Gast #56: Rückblick auf 10 Jahre Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg

Ausschnitt Foto LTW 2011

Norbert Zeller, ehemaliger Leiter der Stabsstelle für Gemeinschaftsschule und Inklusion beim Kultusministerium Baden-Württemberg und damit maßgeblicher Gestalter der Schulentwicklung in diesem Bereich, beschreibt anhand zweier Schulen, welchen Gewinn Schüler:innen, Kommunen und andere Beteiligte von der Umstellung auf die gemeinschaftliche Schulart haben können.

So kann Schule sein

Stellen Sie sich eine Schule vor, in der alle Kinder – seien es Kinder mit Handicaps oder Hochbegabte – entsprechend ihrem Leistungsstand und ihren Leistungsfähigkeiten gemeinsam und individuell, voneinander und miteinander lernen, und dies auf unterschiedlichen Niveaustufen in den verschiedenen Fächern, in eigener Geschwindigkeit und in der die Herkunft der Kinder keine Rolle spielt.

Sie werden von Lernbegleitern (Lehrkräften) optimal bis zur jeweiligen Abschlussprüfung gefördert, begleitet und motiviert. Lernen findet ohne Hausaufgaben statt, da es eine Ganztagsschule ist. Die Leistungsbeurteilung
erfolgt sehr differenziert, jedoch ohne Noten, im engen Austausch mit den Eltern. Es ist eine Schule, in der sich die Kinder freuen, wenn sie mit anderen zusammen zu Mittag essen und in Arbeitsgemeinschaften oder Neigungsgruppen ihren Interessen nachgehen können. Es ist eine Schule, die als wichtiger Lebens- und Erfahrungsraum erlebt wird. Eine Schule, in der neben dem eigentlichen Lernstoff (Bildungsplan) weitere wichtige Fähigkeiten vermittelt und gelebt werden, wie Verständnis füreinander haben, Toleranz, Solidarität und Demokratie. Hätten Sie gerne eine solche Schule besucht oder würden Sie Ihr Kind in eine solche Schule schicken?

Vielleicht sagen Sie jetzt, so etwas gibt es nicht, das ist reine Utopie. Jedoch solche Schulen gibt es tatsächlich, vielleicht nicht in dieser idealen, vollkommenen Form. Aber viele Schulen befinden sich auf dem Weg dorthin. Sie heißen entweder „Stadtteilschulen“ oder „Eine Schule für alle“ oder seit dem Schuljahr 2012/2013 in Baden-Württemberg „Gemeinschaftsschulen“. Über die Entwicklung zweier solcher Schulen möchte ich Genaueres erzählen, eingebettet in allgemeine Betrachtungen. Es sind die Gemeinschaftsschule Schreienesch (GSS) und die Gemeinschaftsschule Graf Soden (GGS), beide in Friedrichshafen.

So ist Schule immer noch

Aber der Reihe nach. Alle von uns sind einmal in die Schule gegangen und haben Schule anders erfahren. Sind in der Grundschule noch alle Kinder zusammen, so gilt es bis heute in Baden-Württemberg als „normal“, dass Kinder nach der 4. Klasse getrennt werden. Sie werden angeblich nach ihrer Begabung auf die einzelnen Schularten „aufgeteilt“. Kinderfreundschaften zählen dabei nicht unbedingt als Schulwahlkriterium. Die Frage, die Kinder (aber auch Eltern) oftmals schon in der 3. Klasse stellen, ist, „gehst du nach der vierten Klasse aufs Gymnasium, oder eher auf die Realschule, oder doch nur auf die Looser Schule“. Der Wechsel auf eine Gemeinschaftsschule ist noch nicht so ganz im Bewusstsein angekommen. Damit wird auch gleich deutlich, welche Hierarchisierung im deutschen/baden-württembergischen Schulsystem steckt. Weltweit trennt kaum ein Staat die Kinder so früh. Lehrpersonen berichten, welche „Verletzungen“ vor allem die sogenannten schwächeren Schüler ertragen müssen. Eine Chance, sich im Laufe der Schulzeit zu entwickeln wird durch die frühe Zuteilung in Schularten erschwert oder gar verhindert.

Bedenken

Bis heute ist die Auffassung vorherrschend, dass es besser sei, Kinder nach der Klasse in die verschiedenen Schularten zu trennen. Eltern von Gymnasialkindern sind oftmals die größten Befürworter der Hauptschulen,
wohl wissend, dass sie dorthin ihre Kinder nicht schicken würden. Die Sorge, dass bei längerem gemeinsamem Lernen ihre Kinder nicht ausreichend gefördert und gefordert sein könnten, ist prägend. In dieses Horn stieß auch ein Gemeinderatsmitglied, als der Antrag der damaligen Graf-Soden-Realschule (GSR) auf Gründung einer Gemeinschaftsschule im Gemeinderat diskutiert wurde. Es wurde befürchtet, dass „die Abschlussprüfungen leichter bzw. so leicht würden, dass es für Lehrer und Schüler im wahrsten Sinne Erleichterung für Schwächere gebe, es sei zu fragen, was dann mit den Stärkeren geschehe“ (Niederschrift 2013, 6).

Es funktioniert auch anders

Da ist es, das starre Festhalten an bekannten Strukturen, ohne diese zu hinterfragen und wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen. Kann das funktionieren, eine Schule ohne Noten, in der alle Kinder nach der Grundschulzeit zusammenbleiben, gemeinsam und individuell lernen? Wie soll eine Schule aussehen, in der „Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Begabungen, mit- und voneinander“ lernen, wie in einer vom Kultusministerium veröffentlichen Infoschrift formuliert wird („Die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg„). „Alle Fächer werden auf drei unterschiedlichen Niveaustufen unterrichtet, dem grundlegenden Niveau, dem mittleren Niveau und dem erweiterten Niveau. (…) Die Entscheidung über den angestrebten Bildungsabschluss muss nicht bereits in der Grundschule mit der Wahl der weiterführenden Schule getroffen werden. Erst ein Jahr vor dem Abschlussjahr entscheiden die Eltern, welchen Schulabschluss der passende für ihr Kind ist.“ Es geht also um ein anderes Lernkonzept.

Auf der Gemeinschaftsschule gibt es keine falsche Richtungsentscheidung. (c) Pixabay

Die Vorstellung, es sei richtig, wenn alle gleichaltrigen Kinder zum gleichen Zeitpunkt, beim gleichen Lehrer mit den gleichen Anreizen dasselbe Lernen, im gleichen Tempo, im selben Raum, zum gleichen Zeitpunkt, dieselben Klassenarbeit schreiben, ist immer noch vorhanden. Wer nicht mitkommt, muss nachsitzen, bekommt Nachhilfeunterricht oder ist schlichtweg an der „falschen“ Schule, so die vorherrschende Meinung. Oder bleibt einfach sitzen.

Ein Besuch mit Folgen

Als der Schulausschuss des Landtags 2003 finnische Schulen besuchte und ein Abgeordneter danach fragte, wie denn mit den Sitzenbleibern umgegangen werde, verstanden zunächst die finnischen Lehrkräfte die Frage nicht. Erst nach Erläuterung, was damit gemeint war, sagte eine Lehrkraft, dies würde als ein Versagen der Schule verstanden werden. „Kein Kind darf zurückbleiben“, wie es der damalige Konrektor der GSR und heutige Rektor der GSS Kai Nopper formuliert. Zu erkennen, dass der häufig zu beobachtende Einheitsunterrichtsstil an vielen Schulen (alle machen das Gleiche…) den meisten Kindern nicht gerecht wird, war die entscheidende Erkenntnis der damaligen GSR und der Schreienesch-Schule. Bereits seit Jahren hatte die Pestalozzi-Schule (eine Grund- und Werkrealschule) in Friedrichshafen erkannt, allen voran der damalige Schulleiter Josef Brugger, dass Lernen nur dann erfolgreich ist, wenn auf das einzelne Kind, seinen Leistungs- und Entwicklungsstand eingegangen wird.

Blick über den Zaun

Im engen Austausch mit anderen Schulen, bundesweit, schulartübergreifend („Blick über den Zaun“) wurden Lernkonzepte im Umgang mit Vielfalt entwickelt. Vielfalt wurde nicht als Last, sondern als Chance verstanden. Leitbild für den Schulverbund „Blick über den Zaun“ ist, dass Demokratie und Schulen wechselseitig aufeinander angewiesen sind und Schule als Gemeinschaft damit als unlösbaren Bestandteil der Gesellschaft (vgl. Friederichs 2021, 44-46).

