Sichtweisen #78: Eine Zeitenwende?

Bahnt sich da schon eine Zeitenwende an? Es ist nur eine kurze Notiz hier, aber es könnte der Anfang von etwas Großem werden: Zum ersten Mal äußert sich ein Mitglied einer bayerischen Regierungskoalition positiv zu zwei Einstellungen an den Scharnieren unseres so hochgelobten „differenzierten Schulsystems“.

Worum geht es eigentlich?

Es geht einerseits darum, dass vor allem die Grundschullehrerinnen im Vergleich der Lehrämter die höchste Pflichtstundenzahl haben (28-29). Genaueres kann man hier nachlesen.

Andererseits hat die strikte Trennung der Lehrämter die eine böse Folge, dass gleichzeitig Lehrer zu viel da sind und an anderer Stelle fehlen, dass es da aber keinen einfachen Fluss vom Hoch zum Tief geben kann. Das wird unter anderem hier beschrieben.

Das ist die Meldung

In dem letzten Newsletter des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) heißt es an einer etwas versteckten Stelle:

Gottstein für generelle Eingangsbesoldung A13

„Es steigert die Attraktivität des Lehrerberufs“

Eva Gottstein, MdL
Eva Gottstein, MdL

Es geht in die richtige Richtung: Eva Gottstein, stellvertretende Vorsitzende des Bildungsausschusses, setzt auf die gleiche Eingangsbesoldung für alle Lehrämter.

Nach einer kürzlich abgehaltenen gemeinsamen Sitzung der Ausschüsse von Bildung und Öffentlicher Dienst setzte Eva Gottstein (Freie Wähler) wichtige Statements ab: „Eine gleichberechtigte Eingangsbesoldung über alle Lehrämter hinweg sehen wir als wesentlichen Faktor zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs.” Damit geht sie in die gleiche Richtung, für die sich der BLLV seit Jahrzehnten politisch einsetzt: A13 als Eingangsbesoldung für alle Lehrämter. 

Gottstein gehört der Regierungsfraktion an – und ihre Aussage hat besonders im Bildungsausschuss Gewicht, wo sie stellvertretende Vorsitzende ist. Zudem ist sie bildungspolitische Sprecherin der Freie-Wähler-Landtagsfraktion.

Außerdem fügte Gottstein hinzu, sei es ihr ein Anliegen, die Lehrerausbildung flexibler zu gestalten und einen leichteren Wechsel zwischen den Lehrämtern ermöglichen.

Mein Kommentar

Eva Gottstein ist ehemalige Leiterin eines Realschulzweigs einer bayerischen Gesamtschule (!), also ein Exemplar einer ganz seltenen Gattung in Bayern. Ebenso ungewöhnlich ist ihre Mitgliedschaft im Verein „Bildung am Limes“, der ungefähr 10 Jahre lang für den Aufbau einer Gemeinschaftsschule in Denkendorf und Kipfenberg kämpfte – leider vergebens.

Das Logo von „Bildung am Limes“

Offensichtlich hat sie verstanden, dass wir in Bayern den Beruf der Grundschullehrerin* dadurch nicht gerade attraktiver machen, dass wir sie (1) mehr arbeiten lassen und (2) sie schlechter bezahlen als Realschul- oder Gymnasiallehrkräfte.

(* Die weibliche Form wähle ich in Bezug auf die Grundschule deshalb, weil 89,4 % aller Grundschullehrkräfte weiblichen Geschlechts sind. Manchmal sage ich im Scherz, ich bin bei uns im Landkreis einer der wenigen männlichen Rektorinnen…)

Das ist der eine Punkt; der andere, der mich genauso positiv erstaunt, ist die Möglichkeit, den Wechsel zwischen den Lehrämtern zu erleichtern. Das geht in Richtung „Stufenlehrer“, also von Lehrkräften, die zum Beispiel auch auf der Sekundarstufe in allen Schularten die Jahrgansstufen 5 bis 7 oder 8 bis 10 unterrichten dürfen. Das ist bisher – jedenfalls in Bayern – ein Tabu, an das sich jedenfalls keine CSU-geführte Regierung wagen würde. Der ehemalige Kultusminister Maier hat 1976 den „Stufenlehrer“ als „Trojanisches Pferd“ gegen das gegliederte Schulwesen desavouiert um die Gemeinschaftsschule zu verhindern.

Trojanisches Pferd
Der Stufenlehrer als trojanisches Pferd? Quelle: Pixabay.

Und es gibt Lehrerverbände, für die ein Abstand in der Besoldung unbedingt eingehalten werden muss. Schließlich hat die Bezahlung ja auch mit dem Prestige zu tun. Und sollte sich wirklich ein geachteter Gymnasiallehrer mit einer Grundschultussi auf eine Ebene stellen lassen? (Sorry, das war jetzt polemisch.)

Frau Gottstein wagt zumindest durch ihre Stellungnahme, dieses Tabu mal ins Auge zu fassen. Damit unterscheidet sie sich von ihrem Parteigenossen und derzeitigem Kultusminister Piazolo.

Es ist ein Lichtblick, der vielleicht Zeichen sein könnte für eine sich beginnende Anbahnung der Möglichkeit eines schüchternen sich Herantastens an das Tabu. Aber auch als solches wird es von mir begrüßt und hoch gelobt!

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