Sichtweisen #21: PISA und meine Neuntklässler

Wenn man den Schlagzeilen glauben darf, dann waren die letzten PISA-Ergebnisse für Deutschland eine Art Katastrophe. Die Ursachen für das knapp unter dem Gesamtdurchschnitt liegende Abschneiden wurden in der verschiedensten Winkeln der Bildungslandschaft gesucht.

Hier mal ein Ausschnitt aus meinem Google Alert:

Google Alert, Ergebnisse vom 07.12.2023

Und so sieht´s aus

Sind unsere Schülerinnen / Schüler also vergleichsweise dumm und noch dümmer geworden?

Ehrlicherweise kann ich das nicht beantworten, weil…

  • es ja nur um die Neuntklässler/innen geht, nicht um alle möglichen SuS;
  • ich die Schulsysteme und Schüler/innen der anderen Staaten überhaupt nicht kenne und auch nicht ihre Unterrichtspraxis, Lehrerausbildung, bevorzugte Methoden usw.
  • Das weiß ich ja (als Frankobaier) nicht mal von anderen Bundesländern – oder von der Nachbarschule.
  • Und als Mittelschullehrer hab ich auch keine Ahnung, was mit den Neuntklässlern in Realschule oder Gymnasium so abgeht.
Freude auf Mathe. Symbolbild von Gerd Altmann auf Pixabay

Ich kann aber versuchen, mich in die Köpfe der Neuntklässler/innen hineinzuversetzen, die ich im Laufe meiner längeren Lehrerlaufbahn schon hatte; zuletzt im vergangenen Schuljahr. Ausgehend von einer durchschnittlichen Schülerin, nennen wir sie Rosa, die mir schon in der 7. Klasse gesagt hat: „Ich hasse Mathe, und Mathe hasst mich“, kann ich mir gut vorstellen, warum von den PISA-Leuten auch der Zusammenhang von Matheleistung und Matheangst (!) untersucht wurde.

Um die Mathematikangst der Schüler*innen zu messen, wurden diese in PISA 2022 gefragt, ob sie den folgenden sechs Aussagen („überhaupt nicht“, „eher nicht“, „eher“ oder „völlig“) zustimmten: „Ich mache mir oft Sorgen, dass es für mich im Mathematikunterricht schwierig sein wird“; „Ich mache mir Sorgen, dass ich in Mathematik schlechte Noten bekomme“; „Ich bin sehr angespannt, wenn ich Mathematikhausaufgaben machen muss“; „Beim Lösen von mathematischen Problemen werde ich sehr nervös“; „Ich fühle mich beim Lösen mathematischer Probleme hilflos“ und „Ich habe Angst davor, in Mathematik zu versagen“.

Der Überblick sieht so aus:

Zu finden auf Seite 66 des Auswertungsberichts

Eine grobe Einordnung:

In Nordeuropa sind die Leistungen leicht überdurchschnittlich und die Angst vor Mathe besonders gering (Finnland, Niederlande, Dänemark, Schweden). Die Schweiz wirkt ein bisschen wie heile Welt: Gute Leistungen, geringe Angst. In Südamerika gibt es nicht nur schlechte Leistungen, sondern auch viel Ängste in Verbindung mit Mathematik. Und die Matheängste sind in dem „Sieger“-Land Singapur auch nicht größer als in Deutschland. In China und Umgebung gibt es Angst und Leistung.

Rosa und der PISA-Test

Was wurde eigentlich wie gefragt? Dazu habe ich die computerbasierten Matheaufgaben mal aufgesucht (Link) und stelle mir vor, wie Rosa damit umgeht.

„Äh wie? Was? Treibstoffverbrauch? Zeds? Instandhaltungskosten? Oh nee!“

Wenn die Abkürzung „Zeds“ nicht zuvor erklärt wurde, kann sie nur verwirren. Ich weiß es jetzt auch noch nicht, nur dass es eine Währung sein soll: „Zentraleuropäische Dollars“? Die Hilfefunktion beantwortet diese Frage nicht. Und ich bin selber schlicht genug, um mal in die grün umrandeten Fenster zu klicken um irgendwas einzutragen. Geht aber nicht.

Rosa klickt also, schon gleich mit der ersten Seite recht verwirrt, auf den Weiter-Pfeil.

„Oh nee, so viel Text und Tabellen und Zeug. Geht´s nicht einfacher!?“

Rosa ist zwar verwirrt, aber noch einigermaßen guten Mutes und liest die linke Spalte. „Okay – die geringsten Kosten soll ich rausfinden. Was kostet denn so ein Auto?

„Auto A, ganz klar. Kostet 8000 irgendwas.“ Rosa klickt also bei den Lösungen Auto A an. Weil sie aber unsicher ist, schaut sie sich die rechte Seite noch mal an und versteht, dass da ein „Kostenrechner“ abgebildet ist. Da trägt sie den Preis ein und wundert sich über das andere freie Feld. Aber nur kurz. Dann sieht sie den „Treibstoffverbrauch“, schaut die obere Tabelle noch einmal an und hat ein Aha-Erlebnis. Nun trägt sie den Verbrauch ein und lässt ihn berechnen.

