Initiative #63: Der Bildungsmonitor in den Grenzen der Marktwirtschaft

Nun ist wieder Ranking-Zeit. Die „European Championships“ haben ihren Medaillenspiegel und die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) hat kürzlich wieder einmal den Bildungsmonitor veröffentlicht. Eltern, Bildungsinteressierte und Politiker schauen, wo ihr Bundesland zu liegen kommt. Das Ranking verführt zu unbedachtem Selbstlob wie, nicht anders zu erwarten, in Bayern. Was genau beobachtet der Bildungsmonitor eigentlich? Und was nicht?


Wer sich weitergehend mit Kritik am Konzept des Bildungsmonitors befassen möchte, wird hier bei der GEW fündig.


Wirtschaftsorientierter Output der Bildungssysteme

Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ trägt ihr Programm im Namen. Das heißt, sie schaut auf den für die Marktwirtschaft nützlichen Output der Länderbildungssysteme. So liest sich das in den eigenen FAQ (Hervorhebung im Original):

Ziel der INSM ist es, das über Jahrzehnte bewährte Konzept der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard so an die Gegenwart anzupassen, dass Prinzipien wie unternehmerische Freiheit, Souveränität der Konsumenten, Eigeninitiative und Chancengerechtigkeit weiter ihre positiven Wirkungen entfalten können. Diese Prinzipien ermöglichen jedem Menschen, durch Ideen, Initiative und Engagement seine persönlichen und wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Sie gewährleisten außerdem stetige Innovation — die Basis für dauerhaften Wohlstand. Die Initiative sieht sich in der Rolle des Impulsgebers für marktwirtschaftliche Reformen, die nachhaltiges Wachstum ermöglichen. Dieses ist auch deshalb notwendig, um nachfolgenden Generationen Wohlstand und Lebensqualität zu garantieren.

Genau aus dieser Perspektive heraus werden auch die Bildungssysteme der Länder analysiert und verglichen. Anhand welcher Maßstäbe geschieht das?

98 Indikatoren

Als Ansprechpartner für den Bildungsmonitor werden Prof. Dr. Axel Plünnecke (Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation) und Dr. Christina Anger (Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten und Methodenentwicklung) genannt, beide angestellt vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Sie nehmen ihren Vergleich der Länderbildungssysteme anhand von 98 Indikatoren vor. Ich habe diese mal in einer Mindmap zusammengefasst (für größeres Bild anklicken, dann mit der Lupe betrachten). Zwei Indikatoren, die mir fehlen, habe ich in die Map mit eingetragen, Erläuterung weiter unten.

Bildungsmonitor-Indikatoren (eigene Mindmap)

Dieses Vorgehen machen sie transparent, und es ist wirklich beeindruckend, welch lange Listen an einschlägiger Forschungsliteratur sie dazu heranziehen. Hier nur zur Illustration ein unvollständiges Beispiel zu einem Unterpunkt des Indikators „Förderinfrastruktur“ :

INSM Bildungsmonitor 2022, Seite 36

Das also ist die Arbeitsweise, die auf jeden Fall gründlich, transparent und – für den ins Auge gefassten Ausschnitt des Bildungswesens – auch umfassend ist. Zu welchen Hauptergebnissen ist der diesjährige Bildungsmonitor gelangt?

Hauptergebnisse des Bildungsmonitors 2022

Ich orientiere mich im Folgenden an der Pressemeldung vom 17. August 2022.

In den ersten drei Absätzen der Pressemeldung geht es um die Digitalisierung – man werfe für die beiden Indikatoren noch mal einen kurzen Blick auf meine Mindmap. Dieses Feld ist für die Autor:innen des Bildungsmonitors maßgeblich für die Rangplätze:

„Ein eigenes Handlungsfeld „Digitalisierung“ entscheidet daher ab diesem Jahr mit über Aufstieg oder Abstieg der Bundesländer im großen Bildungsranking der Bundesländer…“

Im nächsten Absatz der Pressemeldung wird eine Brücke geschlagen zu den mangelnden Grundfähigkeiten der Schüler:innen, wie aus dem IQB-Bildungstrend ersichtlich geworden sei:

Hier deutet sich Dramatisches an. „Schulqualität, Integration und Hochschule/MINT haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Und die jüngste IQB-Erhebung zeigt, dass die Kompetenzen der Viertklässler im Lesen in Deutschland im Jahr 2021 etwa dem Niveau des schlechtesten Bundeslandes im Jahr 2011 entsprechen“, so Studienleiter Prof. Dr. Axel Plünnecke (IW).

