Neusprech #11: „Bildung 4.0“

Yeah! Das Landesportal NRW hat Bildung 4.0 getaggt. Das heißt übersetzt: „Hey, Bildung VierPunktNull – wir sind flott unterwegs, up-to-date, haben die Nase vorn bei der Digitalisierung!“ Wo bleiben eigentlich all die anderen Bundesländer?

Wer noch 2017 unter dem Stichwort „Bildung 2.0“ eben diese neu gedacht hat (CDUCSU 2017), ist also hoffnungslos hinterher. „Bildung 2.0“ war 2018 The next big thing, da kann man heute nur noch müde gähnen. Und wer schaut eigentlich noch den YouTube-channel, der unter diesem Stichwort läuft? Unter „Schule 2.0“ hat die Bildzeitung noch Mitte 2019 die Aufmerksamkeit der Leser gesucht, und einen Monat später fand man auch Open Educational Ressources unter diesem tag.

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So muss es in der Bildung zischen und wischen! Quelle: pixabay

Sieht so aus, als ob wir hier leicht inflationär unterwegs wären. Inflare (lat.) heißt übrigens, hier ganz zutreffend, „aufblasen“. Es kann gar nicht genug IrgendwasZahlPunktNull sein!

Ein bisschen Sprachbetrachtung

Woher kommt eigentlich diese Spreche? Natürlich aus der Wurzel der Digitalisierung, nämlich der Programmierung. Die kultusbürokratischen Experten müssen zeigen, dass sie computermäßig auf Höhe der Zeit sind, was die Technik und Inhalte betrifft. Gegen die Anwendung der Technik in der Schule gibt es wenig Einwände. Was die inhaltliche Beeinflussung von Unterricht durch die digitale Denke betrifft, gibt es allerdings einige Vorbehalte. Die stelle ich jetzt mal zurück und bleibe auf der Ebene von Marketing und Sprache.

Was die Anlehnung an den technischen Fortschritt betrifft, befinden wir uns mit „Bildung 4.0“ im Bereich der Software-Entwicklung. Hier gibt es ziemlich genaue Regeln, wann man eine Zahl vor dem Punkt erhöht, wann nach dem Punkt und wie man auch kleine veröffentlichte Neuerungen in der Versionsnummer anzeigen kann. Wer es genauer wissen will, kann sich zum Beispiel da mal reinlesen. Jedenfalls sagt die Zahl vor dem Punkt, dass jetzt was ziemlich Neues veröffentlicht wird.

Nun ist die Frage, wie weit man dieses Spielchen treiben kann: „Bildung 4.0“ klingt (jetzt noch) schwungvoll, aber „Bildung 71.0“ hat so gar nichts mehr von hip and now. Das ist einfach keine Ansage mehr. Und die Nummer hinter dem Punkt hochzuzählen („Bildung 4.3“) ist ja wohl so was von uncool, dass die Kommunikationsstrategen an der Schnittstelle von digitaler Industrie und kultusministerieller Bürokratie sich ganz gewiss was Neues mit mehr drive ausdenken werden.

Wie wär´s mit „Bildung 21“? Schließlich hat diese Zahlenzauberei spätestens seit der „Agenda 2010“ immer funktioniert? Und richtig: Bildung 21 gibt´s schon als .de-Domain oder als .info. Da will der Brockhaus natürlich nicht zurückstehen. Es gibt einen Kunst- und Kulturverein, der „Schule 21“ für sich verwendet und damit noch recht exklusiv für sein Konzept wirbt.

Wagen wir uns weiter voran: Wenn die Versionsnummern von Software nicht mehr funktionieren und das 21. Jahrhundert auch nicht mehr den nötigen Pfiff vermittelt, auf was können die Kommunikationsprofis dann noch zurück- oder besser: vorausgreifen? Es wird sie doch hoffentlich nicht das Schicksal von Windows ereilen. Sie erinnern sich?

Ein bisschen Sprachgeschichte

Die Website „Winhistory“ – was es nicht alles gibt! – informiert uns auf´s Schönste über „Windows 1.0“ von 1985, das noch völlig regelkonform über die Stellen nach dem Punkt von 1.01 bis 1.04 hoch geboostet wurde (und MS DOS 2.0 bis 5.0 ablöste), ehe dann ab 1987 „Windows 2.0“ und 3.0 bis – Achtung! – „Windows 3.5“ (bäh) bis 1994 die Marketinganforderungen erfüllte. Dann wurde etwas kurzfristig gedacht und im Jahr 1995 doch tatsächlich „Windows 95“ auf den Markt geworfen, um 1998 von – Sie ahnen es – „Windows 98“ abgelöst zu werden.

Wenn das nicht auf Höhe der Zeit ist! Quelle: pixabay

Im Jahr 2000 folgte (auf der Serverebene) erwartungsgemäß „Windows 2000“ und (für private Rechner) „Windows ME“ für millenium edition. Da lehnte man sich wohl an die Erfahrungen der Apple-Kommunikatoren an, die für ihr Betriebssystem von jeher sehr farbige Begriffe verwendeten: Da wurde „Cheetah“ durch „Puma“ abgelöst und der wiederum von „Jaguar“, nur um später dem „Panther“ Platz zu machen, der dem „Tiger“ weichen musste. Das signalisierte Kraft, Power, Rechenleistung. Die Tiere wurden durch Landschaften abgelöst (Yosemite, High Sierra oder Mojave). Inzwischen ist man bei „Big Sur“ angelangt, einem angesagten Ort an der Pazifikküste von Kalifornien – surfing USA, Lebensgefühl – äh: lifestyle!

Bei Windows ging es mal ohne Nummer weiter mit dem recht erfolgreichen „XP“, das wohl experience nahelegen sollte – super Erfahrung. Dann folgte 2006 Vista, das 2009 von „Windows 7“ abgelöst wurde und die Versionsnummern wieder aufnahm, allerdings verschoben, weil es sich dabei um das Build 6.1.7600 handelte. Ebenso schräg wurde „Windows 8“ nummeriert (eigentlich Build 6.2.9200).

Ein bisschen Sprachzukunft

Ich beginne, Sie zu langweilen. Worauf will ich hinaus? Es geht mir um die Frage, wie die Marketingstrategen durch griffige Etiketten ihre Produkte an den Mann bringen wollen. Und damit meine ich nicht nur die Akteure der Wirtschaft, sondern ausdrücklich auch die in den Staatskanzleien und Kultusministerien. Diese nehmen seit jeder Anleihen an jenen, so dass man vielleicht hochrechnen kann, was nach „Bildung 4.0“ folgen kann.

Schlichte Kandidaten:

  • Bildung 4.1 oder 5.7 oder 99.99 – das Hochzählen der Versionsnummern dürfte bald ein Ende nehmen.
  • Der Bezug auf das Jahrhundert ist in „Bildung 21“ schon da, ähnlich „Schule 21“.
  • Wollte dies jemand dies übertreffen, müsste er/sie auf „Bildung 22“ zugreifen, was durch seine Begriffslogik allerdings keine besondere Originalität signalisiert. Wenn schon, dann gleich „Bildung 3000“.

Schillernde Kandidaten:

  • Die Kommunikationsprofis könnten sich ein Vorbild an den Apples nehmen, um Buzzwords und claims zu kreieren, die ebenso spritzige Dynamik wie Zukunftsgewandtheit in den Köpfen verankern sollen.
  • Dabei scheiden die Tier- und Landschaftsnamen sicher aus, Heimat könnte allerdings vorkommen. Ich riskiere mal ein „Bildung Bayern 3000“, alternativ das zahlenfreie „Bildung Bayern Zukunft“.
  • Eine andere Begrifflichkeit hat es einigermaßen unbeobachtet schon weit geschafft und wird sich ganz bestimmt noch viel stärker etablieren: BNE = Bildung für nachhaltige Entwicklung. Über diese Bewegung habe ich bereits berichtet. Dahinter verbirgt sich allerdings kein Marketing-gag, sondern ein ernstzunehmendes Anliegen. Nicht mehr lange, dann muss sich jede/r Kultusminister/in der/die etwas auf sich hält, diese Art von Bildung auf die Fahnen schreiben.

Wenn die BNE zur Mode wird, dann bringt das eine Distanzierung von der Digitalisierung mit sich – nicht als Abkehr vom Unterricht mithilfe von Computern, Clouds und Plattformen, sondern kommunikationstechnisch gesehen: Die gewollten Assoziationen mit digitalen Entwicklungen als Träger der Zukunft werden bald ausgelutscht sein, und es muss ein neuer claim her, also ein Anspruch oder Versprechen. In diesem Fall: „Zukunft – wir kümmern uns“. Mind my words.

BNE: Baden-Württemberg ist schon dabei. Quelle: bne-bw.de

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