
Von Bernhard Warsitz, Lehrer für Pädagogik und Psychologie an der Montessori-Oberschule München
Filmdokumentation „Die vergessenen Seiten des Lernens“ – Was machen wir da eigentlich? Eine Reise zu pädagogischen Orten in Deutschland – Indien – Rumänien – Uganda – Albanien. Mit Prof. Peter Gray, Jenny Rasche, Dr. Renz-Polster, Prof. Manfred Liebel, u.a.
Was mache ich da eigentlich?
Geht es Ihnen gelegentlich so, dass sie sich in der Ausübung ihrer vielleicht pädagogischen Tätigkeit denken: „Was mache ich da eigentlich?“ So ein Gefühl, vielleicht beim Korrigieren, dass sich die permanente Fehlersuche weder für einen selbst noch für die Schüler:innen als wirklich sinnvoll erweist…
Bei mir wurde es mit jedem Jahr, in dem ich meine SuS (Schüler:innen) auf die Abiturprüfung vorbereitet habe, schlimmer. Wenn Schüler:innen (und Lehrer:innen auch) so denken müssen, wie Lehrpläne denken und das auch noch standardisiert überprüft wird, dann finde ich das nicht wirklich sinnstiftend, zumindest in dieser Form viel zu eingleisig.
Ich gehöre zu den Dinosauriern, die sich mit dem Schul- und Bildungssystem, in dem wir leben, nicht zufriedengeben wollen. Ich will rebellieren.
Darum habe ich mich vor fünf Jahren entschlossen, in einem Sabbatical eine Filmdoku zu produzieren, auf eigene Kasse und Low Budget. Und so bin ich im Schuljahr 2023/2024 mit meinem Faltrad gestartet, habe viele Länder und Experten besucht, mit Schüler:innen und Lehrer:innen diskutiert, sowie mit Eltern, natürlich. Dabei habe ich die Sinnfrage aus zwei Perspektiven gestellt:
Was brauchen Schüler:innen um sich nicht einfangen zu lassen?
1. Was brauchen Schüler:innen, damit sie sich nicht in Verschwörungserzählungen oder der Bewunderung autokratischer Persönlichkeiten verfangen? Welche Rolle spielen Schulen dabei, welche Risiko- oder Schutzfaktoren beherbergen sie? Was können sie eigentlich leisten?
Das sind für mich sinnvolle Fragen, die sich auf ein gewaltiges und aktuelles Problem beziehen: den Rechtsruck in dieser Welt! Dieser Ruck bringt Klimawandelleugner an die Macht. Und wie reagieren Schulen?
Der renommierte Kinderarzt und Pädagoge Dr. Renz-Polster hat mich mit seinem Buch „Erziehung prägt (politische) Gesinnung“ auf dieses leider so wenig diskutierte Thema gebracht. Er hat mich und meinen Film unterstützt, denn er hält es für keinen Zufall, dass genau in den US-Staaten, in denen Kinder „unfreundliche Erziehungsbedingungen“ antreffen, Donald Trump die Wahlen gewonnen hat. Je schlechter die Situation der Kinder, je mehr Stimmen für Trump! Es geht um die Erfahrung von Macht in Familien und in der Institution Schule, es geht um „Adultismus“, ein von Prof. Manfred Liebel mitgeprägter Begriff, der das Unten/Oben-Verhältnis von Erwachsenen und Kindern beleuchtet.
Warum entwickeln so viele Schüler:innen psychische Auffälligkeiten?
Und 2.: wie kommt es, dass so viele Schüler:innen psychische Auffälligkeiten entwickeln? Und wieder stellt sich die Frage: Auf welche Weise wirkt Schule? Die Suizidrate von Teens (15 – 19 Jahren) in den USA, aber auch in anderen englischsprachigen Ländern wie Kanada, UK, Australien und Indien ist zwischen 2010 und 2015 in die Höhe geschnellt. Der US-amerikanische Entwicklungspsychologe Prof. Peter Gray hat dieses Phänomen beforscht und die Frage, welche Rolle Schule dabei spielt, beleuchtet. Westliches Denken in der Schulentwicklung kommt dabei nicht gut weg.
Ihn habe ich ebenso gesprochen, wie zahlreiche Schüler:innen, Lehrer:innen, Eltern und Schulleitungen in Indien. In Indien muss jede Schule schulpsychologisches Personal haben. Man hat hier verstanden, dass man etwas tun muss; ob das reicht, ist eine andere Frage. In meinen Augen müssen wir uns viel intensiver mit diesem Thema befassen, um Schule insgesamt „menschengerechter“ werden zu lassen.
Schulgründung in Uganda
Und schließlich bin ich zu meiner ehemaligen Schülerin Alexandra Müller nach Uganda gereist. Sie hat dort eine Schule gegründet mit jungen 20 Jahren. Sie berichtet, welche Kompetenzen ihr geholfen haben, das Projekt erfolgreich Wirklichkeit werden zu lassen. Eins ist dabei deutlich geworden, ihr (Schul-)Wissen hat sie eher als Hindernis bewertet.
Es geht auf all diesen Reisen um die Frage, welche Seiten des Lernens wir bislang vielleicht vergessen haben. Ziel ist es, eine Debatte darüber zu unterstützen, die hinterfragt, was Bildung sein kann, und vielleicht sein sollte…
Wer sich für den Film interessiert, kann auf YouTube kurze Trailer anschauen und den Kanal „Education for future“ abonnieren. Gerne können Sie diese Mail auch weiterleiten.
oder www.education-for-future.com
Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.
Bernhard Warsitz
Bernhard.Warsitz(at)gmail.com
P.S.: Hinterlassen Sie gerne Kommentare, es tut gut zu erfahren, dass Menschen mitdenken, auch wenn sie anderer Meinung sind…





