf Emotionen und Lernerfolg aus. „Angst ist kein guter Lehrmeister“, betont Haag. Doch genau diese wissenschaftlichen Erkenntnisse scheint Söder zu missachten, wenn er an der überholten Praxis unangekündigter Prüfungen festhält. Statt auf sinnvolle und zeitgemäße Formen der Leistungserhebung zu setzen, behindert er damit Lernfortschritt und Motivation der bayerischen Schüler*innen.

Die Petition „Schluss mit Abfragen und Exen! Petition zur Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise in Bayern“ hat bereits über 15.000 Unterschriften. Sie vereint viele Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte, die sich gegen den permanenten Leistungsdruck aussprechen, der durch unangekündigte Prüfungen entsteht. 

Die Petition wird von zahlreichen Persönlichkeiten und Organisationen unterstützt, darunter bekannte Bildungsexpert*innen und Wissenschaftler*innen wie Prof. (em.) Dr. Klaus Klemm, Prof. Dr. Uta Hauck-Thum und Prof. Dr. Eckhard Klieme. Organisationen wie die GEW Bayern, das Forum Bildungspolitik in Bayern e.V. und die StadtschülerInnenvertretung München setzen sich ebenfalls für das Anliegen ein. Auch der Kabarettist Max Uthoff und die Autorin, Schauspielerin und Podcasterin Samira El Ouassil stehen hinter der Forderung nach einer modernen, stressfreien Prüfungskultur.

Söders Argumentation ist ein Rückschritt:
Mehr Leistungsdruck ist nicht gleich höhere Leistung

Markus Söder argumentiert, dass der Verzicht auf Exen die Bildungsqualität mindern würde. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Es geht nicht um die Abschaffung von Leistung, sondern um die Schaffung einer fairen und zeitgemäßen Prüfungskultur. Unangekündigte Tests setzen Schüler*innen unnötig unter Druck, beeinträchtigen das Lernklima und fördern kurzfristiges Pauken statt nachhaltigen Wissenserwerb.

Bert Schmid vom Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern ergänzt:

Söder ignoriert zum wiederholten Male ohne eigene Fachkenntnis auf Stammtischniveau Fachleute und Experten und liefert ein Musterbeispiel wie Demokratie in Bayern funktioniert.

„Natürlich sollen Bayerns Schülerinnen und Schüler zu optimaler Leistung ermutigt werden, aber nicht nur – wie derzeit üblich – vorwiegend die von Herkunft begünstigten, sondern auch diejenigen, denen das Lernen schwerfällt“, sagt der Berliner Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Jörg Ramseger. „Die fiese Fallenstellergesinnung hinter den unangekündigten Leistungsproben widerspricht allen Erkenntnissen der Motivationspsychologie der letzten 50 Jahre. Denn Leistungsmotivation erwirbt man nicht durch Prüfungsdruck, sondern durch Könnenserfahrung und das Erleben von Selbstwirksamkeit bei der Bearbeitung herausfordernder Projekte in der Zone der nächsten Entwicklung der oder des Lernenden. Solche Erfahrungen für alle zu schaffen, wäre der Auftrag eines wirklichen Bildungssystems, das sich primär den Kindern und Jugendlichen und nicht – wie das bayerische Schulsystem – primär bloß der Auslese verpflichtet fühlt.“

„Wir werden nicht aufgeben“

Die Münchner Schülerin und Initiatorin der Petition Amelie N. stellt klar: Wir werden nicht aufgeben! Die Ablehnung von Markus Söder ist für uns kein Grund, unser Anliegen aufzugeben, sondern vielmehr ein Ansporn, uns weiterhin für eine positive Lernkultur und die Abschaffung von unangekündigten Leistungsnachweisen einzusetzen. Unsere Petition zeigt deutlich: Viele Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte stehen hinter uns – und wir werden diese Stimme weiterhin laut vertreten. 

Es ist gut, dass Herr Söder die Diskussion wahrnimmt. Allerdings sollte er in der Schule bereits gelernt haben, dass es nur dann sinnvoll ist, sich in Diskussionen einzumischen, wenn man auch weiß, wovon man spricht. Offensichtlich tut Herr Söder das gerade nicht. Ich empfehle ihm, sich mit dem Thema zeitgemäßer Prüfungskultur auseinanderzusetzen und das Kultusministerium seinen Job machen zu lassen.

Florian Kohl, Stellvertretender Landesvorsitzender der GEW Bayern

Wir fordern angstfreie und zeitgemäße Prüfungsformate

Kultusministerin Anna Stolz hatte bereits angedeutet, die Prüfungskultur modernisieren und innovative Ansätze entwickeln zu wollen. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Unangekündigte Leistungsnachweise entsprechen nicht den Anforderungen einer modernen Gesellschaft, in der Kreativität, kritisches Denken und Zusammenarbeit im Vordergrund stehen sollten. Statt Abfragen und Exen brauchen wir kreative und lebenspraktische Prüfungsformate, die Kinder und Jugendliche für die Zukunft fit machen.

Die Kultusministerin will, wie es scheint, trotzdem an ihren Plänen festhalten. Auf BR Anfrage teilt die Ministerin dazu mit: „Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz ist es wichtig, auch die Prüfungskultur weiterzuentwickeln.“

Interessierte können die Petition online unterzeichnenhttps://weact.campact.de/petitions/schluss-mit-abfragen-und-exen-petition-zur-abschaffung-unangekundigter-leistungsnachweise-in-bayern unter oder in Kurzform www.kurzelinks.de/keineex

1 comments On Initiative #69: Ex und hopp!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Site Footer

Sliding Sidebar

Pro-Truth-Pledge


I signed the Pro-Truth Pledge:
please hold me accountable.

Blog per E-Mail folgen

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Archiv

Entdecke mehr von Pädagokick

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen