Faktencheck #92: Neues vom Bildungstrend

Gestern wurde die Länderauswertung des IQB-Bildungstrends veröffentlicht. Die Schüler:innen der 4. Klassen in Deutschland waren während der Wirren und Schließungen getestet worden, es gab die erwartbaren „Trends“ und Reaktionen. Hier ein paar Nebensächlichkeiten.

Warum haben sich nur in Bremen die Schüler:innen in Mathematik verbessert?

Wenn man sich die frei verfügbaren Zusatzmaterialien anschaut, hat sich Bremen als einziges Bundesland in Mathematik im letzten Zeitraum nicht nur nicht verschlechtert, sondern sogar verbessert. Ich stelle mal die Auswertungen für Bremen neben die für Bayern als Repräsentant der „normalen“ absteigenden Tendenz.

Bremen mit Leistungszunahme

Bayern – wie alle anderen Bundesländer – mit Leistungsabnahme

Man muss dabei natürlich beachten, dass die Schüler:innen in Bayern von einem im Bundesdurchschnitt sehr hohen Niveau abgesunken sind (vergleichbar nur mit Sachsen und Sachsen-Anhalt) und die Viertklässler in Bremen ihr sehr niedriges Niveau verlassen haben. Aber sich in der Krise verbessern, woran kann das liegen? Ich lass die Frage mal offen, vielleicht findet sich jemand, der sie beantworten kann.

Warum ist es über die Jahre nur den Niedersachsen gelungen, die Leistungslücke zwischen den sozialen Klassen zu verringern?

Die sozialen Klassen werden nach bestimmten Kriterien eingeteilt. Der IQB-Bildungstrend verwendet dafür den HISEI, den Sozialschicht-Index der Familie, international ISEI (International Socio-Economic Index of Occupational Status).

Die folgende Abbildung zeigt, dass in allen Bundesländern die Leistungsschere zwischen den sozialen Gruppen weiter auseinandergeht, also zwischen den Kindern aus ärmeren und betuchteren Haushalten, besonders stark in Brandenburg, NRW und Sachsen. Einzig Niedersachsen vermochte die Schere etwas zu schließen. Wie und Warum?

Öffnung oder Schließung der sozioökonomischen Schere

Schülerleistungen und Sprache zuhause

Üblicherweise werden die allgemein schlechteren Leistungen der Schüler:innen mit den Folgen der Pandemie in Zusammenhang gebracht. Daneben verweisen die Zahlen auch auf eine weitere Ursache: Es gibt immer mehr Schulkinder, die zuhause nicht Deutsch reden. Genauere Werte zeigt diese Tabelle:

Deutschlandweit ist der Anteil der Viertklässler, die zuhause immer Deutsch reden zwischen 2011 und 2021 um 22,2 Prozent zurückgegangen. Damit erklärt sich ein Teil der „Spitzenwerte“ für Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt, denn hier gibt es mit den geringsten Rückgang von Deutsch als Haushaltssprache.

Die Tatsache, dass sich sich die Schüler:innen in Bremen, wie ganz oben angemerkt – verbessern konnten, wird angesichts dieser Tabelle noch um einiges erstaunlicher, denn es zeigt sich, dass Bremen neben BW den stärksten Rückgang von Deutsch als Haushaltssprache zu verzeichnen hat.

Abnehmende Schülerleistungen in Baden-Württemberg wurden in den vergangenen Jahren von interessierter Seite gern mit der Einführung der Gemeinschaftsschule in Verbindung gebracht. Diese Tabelle zeigt eine andere Ursache: In keinem anderen Bundesland ist der Anteil der Schüler:innen, die zuhause nur Deutsch reden, so stark zurückgegangen (- 27,8 Prozent), bzw. derer, die zuhause nie Deutsch reden, so stark gestiegen (+ 2,4 Prozent).

Kleiner Seitenhieb nach Bayern

Der Hinweis muss sein: Natürlich nimmt der bayerische Kultusminister Piazolo die Ergebnisse des Bildungstrends zum Anlass, das bayerische Schulsystem hervorzuheben.

Das ist auch ein Verdienst der bayerischen Schulfamilie und insbesondere unserer professionell und speziell für die einzelnen Schularten ausgebildeten Lehrkräfte

Prof.Dr. Michael Piazolo

In dieser Formulierung kann er es sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass die Bayern ihre Lehrkräfte ja differenziert für die unterschiedlichen Schularten ausbilden. Damit will er natürlich die allgemeine Tendenz hin zur Stufenlehrer-Ausbildung abwehren.

Was er dabei vergisst: Die Grundschule ist eine Schule des gemeinsamen Lernens. Hier werden wirklich alle Schüler:innen zusammen unterrichtet. Der Verweis auf die Qualität der bayerischen Grundschule sagt also gleichzeitig: Man muss nicht unbedingt in verschiedene Schularten „differenzieren“ (ein Euphemismus, es muss „sortieren“ heißen), um erfolgreich zu sein.

Wenn ich schreibe „alle Schüler:innen zusammen“, dann gilt das natürlich nur für die „normalen“ Kinder. Die behinderten werden ja heraussortiert oder – nach bayerischer Lesart – in Sonderschulen „inkludiert“.

Nachtrag: Die Pädagogik der Philologen

„Der Verband appelliert dringend an die Kultusministerkonferenz, die Lern- und Leistungsziele für die Grundschülerinnen und -schüler zu erhöhen, die neuen Bildungsstandards für die Grundschulen für ambitioniertere Ziele im Deutsch- und Mathematikunterricht nach oben zu korrigieren und Mindeststandards konsequent und verpflichtend abzusichern.“ (https://www.dphv.de/2022/10/17/deutscher-philologenverband-zu-iqb-bildungstrend-2021-was-haenschen-nicht-lernt-lernt-hans-nimmermehr/)

Das heißt übersetzt: Die Grundschullehrerinnen sollen bitte für bessere Leistungen sorgen!

Der Verband hat offensichtlich nicht verstanden, …

… dass nicht die Spitzenleistungen das Problem sind, sondern die Schere zwischen den Hoch- und den Minderleistern, noch dazu verbunden mit der sozio-ökonomischen Situation der Familien.

… dass die Grundschullehrerinnen nicht mehr leisten können als das, was sie bereits unterrichten; sollten sie höhere Ziele erreichen wollen, bräuchten sie mehr Unterstützung in der Klasse, speziell unter den Bedingungen der heterogenen Zusammensetzung ihrer Schüler:innen; davon haben die homogenen Philologen leider keine Ahnung.

Drehen wir doch mal den Spieß um: Wenn die Philologen ihr Pflichtstundenmaß auf das der Grundschullehrerinnen erhöhen, also von 24 auf 28 Wochenstunden (natürlich bei gleicher Bezahlung), können sie die bejammerten Mängel gut selber ausgleichen.

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