Sichtweisen #95: Keine Angst vor KI!

Willkommen in der Zukunft der Schulbildung! Oder vielleicht auch nicht. Denn heute geht es um die kontroverse Debatte über die Einführung von künstlicher Intelligenz in der Schule. Sollen wir unsere Schüler*innen von Robotern unterrichten lassen oder sollen wir uns auf die menschliche Intelligenz verlassen? In diesem Blogbeitrag werden wir uns mit beiden Seiten auseinandersetzen und herausfinden, ob künstliche Intelligenz tatsächlich die Zukunft der Schulbildung ist oder nur ein vorübergehender Trend. Aber keine Sorge, wir werden auf jeden Fall eine gute Zeit haben, denn schließlich ist das Thema künstliche Intelligenz in der Schule so spannend wie ein sprechender Papagei in der Mathematikstunde.

Falls Ihnen an dieser Einleitung etwas komisch vorkommt: Sie stammt nicht von mir, sondern von einer „Künstlichen Intelligenz“ (KI), nämlich einer Software, die auf der Grundlage eines neuronalen Netzwerkes Texte produzieren kann. So sah mein Dialog mit diesem irgendwie intelligenten Gesprächspartner ChatGPT aus:

Das ist nicht mein Sprachstil, deswegen waren Leserinnen oder Leser, die öfters mal bei Pädagokick vorbeischauen, vielleicht etwas irritiert. Aber es ist doch eine enorme sprachliche und inhaltliche Leistung für ein von Menschen programmiertes Etwas. Es würde vermutlich einen Turing-Test bestehen:

Im Zuge dieses Tests führt ein menschlicher Fragesteller, über eine Tastatur und einen Bildschirm, ohne Sicht- und Hörkontakt, eine Unterhaltung mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern. Der eine Gesprächspartner ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Kann der Fragesteller nach der intensiven Befragung nicht sagen, welcher von beiden die Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden und es wird der Maschine ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen unterstellt.

Wikipedia

[Nachtrag: Ich habe ChatGPT gefragt, ob sie/es den Turing-Test bestehen würde. Antwort ganz unten nach dem Text.]

Deswegen war ich auch geschockt, als ich von ChatGPT hörte und meine ersten Fragen stellte. Sie können sich vielleicht vorstellen, was einem Menschen durch den Kopf geht, der mit Leib und Seele Lehrer ist:

Was können die Schüler:innen uns da alles unterjubeln?!

Hier eine kurze Liste von Möglichkeiten:

  • Erörterungen schreiben
  • Referate vorbereiten und ausformulieren
  • Bücher, Texte oder Theaterstücke zusammenfassen
  • kurze Programme schreiben

Ich sehe meine lieben Schülerlein schon vor mir sitzen – „Hausaufgabe bis morgen: Schreibe einen Aufsatz über die Ursachen, die zum Ausbruch des ersten Weltkriegs führten (300 Wörter)!“ Die Schüler: „Klar (grins), machen wir.“ Oder wie es eine Kollegin ausdrückt:

Autsch! Kein Wunder, dass es gleich mal ein paar Rufe gab, die Anwendung von ChatGPT und andere künstliche Intelligenzen in der Schule zu verbieten. Dabei geht es nicht nur um die Sorge vor Unterschleif, sondern auch darum, dass die Kinder und Jugendlichen sich daran gewöhnen, noch weniger zu denken.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Sagten das nicht auch immer die Taschenrechner-Skeptiker: „Wenn sie immer den Taschenrechner nutzen dürfen, dann können sie bald gar nicht mehr Kopfrechnen!“ Trotzdem hat er sich durchgesetzt. Und wie ist es mit dem Navi, liebe Erwachsene – muss da nicht die Ausbildung der „inneren Landkarte“ verkümmern? Aber kümmert Sie das?

Die Lehrerverbände BLLV, BRLV und DLV haben erkannt, dass es um eine andere Frage gehen muss:

Wie können wir KI in der Schule sinnvoll und kritisch einsetzen?

Da bekommen als Erstes die Lehrer:innen ein unglaublich einsatzfähiges Werkzeug (Neudeutsch: „Tool“) in die Hand.

Was können Lehrerinnen und Lehrer mit ChatGPT anfangen?

Hier gleich mal ein Beispiel:

Das Schöne an diesem Beispiel für meinen Mathestoff in einer 9. Klasse ist, dass es eine schlechte Übersetzung und einen sachlichen Fehler enthält:

  • „Grundflächen-Volumen“ soll der deutsche „Flächeninhalt“ sein.
  • Und der wird nicht wie von ChatGPT durch die Körperhöhe geteilt, sondern mit ihr multipliziert.

Es gibt also noch Verbesserungsbedarf. Aber die KI lernt schnell. Ich habe kurz darauf nach der Volumenberechnung für den Kegel gefragt; die Antwort war fehlerfrei.

  • Wir können uns also bei der Formulierung von kürzeren oder längeren Abschnitten in altersgemäßer Sprache helfen lassen.
  • Außerdem Lückentexte oder
  • Multiple-Choice Tests erstellen lassen;
  • Bewerbung schreiben lassen
  • oder RS-Übungen erstellen
  • oder ein YouTube-Video transkribieren lassen…

Und das sind nur mal die ersten Ahnungen für das Potenzial an Fähigkeiten dieser künstlichen Intelligenz. Man kann sich dazu im Twitterlehrerzimmer schlau machen oder bei der Pädagogischen Hochschule Schweiz nachlesen oder dieses inhaltsreiche Padlet nutzen oder sich den Umgang mit ChatGPT im Selbstlernkurs auf studypoint draufschaffen.

