„Unklarer Nutzen: Willkommensklassen verbessern Deutschkenntnisse von Geflüchteten zu wenig“. So lautet die Überschrift zu einer Pressemeldung der Martin-Luther-Uni Halle-Wittenberg. Darin wird beschrieben, dass das Lernen einer Fremdsprache in Regelklassen wirkungsvoller ist als in separierten Willkommens- oder Vorbereitungsklassen.
Ich zitiere erst die Pressemeldung und hänge einige Gedanken an.

Pressemeldung Nummer 093/2025 vom 12. August 2025
Junge Geflüchtete verbessern ihre Sprachkenntnisse in Deutschland am ehesten, wenn sie möglichst schnell in reguläre Schulklassen kommen. Das zeigt eine neue Studie von Forschenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), für die sie Daten von mehr als 1.000 Jugendlichen auswerteten. Die Analyse zeigt auch: Willkommensklassen scheinen unzureichende Deutschkenntnisse nicht wie erhofft ausgleichen zu können. Die Arbeit wurde im Fachmagazin „Acta Sociologica“ veröffentlicht.
Damit Schülerinnen und Schüler aus eingewanderten Familien dem Unterricht folgen und gute Leistungen bringen können, müssen sie die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen. „Über den Stand der Deutschkenntnisse existieren auch zehn Jahre nach der großen Fluchtmigrationsbewegung nach Deutschland wenig Zahlen. Untersuchungen zeigen jedoch, dass geflüchtete Grundschulkinder beim Leseverständnis durchschnittlich zwei Schuljahre im Vergleich zu ihren nicht eingewanderten Mitschülerinnen und Mitschülern zurückliegen“, sagt PD Dr. Oliver Winkler vom Institut für Soziologie der MLU.
Gemeinsam mit Anne-Kathrin Carwehl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge untersuchte Winkler, ob rechtliche und institutionelle Bedingungen einen Einfluss auf den Erwerb von deutschen Sprachkompetenzen junger Geflüchteter haben. Die Forschenden haben dabei drei Faktoren in den Blick genommen: die Wartezeit bis zur Einschulung, den Asylstatus und die Frage, ob die Geflüchteten vor dem Besuch der regulären Klasse eine sogenannte Neuzuwanderer- oder Willkommensklasse besucht hatten. In die Analyse wurden 1.097 Jugendliche einbezogen, die zum Befragungszeitpunkt zwischen 14 und 16 Jahre alt waren und eine Regelklasse in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Sachsen besuchten. Datengrundlage ist das Panel „Refugees in the German Educational System“ (ReGES), das von 2016 bis 2021 vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe durchgeführt wurde und bei dem auch Deutschkenntnisse geprüft worden sind.
Die Ergebnisse der MLU-Auswertung zeigen, dass längere Wartezeiten bis zur Einschulung auch Jahre später noch mit schlechteren Deutschkenntnissen einhergehen. „In vielen Bundesländern beginnt die Einschulung erst dann, wenn die Zuweisung der Flüchtlingsfamilie zu einer Kommune erfolgt ist. Damit sollen häufige Schulwechsel vermieden werden“, erklärt Winkler. Folge dieser Politik ist, dass schulpflichtige Flüchtlingskinder oft deutlich länger als ein halbes Jahr auf ihre Einschulung warten und in dieser Zeit keinen Kontakt zu deutschsprachigen Mitschülerinnen und Mitschülern haben.
Dieser mangelnde Kontakt zu gleichaltrigen Nichtgeflüchteten ist offenbar auch ein Grund dafür, dass Willkommensklassen kaum zu einer Angleichung der Zweitsprachkenntnisse führen. Solche Klassen sind in vielen Bundesländern eingerichtet worden, um junge Geflüchtete mit geringen Deutschkenntnissen auf den Besuch einer Regelklasse vorzubereiten.
Wir haben festgestellt, dass ehemalige Schülerinnen und Schüler von Willkommensklassen auch Jahre später noch geringere Sprachkenntnisse als jene Flüchtlinge haben, die von Anfang an Regelklassen besuchten. In den Vorbereitungsklassen gelingt es offenbar nicht ausreichend, Anfangsunterschiede beim Sprachniveau auszugleichen,
sagt Winkler.
