Sichtweisen #38: „Was machen wir da eigentlich?“

Der Lehrer ist Diplompädagoge, arbeitet seit seinem 36 Lj im Unterricht und in Leitungsfunktionen an verschiedenen Schulen und heißt Bernhard Warsitz. Zur Zeit des Drehs und des Erscheinens seines Films war er an der Montessori-Fachoberschule in München tätig.

Zu Motivation, die ihn zu einem Sabbatjahr für diesen Filmdreh führte, sagt er selbst:

Junge Menschen sind psychisch immer stärker belastet, die Zahlen sind erschreckend hoch und ca. ein Drittel aller Jugendlichen driften ab in eine demokratiefeindliche Blase. Was sind die Ursachen? Und welche Rolle spielt Schule dabei? Eine Reise durch Indien, Uganda, Albanien, Rumänien und Deutschland mit vielen bewegenden Gesprächen geben Aufschluss über drängende Fragen unserer Zeit.

Bernhard Warsitz

Teil I: Autoritarismus

Warsitz fragt, wie sich junge Menschen in der Schule erleben. Offensichtlich sind sie in eine Struktur (freundlich formuliert: in eine Tradition) eingefügt (unfreundlicher: gezwungen), in der sie sich als Regel-, Inhalts- und Auftragsempfänger erleben. Keinesfalls als Autoren ihres eigenen Lernens, sondern als Ausführende der Vorgaben von Kultusministerien, Lehrplänen und letztlich Lehrer:innen.

Berhard Warsitz gibt dazu diese Hintergrundinformationen:

Der renommierte Kinderarzt und Pädagoge Dr. Renz-Polster hat mich mit seinem Buch „Erziehung prägt (politische) Gesinnung auf dieses leider so wenig diskutierte Thema gebracht. Er hat mich und meinen Film unterstützt, denn er hält es für keinen Zufall, dass genau in den US-Staaten, in denen Kinder „unfreundliche Erziehungsbedingungen“ antreffen, Donald Trump die Wahlen gewonnen hat. Je schlechter die Situation der Kinder, je mehr Stimmen für Trump! Es geht um die Erfahrung von Macht in Familien und in der Institution Schule, es geht um „Adultismus“, ein von Prof. Manfred Liebel mitgeprägter Begriff, der das Unten/Oben-Verhältnis von Erwachsenen und Kindern beleuchtet.

Dieser Autoritarismus kann also dazu führen, dass Jugendliche politisch radikale Positionen übernehmen. Zitate von Alice Weidel, Giorgia Meloni und Donald Trump illustrieren die damit verbundene Emotionalität (und teilweise Irrationalität), Diagramme wie das folgende belegen diesen tristen und sich verstärkenden Wandel:

Teil II: Psychische Folgen

Die Folgen der Anpassung an die Forderungen der Schulen belegt Warsitz durch Quellenhinweise, die sich durch den ganzen Film ziehen und im Abspann genannt werden und durch Interviews mit Wissenschaftlern und Schüler:innen: Die Unterordnung unter die Strukturen kann eine Selbstentfremdung der jungen Menschen zur Folge haben, die zu Depression, selbstverletzendem Verhalten oder sogar in den Suizid führen kann.

Eindrucksvoll sind hier die Gespräche, die Bernhard Warsitz mit Schülerinnen in indischen Schulen geführt hat, weil deutlich wird, dass es einen Sog gibt, immer besser zu werden, der sich nach und nach mit dem Gefühl verbindet, niemals zu genügen.

If I’m doing good then everyone expect me to do better. If I’m doing better everybody expect me to do best

Samriddhi, indische Schülerin

Eine beeindruckende Selbstreflexion eines jungen Mädchens und was für eine Aussicht, wenn man das über seine gesamte Schulzeit hinweg so erlebt!

Teil III: Aufbrüche

Der Begriff „Aufbruch“ ist doppeldeutig: Einerseits kann man aufbrechen zu neuen Ufern, neuen Projekten usw. Andererseits kann man etwas aufbrechen: eine Tradition, Gewohnheit, Struktur oder eingefahrene Verhältnisse. In diesem Film gibt es Begegnungen mit Menschen, die etwas Neues gewagt haben:

Jenny Rasche, die schon als Kind nach Rumänien wollte, um dort ein „menschliches“ Waisenhaus zu eröffnen, und die die Tage bis zu ihrem 18. Geburtstag runterzählte, an dem sie endlich aufbrechen konnte. Ihr Projekt und ihre Ansichten sind in der ARD-Mediathek festgehalten, sehr sehenswert und bewegend. Frau Rasche war bei der Premiere anwesend und hat die Zuschauenden durch ihre Präsenz und ihre Ausführungen sehr beeindruckt.

Screenshot aus dem Trailer

Und schließlich ist Bernhard Warsitz zu seiner ehemaligen Schülerin Alexandra Müller nach Uganda gereist. Sie hat dort eine Schule gegründet mit jungen 20 Jahren. Sie berichtet, welche Kompetenzen ihr geholfen haben, das Projekt erfolgreich Wirklichkeit werden zu lassen. Eins sei dabei deutlich geworden: Ihr (Schul-)Wissen hat sie eher als Hindernis bewertet.

Mein eigener Eindruck

Meinen persönlichen Eindruck habe ich an den Autor zurückgespiegelt:

Jetzt hatte ich heute endlich mal Zeit, deinen Film in Ruhe anzusehen. Und „Ruhe“ ist der passende Begriff: Der ganze Film atmet eine sehr angenehme Entspanntheit, dazu trägt deine ruhige Stimme ebenso bei wie die sehr häufigen großen Landschaftsbilder und natürlich die großartige Musik. Angesichts der Dramatik der Forschungsergebnisse und Aussagen ist das alles eine Einladung zur Betrachtung geworden, nicht zum Aktionismus. Die notwendigen Konsequenzen forderst du nicht lehrerhaft ein, sondern gibst dem Zuschauen die Möglichkeit, sie selbst für sich zu finden. Ich bin wirklich sehr beeindruckt, also: Danke für diesen Film!

Und Sie?

Bernhard Warsitz möchte mit diesem Film arbeiten. Er kommt dazu auch gern an Schulen. Allerdings sollten die Schüler:innen auch in der Lage sein, die Gedanken des Films mitgehen zu wollen und zu können. Ebenso wie er selbst schätze ich dazu ein Mindestalter von ungefähr 16 Jahren als günstige Voraussetzung ein, also 10. Klasse und darüber hinaus. Natürlich auch Lehrer:innen und Eltern.

Bernhard Warsitz bemüht sich derzeit darum, denn Film online verfügbar zu machen.

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