„Lebt sie nun, oder lebt sie nicht?“ Diese Frage stellt sich bei Schrödingers Katze, und sie lässt sich erst entscheiden, wenn man die Schachtel geöffnet hat. Das ist auch bei der bayerischen Mittelschule der Fall: Sie nimmt gleichzeitig zwei Zustände ein, tot und lebendig, ist vielleicht schon dahingeschieden, soll aber mit aller Macht am Leben erhalten werden.

Seit Jahren lebenserhaltende Maßnahmen
Es gibt wieder einmal eine lebenserhaltende Maßnahme namens „Mittelschulinitiative“, ich habe nicht mitgezählt, die wievielte es ist. Die vorletzte wurde noch im vorigen Jahrtausend unter Kultusminister Schneider ins Werk gesetzt, die letzte konzipierte um 2010 herum Dr. Spaenle. Dieser ließ die nicht so vom Volk geliebte Hauptschule zur sprachlichen Aufwertung in „Mittelschule“ umbenennen, schuf zum Erhalt von Standorten Schulverbünde und stärkte die M-Züge, um zu signalisieren, dass man auch an dieser Schulart zu einem „Mittleren Schulabschluss“ gelangen kann, der mithilfe eines Sprachkompromisses zu dem der Realschule „gleichwertig, aber nicht gleichartig“ sein sollte.
All diese Initiativen haben dazu geführt, dass Frau Kultusministerin Stolz nun den Eindruck hatte, der Mittelschule wieder neues Leben einhauchen zu müssen.
Im Zentrum stehen die Stärkung von Basiskompetenzen, mehr individuelle Lernzeit, noch mehr Praxisnähe und eine konsequente Ausrichtung auf erfolgreiche Bildungs- und Berufswege.
Pressemeldung 28.04.2026
Flexibilisierung hier aber nicht da
„Ein zentraler Baustein ist die Ausweitung des jahrgangsübergreifenden Lernens (JAMI). Dabei werden Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 5 und 6 gemeinsam unterrichtet und können diese Jahrgangsstufen bei Bedarf in drei Jahren durchlaufen – für mehr Zeit zum Lernen und nachhaltigen Bildungserfolg. „Kinder brauchen Zeit: zum Lernen, zum Wachsen und zur persönlichen Entwicklung“, so die Kultusministerin.“
Da hat sie völlig Recht, die Ministerin: Eine solche Flexibilisierung ist sehr hilfreich, indem sie akzeptiert, dass manche Schüler:innen länger brauchen und andere schneller vorangehen können. Die Frage ist nur, warum sie noch vor kurzen diese Flexibilisierung abgelehnt hat. Der BLLV schlug vor, die Mittelstufe des Gymnasiums zu flexibilisieren, das Stolzsche Argument: „Kinder brauchen Zeit: zum Lernen, zum Wachsen und zur persönlichen Entwicklung,“ gilt doch hier wie da. Oder sind das andere Kinder?
Nur antwortete die Ministerin auf den BLLV, es gäbe „nicht den geringsten Anlass für eine erneute Strukturdebatte“. Dabei wollte der BLLV gar nicht an die Schulstruktur, sondern eben nur die Struktur flexibel füllen.
Flexibilisierung des Mangels
„Die Flexibilisierung der Stundentafel stärkt die Basiskompetenzen der Schülerinnen und Schüler und ermöglicht es den Lehrkräften, sie gezielt und individuell zu fördern. In den Jahrgangsstufen 5, 6 und 7 können in Eigenverantwortung der Schulen zur individuellen Schwerpunktsetzung und zur Sicherung von Basiskompetenzen künftig bis zu zwei Stunden pro Woche für einzelne Schülerinnen und Schüler, Gruppen oder die gesamte Klasse zur Förderung in Deutsch, Mathematik und Englisch genutzt werden.“
Dazu wird vom Kultusministerium folgendes Beispiel gegeben:

