Sichtweisen #79: Nein!

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern will mit einer Verbandsklage den Freistaat zwingen, alle Schulklassen ab einem Inzidenzwert von 50 zu teilen. Die Landtagsfraktionen der SPD und der Grünen stoßen in das gleich Horn. Die Praktiker*innen vor Ort sind geteilter Meinung, finden aber bessere Alternativen.

Die aktuelle Meldung

Süddeutsche Zeitung vom 21.11.20:

Dass Präsenzunterricht an Bayerns Schulen wichtig ist, um Lücken zu schließen und keine neuen entstehen zu lassen, sehen auch viele Lehrer. Aber die Verbände kritisieren seit Wochen scharf, dass die Staatsregierung die Schulen trotz hoher Infektionszahlen uneingeschränkt offenhalte, nicht in den Wechselunterricht gehe und so die Wünsche von Eltern und Wirtschaft über den Gesundheitsschutz stelle. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will nun gegen den Freistaat und die Stadt München klagen. Mit einer einstweiligen Anordnung will die GEW den Mindestabstand von 1,5 Metern in Klassen erreichen und so auch die Verkleinerung der Schülergruppen. Das würde zu einem Wechsel aus Distanzunterricht daheim und Schulstunden führen. Der Freistaat ignoriere die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts, das ab einer Inzidenz von 50 die Verkleinerung von Klassen empfiehlt, sagte Rainer Roth, der beauftragte Fachanwalt für Verwaltungsrecht. Weil die Inzidenzzahlen in weiten Teilen Bayerns deutlich höher sind, riskiere die Staatsregierung einen kompletten Schul-Lockdown, der durch rechtzeitiges Eingreifen verhindert werden könnte. „Die Untätigkeit des Kultusministeriums ist deshalb grob fahrlässig“, sagte Roth.

Bild auf der Homepage der GEW Bayern

Grüne fordern, GEW klagt: Wechselunterricht an Bayerns Schulen?

So das Nachrichtenprotal BR 24 vom 20.11.20:

Wie geht es weiter mit Bayerns Schulen? Die Grünen fordern, bis Weihnachten ab der 7. Klasse auf Wechselunterricht umzusteigen. Die Erziehungsgewerkschaft GEW klagt sogar gegen den Präsenzunterricht. Minister Piazolo bleibt vorerst bei seiner Linie.

Die Vorwürfe der Opposition sind scharf: „Die pennen wirklich, wie der Vatikan“, sagte die SPD-Bildungsexpertin Margit Wild über das Kultusministerium. Und Grünen Fraktionschefin Katharina Schulze beklagte, Kultusminister Piazolo (Freie Wähler) habe sich „im Elfenbeinturm seines Ministeriums verschanzt und den Bezug zur Schulrealität verloren“. Die Grünen-Fraktion fordert nun, bis Weihnachten alle Klassen aber [ab?] der 7. Jahrgangsstufe zu teilen und die Gruppen im Wechsel zu unterrichten.

GEW: Schüler und Lehrkräfte nicht ausreichend geschützt

Die Erziehungsgewerkschaft GEW lässt es nicht bei Forderungen. Mit einem Eilantrag will die Gewerkschaft vor dem Verwaltungsgericht München erreichen, dass der Mindestabstand auch im Unterricht eingehalten wird. „Aus Sicht der GEW ist die Situation an bayerischen Schulen auf keinen Fall mit dem Arbeits- und Gesundheitsschutz vereinbar“, hieß es zur Begründung. Schülerinnen und Schüler, sowie Lehrkräfte seien in den Schulen nicht ausreichend vor einer Ansteckung geschützt.

Schüler*innen und Lehrkräfte nicht ausreichend geschützt? Bild: Pixabay.

Was will die SPD?