Jetzt wird Rosa leicht unruhig, weil sie sich das Ergebnis notieren will, aber nichts zum Schreiben da hat. Sie vergleicht jetzt aber mal Auto B und stellt fest, dass die Software beide Ergebnisse abdruckt, Glück gehabt! Jetzt ist sie in der Lage, diese Aufgabe zu lösen. Freut sich und geht zur nächsten weiter.

„Was? Immer noch Autokauf? Nerv!“ Ja, sie ist genervt, und das zurecht, denn die Aufgabe hat mit ihrer Lebens- und Erfahrungswelt reichlich wenig zu tun. Welche Neuntklässlerin muss sich schon überlegen, wie man ein günstiges Auto kauft? Der Text links ist wieder reichlich lang für ihren Geschmack, aber sie wurstelt sich durch und versteht, dass das neue Auto schon wieder verkauft werden soll.

Die Aufgabe sagt ihr was. „Drei Jahre lang, jedes Jahr 5 Prozent weniger, macht insgesamt 15 Prozent. 15 % von – äh… welches Auto hatte ich noch mal angeklickt? – sind… Wo ist mein Taschenrechner?“

Beim Eintippen fällt ihr auf, dass da was von Auto D steht. Also tippt sie ein: „15 % von 10 500 Dings sind 10 500 geteilt durch 100 mal 15 sind 1575. Steht da, super!“ Und klickt auf die erste Lösung. Leider falsch.

Selbst wenn Rosa checkt, dass sie das vom Kaufpreis abziehen müsste, käme sie auf 8925. Steht da und freut sich tierisch, liegt aber wieder falsch. Ihre 15 Prozent berechnen sich vom gleich bleibenden Grundwert aus. Der ändert sich aber mit jedem Jahr. Die richtige Lösung geht so: 10 500 mal 0,95 mal 0,95 mal 0,95 = 9002,44. Das steht so gar nicht da, man soll ja schließlich den „ungefähren“ Wiederverkaufspreis berechnen.

Rosa fällt also darauf herein, dass in den Lösungsangeboten ihr falsches Denken vorweg genommen und sie in falscher Sicherheit gewiegt wird. Nächste Aufgabe:

Wieder nicht aus Rosas Erfahrungswelt. DVD kennt sie zwar, hat aber keine. Und die werden im Vereinigten Königreich verkauft. „Wo ist das denn?“ England würde sie kennen, Großbritannien auch. Aber Vereinigtes Königreich? Da ist ihr jetzt ihr mangelndes Weltwissen im Weg. Bei einer Matheaufgabe. So langsam verlässt sie der Mut und die Motivation. Ihre Einstellung zu Mathe kocht jetzt wieder hoch und sie weiß schon, warum sie dieses Fach hasst.

Um es zusammenzufassen: Es wird (für Rosa) nicht besser: Als nächstes soll sie verschieden große Kartons in einem Umzugslieferwagen vergleichen, danach was mit AE (Astronomischen Einheiten) berechnen – nie gehört -, irgendwelche Fragen zu einem Dreiecksmuster beantworten, zu Basketballpunkten in „Zedland“ was Vernünftiges sagen, dann an zwei Glücksrädern drehen.

Glücksräder – endlich mal was, was sie von ihrem eigenen Leben her kennt. Da findet Rosa Zugang. Und gleich wieder Abgang bei der nächsten Frage:

Das sind für Rosa zu viele Informationen und Berechnungen auf einer Seite und sie klickt ein bisschen lustlos drauf rum. Dass sie die Frage nicht irgendwie rasch bearbeiten und/oder überspringen darf, nervt sie und sie sieht zu, dass sie irgendetwas Lösungsähnliches zuwege bringt, damit die Software sie weiter lässt. Puh, geschafft. Das war´s. PISA-Test in Mathe erledigt!

Urteil eines Lehrers von nicht so starken Mathejugendlichen

Wer in Mathe unsicher ist, wird in solch einem Test weiter verunsichert von Aufgaben

mit einer ungewohnten Menge an Informationen auf einer Seite,

die in den meisten Fällen nicht aus der eigenen Erfahrungswelt stammen,

aus welchen Gründen auch immer falsche Lösungen vorwegnehmen und anbieten

und noch dazu gewürzt sind mit Begriffen, die nicht geklärt werden oder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unbekannt sind.

Dieser PISA-Test misst also nicht unbedingt nur die mathematischen Fähigkeiten von Neuntklässler/innen, sondern daneben auch

  • ihre Konzentrationsspanne,
  • ihre Frustrationstoleranz,
  • ihren Willen, sich auf so etwas überhaupt einzulassen
  • und ihr Weltwissen.

Er erlaubt also keine Aussage über ihre Intelligenz oder über ihre Leistungsfähigkeit in ihrem eigenen Alltag.

Davon würde ich mich nicht panisch machen lassen, sondern besser den Test überarbeiten!

1 comments On Sichtweisen #21: PISA und meine Neuntklässler

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