Es gibt viele Argumente, die gegen das Menschenrecht auf schulische Inklusion ins Feld geführt werden. Heute mal wieder das aus der Ressourcenkiste: „Weil wir zu wenige Lehrer:innen (zu schlechte Ausstattung, zu geringe Budgets, zu geringe Kompetenzen…) haben, deshalb können wir Inklusion so – also im Sinne der Behindertenrechtskonvention – nicht wollen.“
Vorgebracht hat dieses Argument elaboriert und mit einem ablehnenden Spirit ein Autor in der Mittelfränkischen Lehrerzeitung 6/2023, einer Verbandszeitschrift des BLLV.
Das Ressourcenargument speist sich aus der erlebten Praxis vor Ort, auf die ich als ehemalige Rektor einer Grund- und Mittelschule ebenfalls zurückgreifen kann:
Selbst wenn zum Beispiel Lehrerinnen der Grundschule einzelne Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen vollständig einbeziehen wollen, stoßen sie allenthalben auf Barrieren: Sie müssen die technischen Hilfsmittel (bei Seh- oder Höreinschränkungen) erst beschaffen; sie haben keine Zeit dafür, angemessene Förderpläne zu verfassen; ihnen mangelt es auch an speziellen Kenntnisse für solche; sie können sich im Alltag nicht zerreißen – also innere Differenzierung anbieten. Und so weiter…

Aufgrund dieses Erlebens wird das von der UN-Konvention geforderte Menschenrecht nicht nur nicht umgesetzt, sondern halt auch in Zweifel gezogen: „Es geht nicht, also muss es auch nicht.“ Bei dieser individualistisch eingeschränkten Sicht bleibt der oben genannte Artikel auch stehen:
„Inklusion, wie immer man zu ihr stehen mag, so offensichtlich halbgar, wie sie bei uns praktiziert wird, wird aktuell nur durch einen einzigen Umstand am Leben gehalten und zum Erfolg geführt. Nämlich durch das Berufsethos unserer Lehrkräfte und die Verpflichtung, die diese den ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schülern gegenüber empfinden; ein Ethos, das sich definiert durch Kraft, Gefühl, Energie und Leidenschaft; Power – Emotion – Energy – Passion. Siehe Überschrift. Und durch nichts anderes.“
Dieser individualistische Schluss folgt der praktischen Verzweiflung, ist aber in doppelter Weise problematisch:
Erstens ist er selbstwidersprüchlich, denn auf diese Weise wird die Inklusion eben gerade nicht „zum Erfolg geführt“, wie der Autor ja selbst wortreich dargelegt hat.
Und zweitens vergisst er, den nächst logischen Schritt zu gehen, nämlich den Horizont der eigenen Schule zu überschreiten und die Forderung zu vertreten, die in der Konvention, von der Monitoringstelle und bei jeder Staatenprüfung wiederholt wird:
Die staatlichen Entscheider sind gefordert, das Schulsystem schrittweise in ein voll inklusives umzuwandeln, das parallele Sondersystem abzubauen und dafür jetzt (!) einen klaren Plan vorzulegen.
Dass das Ganze schwierig ist, ist klar. Aber man darf sich nicht dem Verdacht aussetzen, durch die starke Betonung der aktuellen und möglichen Schwierigkeiten – ausgelöst durch strukturelle Entscheidungen auf der politischen Leitungsebene – die Inklusion vielleicht gar nicht so zu wollen.
So, das war jetzt eine Art Überflug. Wir setzen den Weg fort in der Tiefebene der verzweigten Argumentationen. Zunächst wird eine Erwiderung auf den Artikel in der MiLZ wiedergegeben, die Dr. Gerald Klenk von der Lernwirkstatt Inklusion verfasst hat. Anschließend folgt noch eine Aufstellung von häufig vorgetragenen Argumenten gegen die vollständige Inklusion und wie man ihnen begegnen kann oder muss. Danach noch der Hinweis auf zwei prominente Köpfe und deren zahlreiche Veröffentlichungen pro Inklusion.
Gerald Klenk: Sprechen wir noch über ein Menschenrecht?

Dr. Klenk, ein ehemaliger Schulamtsdirektor und derzeit Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, ist Vorsitzender der Lernwirkstatt Inklusion e.V. und des Bündnisses für Gemeinschaftsschulen in Bayern. In beiderlei Eigenschaft sitzt er auch im Forum Bildungspolitik. Hier sein Schreiben an den Schriftleiter der Mittelfränkischen Lehrerzeitung:
Antworten an die Inklusionsgegner
In der folgenden Zusammenstellung finden Sie etliches Material, auf das bei Diskussionen immer wieder zurückgegriffen wird. Sollte ich Wesentliches falsch wiedergegeben oder vergessen haben, bin ich für Hinweise dankbar.
Prominente Köpfe
Es wird jeweils der zuletzt erschienene Blogbeitrag genannt. Von da aus finden Sie zahlreiche weitere Beiträge.





