Argumente #29: Survival of the fittest

Dieser Blog ist im Jahr 2017 online gegangen, weil es den Hauptschulen in Bayern – die inzwischen euphemistisch „Mittelschule“ heißen – schlecht geht. Hier und hier finden Sie wesentliche Beiträge, die sich mit dem Sterben dieser Schulart befassen. Heute ein paar aktualisierte Werte, zusammengestellt vom BLLV.

Die Mittelschulen in Bayern

Die wichtigsten Werte dieser Tabelle habe ich in diesem Säulendiagramm zu veranschaulichen versucht:

Von 100 Haupt/Mittelschulen wurden im Lauf der letzten 16 Jahre also fast 40 geschlossen. Über die Ursachen wurde viel geforscht und gesprochen, sie sind weitestgehend deutlich geworden:

Image

Die Hauptschulen stehen im Image der Schularten auf dem vorletzten Rang, nur noch unterboten von den Sonderschulen. Wenn die Kinder halbwegs für eine „höhere“ Schulart geeignet sind, dann wechseln sie nach der 4. Klasse oder auch noch später auf diese. Wenn die Noten nicht reichen, dann mit Probeunterricht. Wenn der Probeunterricht auch schlecht ausfällt, zum Beispiel zweimal Note 4 in Deutsch und Mathematik, dürfen die Eltern trotzdem entscheiden, dass das Kind auf die gewünschte Schule wechselt. So jedenfalls die Regelung in Bayern.

Flächenstaaten

Das differenzierte Schulwesen ist auf der Fläche nicht zu halten. Das sagen die Schulentwickler schon seit Jahrzehnten. Das konnte man bereits bei

  • Heinz-Jürgen Ipfling und Ulrike Lorenz (1991) nachlesen: „Die Hauptschule“, Klinkhardt Verlag.
  • Noch deutlicher formulierte das Ernst Rösner (2007), „Hauptschule am Ende“, Waxmann.
  • Gerhard Hüfner analysierte 2011 „Die Zukunft der wohnortnahen Schule in Bayern“ für den BLLV. Der Lehrerverband wurde natürlich vom damaligen CSU-Kultusminister Spaenle kräftig verschimpft und als „Schwarzmaler“ tituliert.

Konkurrenz

Die Wasserscheide am Ende der vierten Klasse verengt den Blick der Eltern und Schüler:innen auf die Alternativen, unter denen die Mittelschule nun mal schlecht aussieht. Aber damit ist es nicht zu Ende: Nach der 5. und 6. Klasse können die Schüler:innen ebenfalls noch wechseln, wenn sie die Leistung bringen. Sie können bei guten Leistungen quer zwar nur mühsam aufs Gymnasium, aber einigermaßen komfortabel auf die Real- oder Wirtschaftsschule wechseln. Die Einführung der 6. Klasse in den Wirtschaftsschulen hat diese Wechsel intensiviert, und schon steht auch die WS 5 im Raum.

Selbstkonkurrenz

„Survival of the fittest“ – unter diesem Slogan fressen große und starke Mittelschulen die kleinen und schwachen auf. Die Dynamik ist leicht zu erklären: Große Mittelschulen können einen M-Zweig (= Mittlere-Reife-Zweig) einrichten, der dann auch noch die guten Schüler:innen aus Nachbarschulen ohne M-Zweig abzieht. Sie werden dadurch noch größer und stärker, die anderen haben zu kämpfen.

Die Großen fressen die Kleinen. Bild: pixabay

Bayern ist das einzige Bundesland, das stur an der Dreigliedrigkeit festhält, wähnt sich aber damit besonders fortschrittlich. Der weltweite Standard ist eine gemeinsame Schule bis zum ersten Abschlussalter mit ungefähr 15 Jahren. In Deutschland setzt sich mittlerweile eine dynamische Zweigliedrigkeit durch: Neben dem Platzhirschen Gymnasium wächst zunehmen eine Mischform aus Haupt- und Realschule heran, die mal „Oberschule“, mal „Sekundarschule“ heißt. Sofern diese zweite Säule auch bis zum Abitur führt, kennen wir sie als „Gesamtschule“ oder – zunehmend – „Gemeinschaftsschule“.

Das würde auch in Bayern helfen, Standorte zu erhalten. Aber solange die CSU mehr oder weniger allein entscheidet, geht in dieser Richtung gar nix.

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