Tendenziell hängen die Sprachkenntnisse offenbar auch vom Asylstatus ab. Die Daten des ReGES-Panels zeigen: Geflüchtete, die mit dem latenten Risiko leben, abgeschoben zu werden, haben schlechtere Deutschkenntnisse. Winkler: „Offenbar setzen unterschiedliche Bleibeperspektiven unterschiedlich starke Anreize zum Erlernen der Zielsprache. Wer nicht weiß, ob er bleiben darf, investiert womöglich weniger in seine Deutschkompetenzen.“
Auch wenn der Bildungserfolg von Geflüchteten von vielen weiteren Faktoren abhängt, lassen sich nach Ansicht der Forschenden anhand der Daten des ReGES-Panels dennoch Empfehlungen für die Politik ableiten.
Die Tendenz ist eindeutig: Eine möglichst schnelle Einschulung, eine rasche Integration in den Fachunterricht und ein sicherer Asylstatus sind gute Voraussetzungen für das Erlernen der deutschen Sprache. Insbesondere in den Grundschulen sollte auf separierende Vorbereitungsklassen verzichtet werden,
sagt Winkler. Als Einwanderungsland sei Deutschland gefordert, an dieser Stelle gute Rahmenbedingungen und kontinuierliche Unterstützung für eine gelingende Integration zu schaffen.
Die Studie wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.
Studie: Winkler O. & Carwehl A.-K. Institutional conditions and acquisition of language skills among young refugees: Investigating the German context. Acta Sociologica (2025). doi: 10.1177/00016993251351531
Ein paar Überlegungen dazu
Ich will jetzt nicht weiter auf unsere deutsche Einwanderungspolitik eingehen, die derzeit hauptsächlich von christlichen Parteien betrieben wird, die sich (nach meinem subjektiven Eindruck) mehr am Populismus der AfD orientieren als an den Maßstäben des Neuen Testamentes und mehr auf Abweisung setzen als auf Integration. Mir geht es um einen pädagogischen Aspekt:

Sprachbäder…
Kinder aus anderen Ländern nicht in Deutschlernklassen zusammenzufassen, sondern in die Regelklassen zu setzen, haben wir an unseren Schulen immer „Sprachbad“ genannt. Die oben zitierte wissenschaftliche Studie bestätigt nun unsere pädagogischen Erfahrungen, dass unser doch recht kompliziertes Deutsch besser über die direkte Begegnung gelernt wird als über die Theorie in besonderen Klassen. Allerdings beziehen sich meine eigenen Erfahrungen dabei nur auf Grund- und Mittelschulen in Bayern. Hier gibt es vermutlich reichlich inhaltliche Redundanzen, so dass ein „Stoff“ nicht gleich bei der ersten Begegnung verstanden sein muss, sondern wiederholt begegnet. Das wird vermutlich an Realschulen und Gymnasien anders sein.
Das Prinzip hinter dem „Sprachbad“ würde ich so beschreiben: Einzelne Kinder sitzen in einer Klasse/Gruppe zusammen mit anderen Kindern, die etwas schon können, was diese Einzelnen lernen sollen und wollen.
… und Jahrgangsmischung
Das wirft für mich ein neues Licht auf die Jahrgangsmischung, die genau auf dieses Prinzip baut und schon seit Jahrzehnten u.a. in Montessorischulen programmatisch betrieben wird. Ein Blick lohnt sich auch auf die Berg-Fidel-Schule in Münster und die Bücher von Dr. Reinhard Stähling, in der das Prinzip Jahrgangsmischung erst diskutiert, dann erprobt wurde und inzwischen erfolgreich geübt wird. Einen ähnlichen Weg beschreitet die Alemannenschule in Wutöschingen von einer anderen Seite aus: Weil beim individualisierten Lernen Jahrgangsklassen wenig Sinn machen, verzichtet diese Schule darauf und macht Lernpartnerschaften unabhängig von Jahrgängen möglich.
Seitenblick auf Hattie: Er beschrieb schon in der ersten Ausgabe von Visible Learning den pädagogischen Nutzen von Jahrgangsmischung so: weder besser noch schlechter als Jahrgangsklassen (d = 0.01). Das hängt allerdings nach Erkenntnissen der von ihm zitierten Quellen (aus den 1990er Jahren) damit zusammen, dass die Lehrkräfte nur selten pädagogischen oder methodischen Nutzen aus den gemischten Klassen zogen, sondern in ihrem Unterricht die Altersgruppen gern wieder getrennt unterrichteten.
… und gemeinsames Lernen
Da sind wir wieder bei der Frage, ob das Lernen in leistungshomogener Umgebung besser funktioniert als in heterogener. Die Argumente wogen hin und her, und es finden sich gute Punkte für beide Sichtweisen.