Aus der Landtagsopposition kommen scharfe Worte, zum Beispiel von Margit Wild, die von BR24 zitiert wird mit der Aussage: „Die pennen wirklich wie der Vatikan.“ Und weiter:

Konzepte für schwächere Schüler fordert die SPD-Bildungsfachfau Margit Wild vom Kultusministerium. „Ich fürchte, dass die Zahl der Bildungsverlierer größer wird“, sagte sie dem BR. Unterstützung für schwächere Schüler finde nicht statt. „Das finde ich ungut.“

Das liest sich für mich wie ein Selbstwiderspruch, denn es ist noch nicht lange her, dass Frau Wild und Frau Strohmeyer gesagt haben:

Die SPD-Landtagsfraktion fordert, dass der Regelbetrieb an den bayerischen Schulen zukünftig der Normalzustand sein soll. Anlass sind die heutigen Ankündigungen von Bildungsminister Piazolo, dass es bei steigenden Corona-Zahlen auch wieder erhebliche Einschränkungen geben wird. „Anstatt für die Schulen in Bayern flächendeckende Maßnahmen zu beschließen, sollte es punktuelle Einschränkungen an brisanten Hotspots geben. Der normale Präsenzunterricht sollte immer oberste Priorität haben – und das nicht erst nach den Sommerferien“, erklärt die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Dr. Simone Strohmayr. „In Gebieten mit wenigen Corona-Fällen hätte man längst zum Regelbetrieb übergehen können.“

Das klingt, negativ interpretiert, wie Opposition, weil man halt dagegen sein muss. Positiv gedeutet, haben wir dieselbe Haltung wie die des Kultusministers: Erstens richten wir uns nach dem Infektionsgeschehen; zweitens lassen wir die Schulen so lange wie möglich im Präsenzunterricht.


Sind Schulen Infektionstreiber?

Dieser Faktencheck des ZDF zitiert eine Studie der Universität Zürich und eine Studie mit Kindergartenkindern in Hessen, die zu dem Schluss kommen, dass Kinder sich eher selten in Schulen und Kitas infizieren. Die Wissenschaftler sehen dadurch die These gestützt, dass sich Kinder eher im privaten Umfeld infizieren, etwa in der Familie. Oder, wie ich aus Erfahrung unserer eigenen Schulkinder ergänzen möchte, im Sportverein.

Wo geschehen die Infektionen? Bild: Pixabay.

Das schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer oben erwähnten Meldung:

„Fakt ist, dass sich die Corona-Krise zunehmend auf die Schulen auswirkt. Mehr als 55000 Schülerinnen und Schüler seien derzeit in Quarantäne zu Hause statt im Klassenzimmer, teilte das Kultusministerium mit. Vor einer Woche waren es 35 000 von insgesamt 1,7 Millionen. Wegen Corona-Infektionen seien derzeit 2500 Klassen komplett von den Gesundheitsämtern in Quarantäne geschickt worden, 58 Schulen komplett geschlossen. Das sind jeweils mehr als doppelt so viele wie vor einer Woche. Wenig verändert hat sich die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer in Quarantäne: derzeit sind es knapp 2700. Das Kultusministerium bekommt täglich die aktuellen Zahlen der öffentlichen Schulen gemeldet. Kultusminister Michael Piazolo (FW) hält den steigenden Quarantänezahlen entgegen, dass seit Schuljahresbeginn stets mindestens 95 Prozent der Schüler im Präsenzunterricht gewesen seien.“

Nachtrag 23.11.20: Kinderärzte weisen darauf hin, dass die Ansteckungsgefahr an Schulen überschätzt wird.

Fasse ich all diese Studien und Meldungen zusammen, so schließe ich vorläufig:

Die Zahl der Infektionen steigt in Schulen, weil und wie sie überall im Land steigt. Die Ansteckungen geschehen nach wie vor primär außerhalb der Schulen.

Was bewegt die GEW?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Bayern) hat kürzlich eine Befragung der eigenen Mitglieder durchgeführt und die Ergebnisse erst letzte Woche veröffentlicht. Im Blog habe ich darüber berichtet.