Die GSR erkannte einen Handlungsbedarf, wollte man den unterschiedlichen Kindern mit den unterschiedlichen Grundschulempfehlungen gerecht werden. Wie aber sollte eine solche Lernsituation aussehen, denn Realschullehrkräfte sind eben für die Arbeit an Realschulen ausgebildet, so die einschlägige Meinung.

Gemeinschaftsschul-Campus?

Es gab daraufhin einen engen fruchtbaren Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrkräften der Pestalozzi-Schule und der GSR in Friedrichshafen mit dem Ziel, sich zusammen für eine Gemeinschaftsschule einzusetzen. Beide Kollegien sollten zum gegenseitigen Vorteil davon profitieren. Die Stadt Friedrichshafen wollte zwei Gemeinschaftsschulen beantragen. Unstrittig war für die Stadt der Standort der Schreienesch-Schule. Als zweite Gemeinschaftsschule sollte eben eine weitere Gemeinschaftsschule mit den beiden Kollegien der Graf Soden Realschule und der Pestalozzi-Schule entstehen, ein „Campus-Innenstadt“, eine Schule von Klasse 1 bis 13. Die Pestalozzi-Schule wollte dazu einen Antrag stellen.

Doch kein Campus. Bild von นิธิ วีระสันติ auf Pixabay

Soweit kam es aber nicht. In einer Gesamtlehrerkonferenz stimmte das Kollegium der GSR einem alleinigen Antrag auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule zu. „Unser Ergebnis ist kein Votum gegen das Kollegium der Pestalozzi-Schule oder gegen die dort geleistete Arbeit.“ Es wurde „großes Verständnis für den Kooperationswunsch der Stadt Friedrichshafen sowie des Kollegiums der Pestalozzi-Schule“ (Stellungnahme 2013) geäußert. Irritiert von dieser Entwicklung wollte der damalige zuständige Bürgermeister nur noch den Standort Schreienesch beim Land Baden-Württemberg als Gemeinschaftsschule beantragen.

In einem gemeinsamen Gespräch mit dem Bürgermeister, dem Rektor der Pestalozzi-Schule und mir als damaligen Leiter der Stabsstelle für Gemeinschaftsschulen und Inklusion beim Kultusministerium Baden-Württemberg, gelang es, die Stadt davon zu überzeugen, für die GSR ebenfalls einen Antrag auf Einrichtung als GMS zu stellen. Meine Hochachtung und Respekt galt Rektor Josef Brugger, der seine Ambitionen nach einer gemeinsamen GMS („Campus-Innenstadt“) zurückstellte, auch im Wissen, dass damit die Pestalozzi-Schule als Werkrealschule auslief.

Gemeinsames Lernen von 1 bis 10

Dass die Schreienesch-Schule Gemeinschaftsschule werden sollte, war für den damaligen Schulleiter Strobel sonnenklar. Schließlich hatte er jahrelang an deutschen Schulen im Ausland gearbeitet, bei denen es keine Trennung der Kinder nach der 4. Klasse gab. Die GSS ist heute ein Schulverbund mit der Grundschule, also von Klasse 1 bis 10. Kinder mit Hauptschulempfehlung, Realschulempfehlung und gymnasialer Empfehlung und Kinder mit Handicaps lernen gemeinsam und individuell. Dazu gehören Freiarbeit, Lernwerkstatt, Wochenplan, Lernateliers, selbstorganisiertes Lernen… „Wir bilden den Durchschnitt unserer Gesellschaft ab“, ist Kai Nopper überzeugt. Dies gilt auch für die Lehrkräfte, Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiter und Therapeuten.

