Werden die Kinder nur noch mit Tablets und VR-Brillen unterwegs sein, von Algorithmen individuell unterwiesen, begleitet und beurteilt – nebeneinander, aber nicht miteinander? Ist die PISA-Offensive des bayerischen Kultusministeriums auf dem richtigen Weg oder werden so die Probleme der Gegenwart nicht gelöst?
In einem Vortrag mit Diskussion an der Montessorischule Dachau gab Prof. Uta Hauck-Thum von der LMU München einige spannende Antworten.
„Wir müssen kreativ sein.“
„Wir müssen zusammen lernen.“
„Wir können im Computer nachschauen.“
„Aber wir dürfen nicht alles glauben, was der Computer sagt.“
In einem Einspieler zu Beginn des Vortrages ließ Frau Hauck-Thum Drittklässler zu Wort kommen. Die Einsichten der Kinder gaben die Richtung vor für vier Thesen der Professorin für Grundschulpädagogik.
These 1: Lehren und Lernen muss sich ändern.

Anhand einer Schülerzeichnung zeigte Frau Hauck-Thum, was in den Köpfen der Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen verankert ist, eine bestimmte Vorstellung von Schule. Die Lehrkraft steht in einem nach vorne zur Tafel (neuerdings: zum Smartboard) ausgerichteten Klassenzimmer und diktiert (meist kleinschrittig) das Geschehen. „Nur nicht die Kontrolle verlieren“, scheint das heimliche Leitmotiv vieler Lehrerinnen und Lehrer zu sein.
Die Alternative sieht Hauck-Thum darin, neben dem Üben an den Basiskompetenzen auch vermehrt „Räume der Unbestimmtheit“ zu betreten, indem Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten bekommen, sich mit relevanten Themen zu beschäftigen. Lehrkräfte begleiten und unterstützen sie auf ihren verschiedenen Lösungswegen und ermöglichen dadurch eine „adaptive Lernbegleitung“.
Als Beispiel nannte die Referentin die gemeinsame Erstellung einer Radiosendung. Während Frau Hauck-Thum in ihrer Zeit als Grundschullehrerin noch mit einem Kassettenrekorder arbeitete und die Schüler:innen in Kleingruppen eine Radiosendung zum aktuellen Unterrichtsthema produzierten, ergeben sich heute aufgrund technologischer Weiterentwicklungen und veränderter Formate noch viel mehr Möglichkeiten, mit Kindern aktiv zu werden (gefilmte Interviews, Geschichten zu KI-generierten Bildern, Stop-motion-Filme usw.).
Digitale Medien bilden einen wesentlichen Teil der Umwelt, in der die Kinder aufwachsen, und sie lernen auf diese Weise auch den (kritischen!) Umgang damit. Neben Partizipation und Teilhabe werden dabei auch fachspezifische Ziele wie das Lesen und Schreiben von Texten gefördert.
Mich erinnert dieser geforderte Kulturwandel an John Hatties Kritik am banking model of education, das er in der Welt weit verbreitet sieht und von dem er und Hauck-Thum wegkommen möchten. Die Schule, die Hattie will, sieht anders aus.
These 2: Die Prüfungskultur muss sich verändern

Man kann diese veränderte Unterrichtskultur nicht sachgemäß in den alten Prüfungsformaten von Input – Übung – Abfrage per Probearbeit fassen. Es geht um eine zeitgemäße Prüfungskultur. Dazu muss man den gesamten Lernprozess der Kinder in den Blick nehmen, nicht nur das Endprodukt. Welchen Text produziert ein Kind in der Anfangsphase der Arbeit? Wie geht es weiter damit um? Erkennt es Schwächen im Ausdruck oder in der Rechtschreibung? Zeigt es den Willen zur Verbesserung oder Präzisierung oder Zuspitzung? Ist es in der Lage, gemeinsam mit anderen am Text zu arbeiten? Man kann und darf nicht nur den Wissensstand am Ende einer Einheit (summativ) bewerten, sondern muss auch den Weg (formativ) evaluieren und den Kindern vor allem sinnvolles Feedback geben.
Überhaupt Noten: Sie stehen dem Lernen und dem Zusammensein mit den Kindern oft mehr entgegen. Professor Hauck-Thum würde lieber auf dieses Instrument verzichten und sagt, es geht auch ohne. Dass dies zutrifft, unterstrich auch der Rahmen des Vortrags: in einer Montessorischule, die bis hinein ins achte Schuljahr auf Noten verzichtet und trotzdem erfolgreiche Schülerinnen und Schüler hervorbringt.
These 3: Es geht um grundlegende schulische Transformationsprozesse