Was man dabei im Auge behalten muss, ist sicher die Frage: Wie viele Einzelne gibt es, und was ist das Niveau der Mehrheit? Erwiesen ist nach meinem Kenntnisstand, dass Kinder gleicher Fähigkeiten sich unterschiedlich entwickeln, je nachdem, welche Schulart sie besuchen, bzw. in welchem Lernumfeld sie sich bewegen. Die Stichworte lauten „differenzielle Lernentwicklung“ oder „Lernumgebung“ oder auch „Little Fish, Big Pond“. Das ist jetzt nicht weiter überraschend, denn auch im Sport gibt es die Erfahrung, dass Jugendliche „nach oben gezogen“ werden, wenn sie an Trainingsgruppen teilnehmen, die im Durchschnitt bessere Leistungen erbringen.
Für das „Ziehen nach oben oder nach unten“ gibt es vermutlich kritische Größen, die abhängig sind von den Einzelpersonen, den Fächern in der Schule, den bestimmenden Peers usw. Das Thema bleibt komplex und muss in den Einzelfällen entschieden werden.
Auch hier wieder ein Seitenblick auf Hattie, der dem Homogenisieren von Schülergruppen, bei ihm „ability grouping“ genannt, einen Gesamteffekt von d = 0.09. zuschreibt, also einen Nichteffekt. Ein zweiter Blick zeigt, dass diese Erkenntnis für den „achievement effect“ gilt. Für den „equity effect“ seien die Auswirkungen dieser Aufteilung allerdings grundlegend negativ und er fragt sich, warum man mit dieser Art Unterricht überhaupt weitermacht. Näheres dazu in diesem Beitrag.
… und Inklusion
Schließlich kann das Prinzip Sprachbad auch ein neues Licht auf die Frage der Inklusion von behinderten Kindern und Jugendlichen in Regelklassen werfen: Obwohl es eine klare und unmissverständliche Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention ist, haben viele Menschen (Ministerialbeamte, Lehrkräfte, Eltern) Schwierigkeiten mit der Umsetzung dieses Menschenrechts, weil sie eine Beeinträchtigung der „Normalen“ durch die „Behinderten“ befürchten. Dazu folgende Aspekte:
Wie viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) müsste eine bayerische Grundschulklasse aufnehmen, wenn man die Sonderschulen dieser Altersgruppe auflöste? An der LMU München wurde mal nachgerechnet: Es sind im Durchschnitt 0,8 Kinder mit SPF. Da muss man jedenfalls nicht das Überschreiten einer kritischen Schwelle befürchten, die das Niveau der ganzen Klasse „nach unten ziehen“ würde.
Dass Kinder und Jugendlichen mit SPF in Regelklassen besser lernen und später besser in die Arbeitswelt integriert werden, sind gesicherte Erkenntnisse, die auch in diesen Fällen für das „Prinzip Sprachbad“, das man in „Prinzip Lernbad“ umbenennen könnte, sprechen.
Auch Hattie hat sich mit dieser Frage befasst und kommt zu eindeutigen Ergebnissen: Wenn man es richtig anpackt – diese Voraussetzung gilt natürlich für alle pädagogischen Empfehlungen – dann werden alle davon einen Nutzen haben, sowohl die Kinder und Jugendlichen mit SPF als auch die ohne.
Fazit
Vielleicht ist es jetzt nachvollziehbar, warum und wie ich aus einer Pressemeldung über das Lernen der deutschen Sprache auf das „Prinzip Sprachbad“, von da aus auf das „Prinzip Lernbad“ gekommen bin und daraus Schlüsse für Jahrgangsmischung, gemeinsames Lernen und Inklusion gezogen habe. Die Begründungen sind in diesem Beitrag sehr kurz ausgefallen, aber wenn man den Links folgt, wird das Ganze solider.






1 comments On Faktencheck #111: Das Prinzip Sprachbad
Ich danke für diesen bedeutenden und sorgfältigen Artikel. Ganz besonders gefällt mir, dass der Begriff der „Inklusion“ auf diese Weise breiter verstanden wird.
Für Personen, die sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzen wollen, möchte ich noch auf eine neue Publikation von Inger Petersen u.a. aufmerksam machen:
Petersen, Inger; Erichsen, Göntje & Eckardt, Inga Christiana (2025): Zwischen Separation und Inklusion – Beschulungsmodelle und Unterrichtskonzepte für neu zugewanderte Schüler*innen. Einführung in den Themenschwerpunkt. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 30: 1, 1–26. https://doi.org/10.48694/zif.4227
Freundlich grüsst B.ach., Luzern