Im Anschluss daran werden Ziele zum Erreichen von Bildungs- und Chancengerechtigkeit formuliert, auf die ein genauerer Blick lohnt.

„Um mehr Bildungs- und damit Chancengerechtigkeit zu erreichen,

  • sollten an allen Schulen und in allen Jahrgängen Vergleichsarbeiten durchgeführt werden, um den Umfang des Lernverlustes systematisch zu ermitteln. Auf dieser Grundlage könnten dann Nachqualifizierungsprogramme entwickelt werden.
  • sollte die Förderinfrastruktur ausgebaut werden. Noch immer fehlen mehr als 340.000 Plätze für unter dreijährige Kinder. Zudem besteht ein Mangel an Ganztagsplätzen für Grundschulkinder.
  • sollten zur Umsetzung der Digitalisierungsstrategie 20.000 zusätzliche IT-Stellen an den Schulen bereitgestellt werden, um die Administration sicherstellen und die Lehrkräfte unterstützen zu können.
  • Und um dem Lehrkräftemangel in den MINT-Fächern entgegenzuwirken, müssen mehr Lehrkräfte in den MINT-Fächern ausgebildet und Quer- und Seiteneinsteiger qualifiziert werden.“

Der richtige Weg zur Bildungs- und Chancengerechtigkeit?

Nachdem dieses hehre Ziel schon formuliert ist, versuche ich, den Weg dahin so zu interpretieren, wie er unter der Perspektive der marktwirtschaftlichen Orientierung des Bildungssystems verstanden werden kann oder vielleicht sogar muss.

Also: Vergleichsarbeiten, Kleinkinderbetreuung, Ganztagsplätze, Digitalisierung und mehr MINT – alles Dinge, die auf ein gutes Funktionieren der Marktwirtschaft hin orientiert sind.

Vergleichsarbeiten

Genauer: mehr Vergleichsarbeiten, denn es gibt ja davon schon eine ganze Menge. Diese benötigt man (wer genau?), um den jeweiligen Leistungsstand nicht nur festzustellen, sondern auch um Mängel zu beheben. Dazu die Stimme aus der Praxis von einer beliebigen Grundschullehrerin: „Um zu wissen, wo meine Kinder stehen, brauche ich keine Vergleichsarbeiten.“ Eine Standardaussage, die nicht selten gefolgt wird von dieser: „Was ich bräuchte, ist nicht mehr Zeit für Vergleichsarbeiten, sondern für jedes einzelne Kind.“ Es sind also nicht die Lehrerinnen, die Vergleichsarbeiten dringend bräuchten, sondern vermutlich nur die Bildungspolitiker. Die lassen sich dann von dem unvermeidlichen Ranking (siehe die ganze zweite Seite der Pressemitteilung) in einen Wettbewerb treiben, der wem genau nützt?

Kleinkinderbetreuung und Ganztag

Richtig an diesem Fokus ist, das hat auch der illustrative Ausschnitt oben gezeigt, dass Bildung möglichst früh einsetzen sollte, um Potenziale zu wecken oder nicht verkümmern zu lassen. Dass diese entfalteten Potenziale auch marktwirtschaftlich von Nutzen sind, soll kein Makel sein, so lange die auch der Entwicklung von Persönlichkeiten dienen. Wenn man so will, gehen hier die Bildungsideale der Marktwirtschaft und Humboldts oder Pestalozzis Hand in Hand.

Der marktwirtschaftliche Nutzen dieses Aspektes wird im Bildungsmonitor auch explizit fomuliert (Seite 38):

„Durch den Ausbau der Kinderbetreuung könnte somit dem demografisch bedingten Rückgang des Erwerbs­personenpotenzials entgegengesteuert werden…“

Digitalisierung

Auf Seite 96ff wird in einem ausführlichen Exkurs genau erläutert, welche Rolle der neue Indikator Digitalisierung für den Bildungsmonitor spielt.