Einzelne Lehrerinnen können an ihren Grundschulen mit einem veränderten Lehren, Lernen und Prüfen beginnen. Aber irgendwann werden sie auf strukturelle Hindernisse stoßen. Sei es, dass der eigene Fortgang im „Stoff“ nicht mit dem in den Parallelklassen zusammenpasst; sei es, dass die Schulleitung mit dem neuen Konzept wenig anfangen kann; sei es, dass die Noten nicht als gleichwertig und gut begründet angesehen werden, auf denen letztlich der Übertritt und eine wesentliche Laufbahnentscheidung fußt.
Veränderung gilt es demnach immer gemeinsam anzustoßen und umzusetzen. Im Zentrum steht eine unterstützenden Schulleitung, die Veränderung ermöglicht, unterstützt und begleitet.
These 4: Transformation ist ein gemeinsamer, vernetzter Prozess
Was sie damit meint, beschreibt Frau Hauck-Thum in einem Fachbeitrag so:
Als zentrale Gelingensbedingung wird die konsequente und enge Verzahnung sämtlicher Akteur:innen (Schüler:innen, Eltern, Lehrende, Schulleitungen, Schulaufsicht, Schulträger) angesehen, die Schulentwicklung gemeinsam gestalten. Fokussiert wird zudem auf Diagnostik und passgenaue Förderung von Basiskompetenzen ebenso wie auf den Erwerb demokratischer und zukunftsrelevanter Schlüsselkompetenzen, die Kinder zur aktiven Teilhabe an der digitalen Welt befähigen. Darüber hinaus werden Lehrkräfte dabei unterstützt, entsprechende Lehr- und Lernszenarien im Team zu entwickeln und an die Lernvoraussetzungen ihrer Schüler:innen angepasst umzusetzen.
Eine Möglichkeit, den Transformationsprozess gemeinsam zu gestalten, ist die Organisation sogenannter „Schulfamilien“ wie derzeit im Landkreis Freising. Dort hat Professorin Hauck-Thum 22 Grundschulen mit Schulträger und Schulaufsicht dazu inspiriert, mit ihrer Begleitung neue Wege zu gehen und individuelle Schwerpunkte in der Schulentwicklung umzusetzen. Eine Kollegin aus einer dieser Schulen war anwesend und konnte authentisch darüber berichten.

Diskussion
An die sehr engagiert und lebendig vorgetragenen Ausführungen schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die immer wieder auf die Frage zurückkam: Wie lassen sich diese wissenschaftlich fundierten und inzwischen von guten Erfahrungen belegten Erkenntnisse in den Alltag einer Grundschule einfügen? Geht das innerhalb der bestehenden festen Strukturen von Stundentafel, vorgeschriebenen Probearbeiten und des nach wie vor stark in den Köpfen verankerten Input-Denkens? Was ist möglich und wo sind die Grenzen?
Frau Prof. Hauck-Thum setzte sich leidenschaftlich dafür ein, dass Lehrerinnen ihre pädagogischen Freiräume doch auch nutzen und sich nicht von Unsicherheiten und Traditionen ausbremsen – und letztlich auch unglücklich machen lassen.
Zuversicht und Mut ist das Gebot der Stunde.






2 comments On Gast #64: Wie sieht die Grundschule der Zukunft aus?
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