Zuhause unterrichten?

Seit die Schulen wegen Corona geschlossen wurden, sollen die Kinder und Jugendlichen zuhause weiterlernen. Wir Lehrer versorgen sie kräftig mit Material und Methoden. Aber wie kommen sie damit klar? Und wie machen sich die Eltern als Lehrer:innen? Hier folgen zwei Zeitungsberichte, nicht zufällig von Müttern, einer aus dem Berliner Tagesspiegel, einer aus der Süddeutschen Zeitung. Beide schwanken zwischen Galgenhumor und Verzweiflung.

SZ: Homo multitaskensis

Von wegen Corona-Ferien! Die eigentliche Herausforderung für Eltern in Zeiten von geschlossenen Schulen und Home-Office beginnt immer dann, wenn die Mail von der Lehrerin kommt. Kolumne von Nadeschda Scharfenberg, Stellvertretende Ressortleiterin Panorama.

Just in diesem Moment kommt eine Mail von der Englischlehrerin, Betreff: Zeitplan, Anhang: zeitplan.pdf. „Da manche von Ihnen sich – verständlicherweise – damit überfordert fühlen, den Stoff, den ich aufgelistet habe, selbst in Portionen einzuteilen, habe ich Ihnen hier noch einen Wochenplan angehängt.“

Herzlich willkommen in den Corona-Ferien! Während Philosophinnen und sonstige Berufene in Fernsehtalksesseln abhängen und Ratschläge für entschleunigte Zeiten erteilen („Die Radikalunterbrechung der Realität eröffnet neue Denkräume“), wird der Elternmensch zum homo multitaskensis. Entschleunigung? Selten hatte der Alltag mehr Tempo, gefühlt: Schleudergang mit 1600 Umdrehungen pro Minute. Der Übergang vom Rotieren zum Durchdrehen ist fließend.

Der homo multitaskensis wuppt neben seinem Beruf, den er mangels Kinderbetreuung in Jogginghose im Home-Office erledigt, diverse weitere: den des Lehrers oder der Lehrerin aller Fachrichtungen und bei ungünstiger Altersverteilung des Nachwuchses auch noch den der Kindergärtnerin. Statt neue Denkräume zu öffnen, kramt er sein angestaubtes Schulwissen hervor, um die Zeit zwischen Videokonferenz und Abgabetermin sinnvoll zu überbrücken, während das nur halbherzig beaufsichtigte Kleinkind, untermalt von „Anne Kaffeekanne“ in Discolautstärke, ein herumliegendes Vokabelheft zerschnippelt. Und die unausgeräumte Spülmaschine blinkt vorwurfsvoll.

Im Tages- oder gar Stundenrhythmus trudelt Schulstoff ein, Gymnasium und Grundschule im Wechsel, ein Kuddelmuddel. Lückentext über Vogelflug. Diktat zum Thema „Wörter mit ä“. Les pronoms possesifs. Subtrahieren über die Hundertergrenze. Der Aufstieg Roms zur Weltmacht. Passivbildung im Deutschen. Aufbau des Auges. Present perfect. Ein Frühlingsgedicht von Annette von Droste-Hülshoff. A (Dreieck)=1/2 g · h. Bange wartet man darauf, ob nicht der Kunstlehrer auch noch was schicken möchte? Zeichne ein Wollmammut – so was fehlt noch.

Mit Didaktik-Vorkenntnissen aus dem Jahrhundert des Frontalunterrichts versucht der homo multitaskensis in seinem Heimbüroklassenzimmer zwischen Geschirrstapeln, Laptop und Kinderkanal, das Wissen in die Kindsköpfe zu kriegen. Erkenntnis 1: Der Merkspruch „753 kroch Rom aus dem Ei“ ist von vorgestern, funktioniert aber noch. Erkenntnis 2: Motivieren geht über studieren. Erkenntnis 3: Arghhh, vor lauter unregelmäßiger Verben fast den Redaktionsschluss verpasst.

Die Spülmaschine? Ach, blink weiter!

leerer Klassenraum
Allerorten leere Klassenzimmer. Quelle: Pixabay

Aus dem Berliner Tagesspiegel:

Kinderbetreuung, Arbeiten und Corona Wie ich beim Homeschooling versage

Unterricht zu Hause, Kinderbespaßung und Isolation. Jede Familie durchlebt jetzt zusätzlich eine interne Krise. Eine persönliche Bestandsaufnahme. Saara von Alten

Es ist Mittwochvormittag, der 18. März, elf Uhr, und ich habe innerhalb weniger Stunden schon den dritten Streit mit meiner Tochter. Ich möchte, dass sie ihre Schreibübungen macht. Sie möchte lieber ein Galgenmännchen malen. Ich möchte, dass sie endlich mit mir Lesen übt. Sie sagt: „Das ist langweilig! Warum kann ich nicht draußen spielen?“ Es ist der zweite Tag, an dem ich mich im Homeschooling versuche. Ich habe jetzt schon die Nerven verloren.

