Neusprech #10: „Hybridunterricht“

Das Newspeak, das George Orwell in „1984“ beschreibt, ist gefährlich, weil es die wahren Sachverhalte verschleiert, statt sie zum Ausdruck zu bringen. Diese Gefahr ist bei der Neusprech-Kategorie dieses Blogs nicht gegeben. Hier geht es eher darum, modische, blumige oder vielleicht sogar bombastische Begriffe auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Aktuelle Begriffsverwendung

„Hybrid“ soll in der aktuellen Verwendung häufig etwas Positives und Zukunftsgewandtes assoziieren. Man denke dabei nur an die Autohersteller, die selten um eine fetzige Begrifflichkeit verlegen sind: Der „Hybridantrieb“ ist in aller Munde und unter immer mehr Motorhauben eingebaut. Es handelt sich dabei vorwiegend um einen Benzin- oder Dieselmotor (Tradition & Vergangenheit), der mit einem Elektroantrieb (Zukunft & Umweltbewusstsein) verbunden wird. Er ist zuschaltbar, deshalb noch schmissiger „plug-in Hybrid“.

Bei solch lautem Wortgeklingel liegt der Verdacht nahe, dass etwas verschleiert werden soll. Und in der Tat, wenn man der „Deutschen Umwelthilfe“ folgt, stinkt es hier gewaltig:

Bei Messungen von Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß konnte der Umweltverband bei vier Plug-In-Hybrid-Pkw (Mercedes A250 e, Porsche Cayenne E-Hybrid, Volvo XC40 T5, Volvo XC90 T8) dramatische Überschreitungen der offiziellen Werte nachweisen – in der Spitze um mehr als 600 Prozent. Mit 499 g CO2/km emittiert beispielsweise der als angeblich besonders umweltfreundlich steuerlich geförderte Monster-SUV Porsche Cayenne Plug-In-Hybrid im Fahrmodus Sport Plus mehr als das Fünffache des seit 2020 verbindlichen EU-Flottengrenzwerts…

„Stadtpanzer“ nennt das die DUH. Bild: Deutsche Umwelthilfe

Plug-In-Hybride als Elektrofahrzeuge zu bezeichnen ist Verbrauchertäuschung. Unsere Messungen zeigen, dass diese Fahrzeuge im realen Fahrbetrieb ein Vielfaches an CO2 ausstoßen verglichen mit den offiziellen Angaben.

Danebengegriffen hat auch einmal unsere Kanzlerin, als sie die jugendlichen Proteste „Fridays-4-Future“ mit hybrider Kriegsführung in Verbindung brachte.

Begriffsgeschichte

„Hybrid“ leitet sich her vom griechischen hybris und bedeutet ursprünglich „Anmaßung“, „Übermut“, was gar nicht schlecht in unseren Kontext passt. Im Lateinischen erhielt hybrida eine Bedeutungsverschiebung hin zu „Bastard“ oder „Mischling“. Es geht also, neutral betrachtet, lediglich darum, dass Dinge zusammengebracht werden, die ursprünglich getrennt waren.

Hybridunterricht

„Hybridunterricht“ signalisiert, dass hier – in moderner Weise – zwei Dinge zusammengebracht werden, nämlich das Lernen in der Schule und das Lernen zuhause. Dabei gibt es noch andere Neusprechkandidaten, die dieses Feld umwolken, zum Beispiel „blended learning“ oder „flipped classroom“. Das Bayerische Kultusministerium hat in diesem Frühjahr in leicht vormoderner Weise in offiziellen Verlautbarungen von „Lernen zuhause 2.0“ gesprochen und damit versucht, das digitale Neusprechgehabe von „Irgendwas 2.0“ oder „Noch besser 4.0“ aufzunehmen.

Dafür gab es einen Anlass: Klassen mussten im Zuge der Corona-Pandemie erst komplett und später geteilt zuhause unterrichtet werden. Es handelte sich dabei also um Notmaßnahmen. Es ist kein Zufall, dass diese Unumgänglichkeiten sehr rasch mit dem modischen Drive der „Digitalisierung“ von Schulen zusammengedacht wurden. Hersteller, die seit Jahren – häufig mit Sponsoring – versucht haben, einen Schuh in die Klassenzimmertür zu kriegen, waren jetzt plötzlich sehr gefragt. Es dürfte Bill Gates nicht weiter stören, dass nun viele Schulen sein Office 365 installieren und mit seinem MS-Teams konferieren – notgedrungen und zum Entsetzen von Datenschutzbeauftragten.

Formen des Hybridunterrichts

Das „hybride“ Lernen zuhause und in der Schule gab es schon immer. Schließlich wurde der Unterricht in der Lehranstalt schon von Alters her mit Hausaufgaben verbunden. Die waren in der Regel nachgeschaltet, folgten also der Stoffvermittlung im Klassenzimmer. Es ist überhaupt keine Neuerscheinung, wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer den Kindern mal eine vorbereitende Hausaufgabe gab: „Fragt doch mal eure Eltern, was ein Rabatt ist oder der Unterschied von Brutto und Netto“. Dann brachten die Mädels und Jungs die Aussagen ihrer Eltern mit in den Unterricht, und die Lehrperson konnte darauf aufbauen. Nun sind „vorbereitende Hausaufgaben“ eine ziemlich genaue Definition von „flipped classroom“, daher der Neusprechverdacht bei dieser Phrase.

„Flipped classroom“ klingt natürlich flippiger, weil es in den best-practise-Beispielen häufig mit digitalen Werkzeugen in Verbindung gebracht wird. Schauen wir uns das bei den Bayern etwas genauer an.