Was sagen Lehrer:innen zu ChatGPT in der Schule?

Da wird man auf Twitter fündig. Hier ein paar Tweets:

Der Kollege sieht das optimistisch und versucht, seinen Unterricht auf ein höheres Niveau zu heben = tieferes Verständnis zu gewinnen. Ja, klar: Wir sind ja schon seit einigen Jahren dabei, unsere Zöglinge internetfähig zu machen, indem wir ihnen das Mantra von der Quellenkritik vorsingen: „Schau, woher du deine Infos hast! Sind sie zuverlässig? Was sagen andere Quellen? Nimmst du nur das auf, was deiner Meinung entspricht oder kannst du auch auf Kritik hören?“ Und so weiter. Diese Erziehungsaufgabe ändert sich auch unter den Bedingungen einer neuen und wahnsinnig starken KI nicht.

Außerdem sind wir ja auch nicht auf den Kopf gefallen, und kennen doch unsere Schülerlein: Wenn sie einen Aufsatz abgeben, der überhaupt nicht ihrer bisherigen eigenen Ausdrucksweise oder ihren Rechtschreibfähigkeiten entspricht, können wir das unterscheiden. Wir können auch verstärkt auf mündliche Leistungserhebungen setzen.

Und was ist, wenn die halbe Klasse ChatGPT für das gleiche Aufsatzthema verwendet? Dann wird es wohl erstaunliche inhaltliche und sprachliche Übereinstimmungen geben, die auch einem von spätabendlicher Korrektur ermüdeten Kollegen die Stirn runzeln oder die Augen verdrehen lassen.

Hier ein Abstimmungsergebnis aus einer österreichischen Quelle:

ChatGPT hat übrigens auch eine eigene Meinung dazu 🙂

Ist das nicht spooky?! Wer nun einen leichten Angstschauer verspürt, kann sich (vorerst) damit beruhigen, dass diese Künstlichen Intelligenz auch noch ein paar Schwächen und Fehler aufweist. Hier eine Auswahl:

Schwächen und Fehler der KI

ChatGPT wurde wohl schon dabei erwischt, dass es Fehler und Falschaussagen produzierte oder Quellenangaben erfand.

Wie bei jedem neuronalen Netzwerk kommt es – was Haltungen und Werte betrifft – immer darauf an, mit welchen Texten eine Software gefüttert wird. Wenn es darin starke Vorurteile oder Stereotypen gibt, dann kommt dies auch in den von der KI generierten Texten zum Ausdruck. Wir kennen dieses Problem auch von scheinbar so objektiven mathematischen Algorithmen.

Witzig finde ich Logik-Probleme wie dieses hier:

ChatGPT ist überfordert und checkt nicht, dass Mike das vierte Kind sein muss! Das ist doch irgendwie tröstlich. Allerdings ist die Selbstreflexionsfähigkeit dieser KI schon fast wieder beängstigend:

Wow! Wir haben da einen starken Gesprächspartner. Ich schätze mal, dass deswegen die Nutzung von ChatGPT in der nächsten Zeit exponentiell zunehmen wird, was zu einem nur allzu bekannten Problem führen wird:

Gestern hatte ich eine entsprechende Fehlermeldung. ChatGPT kann sich aber daran nicht erinnern, weil es kein Kurzzeitgedächtnis hat.

Die Tatsache, das ChatGPT die Pronomen, „du“, „ich“, „dein“, „mein“ richtig auf sich beziehen kann, erzeugt bei mir leichte Gänsehaut: Eine KI, die „ich“ sagen kann – hat die nicht schon oder bald ein Bewusstsein?!

Lehrerfreuden

Zum Abschluss noch ein paar tröstliche Worte, wenn auch in nicht besonders gelungener Form:

Nachtrag 1: Turing-Test

Nachtrag 2: ChatGPT und die Zukunft des Lernens

Ich habe vor kurzem diese spannenden Ausführungen von Christian Spannagel gefunden. Er ist Professor für Mathematik- und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Spannagel beschäftigt sich in Forschung und Lehre insbesondere mit dem Einsatz digitaler Technologien in Bildungskontexten und wurde dafür zweimal mit dem Lehrpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Er geht den Problemen und Fragen rund um den Einsatz von ChatGPT in Schule und Uni mit diesen drei Ansätzen nach:

Man einigt sich darauf, dass die entsprechenden kognitiven Prozesse kein Lernziel mehr sein sollen, weil KI-Systeme diese erledigen können. 

Wenn man hingegen der Auffassung ist, dass die entsprechenden Kompetenzen weiterhin von den Lernenden erworben werden müssen, dann müssen die Lernenden davon überzeugt werden, dass es sinnvoll ist, sich diese Mühe zu machen. 

Eine dritte Möglichkeit ist, den Erwerb von Kompetenzen, die einem eine KI abnehmen könnte, in die Präsenz zu verlagern. 

Spannagel prophezeiht:

Es wird zu Verschiebungen bei den Lernzielen kommen, aber Basiskompetenzen in bestimmten Bereichen müssen die Lernenden trotz KI weiterhin erwerben

Einzig problematisch werden Hausarbeiten und Abschlussarbeiten sein. Hier wurde schon vielfach vorgeschlagen, dass man diese durch eine mündliche Testsituation (ähnlich der Disputation bei der Promotion) ergänzen könnte, in der die Prüflinge ihre Ergebnisse verteidigen müssen und in der auch der Entstehungsprozess der Arbeit thematisiert wird.

Spannagel hat für seine Lehrveranstaltungen diese Rules for Tools formuliert.

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