Am Freitag, ausgerechnet dem 13. März, genau vor einer Woche, herrscht Hysterie in vermutlich allen Whatsapp-Gruppenchats der Berliner Elternschaft. Leicht nervös checke auch ich, wie so viele andere, im Zehn-Minuten-Takt die Nachrichtenseiten. Ein leicht mulmiges Gefühl macht sich breit.

Dass Berlin Bayern und dem Saarland folgen würde und alle Schulen dichtmacht, daran hatte am Abend vorher kaum jemand geglaubt. Noch am Dienstag hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) nicht einmal Veranstaltungen ab 1000 Teilnehmenden absagen wollen. Am Freitag gegen 11.30 Uhr dann die Gewissheit. Die Mitteilung zur Schulschließung der Schulverwaltung landete fast genauso schnell in unserem Klassengruppenchat wie auf den Livetickern der Nachrichtenseiten.

Wie werden wir mit der Mehrfachbelastung umgehen?

Doch was die nächsten fünf Wochen ohne Schule, Hort- und Kitabetreuung für meinen Job, den meines Mannes sowie für unsere innerfamiliären Beziehungen bedeuten werden – davon habe ich wie so viele andere Mütter und Väter in ganz Deutschland nicht die geringste Ahnung.
Wie werden wir mit der daraus entstehenden Mehrfachbelastung und räumlichen Enge zurechtkommen? Wie wird es gelingen, dass die Kinder einigermaßen mit dem Unterrichtsstoff mithalten – und keine groben Lerndefizite entwickeln?

Und genauso wichtig: Inwieweit werden wir sie von ihrem sozialen Umfeld isolieren können? Wie viel Kontakt zu Freunden sollen wir zulassen? Eigentlich gar keinen, sagen Virologen.

Meine Tochter denkt, sie hat Ferien!

Es ist Dienstagmorgen, der 17. März. „Yippie, heute ist keine Schule!“, ruft meine sechsjährige Tochter, als sie sich zur gewohnt frühen Zeit zu mir ins Bett kuschelt. „Du wirst dich noch wundern“, will ich sagen, verkneife es mir aber. Hauptsächlich belastet mich meine eigene vertrackte Situation, die ich mit Millionen von Eltern europaweit teile.

Auch ohne Corona ist der Alltag für Familien schwer

Mit Vollzeitjob, zwei kleinen Kindern, Haushalt und sonstigen Verpflichtungen ist unser Familienalltag auch ohne das Coronavirus eine Herausforderung. Im Normalfall helfen uns allerdings die Großeltern und Babysitter – die wir alle jetzt nicht einsetzen können. Arbeiten müssen und wollen wir beide weiterhin. Und auch sonst ist niemand im Bekanntenkreis freigestellt.

Einige haben sich allerdings für die erste Woche eine Krankschreibung ausstellen lassen. Dass wir noch ein regelmäßiges Einkommen haben, macht uns im Vergleich zu den vielen abrupt beschäftigungslos gewordenen Menschen in dieser Stadt zu den Glücklicheren.

Trotzdem müssen wir für mindestens fünf Wochen den Spagat bewältigen: im Homeoffice weiterhin vernünftige Arbeit leisten und uns parallel dazu rund um die Uhr um ein zweijähriges Kitakind sowie eine Erstklässlerin kümmern.

Papa lernt mit Tochter
Geht nicht immer gut: zuhause lernen. Quelle: Pixabay

Die Zweijährige muss ebenso bei Laune gehalten werden

Zurück zum Mittwochvormittag, Tag zwei ohne Schule. Neben dem ganzen Gezanke mit meiner Ältesten muss ich sehen, dass ich auch noch meine kleinere Tochter bei Laune halte. Sie kann vormittags relativ lange selbstständig spielen. Doch sobald es Richtung Mittag geht, wird sie quengelig. In der Kita macht sie gegen 12.30 Uhr ihren Mittagsschlaf. Zu Hause ist daran bei dem ganzen Trubel nicht zu denken.

Zwei Zimmertüren weiter sitzt mein Mann mit einem riesigen Rechner, den er vom Büro nach Hause verfrachtet hat. Gerade skypt er lautstark mit einer Kollegin.

Wir beide wollen uns jetzt gleichberechtigt abwechseln und sehen, wie wir zurechtkommen. Die ersten zwei Vormittage übernehme ich, da ich am Wochenende extra vorgearbeitet hatte. Danach ist er dran.