Wir bilden den Durchschnitt unserer Gesellschaft ab

Rektor Kai Nopper

Lehrkräfte aller Schularten arbeiten in multiprofessionellen Teams an der Schule. Die GSS gehört zu den wenigen Schulen, die Sonderschullehrkräfte selbst einstellen durften. In vorbildlicher Weise wird mit der Sprachheilschule (auf dem gleichen Schulcampus untergebracht) und mit der Bernd-Blindow-Schule zusammengearbeitet. „Auch diese Kinder machen ihren Weg“, betont Kai Nopper. Alle Kinder lernen zu akzeptieren und zu schätzen, dass jeder seine Schwächen und Stärken hat und niemand ausgeschlossen werden darf. Es gibt kein Kind, das in allen Fächern nur Spitzenleistungen bringt. In der GSS kann beobachtet werden, welche Lernfortschritte Kinder mit Handicaps machen. Sie profitieren von den Leistungsstärkeren, ohne dass diese in ihrer Lernleistung eingeschränkt sind.

Exkurs Inklusion

Wie soll eine Gesellschaft das Zusammenleben lernen, wenn Kinder in die verschiedenen Schularten und verschiedene Sonderschulen getrennt werden, anstatt gemeinsam zu lernen?

Im März 2009 hat die Bundesrepublik Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ratifiziert und hat damit Gesetzescharakter, also ist nicht verhandelbar. Es geht um die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben ohne Diskriminierung. Die UN-BRK argumentiert nicht in erster Linie pädagogisch oder ökonomisch, sondern menschenrechtlich. Inklusion heißt, der Mensch wird in seiner Einzigartigkeit von der Gesellschaft als gleichwertig akzeptiert. Im Schulgesetz von Baden-Württemberg sind alle Schularten angehalten, inklusiv zu arbeiten. Tatsächlich aber sind es die Gemeinschaftsschulen, die die Verpflichtung des Schulgesetzes ernst nehmen. Es gibt kaum inklusive Kinder an Realschulen und erst recht nicht an Gymnasien. Laut Verfassung müsste ein behindertes Kind an einer Regelschule die gleichen Ressourcen erhalten wie an einer Sonderschule. Die Realität sieht in Baden-Württemberg anders aus.

Das Leitbild

An der GSS wird weitgehend auf Hausaufgaben verzichtet. Es gibt an drei (statt möglichen vier) Tagen Ganztagsschule und es gibt über einen Betreuungsverein Angebote von morgens 7.00 Uhr bis 17.00 Uhr, die über 250 Kinder täglich wahrnehmen. An der GSS wird eigens ein neues Schulgebäude mit einer neuen Mensa für die Bedürfnisse einer Ganztagesschule gebaut. Zudem werden Eltern als gleichberechtigte Partner in die schulische Arbeit einbezogen und nicht erst mit Entscheidungen der Schulleitung oder der Gesamtlehrerkonferenz konfrontiert. Diese Zusammenarbeit hat sich als vertrauensbildende Maßnahme bestens bewährt.

Leitbild der Gemeinschaftsschule Schreienesch, gestaltet von Karin Lindermann

Als Realschule Gemeinschaftsschule werden?

Wie aber kam eine ehemalige Realschule dazu Gemeinschaftsschule werden zu wollen? „Schon früh war für uns klar, die Kinder dort abzuholen, wo sie leistungsmäßig standen“, betont die engagierte Schulleiterin Iris Engelmann. „Auf Grund der heterogenen Schülerschaft waren wir gezwungen anders zu arbeiten, bevor das Thema Gemeinschaftsschule im Land diskutiert wurde. Als demokratische Schule wollten wir allen Kindern gerecht werden.“ Ein kleines Team um die Schulleiterin und den damaligen Konrektor Kai Nopper hatte sich im wahrsten Sinne auf den Weg gemacht, binnendifferenziert zu arbeiten, also Lernen auf das einzelne Kind bezogen. Schulen wurden besucht, die diesem Anspruch gerecht wurden und geeignete Lernmaterialien entwickelt, bevor die Schulbuchverlage reagierten.

Es gibt in Baden-Württemberg keine andere Schulart, die solch einen Qualitätsnachweis erbringen musste.

