Fail #61: Es ist zum Heulen, ist es nicht?!

Es ist gelungen: In Bayerns Mittelschulen fehlen (seit vielen Jahren) Lehrer*innen. Die bayerische Staatsregierung hat das Kunststück vollbracht, bisher nur Maßnahmen zu ergreifen, die daran nichts ändern, sondern die Situation noch verschlimmern.

Die nüchternen Zahlen

Die SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag hat vom Wissenschaftsminister Zahlen zu den Lehramtsstudent*innen erfragt und u.a. folgende Antworten erhalten:

Das bedeutet für die einzelnen Lehrämter:

Grundschule: eine Zunahme um 267, entspricht 17%. Die gute Nachricht!

Mittelschulen: eine Abnahme um 443, entspricht 66%. Die Katastrophe!

Realschulen: eine Zunahme um 111, entspricht 22%. Eine sehr gute Nachricht!

Gymnasium: eine Zunahme um 74, entspricht 4%. Wenigstens keine Abnahme.

Welche Maßnahmen hat die Bay. Staatsregierung bisher ergriffen?

Neben einer Werbekampagne setzten die Freien Wähler und die CSU in erster Linie auf die so genannte „Zweitqualifikation“, das heißt

  • voll ausgebildete Realschul- und Gymnasiallehrer*innen, die keine feste Anstellung erhalten hatten, konnten an den Mittelschulen arbeiten,
  • indem sie vorwiegend an Nachmittagen einen gewissen zusätzlichen pädagogischen Input erhielten,
  • eine höheres Stundendeputat erfüllen mussten (27 statt 24 Wochenstunden)
  • und dafür eine geringere Besoldung in kauf nahmen (A12 statt A13).

Warum wollen denn nur so wenige junge Menschen in der Mittelschule unterrichten?

Da ist zunächst einmal die gängige Vorstellung von den schrecklichen Mittelschülern. Lassen wir mal zwei Zweitqualifikantinnen berichten:

Gymnasiallehrerin kannte nur die Vorurteile

BLLV: Sie wollten beide Gymnasiallehrerin werden, unterrichten nun aber an einer Mittelschule. Ist das so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Monika Faltermeier: Nein. In dem Moment, in dem ich den Vertrag unterschrieben hatte, habe ich mir wahnsinnige Sorgen gemacht, weil ich bloß die Vorurteile kannte, also dass dort schwierige Schüler sind, die sich alle nicht benehmen können.

Was über die Mittelschule erzählt wird

BLLV: Was haben Sie denn erzählt bekommen?

Monika Faltermeier: Die härteste Geschichte war, dass es angeblich in München irgendwo eine Mittelschule geben soll, wo es so rabiat zugeht, dass Begleitpersonal dabei sein muss, wenn man in die Pause geht, damit dem weiblichen Lehrpersonal kein Halbstarker blöd kommt. Sowas wird immer noch überall rum erzählt und dann denkt man sich natürlich: Oh Gott, oh Gott.

Das schlechte Bild der Hauptschule verfestigt sich durch die Flüchtlinge

Julia Hanglberger: Viele Bekannte haben komisch reagiert. Sie haben nicht gesagt: Cool, du hast eine Stelle an einer Mittelschule, herzlichen Glückwunsch! Sondern: Mittelschule. Aha. Willst du dir das wirklich antun? Ich hab das Gefühl, dass es in der Mitte der Gesellschaft immer noch ein sehr schlechtes Bild von der früheren Hauptschule jetzt Mittelschule gibt, und durch die Flüchtlinge, die wir an diesen Schulen auch unterrichten, hat sich das jetzt dummerweise noch verfestigt.

Übelste Gerüchte

Monika Faltermeier: Da gehen die übelsten Gerüchte rum. Ich hatte gestern zum Beispiel eine Schulführung und da hat mich eine Mutter allen Ernstes gefragt, wie das denn so ist, mit den Drogen bei uns, weil doch an den Mittelschulen in der Großstadt angeblich so viel gedealt wird, und da musste ich sagen: Bei uns gibts keine Drogen. Kaugummi vielleicht das ist bei uns die Droge.

BLLV (17.05.2017). „Ich bin nicht Lehrerin geworden, um mich auf die faule Haut zu legen“. Interview mit Monika Faltermeier & Julia Hanglberger.

Drogensüchtiger
Typischer Hauptschüler? Bild von Лечение Наркомании auf Pixabay

Dann hat man so ein Gefühl, dass es die Mittelschule nicht mehr lange macht, um es einmal etwas flapsig auszudrücken. Das ist auch völlig richtig so. Trotz der Mittelschulreform seinerzeit unter dem Kultusminister Dr. Spaenle wurden bayernweit etwa 100 Mittelschulen inzwischen geschlossen (offiziell „inaktiv gestellt“).

Die Hauptschule hat – entgegen aller konservativen Rhetorik – ausgedient. Es gibt in Deutschland einen übergreifenden Trend zur zweisäuligen Schulstruktur (Gymnasium + Gemeinschafts- oder Gesamtschule), dem sich bislang nur nur ein einziges Bundesland konsequent verweigert – eben Bayern. Da sind die ideologischen Gräben nach wie vor zu tief.

Und schließlich können auch Lehramtsanfänger*innen rechnen und wissen den Unterschied von 24 und 27 Wochenstunden Arbeitszeit ebenso zu quantifizieren wie die Differenz zwischen einem Anfangsgrundgehalt von A13 (4 774,01 €) und A12 (4 091,28€; Besoldungstabelle gültig ab 01.12.22). Das sind fast 700 € im Monat, macht 8400 € im Jahr, 84 000 € in zehn Jahren! Wer kann sich das in der gegenwärtigen Lage noch leisten?

Wen wundert´s also?

3 comments On Fail #61: Es ist zum Heulen, ist es nicht?!

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