Sichtweisen #69: „Herablassend und unberechtigt“, meinen die Schüler*innen

Der Philologenverband Baden-Württemberg hat mit seinen Vorwürfen gegen die Gemeinschaftsschule sachlich kräftig daneben gegriffen, wie die Reaktionen von  Bürgermeistern, Rektoren und Journalisten schon zeigten. Nun haben sich auch Schüler*innen aus Gemeinschaftsschulen zu Wort gemeldet. Hier ihre Stellungnahme, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt; die hervorgehobenen Zitate habe ich eingestreut.

„Herablassend und unberechtigt“

Der Philologenverband attackiert in den letzten Tagen massiv die Gemeinschaftsschulen. Nun melden sich die betroffenen Schüler*innen zu Wort. Das Netzwerk Schüler*innen im Verein für Gemeinschaftsschulen BW e.V. weist die Anschuldigungen des Philologenverbands vehement zurück.


„Der Philologenverband verunglimpft mit seiner Kritik die großartige und engagierte Arbeit an den Gemeinschaftsschulen“


„Diese Anschuldigungen empfinde ich wie Hohn“, sagt Raphael Fröhlich, Sprecher des Schüler*innen Netzwerks der Gemeinschaftsschulen, „und das gerade in der Prüfungsvorbereitung – viele von uns stecken mitten in den Projektprüfungen für die mittlere Reife“. Die Unterstellungen entsprächen nicht der Realität an den Gemeinschaftsschulen, sagt der 17-jährige Gemeinschaftsschüler aus Köngen. „Der Philologenverband verunglimpft mit seiner Kritik die großartige und engagierte Arbeit an den Gemeinschaftsschulen“, sagt der junge Mann verärgert. Gerade der Austausch mit anderen Schüler*innen im landesweiten Netzwerk zeige, dass diese täglich hohe Leistungen erbringen.

Dass der Philologenverband die Gemeinschaftsschule als „Sammelbecken schwacher Schüler“, bezeichnet, empört Fröhlich. Er stellt klar: „Der vernünftige Umgang mit unterschiedlichen Schüler*innen gehört zum Job als Pädagoge dazu, erst recht im Jahr 2020. Unsere Gesellschaft ist vielfältig, nicht jeder ist gleich. Das spiegelt sich in der Gemeinschaftsschule wider. Wer mit Menschen arbeitet, muss auch mit ihnen umgehen können – sie sind keine Maschinen. Und wer das als Lehrkraft nicht kann, ist im falschen Beruf.“
Den Umgang mit verschiedenen Menschen empfinden die Schüler*innen als eine echte Bereicherung: „Gemeinschaftsschule ist nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Zusammenarbeit. Man kann viel neues lernen – Vertrauen bestimmt den Schulalltag. Ich fühle mich an der Gemeinschaftsschule sehr wohl.“, sagt beispielsweise Avakoum Rizogiannis, Schüler an der Altenburgschule in Stuttgart.


Der Philologenverband „ist gedanklich Jahrzehnte zurückgeblieben und offenbart mit seinen Äußerungen sein Menschenbild.“


Gemeinschaftsschulen begreifen Vielfalt als Chance und Bereicherung und arbeiten entsprechend mit ihren Schüler*innen. Offensichtlich will der Philologenverband dies nicht wahrhaben. Er ist gedanklich Jahrzehnte zurückgeblieben und offenbart mit seinen Äußerungen sein Menschenbild.
Auch Laurin Lüssenheide, stellvertretender Schülersprecher der Altenburgschule in Stuttgart, ist von den Äußerungen des Philologenverbands befremdet: „Die Kritik ist herablassend und unberechtigt. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft wird immer wichtiger. Es kann doch nicht sein, dass Schulen angegriffen werden, die gerade diesen Zusammenhalt fördern und damit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllen.“
Ardit Jashanica, stellvertrender Vorsitzender des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg, sagt bezüglich „leistungsschwacher“ Schüler*innen: „Gemeinschaftsschulen sind für alle Schülerinnen und Schüler da. Jeder muss entsprechend seiner Begabung gefördert werden. Die bisherigen Untersuchungsergebnisse zeigen, dass das wirkt. Die bestehenden Feindbilder von ‚Leistungsschwachen‘ dürfen wir nicht weiter bedienen – damit ist weder den Gymnasien noch irgendjemand anderem geholfen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen dafür sorgen, dass man im ganzen Land an einer Gemeinschaftsschule auch das Abitur machen kann. Wir müssen dafür sorgen, dass die Gemeinschaftsschule für jede Schülerin und jeden Schüler attraktiv ist.“


„Die bestehenden Feindbilder von ‚Leistungsschwachen‘ dürfen wir nicht weiter bedienen“


Über die Grundlage für die Anschuldigungen wundert sich Jule Tovar, Gemeinschaftsschülerin und Klassensprecherin aus Tübingen: „Ich frage mich, wie viele Schulen die Leute vom Philologenverband von innen gesehen haben – von 20 Einzelstimmen auf eine ganze Schulart zu schließen, finde ich schon ziemlich komisch“. Die losgetretene Welle hat die Schüler*innen an den Gemeinschaftsschulen auf jeden Fall erreicht: „Meine MitschülerInnen und deren Eltern sind von dieser Berichterstattung völlig vor den Kopf gestoßen – das hat so gar nichts mit der Realität an unserer Schule zu tun“, sagt die 15-Jährige.


„Von 20 Einzelstimmen auf eine ganze Schulart zu schließen, finde ich schon ziemlich komisch“


Das Schüler*innen Netzwerk im Verein für Gemeinschaftsschulen BW e.V. erwartet von der Kultusministerin eine klare Positionierung. Es sei nicht hinnehmbar, dass sie dem Philologenverband nach den unbelegten Anschuldigungen ein Gesprächsangebot unterbreitet und gleichzeitig nicht mit den Betroffenen – in diesem Fall den Gemeinschaftsschulen und deren Schülern und Schülerinnen – spricht. Solch ein Verhalten zeuge von geringer Loyalität den Gemeinschaftsschulen im Land gegenüber und lasse am Verantwortungsgefühl gegenüber der Schulart erheblich zweifeln.
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Das Netzwerk Schüler*innen stellt gerne Kontakt zu den Schüler*innen her und steht für weitere Fragen und Äußerungen jederzeit zur Verfügung.
Kontakt:
Raphael Fröhlich, Tel. 015237760219
r.froehlich@gmsbw.de

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