Um jedoch Gemeinschaftsschule werden zu können, war ein bestimmtes Verfahren durch das Kultusministerium vorgegeben. Die Stadt Friedrichshafen konnte erst einen Antrag stellen, nachdem alle Beteiligten – Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern, Schüler, und schließlich der Gemeinderat – zustimmten. Dies allein reichte aber nicht, denn mit dem Antrag musste eine Konzeption eingereicht werden, in der über die Wissensvermittlung hinaus dargelegt werden musste, wie der Umgang mit Heterogenität, das Lernkonzept, die Ganztagsangebote, eine „Lernende Schule“, gesellschaftliche Werte, pädagogische Leitlinien gestaltet bzw. verankert werden sollen. Aber auch das Konzept alleine reichte nicht aus, denn das Staatliche Schulamt Markdorf überprüfte in einer Visitation, ob diese Angaben bereits (wenigsten zum Teil) gelebt werden. Es gibt in Baden-Württemberg keine Schulart, die solch einen Qualitätsnachweis erbringen musste.

Da gibt es kein Aussortieren

Raphael Finkbeiner, Schülersprecher

Beide Häfler Schulen bestanden die strenge „Aufnahmeprüfung“ mit Bravour. Das Leitbild für die GGS heißt „eine Schule für alle“. Schule soll als ein „Zuhause“ gelebt werden, „die Klasse als Familie“. Konrektor Ingo Droste sieht die GGS als eine „bunte Schule, in der alle akzeptiert sind, nicht nur bis zur 4. Klasse“. Und Raphael Finkbeiner, Schülersprecher, kann nur jedem raten auf eine Gemeinschaftsschule zu gehen: „Da gibt es kein Aussortieren“. So sieht es auch die Schülersprecherin Lara Apfelbacher, die das Miteinander, das Lernen mit anderen, unabhängig von den Niveaustufen, in der Klasse und den Arbeitsgemeinschaften als gewinnbringend erlebt.

Schulpolitik…

Jedem Kind gerecht zu werden, unabhängig von der sozialen Herkunft, kein Kind zurückzulassen, waren die wichtigsten bildungspolitischen Gründe, weshalb Baden-Württemberg unter einer grün-roten Regierung sich 2011 entschloss Gemeinschaftsschulen einzuführen. „Vielfalt macht schlauer“ drückte die bildungspolitische Haltung aus. Der damalige Kultusminister Andreas Stoch bezeichnete die Gemeinschaftsschule als einen wichtigen Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit: „Dort werden Kinder aller Begabungen und Fähigkeiten bestmöglich gefördert und in ihrer individuellen Lernentwicklung unterstützt“ (Stoch 2015). Auch seine Nachfolgerin Susanne Eisenmann räumte ein: „Die Gemeinschaftsschule hat sich mit ihrer spezifischen pädagogischen Ausrichtung in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil unseres Bildungssystems entwickelt“ (Eisenmann, Vorwort).

Die Gemeinschaftsschule hat sich mit ihrer spezifischen pädagogischen Ausrichtung in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil unseres Bildungssystems entwickelt

Susanne Eisenmann, ehem. Kultusministerin

Aber anstatt anzuerkennen, wie dies die damalige GSR tat, dass vor allem an den Realschulen eine sehr heterogene Schülerschaft vorhanden ist, drehte die frühere Ministerin Eisenmann das Rad zurück. Die Realschulen bekamen mit dem neuen Realschulkonzept sukzessive die gleiche Anzahl von Poolstunden (ab Schuljahr 2020/21) wie die Gemeinschaftsschulen (PM des KM 2016), obwohl sie nicht auf allen drei Niveaustufen Lernangebote haben. In der Orientierungsstufe der Realschule (Klassen 5 und 6) wird ausschließlich auf dem mittleren Niveau gelernt. Die Folge ist, dass jenen Kindern, die „schlechte“ Noten schreiben, nahegelegt wird, die Schule zu wechseln.