Da wird zunächst einmal die Bedeutung der Digitalisierung für die Wirtschaft insgesamt hervorgehoben:

„Digitale Technologien können die Ausbreitung des Virus eindämmen (Datenanalysen, Mustererkennung mittels KI, Datenaustausch, Simulationen, Vor­ hersagemodelle, Apps), das Gesundheitssystem stärken (Schnelltests, Bilddaten, Daten aus Wearables) und Lösungen für das Sozialleben bieten (Social­Networking). Daneben hat die Digitalisierung große Po­tenziale, die Wirtschaft während der Corona­Krise zu unterstützen (autonome Logistik, Lieferdienste, Plattformen, eCommerce, Homeoffice, etc.)“

Das zweite Unterkapitel befasst sich mit der Notwendigkeit der digitalen Ausstattung und stellt die Bundesländer in einen internationalen Vergleich, der nicht günstig für Deutschland ausfällt. Das dritte Unterkapitel unterstricht die marktwirtschaftliche Orientierung dieses Indikators, indem es die Fachkräftesicherung im Bereich Digitalisierung, zugespitzt auf die Ausbildung von Informatikern an den Hochschulen und Berufsanfängern im Bereich der IT-Berufe thematisiert. Im vierten Kapitel geht es um Forschung im Bereich Digitalisierung. In diesem Zusammenhang wird auch darauf hingewiesen, dass 2021 die „MINT­-Arbeitskräftelücke einen Wert von 204.200“ erreichte.

Zusammengefasst kann man vielleicht sagen: Der Bildungsmonitor ist ausschließlich deshalb an dem Punkt Digitalisierung und MINT interessiert, weil Schulen und Hochschulen diesbezüglich befähigten Nachwuchs in ausreichender Zahl für die Wirtschaft liefern sollen.

Dass der Bildungsmonitor auf die Marktwirtschaft hin orientiert ist, muss man ihm nicht vorwerfen, denn es ist ja sein Programm. Man darf das nur nicht aus dem Auge verlieren, um die Ergebnisse richtig einordnen zu können. Das spielt eine Rolle auch bei den Indikatoren für Schulqualität.

Schulqualität = Deutsch, Mathe und Naturwissenschaft

Die Qualität von Schulen wird vom Bildungsmonitor im Gefolge des IQB (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) ausschließlich an den Kompetenzen in Deutsch (Lesen und Hören), Mathematik und Naturwissenschaften gemessen (siehe Mindmap).

Dies ist eine Einschränkung, die möglicherweise aus den Schwierigkeiten resultiert, die sich aus der fehlenden Objektivierbarkeit anderer Dimensionen ergibt: Kann man das Erreichen musisch-künstlerischer oder sozialer Kompetenzen anhand objektiver Maßstäbe kontrollieren?

Dass beispielsweise soziale Fähigkeiten für die Volkswirtschaft eine enorme Rolle spielen, sollte deutlich sein. Damit meine ich nicht nur die immer wieder zitierte pauschale Teamfähigkeit im Sinne von Einordnung, sondern genauer: die Fähigkeiten gut zuzuhören, die Kolleg:innen ernstzunehmen, den Vorgesetzten bei Bedarf mit passenden Worten zu kritisieren und das Ganze der Abteilung oder des Unternehmens im Auge zu haben.

Und ist die Ausbildung musisch-künstlerischer Angebote nicht auch für eine Volkswirtschaft nützlich (schmerzhafter Begriff an dieser Stelle) oder wichtig? Gibt es eigentlich irgendwelche Berufe, in denen kreative Lösungen und vielfältige Persönlichkeiten nicht gefragt sind?

Wir nehmen also diese Verkürzungen im Spektrum des Bildungsmonitors zur Kenntnis und kommen auf einen offensichtlichen Mangel zu sprechen.

Kein Thema: Inklusion

Es geht bei der Inklusion nicht um ein Nice-to-have, sondern um ein Menschenrecht auf Teilhabe. Der Bildungsmonitor fragt danach mit keiner Silbe. Da, wo – um einer Verwechslung vorzubeugen – von „Integration“ die Rede ist, geht es lediglich um ausländische Schüler:innen oder Abgänger:innen, nicht um die Förderung von behinderten oder beeinträchtigten Menschen im allgemeinen Schulwesen.

