Man stelle sich vor: Da läuft ein Schulversuch, die Ergebnisse sind gut oder sogar überragend – die ersten Abgänger:innen erzielen hochwertige Abschlüsse und übertreffen die Schullaufbahnprognosen – aber die Landesregierung zeigt kein Interesse daran, dass dieses neue Lernen sich im Land verbreitet! Das passiert gerade mit den PRIMUS-Schulen in NRW.
Huf, C., Idel, T.-S., Dogmus, A. & Pauling, S. (Juli 2021). Wissenschaftliche Begleitung zum Schulversuch PRIMUS. Bericht über die zweite Phase der wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs PRIMUS (01.10.2017-30.09.2020) an das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Aber der Reihe nach.
PRIMUS ist eine nette Abkürzung aus „PRIMar Und Sekundarstufe“ und beschreibt einen Schulversuch, der die Kinder nicht nach der 4. Jahrgangsstufe sortiert, sondern länger gemeinsam lernen lässt. Und wie es sich gehört, wird das Ganze wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Sollte der Versuch erfolgreich sein, hat die schwarz-grüne Landesregierung versprochen:
Wir werden nach erfolgreicher Evaluation des Schulversuchs die PRIMUS-Schulen schulrechtlich absichern. Neue PRIMUS-Schulen bedürfen einer regionalen Abstimmung.
Koalitionsvertrag
Und – wie lauten die Zwischenergebnisse des Schulversuchs?
Global betrachtet:
Die ersten Abgängerinnen aus PRIMUS erzielen hochwertige Abschlüsse und übertreffen die Schullaufbahnprognosen.
(Huf et al. 2021, S. 36)
Etwas detaillierter:
Demgegenüber erwerben bei nur 9% gymnasialer Schulwahlempfehlung insgesamt 48% der Schülerinnen an den drei PRIMUS-Schulen im Schuljahr 2019/20 einen MSA-Q und erhalten damit die Zugangsberechtigung zur gymnasialen Oberstufe. Das bedeutet, dass über vier Mal so viele Absolventinnen mit einem MSA-Q die PRIMUS-Schulen verlassen, wie laut Schulwahlempfehlungen zu erwarten gewesen wäre.
(Huf et al. 2021, S. 10)
Oder als Diagramm:
MSA-Q ist der Mittlere Schulabschluss mit Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe.
Das sieht doch gut aus. Wo also ist das Problem?
Problem
„Trotz der Verbesserung von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit durch das Schulmodell PRIMUS beabsichtigt die Landesregierung in ihrem Entwurf zum 17. Schulrechtsänderungsgesetz lediglich die bestehenden PRIMUS-Schulen schulrechtlich abzusichern. Neugründungen von PRIMUS-Schulen werden nicht ermöglicht.„
Dies ist das Leitmotiv für das NRW-Bündnis Eine Schule für alle, eine Petition auf den Weg zu bringen, die solche Neugründungen ermöglicht. Ich habe unterzeichnet.
Hier ist ein Beitrag von Dr. Brigitte Schumann mit weiteren Hintergründen.
Und hier eine Liste von Erstunterzeichner:innen in Auswahl:
Erstunterzeichner:innen
Organisationen:
Aktion Humane Schule-AHS
Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen – GLGL NRW
GGG NRW, Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule – Verband für integrierte Schulen
Landesintegrationsrat NRW
LSV NRW, Landesschüler*innenvertretung NRW
Einzelpersonen:
Dr. Manfred Beck (Stadtdirektor a.D., ehem. stv. Vorsitzender des Schulausschusses des Städtetages NRW, Mitglied der Nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung)
Prof. Dr. Hans Brügelmann (Professor em. für Erziehungswissenschaft an der Universität Siegen)
Prof. Dr. Ursula Carle (Professorin für Elementar- und Grundschulpädagogik)
Ayla Celik (Landesvorsitzende, GEW NRW)
Prof. Dr. Theresia Degener (Professorin i.R. für Recht und Disability Studies, ehem. Vorsitzende des Ausschusses der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderung)
Marianne Demmer (ehem. Stellvertretende Vorsitzende der GEW in NRW und auf Bundesebene)
Rainer Devantié (Schulleiter, Laborschule Bielefeld – Versuchsschule des Landes NRW)
Prof. Dr. Georg Feuser (Allgemeine und Behinderten-Pädagogik)
Prof. Dr. Dagmar Hänsel (Professorin der Universität Bielefeld i.R.)
Otto Herz (Reform-Pädagoge / Diplom-Psychologe)
Dr. Karl-Heinz Imhäuser (Vorstand der Montag Stiftung Denkwerkstatt)
Raúl Krauthausen (Aktivist für Inklusion und Gründer der SOZIALHELDEN)
Prof. Dr. Birgit Lütje-Klose (Universität Bielefeld, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt schulische Inklusion und sonderpädagogische Professionalität)
Prof. Dr. Vera Moser (Kathrin und Stefan Quandt Stiftungsprofessur für Inklusionsforschung, Goethe Universität Frankfurt)
Prof. Dr.Ulf Preuss-Lausitz (Prof. em. für Erziehungswissenschaft der TU Berlin)
Margret Rasfeld (ehem.Schulleiterin, Initiatorin Schule im Aufbruch)
Prof. Dr. Anne Ratzki (ehem. Schulleiterin, Lehrerausbildung Universität Paderborn, Teaminstitut Köln)
Corinna Rüffer (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Dr. paed. Irmtraud Schnell (ehem. Goethe-Universität Frankfurt und Martin-Luther-Universität Halle)
Dr. Brigitte Schumann (Bildungsjournalistin)
Dr. Michael Spörke (Leiter, Abteilung Sozialpolitik und Kommunales SoVD NRW e.V.)
Dr. Reinhard Stähling (ehem. Schulleiter der PRIMUS-Schule Münster)
Prof. Dr. Anne-Dore Stein (Evangelische Hochschule Darmstadt, Seniorprofessorin Inclusive Education)
Eva-Maria Thoms (Vorsitzende, mittendrin e.V. Köln)
Prof. Dr. Dietlinde H. Vanier (TU Braunschweig, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Fortbildungsforschung sowie inklusives und kooperatives Lernen und Lehren)
Donata Wenders (Fotografin)
Wim Wenders (Regisseur, Fotograf)
Prof. Dr. Rolf Werning (Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik, Abt. Inklusive Schulentwicklung)
Prof. em. Dr. Hans Wocken (Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft)







1 comments On Warum blockieren, was gut läuft?!
Es ist wirklich schockierend. Wenn uns als Gesellschaft etwas weiterbringen kann, dann wäre das Bildung.
In jedem Fall vielen Dank für die Nachricht, ich habe auch sofort unterschrieben!
Bernhard Warsitz (Montessori FOS München, Dipl. Pädagoge)