Keines der Ergebnisdiagramme zeigt, dass die GEW ihre Mitglieder gefragt hätte: „Sind Sie dafür, dass die Schulen verpflichtet werden, einen Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht zu organisieren, sobald der Inzidenzwert eine Schwelle von 50 überschreitet?“

Zu diesem Themenkomplex wurde lediglich festgestellt:

„Über 2.000 Befragte gaben an, dass keine Klassenteilung stattfindet oder stattfand. Bei lediglich 38 TN wurde ab dem Inzidenzwert von 35 eine Klassenteilung durchgeführt, bei 87 Kolleginnen bei dem Wert 50 und sogar bei 33 Kolleginnen ab einem Wert von 200.“

Interessanter Weise gab es in den über 2000 freien Äußerungen, die auf 131 Seiten protokolliert wurden, Stimmen in die eine wie in die andere Richtung. Hier einige explizit ablehnende Beiträge zu dem, was die GEW jetzt inzeniert:

Nein zur eigenen Gewerkschaft

Stoppschild
Nein! zur eigenen Gewerkschaft. Bild: Pixabay

„Die Panik, die unter anderem die GEW momentan verbreitet, ist in der aktuellen Situation auch nicht hilfreich.“

„Dass die GEW aktuell stur die Umsetzung der Hygienemassnahmen nach politischen Vorgaben fordert, ohne auch nur einmal daran zu denken, dass kein Schüler auch nur einen Tag länger zuhause bleiben darf.“

„Digitalisierung kann keinen Präsenzunterricht ersetzen; auch im Wechselmodell „verlieren“ wir Schüler, v.a. die, welche zuhause wenig gefördert werden; ich bedaure es sehr, dass Schüler in der Coronakrise so stark in ihren „Schüler-rechten“, auch ihrem Recht auf einen guten Unterricht, eingeschränkt [werden].“

„Die auch von der GEW derzeit im Namen der LuL [Lehrinnen und Lehrer] propagierte Lösung der Klassenteilung ist für mich und viele Kollegen nach den Erfahrungen am Ende des letzten Schuljahres zumindest mit zweiwöchigem Rhythmus eher Horror- als Wunschszenario (Vorbereitungsaufwand, Selbstorganisation der SuS, usw.)!“

„Bitte keine Klassenteilungen! Das bedeutet nicht machbare doppelte Arbeit. Auch die Staffelung von der ich bisher nur gehört habe, finde ich nicht sinnvoll. Entweder komplette Präsenz oder komplettes Homeschooling, wobei mir der Präsenz sehr viel lieber ist.“

Wenn ich die freien Äußerungen zusammenfasse, dann habe ich den Eindruck, dass die Argumente pro Klassenteilung tendenziell mit dem Gesundheitsschutz der Lehrkräfte begründet werden, während die Argumente contra eher die Mehrarbeit für Lehrkräfte und das Lernenkönnen der Schüler*innen im Blick haben. Noch mal: Hier kann sich jede/r selbst ein Bild machen.

Eine gute Kompromisslinie finde ich in folgenden Pro-Argumenten angesprochen:

„Das größte Problem ist, dass die verschiedenen Altersgruppen zu wenig berücksichtigt werden. Schüler ab Jgst. 7 bzw. ab zwölf Jahre können i. d. R. problemlos allein und zuhause arbeiten, wenn sie von der Schule gut dabei begleitet werden.“

„Es können keine individuellen Entscheidungen von den Schulen getroffen werden, sie können als Tram [Team?] doch am besten entscheiden, wer zuhause lernen kann, wer mehr Betreuung benötigt etc.“

Kinder ab 13 können auch alleine Zuhause beschult werden!

Es geht also darum, nicht einfach eine pauschale Regel für alle Schülerinnen und Schüler zu etablieren, sondern um eine Differenzierung nach Alter oder nach Individuum. Das halte ich für allemal gelungener als das, was die GEW jetzt gerichtlich durchsetzen will, nämlich Klassenteilung ab Inzidenzwert 50.

Katharina Schulze von den Grünen ist nah dran an der differenzierten Betrachtung, schießt aber gleich wieder übers Ziel hinaus, wenn sie fordert (wie oben zitiert), „bis Weihnachten alle Klassen aber [ab?] der 7. Jahrgangsstufe zu teilen und die Gruppen im Wechsel zu unterrichten.“

Persönliches Fazit

Nein! zur Forderung der GEW. Ja! zu einer differenzierten Teilung entlang von Alter und Fähigkeit der Schüler*innen.

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