Ich erlaube mir an dieser Stelle, zwei „Monitoren“ nebeneinander zu stellen, nämlich den Bildungsmonitor neben den der Behindertenrechtskonventions-Monitoringstelle. Diese kommt zu einem erschütternden Ergebnis:

„Über zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-BRK im Jahr 2009 muss mit Blick auf das deutsche Schulsystem exemplarisch festgestellt werden, dass der Umsetzungsstand weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. In keinem Bundesland ist der notwendige gesetzliche Rahmen, eine inklusive Schule zu schaffen und zu gewährleisten, abschließend entwickelt worden.“

Diese offene Wunde ist dem Bildungsmonitor tatsächlich keine einzige Silbe wert, zumindest ergibt die Stichwortsuche nach „Inklusion“ oder „inklusiv“ (im Sinne der BRK) genau null Treffer. Es mag dafür Gründe geben, ich finde allerdings keine guten:

Erklärung 1: „Die Entwicklung der Indikatoren des Bildungsmonitors ist noch im Gange und die Inklusion wird schon noch einbezogen werden.“

Aber den Bildungsmonitor gibt es seit 2004 und die Behindertenrechtskonvention (BRK) wurde 2009 von Deutschland unterzeichnet, also bis jetzt 13 Jahre Zeit darüber nachzudenken.

Erklärung 2: „Die Inklusion ist nicht objektiv zu fassen.“

Eine Einbeziehung der Inklusionsquote oder besser – siehe Hans Wocken – der Exklusionsquote wäre technisch und redaktionell sicher kein Problem.

Erklärung 3: „Die Bedeutung behinderter Menschen für die Volkswirtschaft ist quantitativ nicht ausschlaggebend.“

Gehen wir nach der Charta der Vielfalt, dann liegt die zu erreichende Beschäftigungsquote von Behinderten am Arbeitsplatz bei fünf Prozent.

Und was sagt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes?

„Die Ergebnisse unterstreichen die große Bedeutung, die die Teilhabe am Arbeitsleben für ökonomische Selbständigkeit, soziale Anerkennung, Status und Selbstwert sowie soziale Einbindung für die befragten Menschen mit Behinderungen besitzt…

Gleichwohl bestehen nach wie vor Informations- und vor allem Wahrnehmungsdefizite hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten, der Leistungsfähigkeit und der Belastbarkeit von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, auch fehlen oft Kenntnisse über spezielle Eingliederungshilfen. Darüber hinaus bestimmen nach wie vor generelle Vorbehalte und Befürchtungen (hohe Ausfallzeiten, schwierige Kündbarkeit) sowie oft latente Vorurteile und negative Einstellungen die Sicht in vielen Unternehmen.“ (Seite 6f)

Es sieht für mich so aus, als würde der Bildungsmonitor eben diese Wahrnehmungsdefizite transportieren. Das wäre denn mein letzter Erklärungsversuch:

Erklärung vier: Der Bildungsmonitor hat im Hinblick auf Bedeutung inklusiver Beschulung als Voraussetzung für deine gelingende Inklusion behinderter Menschen in die soziale Marktwirtschaft ein Wahrnehmungsdefizit.

Von daher würde ich den Anspruch des Bildungsmonitors, nämlich eine Antwort auf die Frage geben zu können: Welches Bundesland hat das beste Bildungssystem?, doch stark relativieren.

Ein weiterer Mangel ist mir noch aufgefallen.

Professionalisierungsquote

Bei der Betreuungsqualität (oder wahlweise auch bei Inputeffizienz) hat inzwischen eine bedenkliche Entwicklung stattgefunden, die vielleicht auch schon Eingang in die Indikatoren des Bildungsmonitors hätte finden können: In zunehmenden Maß sind in Schulen Personen tätig, die keine vollständige oder überhaupt keine Lehrerausbildung vorweisen können. Die Zahlen dafür werden von den Kultusministerien verschämt verschwiegen – oder am besten gar nicht erst erhoben, um eine heile Schulwelt behaupten zu können. Ich könnte mir vorstellen, dass an dieser Stelle ein zukünftiger Bildungsmonitor ergänzt wird, weil die Professionalisierung des Lehrpersonals doch eine gewisse Auswirkung auf die Bildungsqualität haben könnte.

Fazit

Der Bildungsmonitor der INSM ist das, was er sein soll: ein auf die Marktwirtschaft hin gefiltertes Instrument, das allerdings fälschlicherweise mit dem Anspruch versehen wird, die gesamten Bildungssysteme der Bundesländer miteinander zu vergleichen. Bildung ist, das weiß jeder, mehr als das, was von interessierter Seite einen marktwirtschaftlichen Nutzenstempel erhält.

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