Update am 15.04.2025
Hier gibt es eine aktualisierte Liste mit banned books in den USA.
Nicht alle Bücher, die auf dem Markt sind, kann man Kindern oder Jugendlichen in die Hand drücken. Es gibt Literatur, die man nicht in eine Schulbibliothek stellen sollte. Allerdings ist immer die Frage, wer über die Auswahl entscheidet und nach welchen Kriterien. In den USA bestimmen oft Eltern in den School Boards mit. Und das führt zu interessanten Verboten. Hier eine kleine Auswahl an gefährlichen Büchern.

Quellen für das Folgende:
https://en.wikipedia.org/wiki/Book_censorship_in_the_United_States
https://consortiumnews.com/de/2012/01/21/banning-books-in-tucson
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_most_commonly_challenged_books_in_the_United_States
https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrenheit_451
Übersetzungen mit DeepL
Harry-Potter
Die siebenbändige Harry-Potter-Reihe von J.K. Rowling steht seit der Veröffentlichung des ersten Buches im Jahr 1997 auf den Bestsellerlisten. In den Jahren 2001 und 2002 wurde die Reihe am häufigsten beanstandet, bevor sie 2003 zum zweithäufigsten beanstandeten Buch wurde. Als Gründe für die Zensur werden genannt: „familienfeindlich, Okkultismus/Satanismus, religiöse Ansichten, Gewalt“, aber auch Bedenken wegen sexueller Inhalte.
Ich habe die Bücher gelesen. Natürlich geht es in einem Buch über einen heranwachsenden Zauberer und sein Umfeld um Zauberei und Magie. Aber „sexuelle Inhalte“? Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Punkt mehr über die Phantasie der Zensor:innen aussagt als über die Bücher.
Um das Gegenüber der Argumente zu veranschaulichen:
In einem Fall in Lawrenceville, Georgia, im Jahr 2007 beantragte ein Elternteil, dass die Harry-Potter-Bücher nicht mehr in Klassenzimmern gezeigt werden sollten, da die Romane die Ausübung von Zauberei förderten und gewalttätige Inhalte enthielten, die für seine 15-jährige Tochter ungeeignet seien, da sie durch die Charaktere der Serie inspiriert worden sei, Zauberei auszuprobieren. Die Anwältin der Schulbehörde hingegen argumentierte, dass die Romane im Klassenzimmer bleiben sollten, da sie die Faszination der Kinder für das Lesen förderten und Themen wie den Sieg des Guten über das Böse behandelten.
Schöne neue Welt

Aldous Huxleys dystopischer Roman Brave New World (1931) wurde in einigen Schulbezirken in Frage gestellt. Im Jahr 2003 wurde er im South Texas Independent School District in Mercedes, Texas, „angefochten, aber beibehalten“. Die Eltern hatten „Einwände gegen die in dem Roman vorkommenden Themen für Erwachsene – Sexualität, Drogen, Selbstmord – erhoben.
Huxleys Buch war Teil des Lehrplans der Summer Science Academy. Der Vorstand stimmte dafür, den Eltern mehr Kontrolle über die Auswahl ihrer Kinder zu geben, indem er die Schulleiter verpflichtete, automatisch eine Alternative zu einem abgelehnten Buch anzubieten.
Von Mäusen und Menschen
John Steinbecks Of Mice and Men (Von Mäusen und Menschen), das 1937 erstmals veröffentlicht wurde, gilt als amerikanischer Klassiker und wurde vom Radcliffe Publishing Course als zwölftbester Roman des 20. Jahrhunderts eingestuft. Wegen seiner simplen Natur, aber tiefgründigen Botschaft wird es nach wie vor häufig für den Englischunterricht gewählt. Dennoch tauchte der Roman 2001, 2003 und 2004 in den Top Ten der am häufigsten angefochtenen Bücher der ALA [American Library Association] auf.
Herbert N. Foerstel, der Autor von Banned in the U.S.A., ein Buch, das die Fälle von Zensur in den Vereinigten Staaten dokumentiert, stellt fest, dass „die Zensoren vorgeben, die Jugend und die Beeinflussbaren vor dieser tragischen Geschichte zu schützen, in der grobe Helden in vulgärer Sprache in einem Rahmen auftreten, der Kritik an unserem Gesellschaftssystem impliziert“. Die Hauptgründe für die Zensur sind nach Angaben des Office of Intellectual Freedom „beleidigende Sprache, Rassismus, ungeeignet für die Altersgruppe, Gewalt“.
Pädagogik der Unterdrückten

Pedagogy of the Oppressed von Paulo Freire (1968) ist ein Buch, das John Hattie in The Sequel ausführlichst zitiert. Er verwendet es im Zusammenhang seiner Abwehr des banking model of education, also eines mindset, das die Dominanz der Lehrenden gegenüber den Lernenden betont (im Grunde des „Nürnberger Trichters“), zugunsten einer stärkeren Partnerschaft von Jugendlichen und Lehrkräften.
Das Buch wurde in Tucson, Arizona verboten: Der Entscheidung, die Bücher zu verbieten, folgte am 4. Januar 2012 eine 1:17-Abstimmung des Vorstands des Tucson Unified School District, der sich vor dem Staat Arizona beugte und den Mexikanisch-Amerikanischen Studien ein Ende setzte, bei denen Paulo Freire auf der Literaturliste stand. Laut verschiedenen Nachrichtenberichten und Interviews mit vom Buchverbot betroffenen Lehrern wurden die verbotenen Bücher direkt vor den Augen der Schüler aus den Klassenzimmern beschlagnahmt.
Die Hunger Games Trilogie
Die Hungerspiele von Suzanne Collins ist ein dystopischer Jugendroman, der die Geschichte aus der Sicht von Katniss Everdeen erzählt, einer 16-Jährigen, die in einer postapokalyptischen Welt unter einer strengen Diktatur lebt. Im Mittelpunkt der Serie stehen Rebellion und Aufstand, staatliche Kontrolle und korrupte politische Macht. Die Aufteilung in verschiedene Bezirke steht für die ungleiche Verteilung des Wohlstands.
Das Buch enthält auch Themen wie Gewalt, Armut und Liebe, die ebenfalls in Frage gestellt werden können. Im Jahr 2014 wurde das Buch wegen der Einfügung religiöser Perspektiven verboten. Die Serie wurde im Laufe der Jahre aus folgenden Gründen verboten und/oder angefochten: Unsensibilität, anstößige Sprache, Gewalt, familienfeindlich, antimoralisch und okkult/satanisch. Ein Elternteil in New Hampshire gab an, dass die Serie ihrer 11-jährigen Tochter Alpträume beschert habe. Sie erklärte auch, dass die Serie Kinder gegenüber Gewalt abstumpfen könne.
Fahrenheit 451

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury wegen „obszöner Sprache, Hinweisen auf Rauchen und Trinken, Gewalt und religiöse Themen“ zu verbieten, erfordert entweder eine ausufernde Naivität oder einen intellektuellen Rückwärtssalto, denn in diesem Buch geht es genau darum: um das Verbot gefährlicher Bücher! Der Inhalt ist es wert, hier etwas ausführlicher wiedergegeben zu werden.
Fahrenheit 451 spielt in einem Staat, in dem es als schweres Verbrechen gilt, Bücher zu besitzen oder zu lesen. Die Gesellschaft wird vom politischen System abhängig, anonym und unmündig gehalten. Drogen und Videowände lassen dennoch keine Langeweile aufkommen. Selbständiges Denken gilt als gefährlich, da es zu antisozialem Verhalten führe und so die Gesellschaft destabilisiere. Bücher gelten als Hauptgrund für nicht systemkonformes Denken und Handeln.
Die Bücher aufzuspüren und zu vernichten ist Aufgabe der Feuerwehr. Die Bücher werden an Ort und Stelle verbrannt. Mechanische Spürhunde helfen beim Aufspüren und Jagen von Buchbesitzern und Staatsfeinden, die gefangen oder getötet werden. Auf den Helmen und Uniformen der Feuerwehr steht die Zahl 451, jene (von Bradbury angenommene) Fahrenheit-Temperatur, bei der Papier Feuer fängt und Bücher sich entzünden.
Protagonist des Romans ist der 30-jährige Feuerwehrmann Guy Montag, der zunächst scheinbar kritiklos in diesem System funktioniert, heimlich jedoch einige gestohlene Bücher in seinem Haus versteckt. Irgendwann gerät er in Zweifel. Ihm fällt auch auf, dass in den Medien kaum über den Krieg berichtet wird, in den sein Land gerade verwickelt ist.
Bei einem seiner nächsten Einsätze wählt eine alte Frau den Freitod, indem sie sich selbst mit ihren Büchern verbrennen lässt. Traumatisiert bleibt Montag am Folgetag seiner Arbeit fern. Sein Vorgesetzter, Captain Beatty, sucht ihn auf und belehrt ihn über die Ursprünge der herrschenden Verhältnisse: Die Ablehnung von Literatur, Kultur und selbständigem Denken wurde nicht von der Regierung aufgezwungen, sondern vollzog sich schrittweise durch gesellschaftliche Veränderungen, die nach einer Nivellierung des allgemeinen Niveaus und staatlicher Zensur strebten, so dass alle Bürger intellektuell gleichgestellt sind und sich keine Minderheit diskriminiert fühlt. Beatty gibt an, selbst Bücher gelesen zu haben, die Lektüre habe ihm aber nichts Nützliches gegeben.
Montag will selbst Erfahrungen mit Büchern machen und überredet seine Frau, mit ihm zusammen zu lesen. Diese reagiert abweisend, denn sie fühlt sich in ihrer gewohnten Aktivität stundenlangen Fernsehens gestört. In dieser Situation erkennt Montag, dass er Hilfe braucht, und sucht einen Mentor in dem pensionierten Literaturprofessor Faber, der noch miterlebt hat, wie in den Universitäten die kulturwissenschaftlichen Fachbereiche geschlossen wurden.
Montag missachtet Fabers Warnung, sich unauffällig zu verhalten, und wird von seiner Ehefrau bei seinem Vorgesetzten Beatty denunziert. Zur Strafe muss Montag mit seinem Flammenwerfer sein eigenes Haus mit den Büchern anzünden. Als Beatty zudem mit der Verhaftung Fabers droht, richtet Montag den Flammenwerfer auf seinen Vorgesetzten und tötet ihn.
Mit Fabers Hilfe gelingt Montag die Flucht durch den Fluss in die Wälder außerhalb der Stadt. Dort schließt er sich einer Gruppe von Dissidenten an, die, von den Medien totgeschwiegen, in den Wäldern vor der Stadt leben und einmal gelesene Bücher im Gedächtnis bewahren, um sie vor dem Vergessen zu retten. Jeder dieser Menschen ist nach dem Buch benannt, das er auswendig gelernt hat.
Warum sollte man nicht wollen, dass Jugendliche Fahrenheit 451 lesen? Für mich selbst war es ein Impuls, Bücher umso mehr zu schätzen.
Weitere verbotene Bücher
Die Abenteuer des Huckleberry Finn von Mark Twain: Grobe Sprache, rassistische Stereotypen und Verwendung des N-Wortes.
Die Abenteuer des Tom Sawyer von Mark Twain: Grobe Sprache, rassistische Stereotypen.
Farm der Tiere von George Orwell: zu politisch.
1984 von George Orwell: Pro- und antikommunistische Ansichten, sexuelle Inhalte und Gewalt.