Man kann also den einen Fächern was wegnehmen, um für die anderen Fächer mehr Stunden zu generieren. Es gibt keine Kürzungen in der Stundentafel, und es gibt auch nicht mehr Unterrichtszeit. Vor allem gibt es nicht mehr Lehrer:innen, denn die wachsen immer noch nicht auf den Bäumen. Wie kann man Leben erhalten, indem man den einen Patienten das Personal wegnimmt und es den anderen gibt? Ich habe ja nicht genug für alle. Das nenne ich dann „Flexibilisierung“. Das Überleben von Schrödingers Katze kann man damit eher nicht sichern.
Re-integrierter M-Zug
„Innerhalb des dreijährigen Schulversuchs „Integrierter M-Zug“ wird das M-Angebot an teilnehmenden Mittelschulen in die Regelklassen der Jahrgangsstufen 7 bis 9 integriert.“
Das ist deshalb eine interessante Maßnahme, weil man ja unter Dr. Spaenle die M-Züge noch ausdrücklich rausgenommen hat aus den Klassen 7 bis 9. Es gab dann in der Folge auch die entsprechenden Lehrwerke (jeweils für M- und R-Klassen), die dann in den integrierten M-Zug-Klassen wohl beide benutzt werden. Spannend ist diese Maßnahme auch aus dem Grund, dass die Verantwortlichen unter der Hand das Prinzip Homogenität aufgeben. Denn „integriert“ heißt: zusammengesetzt aus allen Leistungsniveaus.
Wenn Mittelschullehrer:innen also die homogenisierenden M-Züge unter Dr. Spaenle kritisierte haben, und das waren nicht wenige, dann finden sie in diesem kultusministeriellen Rückzieher jetzt Bestätigung.
Brauchen Schüler:innen eine Mittelschule?
Kultusministerin Anna Stolz sagt abschließend: „Die Mittelschule sichert Chancen und gestaltet Zukunft. Sie macht stark für jeden Weg. Mit unserem Maßnahmenpaket stärken wir unsere Lehrkräfte und Schulleitungen, die jeden Tag Großartiges leisten. Gleichzeitig investieren wir ganz gezielt in die Zukunft unserer Kinder – in ihre Talente, ihre Motivation und ihre Persönlichkeit. Wir können verdammt stolz auf diese jungen Menschen sein!“
Da hat sie schon wieder Recht, aber das ist nun überhaupt kein Argument für die Mittelschule, denn die Lehrkräfte und Schulleitungen, die Großartiges leisten, würden das auch in einer anderen Struktur, und die Schüler:innen könnten ihre Talente, Motivation und Persönlichkeit auch in anderen Strukturen entwickeln. Vielleicht sogar besser. Wetten?!
Es sind nicht die Schülerinnen und Schüler, die die Mittelschule brauchen. Sondern? Es ist wohl hauptsächlich Tradition, gewürzt mit einer gehörigen Portion Ideologie.
Warum nur verzichtet der Rest der Welt auf eine Sortierung der Kinder in drei getrennte Schularten? Sind die dumm (also die Regierungen)? Nein, PISA zeigt, dass die auch funktionieren, teilweise sogar besser als Bayern. Allerdings demonstriert PISA – wie überhaupt die allgemeine Bildungsforschung – auch, und das mit unschöner Regelmäßigkeit, dass eine frühe Sortierung Chancen verhindert, Wege versperrt und eine gesellschaftliche Spaltung nicht nur nicht verhindert, sondern teilweise sogar befördert.
Warum achtet das vom bayerischen Ministerpräsidenten gelenkte Kultusministerium nicht auf den Hinweis des Aktionsrates Bildung – eines von der vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft) eingesetzten Expertenrates? Diese Bildungswissenschaftler haben bereits vor fast 20 Jahren formuliert:
Der Sekundarbereich I wird zweigliedrig (Sekundarschule und Gymnasium) angeboten.
Aktionsrat Bildung 2007
Warum erkennt man am Salvatorplatz und in der Staatskanzlei nicht die Zeichen der Zeit, die diese Entwicklung erkennen lassen:

Seit Jahrzehnten befinden sich bundesweit die Hauptschulen im Sinkflug, sind also am Absterben, während die so genannte „2. Säule“, eine integrierte Sekundarstufe für alle Schüler:innen, einem klaren Aufwärtstrend folgt. Und nein, das ist nicht Ideologie, sondern pädagogische Vernunft! Und sie verhindert nebenbei, dass die Gesellschaft weiter separiert wird.
Wer mir nicht glaubt, der höre wenigstens auf John Hattie, der in Visible Learning – The Sequel über die Sortierung in Leistungskursen sagt:
Tracking has minimal effects on learning outcomes; no one profits… Why do we persist with a failed intervention? Who benefits? Not the students.
Seite 187
Wenn also die Kultusministerin nun erklärt: „Bayerns Mittelschulen sind stark für jeden Weg“, dann hat das den Charakter einer Beschwörungsformel und bewirkt auch genauso viel.
Man muss nicht erst die Schachtel aufmachen um zu sehen, in welchem Zustand sich Schrödingers Katze befindet. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!






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