Fail #51: Bürokrakie

Wir Schulleitungen mussten für die Sommerschule die letzten Reserven finden und mobilisieren, wie ich in diesem Beitrag zum „Volkssturm“ beschrieben habe. Man sollte meinen, die zuständigen Behörden hätten alles dafür getan, das Ganze möglichst einfach zu handhaben. Das Gegenteil war und ist der Fall. Hier eine kurze Darstellung, wie die bürokratischen Krakenarme jede Initiative ersticken können.

Der allgemeine Fall

Nehmen wir die junge Kollegin L.: Sie kommt von sich aus auf unsere Schule zu und bringt nicht nur ein 1. Staatsexamen (Lehramt Grundschule) mit, sondern auch praktische Erfahrungen in unterschiedlichen Schulen und mit Altersgruppen von 1. bis 10. Klasse – ideal!

Der Papierkram allein, den ich ihr um die Ohren schlagen muss, umfasst mehr als 20 Seiten von allem Möglichen:

  • 8 Seiten Erklärungen zu den persönlichen Lebensverhältnissen
  • 1 Seite Erklärung zu Vorstrafen und früheren Arbeitsverhältnissen
  • 1 Erweitertes Führungszeugnis
  • 1 Lebenslauf
  • 1 Nachweis über einschlägige pädagogische Ausbildungen
  • 3 Seiten Datenschutzhinweise + 1 Seite Einwilligungserklärung dazu
  • 1 Nachweis Masernschutz
  • 1 (von mir zu beglaubigende) Kopie des Personalausweises
  • 1 Erklärung zur Steuerbefreiung + 1 Seite Hinweise dazu
  • 3 Seiten Merkblatt über die möglichen Folgen einer Befreiung von der Rentenversicherungspflicht
  • 2 Seiten Vereinbarung zur Befristung des Arbeitsverhältnisses

Mehr als 20 Seiten Papierkrieg

Thats it? No way: Vor Dienstantritt muss der örtliche Personalrat gehört werden. Bei Dienstantritt ist eine Dienstantrittsanzeige zu verfassen – bei zwei getrennten Einsatzwochen für jede Woche extra – sowie, natürlich, bei Dienstbeendigung eine Dienstbeendigungsanzeige.

L. hat zu Beginn und am Ende der Sommerferien jeweils eine Woche á 20 Unterrichtsstunden geholfen. Die Bearbeitung ihrer Unterlagen durch mich, durch sie, durch das Schulamt, das Einwohnermeldeamt, den Personalrat und die Regierung hat ganz sicher mindestens genau so viel Zeit in Anspruch genommen. Das Fernsehmagazin „Quer“ hat in einem Beitrag die Realität und die würgende Kraft dieser Bürokrakie angemessen nachgezeichnet.

Der erste Einsatz der jungen Kollegin fand vom 2. bis zum 6. August statt. Heute ist der 29. September. Hat sie inzwischen einen Cent Gehalt gesehen? Nein.

Das Monster will gefüttert werden! Foto: pixabay.

Der besondere Fall

Als wäre das alles nicht schon ermüdend genug, will ich hier noch kurz den Fall der ebenfalls jungen Kollegin P. berichten, die mit ähnlichen Voraussetzungen auf uns zukam wie L, also auch mit einem abgeschlossenen Lehramtsstudium. Sie hatte natürlich mit dem gleichen Wust an Unterlagen zu kämpfen und mir sehr detaillierte Nachweise vorgelegt. Alles ging seinen Gang und sie begann ihren Einsatz in der letzten Ferienwoche am 6. September (Dienstbeginnsanzeige!).

Am 7. September erhielt ich einen dringenden Anruf aus dem Schulamt: Die Kollegin P. müsse sofort aufhören zu arbeiten! Erklärung: Der Verfassungsschutz müsse erst noch zu ihrem Fall gehört werden. Der Verfassungsschutz?? Ja, die junge Frau sei afghanischer Herkunft, und deshalb muss der Verfassungsschutz vor ihrem möglichen Einsatz Stellung nehmen.

Der Verfassungsschutz??

Milde lächelnd und kopfschüttelnd nahm P. diese Anforderung zur Kenntnis: „Ich bin in Deutschland geboren. Ich war in meinem Leben noch nie in Afghanistan.“ Nicht nur das: Sie hat in Bayern studiert, sie hat einen deutschen Personalausweis, sie hat ein polizeiliches Führungszeugnis, aber das reicht alles nicht, da muss der Verfassungsschutz noch mit mitschnabeln. Würg!

Resumé

Es gibt eine Not, nämlich Kinder, die wegen der Schulschließungen zu Zeiten der Pandemie schulisch, sozial und oft auch seelisch abgehängt wurden. Es gibt ein Konzept „gemeinsam.Brücken.bauen“, zwar mit einer gezwungen-modischen Schreibweise, aber immerhin mit guten Absichten und unterfüttert mit den nötigen Finanzen. Aber dann gibt es den Monster-Kraken Bürokratie, der alle Beteiligten mit seinen langen Fangarmen würgt und das Leben herauspresst.

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