Crazy von Benjamin Lebert: Obszöne Sprache, sexuelle Themen.
Herr der Fliegen von William Golding: Obszöne Sprache, Gewalt und Tierquälerei.
Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien: Übernatürliche Themen.
Die Satanischen Verse von Salman Rushdie: Darstellung des Propheten Mohammed in einem negativen Licht.
Ulysses von James Joyce: Hinweise auf Selbstbefriedigung.
Gründe für den Bücherbann
Es gibt berechtigte moralische Gründe dafür, etwa Nabokovs „Lolita“ nicht in Schulbibliotheken auszulegen (sexuelle Spannung zwischen einem erwachsenen Mann und einer Minderjährigen). Es gibt erzieherische Gründe dafür, Hitlers „Mein Kampf“ nicht unbedarften Kindern und Jugendlichen in die Hand zu geben, schließlich haben diese Gedanken ihre überaus schädliche Wirkung zur Genüge unter Beweis gestellt.
Aber „Animal Farm„, weil es zu kommunistisch ist? Den „Herrn der Ringe„, weil es da übernatürlich zugeht (Gandalf erscheint als Christusfigur, weil er scheinbar von den Toten aufersteht)? Die „Satanischen Verse„, weil es angeblich die religiösen Gefühle mancher Mohammedaner zu sehr verletzt? „Harry Potter“ wegen Zauberei?? In diesem Fall, bzw. mit derlei Begründungen, müsste man auch aus Grimms Märchen weite Passagen herausstreichen:
- Übernatürliches: Dornröschen, 100 Jahre scheintot, wird wieder zum Leben erweckt!
- Bluttriefendes: Aschenputtels Stiefschwestern werden Zehen oder Fersen abgeschnitten, damit ein Schuh passt!
- Jugendgewalt: Hänsel und Gretel verbrennen eine alte Frau im Ofen!
- Giftanschlag: Ältere Dame vergiftet ihre jüngere Stieftochter (Schneewittchen)!
Ich sollte mit solchen Aufzählungen vorsichtig sein, vielleicht verursachen sie sonst ein weiteres Verbot…
Manche Eltern und School Boards in den USA verfolgen wohl das Ansinnen, die Welt ihrer Kinder möglichst rein von schädlichen Einflüssen zu halten – wobei ganz selbstverständlich sie bestimmen, was schädlich und was zuträglich ist. Also wird alles bekämpft, was nach „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ riecht (vor Jahrzehnten) oder nach Homo- oder Transsexualität (eher gegenwärtig).
Manche religiösen Fanatiker würden wohl einzig die Bibel als Literatur zulassen – wobei sie dann aber auch beispielsweise die sexuell sehr anzüglichen Stellen im Hohelied entweder nicht kennen oder dann auch streichen müssten; oder manche gewalttriefende Szene aus den Könige- und Richter-Büchern.
Zensur ist zweifelhaft, sobald sie nicht von ruhigem und sachverständigem Nachdenken angeleitet wird, sondern von elterlichem, religiös oder politisch motiviertem Eifer.
Und dann gibt es ja noch den Streisand-Effekt: Ein Buch, das sie nicht lesen sollen, ist für viele Jugendliche gerade deshalb besonders interessant.