Großer Andrang auf die Gemeinschaftsschulen

Es gibt einen großen Andrang von Kindern auf die GMS, vor allem am Ende eines Schuljahres. Kinder aus allen Schularten, einschließlich des Gymnasiums wollen auf die Gemeinschaftsschule wechseln, aus unterschiedlichen Gründen. Bei der GGS sind es jährlich zwischen 20 und 30 Kinder. Ähnlich ist bei der GSS. Anerkennenswert ist, was an der ehemaligen GSR und heutigen GGS geschieht. Sie ist, wie auch die GSS, eine leistungsorientierte Schule für alle Kinder. Die Kinder kommen nach der Grundschule in die Gemeinschaftsschule und erreichen entweder nach der Klasse 9 oder 10 den Hauptschulabschluss, nach der Klasse 10 den Realschulabschluss oder nach Klasse 13 das Abitur. Im Gegensatz zum herkömmlichen Gymnasium gibt es an der GGS eine dreijährige Oberstufe (G 9), die der Gemeinderat am 29.02.2016 beantragt hatte. Zwar machen die Schüler/innen an der GMS dasselbe Abitur wie an einem Gymnasium, aber das Lernkonzept ist auch in der Oberstufe der GGS stärker auf den Einzelnen bezogen und „familiär“.

Exkurs Noten

Anstelle eines Zeugnisses gibt es an GMS einen Lernentwicklungsbericht. Hier werden die individuellen Stärken und Schwächen sowie der Lernfortschritt des Schülers / der Schülerin in den einzelnen Fächern differenziert beschrieben. Noten gibt es nur auf Wunsch der Eltern und ab der 8. Klasse sowie bei den Abschlusszeugnissen. Ein Vater: „Meine Tochter fand es extrem erleichternd, keine Noten zu haben“. Damit bestätigt der Vater die Ergebnisse zahlreicher Studien über die Aussagefähigkeit und Wirksamkeit von Noten. „Keine Noten zu bekommen war nur ein Problem für meine Großeltern“, merkt Raphael süffisant an. „Man erfährt durch den Text mehr, wie nur durch eine Zahl“.

Über objektive Leistungen sagen Noten wenig aus. Außerdem bilden sie einen Durchschnittswert. Was sagt schon eine Note drei in Deutsch? Kann ein Kind gut formulieren, ist es kreativ, macht es viele Rechtschreibfehler? Noten sagen auch nichts über die individuellen Fortschritte aus, noch welche Kompetenzen ein Kind hat.

Ganztagsschule

Durch den dreitägigen Ganztagsbetrieb wird weitgehend auf Hausaufgaben verzichtet. „Wir können unseren Interessen nachgehen und haben um 16.00 Uhr Schulschluss“, stellen zufrieden Lara und Raphael fest. Und außerdem fördere es das Miteinander. Claudia Podiebrad erinnert sich noch sehr gut an das Drama mit den Hausaufgaben in der Grundschule. Mit ihrem Sohn musste sie immer wieder über die „Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben diskutieren“. Heute sei es ein Segen, wenn es keine Hausaufgaben gebe. Ihre Kinder können trotz GTS in die Vereine gehen.

Schulabschlüsse

Welchen Schulabschluss die Schüler/innen schließlich ablegen, entscheiden die Eltern nach eingehender Beratung durch die Lehrpersonen. Beide Gemeinschaftsschulen haben damit gute Erfahrungen gemacht. Interessant ist, welche schulischen Entwicklungen die Kinder oftmals in ihrer Schulzeit machen. Kinder, die mit einer Grundschulempfehlung Hauptschule kommen, legen die Realschulabschlussprüfung oder das Abitur ab. Und oft sind es Kinder mit Realschulempfehlung, die dann die Sekundarstufe II der GGS besuchen oder aber auf ein berufliches Gymnasium wechseln.

Individuelles Lernen

Wer die GGS besucht, wird feststellen, dass die Klassenzimmer oftmals nur halb voll sind (schon vor der Pandemie). Häufig wird auf den Fluren, in Lernecken, in der Mediothek oder im Computerraum in Gruppen oder einzeln gelernt. Beim INDI, der individuellen Förderung, dürfen die Schüler/innen nicht nur den Lernort selbst wählen, sondern auch entscheiden, in welchem Fach sie lernen wollen. Wie an allen GMS gibt es auch an der GGS und der GSS Lerncoaching. Die Schüler/innen erhalten von ihrem zugeordneten Lerncoach eine gezielte Rückmeldung über Fragen, die im Zusammenhang mit dem Lernen stehen. Dazu gehört der Erwerb personaler Kompetenzen (Selbstdisziplin, Selbstreflexion, Übernahme von Verantwortung für das eigne Lernen, usw.) oder sozialer Kompetenzen (Einhaltung von Regeln, andere beim Lernen unterstützen). Lara findet es gut, „wenn eine Lehrperson speziell auf einen eingeht und aufzeigen kann, wie ich besser lerne“. Auch Eltern, schätzen diese Form der Lernhilfe, ebenso wie das Lerntagebuch. Hier werden die Lernprozesse dokumentiert, ebenso die getroffenen Zielvereinbarungen. Eltern sind immer über die Lernentwicklung ihres Kindes bestens informiert.