Die Schulschließung ist keine Ferienverlängerung

Ginge es nur um eine reine Kinderbetreuung, wäre ich gelassener. Aber: „Bei der Schulschließung handelt es sich ausdrücklich NICHT um eine Ferienverlängerung!!! Die Kinder haben deshalb die Pflicht, regelmäßig an den gestellten Aufgaben zu arbeiten. Diese werden auch bewertet werden!“, schreibt die Schulleiterin in einem Brief. Und außerdem: „Bitte unterstützen Sie Ihr Kind im Rahmen Ihrer Möglichkeiten!“
Homeschooling also. Das, was in Deutschland aus gutem Grund verboten ist, ist seit Dienstag in fast allen Familien mit schulpflichtigen Kindern gängige Praxis. Das bedeutet auch viel Frust, Tränen und Aggressionen. In den Familien wird es zu mehr Streit und Gewalt kommen, warnen jetzt schon die Psychologen.


Selbst eine Freundin, die Grundschullehrerin ist, erzählt mir, wie schrecklich sie es finde, jetzt ihren eigenen Sohn unterrichten zu müssen. „Kaum zu fassen: In den USA gibt es eine große Bewegung von Eltern, die das tatsächlich freiwillig machen“, sagt sie.
So groß der Frust ist: Dass das alles momentan notwendig ist, akzeptieren vermutlich alle Eltern. Proteste gegen die Schließung gab es – soweit bekannt – an keiner Schule Berlins. Die Kinder sind die Überträger. Sie haben beim Spielen engen Körperkontakt. Die Allerjüngsten stecken ständig alles in den Mund.

Ich habe zwei Überträger und bin damit viel mehr als andere Erwachsene eine Gefahr für immungeschwächte Menschen. Ich weiß, dass es jetzt verantwortungslos wäre, meine Freunde, die auf der anderen Seite der Stadt wohnen, zu besuchen und die Kinder miteinander spielen zu lassen. Auch wenn ich ihnen damit eine riesige Freude bereiten würde. Insbesondere Charité-Virologe Christian Drosten rät davon ab. Die neuen Kontakte würden die Infektion nur „befeuern“.

Drüben spielen die Kinder auf dem Spielplatz

Aber wenn ich bei mir aus dem Fenster gucke, gegenüber die fröhliche Menschentraube auf dem Spielplatz sehe (der bei uns in Tempelhof-Schöneberg noch bis Donnerstagnachmittag offen war), merke ich, dass sich nicht alle so verantwortungsvoll verhalten. Auf dem Bolzplatz spielen mehrere Jungen Fußball, auf der Wiese daneben: fröhliche Eltern, die jetzt alle freihaben.
Doch wie werde ich damit umgehen, wenn das ältere Kind nach ein oder zwei Wochen unbedingt ihre besten Freundinnen aus der Schule wiedersehen will?

Erlaube ich das dann? Bin ich dann die strenge und konsequente Mutter, während sich andere vielleicht nicht an diese Regeln halten?

Soll ich die Hausaufgaben sein lassen und meine Kinder vor dem Fernseher parken, weil die Große ohnehin, wenn bis zum Sommer keine Schule stattfinden würde, die erste Klasse wiederholen müsste? Nein, nein, nein.

Viele klagen jetzt schon über die Isolation

Auf der anderen Seite kenne ich auch viele Menschen, die ihre Familien seit einer Woche komplett isolieren und jetzt schon darüber klagen, „ihnen falle die Decke auf den Kopf“. Unsere Wohnung ist relativ groß. Aber wie handhabt das die Kollegin, die mit ihrem Sohn in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt, frage ich sie. Momentan gehe es noch, da es draußen warm ist und sie sowieso freiberuflich arbeite, sagt sie. Für sie bedeute die Situation allerdings auch wesentlich weniger Verdienst.

Als vor zwei Wochen die allerersten Berliner in Quarantäne mussten, daraufhin sämtliche Veranstaltungen abgesagt wurden, letztendlich auch die Clubs und viele weitere Einrichtungen schlossen, machten sich viele Berliner Gedanken, was sie mit der ganzen freien Zeit zu Hause anfangen sollten. Die Wohnung aufräumen, im Internet per Livestream Kultur anschauen und anhören, Yoga mit Youtube machen, hagelte es Ratschläge.
Ich persönlich habe, wie vermutlich viele andere Eltern, keine Angst, dass mir in den nächsten Monaten für nur eine Minute langweilig sein wird.

In China stiegen die Scheidungsraten

Tipps für die Kinderbespaßung sind sicher hilfreich. Was ich fürchte, ist der Lagerkoller. Wie wird es, wenn wir uns alle streiten und keiner die Wohnung verlassen darf, weil es eine Ausgangssperre gibt? Was geschieht, wenn irgendwer mit der psychischen Belastung nicht mehr zurechtkommt? Wir unabhängig von Covid-19 krank werden?

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