Argumente #35: Inklusion und selbst gesteuertes Lernen


Morris, T. H., Koutsouris, G., Stentiford, L. & Bremner, N. (2025). Self‐directed learning—a framework for inclusion ‘In’ and ‘Through’ Education – A systematic review. Review of Education 13 (1). doi:10.1002/rev3.70028


Ziel der Studie

Die Verfasser:innen wollten herausarbeiten, welche Zusammenhänge zwischen selbst gesteuertem Lernen und dem Anliegen der Inklusion nach der UN-BRK bestehen. Dazu stellten sie sich zwei Fragen: (1) Kann Inklusion durch selbst gesteuertes Lernen im Unterricht (in education) verwirklicht / vorangebracht werden? (2) Kann durch das selbst gesteuerte Lernen (through education) die Inklusion im Leben und Arbeiten nach der Schule unterstützt werden?

Der Anlass für diese Fragen war die Feststellung, dass es dazu sehr wenig Literatur gibt. Und warum war das in den Augen von Morris et al. so wichtig? Weil, wie von mir in der Einleitung schon angedeutet, die Zusammenhänge von selbst gesteuertem Lernen und Inklusion komplex und „nicht unproblematisch“ sind.

Ansatz der Untersuchung

Es handelt sich bei dieser Studie um eine Literaturrecherche. Für die, die es interessiert, ist hier der Such- und Auswahlprozess der zugrunde gelegten Literatur verdeutlicht:

Flow diagram of the search process (Morris et al. 2025, S. 9)

Was wird unter selbst gesteuertem Lernen verstanden?

Selbst gesteuertes Lernen wird, wie der Name schon sagt, als eine Abkehr von der traditionellen Input-Struktur des Unterrichts zu einem gemeinsam von Lehrenden und Lernenden verantworteten Prozess verstanden.

It does not represent a ‘traditional’ form of learning, but rather relates to a process in which the learner retains primary control of directing their learning means and objectives, with or without the help of others. (Morris et al. 2025, S. 4)

Dies stünde auch in Übereinstimmung mit einem konstruktiven Verständnis von Erkenntnis der Wirklichkeit, das mit der traditionellen Art des lehrergesteuerten Aufbaus von „Faktenwissen“ nicht viel zu tun habe.

Moreover, self-­directed learning aligns with constructivist epistemology, which places an emphasis on individual meaning-­making, differential personal histories, and real-­world learning application… It is therefore a different pedagogical process compared to rote learning, which may be present in traditional teacher-­directed learning forms (…), where commonly ‘facts’ are taught with their contextual information removed. (Morris et al. 2025, S. 5)

Hauptergebnisse

Was können die Verfasser:innen als Summe ihrer Untersuchung sagen? Als ihre wesentlichen Erkenntnisse nennen sie, dass selbst gesteuertes Lernen als Rahmen dafür dienen kann, Inklusion in der Schule (durch entsprechende Methoden und Ansätze) und durch entsprechende Produkte und Ergebnisse im Sinne der sozialen Gerechtigkeit auch im weiteren Leben voranzubringen.

Implications for teachers and researchers: Key insights gained through this process include that (1) self-­directed learning can be used as a framework to promote both inclusion ‘in’ education (as in pedagogical methods and strategies) and ‘through’ education (as in educational products and outcomes); and (2) engaging with self-­directed learning has the potential to further inclusion and social justice aims in education. (Morris et al. 2025, S. 2)

Einschränkung: Die meisten Studien, die dazu analysiert worden waren, hatten nur eine kleine Datengrundlage und waren themenübergreifend, so dass es wichtig ist, die Leitfragen noch genauer zu untersuchen.

Einzelheiten

Es gibt einige Details, die ich herausheben möchte.

Das Verständnis von Inklusion ist im Wandel begriffen

Bis ungefähr zur Jahrtausendwende befasste sich die Diskussion um die Inklusion hauptsächlich mit Behinderung im Sinne von körperlicher oder geistiger oder entwicklungsmäßiger Beeinträchtigung und der Problematik solcher Kinder und Jugendlichen im gemeinsamen Unterricht. Inzwischen habe sich der Inklusionsbegriff ausgeweitet und umfasst alle Kinder und Jugendlichen in ihrer Unterschiedlichkeit und die Frage, wie man dieser classroom diversity gerecht werden kann.

Dies sei verbunden mit einer Verschiebung der Betrachtungsweise: Bisher ging es um die Frage, wie man die Schüler:innen an die vorhandenen Strukturen anpassen kann. Nun lautet die Frage, wie die Unterrichtseinrichtungen den unterschiedlichen Bedürfnissen und Erfordernissen der Lernenden entgegenkommen können.