Mittagessen und Schulleben

An der GGS gibt es Mittagessen in der lichtdurchfluteten Mensa, klassenweise mit den Klassenlehrer/innen. Allerdings geht dies nur im Schichtbetrieb, denn der Platz reicht nicht für die ca. 700 Schüler/innen aus. Die Mensa selbst wird außerhalb der Essenszeiten auch für Veranstaltungen oder Theateraufführungen genutzt, mit einer perfekt ausgestatteten Bühne. Überhaupt ist die Ausstattung der Schule hervorragend. Ein Lob an die Stadt Friedrichshafen als Schulträger.

Und wenn jetzt noch ein Schulbau für die Oberstufe kommt, sind die räumlichen Lernbedingungen optimal. Zahlreiche Freizeit- und Betätigungsmöglichkeiten gibt es außerhalb des regulären Unterrichts. Seien es gezielte Begabtenförderungen, Theaterfahrten, Studienfahrten oder die Teilnahme am Erasmus-Programm, einer Kooperation mit Schulen in Spanien, Frankreich und Schweden, was den Anspruch der Internationalität der Schule unterstreicht und für die Schüler/innen beste Möglichkeiten der Sprachförderung bietet. Internationalen Schüleraustausch pflegt die GSS mit den Partnerstädten Friedrichshafens, Sarajevo und St. Die und zur Schule ihres ehemaligen Schulleiters in Ecuador.

Lernen in der Pandemie

Durch das Lernkonzept der beiden Gemeinschaftsschulen, hatten die Kinder gelernt, selbständig zu arbeiten und mit den Lehrpersonen per Videokonferenz in der Pandemiezeit zu kommunizieren. Allerdings, so räumten beide Schulleitungen ein, gab es vor allem dann Probleme, wenn die häuslichen Arbeitsplätze oder die digitale Ausstattung fehlten. „Dann haben wir für diese Kinder Lernen in Präsenzform angeboten.“ Nichtsdestotrotz war und ist die Pandemie für alle Schulen eine gewaltige Herausforderung. Nicht nur die digitale Ausstattung muss stimmen, sondern auch das Lernkonzept und es braucht engagierte Lehrpersonen.

Wie würden Sie jetzt nun meine eingangs gestellte Frage beantworten? Wären Sie selbst gerne auf eine Gemeinschaftsschule gegangen und würden Sie Ihr Kind auf eine Gemeinschaftsschule schicken?

Im Bodenseekreis gibt es weitere Gemeinschaftsschulen in Tettnang, Meersburg, Salem und Überlingen.

Norbert Zeller

Wichtige Websites:

Literatur:

Eisenmann, S.: Die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg,
Vorwort, Hrsg.: Ministerium für Kultus und Sport Baden-Württemberg

Friederichs, J. R.: Schulreformen als Antwort auf gesellschaftliche
Veränderungen. Die Gemeinschaftsschule im Spannungsfeld der
Bildungspolitik in Baden-Württemberg. Band 87. Berlin 2021

Gagel, W.: Politische Bildung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte.
Bundeszentrale für politische Bildung, 2002

Ruep, M.: Betr. Soziale Ungleichheit, Armutshabitus als gesellschaftlicher
Dauerzustand – bedingt durch ein „Pädagogisches Apartheitssystem“? in:
Lehren & Lernen, 2021, 75-76

Stoch, A.: Die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. Hrsg.:
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Stuttgart
2015

Pressemitteilung des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport vom
22.11.2016

Stellungnahme des Kollegiums der Graf-Soden-Realschule zum
Abstimmungsergebnis in der Gesamtlehrerkonferenz am 24.06.2013


Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift „Lehren & Lernen“ Heft 8-9/2022.

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