Elsbeth Stern, eine deutsche Psychologin und Professorin für Lehr-Lern-Forschung an der ETH Zürich und der Kürze halber häufig „Intelligenzforscherin“ genannt, kam schon mehrfach in diesem Blog zu Wort. Ich wurde vor kurzem auf ein Interview mit ihr in Spiegel online aufmerksam gemacht, aus dem ich hier einige Aussagen zitieren möchte, in denen sie sich für ein längeres gemeinsames Lernen ausspricht.
Die ideale Schule ist eine Gemeinschaftsschule
SPIEGEL: Wie sähe Ihre Idealschule aus?
Stern: Ich bin für eine Gemeinschaftsschule, auf die alle Kinder gehen, bis sie 15 sind. Da hätte man dann zum Beispiel drei Mathematikkurse, A, B, C, und wenn ein Kind in einem A-Kurs Mühe hat, sagt man ihm, geh doch noch mal in den B-Kurs und hol das Thema nach. Wenn ein Zweitklässler dagegen in dieser Idealschule schon so viel rechnen kann wie ein Viertklässler, könnte er dort mit älteren Schülern gemeinsam lernen.
SPIEGEL: Das Sortieren von Neunjährigen auf unterschiedliche Schulen ist also falsch?
Stern: Intelligenz stabilisiert sich erst mit etwa zwölf Jahren. Die frühe Selektion führt zu einer riesigen Schnittmenge an Kindern mit gleich hohem IQ, die willkürlich auf der Realschule oder auf dem Gymnasium landen, manchmal sogar auf der Hauptschule. Eltern müssen nur genügend pushen, dann landen sogar recht schwache Kinder auf dem Gymnasium.
Gleiche Chancen für gleich intelligente Kinder?
SPIEGEL: Wenn es in Deutschland 50 Prozent eines Jahrgangs auf das Gymnasium schaffen, dann hat aber wenigstens jedes intelligente Kind eine gute Startchance?
Stern: Eben nicht! Die Gruppe um den Dortmunder Schulforscher Wilfried Boos hat auf meine Bitte hin die Daten einer großen Studie ausgewertet. Es zeigt sich eine entsetzliche Schieflage: Ein sehr intelligentes Kind aus niedrigen sozialen Schichten hat nur eine Chance von 50 Prozent, aufs Gymnasium zu kommen, während ein Kind mit einem IQ unter 100 aus der Mittelschicht eben auch eine 50-Prozent-Chance aufs Gymnasium hat. Die Daten zeigten auch, dass die intelligenten Kinder aus unteren sozialen Schichten am Ende der Grundschule schlechter lesen konnten. Da hat eindeutig die Schule versagt – nicht die Schüler.
Drei Töpfe für so viele verschiedene Kinder?
Stern: …Wenn ich gegen unser dreigliedriges System bin, dann nicht, weil alle Menschen gleich sind, sondern weil sie so verschieden sind, dass diese drei Töpfe ihnen nicht gerecht werden. Diese Individualisierung darf aber nicht ideologisch von oben verordnet werden. Sonst wird das gegen die Wand gefahren – genau wie die Inklusion.
Das sind jetzt nur wenige Aussagen aus dem Interview, das sich in seiner Gänze zu lesen lohnt. Hier ist der Link zu Spiegel online (kostenpflichtig).
Quelle:






3 comments On People #8: Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin
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Kommt drauf an, ob das Ziel Bildung oder Selektion ist. Sich darüber zu beschweren, dass mehr Schüler das Gymnasium besuchen heißt auch sich über bessere Bildung zu beschweren. Diese wird nicht besser je weniger Eliten darüber verfügen, es sei denn wir würden hier von einem ökonomischen Gut sprechen, dass durch Knappheit einen höheren Wert besitzt. Die Frage ist doch, ob Bildung überhaupt so einen großen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen muss und wonach wir hier eigentlich selektieren. Vielleicht sollte mehr in Ausbildung investiert werden. Die hat nämlich einen tatsächlichen gesellschaftlichen Mehrwert, der nicht nur Eliten zugute kommt. In der Praxis kann Intelligenz einen echten Unterschied machen, wenn Verantwortung übernommen wird und Probleme gelöst werden.
Wenn ich Frau Stern richtig verstehe, dann bemängelt sie nicht ein Mehr oder Weniger an Kindern, die aufs Gymnasium kommen, sondern die erwiesene Tatsache, dass es oft die falschen sind: Intelligente Kinder aus den „niedrigen sozialen Schichten“ kommen nicht so leicht aufs Gymnasium wie die aus den oberen Schichten. Das bedeutet, dass das Potenzial zahlreicher Kinder aus der Unterschicht verschenkt wird – jedenfalls zum Zeitpunkt der Frühselektion.
Andererseits kommen weniger begabte Oberschichtkinder – der Soziologe Hartmut Esser nennt sie manchmal die „mittelmäßigen Maltes“ – aufs Gymnasium, erhalten dort u. U. mit Mühe (und viel Nachhilfe) ihr Zertifikat und kommen so an gesellschaftlich wichtige Stellen – wo sie dann oft überfordert sind.
Hier gibt es weitere Infos dazu: https://paedagokick.de/faktencheck-15-intelligenz-und-schulerfolg/