Stigmatisierung durch Differenzierung und das Universal Design for Learning (UDL)

Das Differenzierungsdilemma besteht ja darin, dass man – um den Erfordernissen der unterschiedlichen Persönlichkeiten in einer Klasse gerecht zu werden -, die Kinder/Jugendlichen auf verschiedene Gruppen aufteilt. Damit kann man die Lernenden in jeder Gruppe gezielter ansprechen. Andererseits kann das zu einer Isolation bestimmter Schüler:innen führen.

Dies lässt sich dadurch vermeiden, dass man den Unterricht generell so aufbaut, dass er grundsätzlich für alle Schüler:innen das Passende bereithält. Dieser Ansatz ist als das Universal Design for Learning (UDL) bekannt und bietet den Ansatzpunkt für das das Buch „Every Child Deserves a Special Education“, das ich vor kurzem vorgestellt habe.

Selbst gesteuertes Lernen ist eine Meta-Kompetenz

Morris et al. sind sehr optimistisch, was die möglichen Früchte des selbst gesteuerten Lernens sein könnten: Es sei die Grundlage dafür, dass Menschen sich entwickeln, Neues dazulernen und vorhandene Kenntnisse und Fähigkeiten auffrischen, was dabei helfe, den Anforderungen einer sich rasch verändernden Welt begegnen zu können. Das alles seien gute Voraussetzungen für beruflichen Erfolg und die Vermeidung von Arbeitslosigkeit.

Self-­directed learning is a meta-­competence—it enables individuals to develop, learn new and update knowledge, skills and competencies, allowing them to engage in competent lifelong learning that, amongst other benefits, is fundamental for meeting the demands of our rapidly changing world (…). Self-­directed learning competence helps people attain a greater chance of career success and provide a certain level of protection against unemployment. (Morris et al. 2025, S. 5)

Selbst gesteuertes Lernen und die Digitalität der Schule

Es ist kein Zufall, dass – um nur ein Beispiel herauszuheben – die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Alemannenschule sehr auf das selbst gesteuerte Lernen setzt und dazu auch ein digitales Lernmanagementsystem entwickelt hat. Das haben auch schon einschlägige Wissenschaftler erkannt:

Notably, some scholars have pointed out that the advanced digital technologies available today present as an opportunity to support the facilitation of self-­directed learning. (Morris et al. 2025, S. 5)

Selbst gesteuertes Lernen geht nicht von selbst


In der Einleitung habe ich schon die Problematik angesprochen, dass manche Kinder und Jugendlichen durch das selbst gesteuerte Lernen überfordert sein und den Anschluss verlieren könnten. Von daher muss betont werden, dass diese Art des selbst verantworteten Lernens nicht einfach von selbst funktioniert, sondern für alle Schüler:innen gut vorbereitet und eingeführt werden muss.

Dann kommt noch hinzu, dass manche Lernenden immer wieder Unterstützung brauchen (scaffolding), die entweder von der Lehrkraft gegeben wird oder – viel erstrebenswerter – von den Mitschüler:innen.

Flach et al. (2023) discussed transitions into higher education and identified that some students, including those with specific learning difficulties, may require additional support with self-­directed learning. Interestingly, Heath et al. (2017) emphasised the importance of collaboration; specifically in terms of the importance of supporting each other. Millman (2013) highlighted the importance of considering an underlying assumption that students may be ‘ready’ and competent to direct their own learning, but may need to develop the necessary inquiry skills first. (Morris et al. 2025, S. 19)

Persönliches Fazit

Die vorliegende Metastudie sieht einen positiven Zusammenhang von selbst gesteuertem Lernen und Inklusion in der Schule. Vielleicht ist der Hinweis doch notwendig, dass unter anderem die Montessoripädagogik schon seit 100 Jahren diese Art des Lernens praktiziert – von Unverständigen als „Kuschelpädagogik“ denunziert – und dass gerade die Hattiestudie heftig die immer noch verbreitete traditionelle und faktenverliebte grammar of schooling als das banking model of education kritisiert und damit in die Nähe des altbekannten Nürnberger Trichters stellt.

Schulen, die das längere gemeinsame Lernen ausdrücklich und ausnahmslos für jedes Kind in ihrem Sprengel ansehen, tauchen gehäuft auf den Bestenlisten des Deutschen Schulpreises auf und zeigen in der Praxis, dass und wie Inklusion und selbst gesteuertes Lernen eine erfolgreiche Paarung bilden. Quod erat demonstrandum.

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