Diese Übersicht findet man auf der Website https://www.distanzunterricht.bayern.de/. Auf der blauen Seite wird das rollierende, üblicherweise analoge System beschrieben…

… und auf der grünen Seite das parallele und digitale System:

Der parallele Unterricht sieht also so aus, dass ein Teil der Klasse vor der Lehrkraft sitzt und der andere Teil zuhause vor einem digital device. Der Unterricht wird live gestreamt, das heißt, direkt nach Hause übertragen. Im Ideal gibt es dazu auch einen Rückkanal, das heißt die Schüler*innen zuhause vor den Geräten können sich auch vernehmbar äußern.

Technische Voraussetzungen

Diese kurze Beschreibung verrät schon, dass das Ganze nicht voraussetzungslos ist. Wir hatten vor wenigen Wochen eine Präsentation dieser Technik in unserer Schule, deshalb kann ich ein ziemlich genaues Bild davon vermitteln:

  • Im Klassenzimmer muss hinten eine gute Kamera installiert sein, die am besten nicht nur statisch ist, sondern die Lehrkraft verfolgt, wenn sie sich zwischen Pult und (natürlich möglichst digitaler) Tafel hin- und herbewegt.
  • Gleichzeit stand an geeigneter Stelle ein großer Bildschirm, der die Personen zeigte und hörbar machte, die sich zuhause (in diesem Fall in einem Nachbarraum) eingeloggt hatten.
  • Wir haben ein (gutes) Raummikrofon ausprobiert, das den Nachteil hatte, auch den Rasenmäher vor dem offenen Fenster (Lüftung!) gut zu übertragen. Als wesentlich besser erwies sich ein Headset für den Lehrer (Kopfhörer + Mikrofon). Und natürlich ein paar guter Lautsprecher, die die Äußerungen der Personen zuhause klar ins Klassenzimmer übertrugen.
  • Zur Installation der Übertragungstechnik mit Integration in das Schulnetzwerk war ein Wochenende nötig und eine stundenweise Anwesenheit des Netzadministrators. Dazu braucht es natürlich auch eine Plattform, die Videokonferenzen ermöglicht, hier kommt neben anderen wieder MS-Teams ins Spiel.
  • Bei der Gelegenheit haben einige aus unserem Kollegium darauf hingewiesen, dass man zuhause ja mehr sieht als die Lehrkraft, nämlich die anwesenden Schüler*innen. Wie ist das also mit dem Datenschutz: Wer schaut zuhause alles zu? Wer garantiert, dass da nichts mitgeschnitten und später auf irgendwelche sich „sozial“ nennenden Plattformen hochgeladen wird?
  • Hab ich schon über die Kosten gesprochen? Eine reduzierte Variante mit nicht allzu hohen technischen Ansprüchen kommt pro Klassenzimmer auf etwa 15 000 Euro.

Neben den technischen Voraussetzungen in der Schule ist es natürlich unabdingbar, dass die Schüler*innen zuhause angemessen ausgestattet sind. Es geht zur Not mit einem Smartphone, ist aber damit wirklich kein Spaß. Besser ist ein Notebook, noch besser ein Desktopcomputer mit Tastatur. Dass es in den Familien diesbezüglich große Unterschiede gibt, ist allgemein bekannt und hat u.a. dazu geführt, dass den Schülerinnen und Schülern kostenlose Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden… sollen. Wir haben gemerkt, dass es selbst dann noch lange dauern kann, wenn die Anschaffung solcher Laptops vom Schulträger genehmigt und beantragt worden ist (ein halbes Jahr).

überfordert vor dem Laptop
Überfordert vor dem Laptop. Quelle: Pixabay.

Pädagogische Voraussetzungen

Ich nenne das jetzt hier der Einfachheit halber eine „pädagogische“ Voraussetzung, wenn ich darauf anspiele, dass die Schüler*innen sehr unterschiedlich in der Lage sind, sich zuhause mit ihrem eigenen Lernen zu organisieren und vor allem zu motivieren. Ähnlich divers muss man die Möglichkeiten der Eltern sehen, sich um das hybride Lernen 2.0 zuhause zu kümmern: Wenn beide – zum Beispiel im Großraum München – berufstätig sind, weil sie sich sonst das Wohnen nicht leisten können, sind sie in ihrer reduzierten freien Zeit auch nicht mehr gut in der Lage, sich ein paar Stunden mit ihrem Kind hinzusetzen.

Dass es einen Unterschied zwischen großen und kleinen Schülern gibt, ist klar; von daher passt ja auch in der aktuellen Diskussion um die Klassenteilungen der Vorschlag, zunächst mal nur vielleicht die älteren Jahrgänge zu teilen. Das wurde in diesem Blogbeitrag thematisiert.

Fazit

„Hybridunterricht“ ist eine Neusprechbegriff, weil er Zukunftsgewandheit signalisieren und damit eine Idee verkaufen soll und inhaltlich oft sehr unterbestimmt verwendet wird. Wenn man sich die Zusammenhänge und reichen Voraussetzungen vor Augen hält, dann kann man erkennen, dass diese Idee zumindest für den Fall und in der Zeit von Klassenteilungen oder ganzen Schließungen bedenkenswert ist. Aber der unmittelbare Unterricht ist durch nichts zu ersetzen. Das negative Beispiel der „plug-in Hybride“ in der Autoindustrie sorgt dafür, dass dieses kunstvolle Sprachschild ein paar Dellen erhält.

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